Niederlage, aber kein Rückschritt

Bundesliga, 16. Spieltag: Borussia Dortmund – Werder Bremen 2:0

Nach dem 3:0 in der Champions League gegen Inter Mailand keimte ein wenig Hoffnung auf, dass Werder in Dortmund doch einigermaßen mithalten könnte. Nicht zu Unrecht, wie sich am Samstagabend zeigte. Werder konnte Dortmund nach schwachem Start lange Zeit das Wasser reichen und kassiert am Ende trotzdem eine insgesamt verdiente 0:2 Niederlage.

Dortmunder Blitzstart

In den ersten 20 Minuten passierte genau das, was man angesichts des Saisonverlaufs der beiden Mannschaften befürchten musste. Dortmund überrollte Werder geradezu mit aggressivem Pressing, schnellem Umschalten und gefährlichen Pässen in die Tiefe. Das 1:0 war folgerichtig. Auch wenn es letztlich eine Standardsituation war, kam der Freistoß für den BVB durch Pasanens Probleme auf der linken Abwehrseite zustande. Wer nun wieder auf unserem Linksverteidiger (egal wie er gerade heißt) herumhacken möchte, kann das gerne tun. Allerdings tut man ihm dabei meiner Meinung nach zumindest teilweise Unrecht. Das Spiel war – mehr noch als sonst – dafür konzipiert, auf Werders linker Seite Lücken zu schlagen. Kagawa zieht gerne aus der Mitte auf die linke Seite (wie ein gewisser Mesut Özil) und zog unsere defensiven Mittelfeldspieler dadurch ein Stück auf diese Seite herüber. Wenn man sich die Heatmap von Frings und Fritz anschaut, stellt man fest, dass beide mehr Aktionen rechts vom Zentrum hatten, was ungewöhnlich für eine Doppelsechs ist. Dazu kommt die Tatsache, dass Marko Marin mit seinen ständigen Rochaden als Vordermann deutlich weniger hilfreich ist, als etwa Phillip Bargfrede auf der anderen Seite. Wenn Rechtsverteidiger Piszcek mit aufrückte und seinen Landsmann Kuba unterstützte, wurde es jedes mal brenzlig.

Die Dortmunder setzten Werder auch nach der Führung weiter unter Druck und konnten mit ihrem Pressing den Bremer Spielaufbau weitgehend unterbinden. Pizarro ließ sich immer wieder tief fallen und agierte als “falsche Neun”. Dabei ging es weniger darum, Platz für die Vorstöße von Hunt und Marin zu schaffen als darum, eine weitere zentrale Anspielstation im Mittelfeld zu bieten. Auch in Dortmunds vertikale Pässe schlichen sich nach und nach mehr Ungenauigkeiten ein. Da das zweite Tor nicht fallen wollte, schaltete Dortmund in der Folge einen Gang zurück und verwaltete das Spiel. Dadurch bekam Werder mehr Spielanteile und konnte seine Angriffe überlegter und genauer Aufbauen. Bis zur Halbzeit wirkte Dortmund dabei noch sehr kontrolliert und ließ Werder nur zu einer nennenswerten Torchance – einem Schuss von Aaron Hunt – kommen. In einer solchen Phase reicht es, beim Gegner den Eindruck entstehen zu lassen, man könne jederzeit wieder zuschlagen. Werder agierte vor der Pause betont vorsichtig, um dem BVB nicht die Gelegenheit zum schnellen Gegenstoß zu geben.

Bremer Comeback

Dass es sich dabei um eine Dortmunder Finte gehandelt haben könnte, zeigte sich in der 2. Halbzeit. Werder führte seine Angriffe nun entschlossener zu Ende und setzte die Borussen früher unter Druck. Dadurch entstanden zwar die Räume für Dortmunder Konter, doch der Tabellenführer hatte nun selbst Probleme, sich aus dem Bremer Angriffsdruck zu befreien. In dieser Phase zeigte sich jedoch auch ein Unterschied zwischen den Teams, der letztlich mit spielentscheidend war: Dortmund schaffte es wesentlich besser, die Räume vor dem eigenen Strafraum eng zu machen, als es Werder in Dortmunds Drangperiode gelungen war. Werder musste sich jeden Torschuss hart erarbeiten. Trotz der nun augenscheinlichen Bremer Dominanz musste Dortmund im gesamten Spiel nur wenige wirklich brenzlige Szenen überstehen.

Gegen diese gereifte Dortmunder Mannschaft muss man die wenigen Chancen kaltblütiger nutzen, als es der SVW derzeit tut. Pizarro hatte innerhalb kurzer Zeit gleich zweimal den Ausgleich auf dem Fuß, doch beide Versuche endeten auf frustrierende Weise. Zunächst nahm Pizarro den Ball schlecht mit und Roman Weidenfeller konnte vor ihm klären, was Pizarro eine (in meinen Augen übertriebene) gelbe Karte einbrachte. Im zweiten Versuch war Pizarro erneut frei durch, legte den Ball am Torwart vorbei und wurde dann von diesem von den Beinen geholt. Ich kann zwar Klopp und die Dortmundfans verstehen, dass sie hier Pizarro unterstellen, sich bereitwillig treffen zu lassen, doch Weidenfeller kam schlicht mit zu viel Tempo aus dem Tor und konnte nicht mehr ausweichen. Entscheidend ist hierbei nicht die Intention sondern die Durchführung und Weidenfeller trifft Pizarro klar. Wäre es andersherum, hätte jeder Dortmunder einen Elfmeter gefordert. Schiedsrichter Mayer entschied an dieser Stelle nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal zu Werders Ungunsten und versagte Werder so die große Chance zum Ausgleich. Im Gegenzug traf dann Lewandowski zum entscheidenden 2:0. Es war ein schöner Dortmunder Angriff, den Kagawa mustergültig abschloss, doch Lewandowskis (wenn auch nur leichte) Berührung aus klarer Abseitsposition gibt dem Tor einen faden Beigeschmack.

Fehlende Klasse vs. fehlendes Glück

Nach dem Tor war das Spiel entschieden, weil Schaaf schon kurz vorher Pizarro gegen Wagner austauschen musste und sein Team nicht die Kraft und die Überzeugung aufbringen konnte, um Dortmund noch einmal richtig unter Druck zu setzen. Aufgrund der ersten 20 Minuten und der Dortmunder Defensivstärke geht der Sieg des Herbstmeisters insgesamt in Ordnung. Aus Bremer Sicht ist es jedoch erfreulich, dass man eine Stunde lang mit der bislang überragenden Mannschaft der Saison mithalten konnte und sich trotz des frühen Rückstands nicht wehrlos abschlachten ließ. Zwar entspricht das nicht dem Selbstverständnis unseres Vereins, aber nach den zahlreichen Klatschen in den letzten Monaten ist allein diese Tatsache schon etwas wert.

In Anbetracht der aktuellen Lage kann Werder in Dortmund nur dann Punkten, wenn alles optimal läuft. Die beiden Schiedsrichterentscheidungen waren sicher nicht der alleinige Grund für Werders Niederlage, doch momentan ist das Team einfach nicht in der Lage, solche Dinge gegen einen solchen Gegner zu kompensieren. Die Enttäuschung bei Spielern und Trainer ist verständlich, doch mit dem Abstand von zwei Tagen sollte man nun zu dem Schluss kommen, dass Fehlentscheidungen im Fußball immer wieder passieren und man die Leistung als weiteren kleinen Schritt in die richtige Richtung werten darf. Es ist ein Konsolidierungskurs den Werder derzeit beschreitet. Es ist zwar schmerzhaft, einen vermeintlich schwächeren Verein wie Dortmund so davonziehen zu sehen, doch das ist in dieser Hinrunde einfach nicht unsere Liga. Gegen den Tabellennachbarn aus Kaiserslautern müssen am Samstag hingegen unbedingt drei Punkte her.

Was bleibt?

Fun Fact des Tages: Als die Signal Iduna die Namensrechte für das Westfalenstadion kaufte, reichten zwei Bremer Mitarbeiter ihre Kündigung ein.

Ärgernis des Tages: Kubas ungeahndete Schwalbe. Ich teile ja die Kritik an Marins Fallsucht, aber ich kann das Fingerzeigen der Fans anderer Vereine immer weniger verstehen. Es gibt in fast jedem Team einen Spieler, der bei jeder Gelegenheit den Bodenkontakt sucht und Dortmund war mit Kuba und auch Sahin gut dabei.

Die Fragen, die nicht nur ich mir nach dem Spiel stellte, waren: Wie groß ist der Leistungsunterschied zwischen Werder und Dortmund wirklich? Ist der Dortmunder Kader so viel besser? Welche Rolle spielen dabei Selbstvertrauen, bisheriger Saisonverlauf und Zufall? Wie groß ist der Anteil der Entwicklungen der letzten 1-2 Jahre? Die Antworten darauf stelle ich an dieser Stelle mal zur Diskussion.

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    4 Gedanken zu „Niederlage, aber kein Rückschritt

    1. Ich wage mal zwei Erklärungsansätze auf deine Frage:
      Natürlich haben Werder der Ausfall von Leistungsträgern wie Pizarro und Naldo und die ständig notwendigen Umbesetzungen der Defensive massiv geschadet. Die Kaderdichte scheint geringer zu sein als erhofft.

      Zweitens glaube ich, ohne es belegen zu können, dass der BVB die besseren ‘Typen’ im Team hat, die Mannschaft insgesamt also charakterstärker ist. Bei Werder gibt es mMn einige Individualisten, die zum Egoismus neigen können und einige Mitläufer, die es auch mal schleifen lassen, wenn es nicht gut läuft. Zumindest aus der Außenperspektive bin ich mir auch nicht sicher, ob Torsten Frings noch der richtige Kapitän für euch ist.

      Natürlich verstärkt der Erfolg die Dortmunder Geschlossenheit, aber es hat auch vorher schon gestimmt im Team. Wie so oft ein Verdienst von Jürgen Klopp, würde ich meinen.

    2. Das mit den besseren Typen denke ich auch. Allerdings muss man dabei immer vorsichtig sein, denn solche Dinge hängen mMn schon maßgeblich vom Erfolg und von der Zufrieden heit der Spieler ab. In der letzten Saison hatte Werder fast den gleichen Kader und war mental sehr stark, hat sieben oder acht Spiele in den Schlussminuten noch gedreht. In dieser Saison ist bei Rückstand das Spiel schon fast sicher verloren. Ich weiß nicht, ob es nur an den Typen liegt oder ob es da Vorfälle gegeben hat, die den Teamgeist gestört haben. In den letzten Wochen hab ich das Gefühl, dass sich Werder in dieser Hinsicht endlich gefangen hat.

      Ich bin mal gespannt, wie es sich in Dortmund in ein bis zwei Jahren entwickelt, ob da auch Eitelkeiten ins Spiel kommen oder Unzufriedenheit Einzelner, die nicht wechseln durften oder meinen zu wenig Geld zu bekommen oder mir der sportlichen Situation unzufrieden sind etc. Und ich bin gespannt, wie Klopp damit zurecht kommen wird, denn das wird eine neue Erfahrung für ihn.

      Bei Frings bin ich etwas zwiegespalten. Einerseits ist er ein Kämpfertyp, hat uns in der letzten Rückrunde noch in die CL-Quali geführt. Andererseits ist er für mich nicht der ideale Kapitän für eine Fußballmannschaft. Von daher ist es für mich gar keine Frage von “noch” (Frings ist ja erst seit 18 Monaten Kapitän), sondern eher eine Frage der Alternativen. Baumann hat das ein Jahrzehnt lang sehr gut gemacht und mir wäre es lieber, wenn der Kapitän weniger Sprachrohr wäre. Mertesacker hätte mir als Nachfolger gut gefallen, aber es wäre natürlich auch ein Risiko gewesen, Frings dabei zu übergehen. Im Sommer sollte man aber einen neuen Kapitän bestimmen, auch wenn mit Frings verlängert wird.

    3. Klar, der Erfolgsfaktor ist immer wichtig für die mannschaftliche Geschlossenheit. Manchmal ist es einfach schwer zu erklären, woran es hakt. Ich denke, bei Werder waren es eben auch mannschaftlich wichtige Spieler, die verletzt waren.

      So lange Jürgen Klopp in Dortmund Trainer ist, bin ich eigentlich ganz entspannt, was das gleiche Thema bei uns angeht. Klopp musste sicher auch bei uns schon mal harte Entscheidungen treffen und ein ernstes Wort mit einem Spieler reden, aber von echten Verstimmungen drang bisher nichts nach außen. Ich würde also nicht sagen, dass das komplett neu für ihn wäre. Über die Mainzer Zeit weiß ich nicht ganz so gut Bescheid, aber auch da ist mir kein großer Zusammenstoß bekannt.

      Ob das immer so bleiben wird, auch wenn wir die CL erreichen sollten, weiß ich natürlich nicht. Ich weiß ja nicht mal, was in der Rückrunde passiert. ;-)

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