Fünf Fragen zwischen den Nordderbys

Wie schwach war der HSV?

Im Überschwang eines siegreichen Nordderbys kann man die Realität schon mal etwas verzerrt wahrnehmen. So wie die Kreiszeitung, die einen „chancenlosen HSV“ gesehen haben will. Dabei waren die Hamburger über weite Strecken ein ebenbürtiger Gegner, kamen nach Werders starker Anfangsphase gut in die Partie und fielen auch nach den Gegentoren nicht in sich zusammen. Im Vergleich zum Spiel gegen Nürnberg war das eine deutliche Leistungssteigerung.

Dennoch sollte man den HSV nicht als Maßstab für die nächsten Spiele sehen. Bei Werders Toren sah man sehr gut, dass alle guten Ansätze wenig nützen, wenn man solche einfachen Fehler macht. Auf der anderen Seite wusste der HSV mit den immer wieder vorhandenen Lücken zwischen Werders Linien nicht allzu viel anzufangen und schenkte viele Kontergelegenheiten leichtfertig her. Daher war Werders Sieg absolut verdient.

Gegen die meisten Bundesligisten ist es inzwischen jedoch sehr gefährlich, vor der eigenen Viererkette so offen zu spielen. Gegen den HSV konnte man dieses Risiko in Kauf nehmen.

Wer zweifelt noch an Aaron Hunt?

Hunts Standing bei den Werderfans ist seit vielen Jahren eher schlecht. Negativer Höhepunkt waren dabei die ständigen Pfiffe in der vorletzten Saison, als Hunt erschreckend schwache Leistungen zeigte. Seit der letzten Saison ist eine Verbesserung des Verhältnisses zu beobachten, zu der vielleicht auch die Aktion „Mit Herz und Hunt“ etwas beigetragen hat. Trotz der deutlichen Leistungssteigerung in der letzten Spielzeit ist die Zahl der Hunt-Kritiker auf der Tribüne noch immer groß.

Nun soll Hunt das tun, was er in den Augen seiner Kritiker niemals können wird: Verantwortung übernehmen. Vor einem Jahr verwandelte er in der Schlussphase der Partie gegen den SC Freiburg beim Stand von 3:3 einen Elfmeter vor der Ostkurve. Gegen den HSV trat er nach seinem ersten verschossenen Elfmeter erneut an den Punkt und versenkte den Ball. Man kann es durchaus eine Demonstration mentaler Stärke nennen. Rein spielerisch sollte es ohnehin keine Zweifel mehr an seiner Wichtigkeit für die Mannschaft geben.

Doch auch das wird die besonders Hartnäckigen unter seinen Kritikern nicht überzeugen. Da wird selbst noch bei einer Passquote von 93% (wie gegen Dortmund) behauptet, Hunt würde zu viele Fehlpässe spielen. Man merkt jedoch, dass bei vielen langsam ein Umdenken stattfindet. In seiner neunten Saison als Fußballprofi könnte sich Hunt endlich zu dem Spieler entwickeln, den viele Experten und nicht zuletzt auch Thomas Schaaf schon seit langem in ihm sehen.

Was ist mit Werders Linksverteidigern los?

Vor der Saison lautete die große Frage: Hartherz oder Schmitz? Für viele – mich eingeschlossen – galt der junge Hartherz dabei als leichter Favorit. In den ersten beiden Saisonspielen durfte dann aber Aleksandar Ignjovski ran. Der in der Vorbereitung überzeugende Schmitz musste auf der Bank Platz nehmen, während Hartherz erst gar nicht im Kader stand. Nach Ignjovskis Blackout in Dortmund spielte gegen den HSV Clemens Fritz als Linksverteidiger. Dabei konnte man trotz einer ordentlichen Leistung sehen, dass sich der Kapitän auf der Position nicht sonderlich wohlfühlt.

Nach einer Saison, in der die ewige Baustelle hinten links endlich geschlossen schien, steht man nun wieder an dem Punkt, dass man solide Allrounder den Spezialisten für die Position vorzieht. Was macht eigentlich Petri Pasanen? Schaaf hat Schmitz zuletzt ungewohnt deutlich kritisiert und klar gesagt, dass er mit der Leistung der letzten Wochen nicht zufrieden war. Nun darf man gespannt abwarten, ob sich Schmitz in den nächsten Wochen zurück ins Team kämpft. Hartherz muss sich hingegen über gute Leistungen in der U23 anbieten, um überhaupt in den Kader zurückzukehren.

Oder kommt Schaaf die Situation sogar ganz gelegen, kann er so doch alle drei kreativen Mittelfeldspieler aufbieten, ohne dabei seinen Kapitän mit einem Platz auf der Bank brüskieren zu müssen? Eine reine Bewegungstherapie ist es für Fritz jedenfalls nicht: Den – rein nach statistischen Daten ermittelten – Noten von whoscored.com zufolge, war Fritz am Samstag der zweitbeste Spieler auf dem Platz.  Den Sinn oder Unsinn dieser Noten möchte ich an dieser Stelle nicht ausdiskutieren.

Lässt Schaaf gegen Hannover vorsichtiger agieren?

Hannover war jahrelang ein gutes Pflaster für Thomas Schaafs Werder. In den letzten beiden Jahren gab es jedoch zwei herbe Niederlagen für Werder. Herb vor allem deshalb, weil man sich an der Weser beide Male vor dem Spiel im Aufschwung wähnte und dann jeweils vom schlau konternden Gegner auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Vor zwei Jahren fing man sich, übrigens direkt nach einem Heimsieg gegen den HSV, eine 1:4-Packung ein (bevor jemand auf die Idee kommt, dies auf die Raute zu schieben: Werder begann damals im 4-2-3-1). Letztes Jahr reiste man als Tabellenzweiter an die Leine und fuhr mit einem schmerzhaften 2:3 im Gepäck zurück nach Hause.

Beide Male hatte Werder großen Aufwand betrieben und zahlte gegen clevere 96er Lehrgeld. Auch wenn Werder seitdem das System und Teile des Personals ausgetauscht hat, wäre es leichtsinnig, diese beiden Spiele nicht als Warnsignale zu interpretieren. Auch wenn es schwer fällt, muss man akzeptieren, dass Hannover inzwischen die reifere und gefestigtere Mannschaft hat. Der offene Schlagabtausch ist daher nicht unbedingt die beste Option. Durch das verbesserte Umschaltspiel und die doppelt besetzten Außenbahnen sollte man auch bei einer vorsichtigen und defensiven Herangehensweise eine Chance auf Tore haben.

Fehlende Kompaktheit wird von Slomkas Hannover hingegen meistens bestraft. Anstatt das Spiel in die Länge zu ziehen, wie gegen den HSV, sollte man darauf achten, den Raum im Zentrum zu verengen. Beim Pressing müsste man sich dann an vorderster Front auf zwei Spieler beschränken (der Stürmer und einer der Achter) und nicht wie gegen Hamburg beide Achter vorschieben. Sonst ergibt sich jedes Mal, wenn 96 die Pressinglinie überspielt eine Unterzahlsituation für den jeweiligen Sechser. Und im Gegensatz zum HSV weiß Hannover damit auch etwas anzufangen.

Was ist in dieser Saison drin für Werder?

Die bisher gezeigten Leistungen entsprechen in etwa dem, was man zu diesem Zeitpunkt von Werder erwarten konnte. Spielerisch ist sehr großes Potenzial im Kader vorhanden. Das Team ist im Offensivspiel sogar schon etwas weiter, als ich gedacht hätte. Defensiv ist man aber auch anfälliger, als ich gehofft hätte. Alles in allem könnte man also sagen: Typisch Werder, typisch Thomas Schaaf.

Durch die vielen Optionen in der Offensive sollte man eine etwas bessere Saison spielen, als in den letzten beiden Jahren. Wenn man wieder in die erweiterte Spitze möchte (was ja offenkundig zumindest mittelfristig der Anspruch des Vereins ist), wird man sich vor allem auf der Sechserposition verbessern müssen (vor allem taktisch, nicht unbedingt personell). Es ist bei aller Freude über die positive Stimmung im Verein bitter, dass man eines der größten Probleme der letzten Jahre nicht gelöst bekommt.

Derzeit geht man hohes Risiko, um das eigene Offensivspiel durchzusetzen. Mit etwas Glück kann man damit in die Europa League kommen. Man kann damit aber auch gegen Hannover oder Mainz 0:4 verlieren. Für die junge Mannschaft wird es wichtig sein, die Spielfreude und gute Stimmung beizubehalten und sich nach und nach eine bessere Balance zwischen Offensive und Defensive anzueignen. Dazu muss man hoffen, dass der Konkurrenzkampf hoch bleibt und die Verletzungsmisere nicht wieder zuschlägt. Auch am Anfang der letzten Saison lief es gut, als die Ersatzbank noch gut besetzt war.

Wenn ich heute eine Prognose abgeben müsste, würde ich sagen: Platz 7 bis 9.

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    2 Gedanken zu „Fünf Fragen zwischen den Nordderbys

    1. Fritz auf den Linksverteidiger-Posten zu sehen, hat mich am Samstag auch sehr überrascht. Als ich aber drüber nachgeadcht habe, kam ich zu einem ähnlichen Schluss wie Du. Hinten rechts hat Theo in Dortmund überzeugt und scheint die Nase vorn zu haben – besonders offensiv macht er Spass. Die rechte Seite im Mittelfeld beackert Arnautovic, auch das passt. Zentral vor der Abwehr hat mir Junu echt gut gefallen. Den zweiten 6er teilen sich ja quasi Hunt und de Bruyne.

      Da bleibt für Fritz nur diese Position über. Und ganz schlecht fand ich ihn nicht.

      Zentral vor der Abwehr würde ich perspektivisch Hunt und Junuzovic sehen. Junuzovic hat eine Pferdelunge und scheint taktisch stark genug zu sein, um auch Lücken zu schließen. Wenn auch erst in ein paar Wochen/Monaten. Hunt bringt diese Spielintelligenz eh mit.

      Ich sehe Hunt von der Spielanlage mittlerweile übrigens ähnlich wie Schweinsteiger. Auch der hat offensiv angefangen und hat mittlerweile die “6” für sich entdeckt. Da sehe ich Hunt perspektivisch auch.

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