Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Im Freistaat Bayern ist alles noch etwas besser als im Rest Deutschlands: Die Wirtschaft brummt, wenig Arbeitslosigkeit, Moral und Anstand sind dank CSU-Diktatur-Landesregierung allgemein geachtete Werte und auch das Wort Gottes zählt hier noch. Schließlich ist selbst der Papst als Gottes Vertreter auf Erden ein Bayer. Auch der irdische Vertreter des Fußballgottes ist bekanntlich Bayer – auch wenn er sich aus Bescheidenheit normalerweise mit "Kaiser" und nur in Ausnahmefällen mit "Lichtgestalt" anreden lässt.

Da ist es doch eigentlich klar, dass beim FC Bayern nach einem solch bitteren Jahr alles wieder besser werden muss. Jahrelang hat man schließlich bescheiden mit dem Geld hausgehalten und die Überschüsse brav aufs Festgeldkonto eingezahlt, bis es fast geplatzt ist. Vorrathaltung für schlechte Zeiten – während Dortmund und Schalke bis zur Fast-Zahlungsunfähigkeit investierten, um von der Konkurrenz aus Spanien, Italien und England gar nicht erst zu sprechen. Nun sind die schlechten Zeiten da: Trotz eiserner Enthaltsamkeit, wenn es auf dem europäischen Transfermarkt um die fette Beute ging, haben sich schwäbische Sparsamkeit und Bremer Kaufmannstradition einfach so an den Bayern vorbei gedrängt. Und dann dieses ständige Nörgeln der Medien: Die Transferpolitik sei schlecht, die günstigen Perlen würden übersehen und die eigenen Talente nicht richtig geförfert. Dann wird jetzt eben die Schatulle geöffnet und eine Einkaufstour ohne gleichen gestartet. Bitteschön, das haben wir jetzt davon!

Klar, dass man dabei auch kurzzeitig Gottes Gebote misachten muss
("Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Mittelstürmer!"). Die Strafe
fiel angemessen nach katholischem Prinzip aus: Vergib uns unsere
Schuld, wie auch wir vergeben, dass ihr uns wegen der
Zentralvermarktung jedes Jahr 100 Millionen Euro kostet. Wie viele
Rosenkränze Uli Höneß zur Buße gebetet hat, weiß ich leider nicht. Ist
der FC Bayern durch die verpasste Champions-League Teilnahme nicht schon
gestraft genug? Schließlich ist man in Sachen Fairness bei Transfers
doch sonst ein Vorreiter:

"Wir haben Manchester mitgeteilt, dass sie ihr
Werben einzustellen haben. Sonst werden wir uns nämlich mal an die Fifa
wenden. Ein Club darf einen Spieler nur kontaktieren, wenn der Verein,
bei dem der Spieler unter Vertrag steht, damit einverstanden ist" –
K.H. Rummenigge im August 2006

Nun ja…

Zu allem Überfluss quatscht jetzt auch noch der Bierhoff öffentlich
über die Belange der Bayern. Das geht nun wirklich nicht und muss
umgehend unterbunden werden. Wäre ja noch schöner, wenn sich der DFB
beim Aushängeschild des deutschen Fußballs einmischt. Nein, damit ist
nicht die Nationalmannschaft gemeint, denn die hat, Uli Höneß’
weiser Voraussage entsprechend, in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung
verloren. Es geht um den FC Bayern! Der Manager der Nationalmannschaft
kritisiert einfach so eine Neuverpflichtung des FC Bayern (wie kann man
bitte allen Ernstes behaupten, ein Spieler, der zu Bayern wechselt,
gehöre weltweit nicht zu den Top 10?). Das wäre ja in etwa so, als
kritisierte die Bayernführung wer bei der Nationalmannschaft im Tor
steht. Oder den Wohnort des Bundestrainers! Gut, dass die
Verantwortlichen der Bayern "schon lange nicht mehr öffentlich über die
Nationalmannschaft" reden – "und zwar grundsätzlich."
Selbstverständlich wies Rummenigge auch das über eine Zeitung ("Beim
DFB scheint man immer der Meinung zu sein, man müsse alles über die
Öffentlichkeit regeln.") gemachte Angebot Bierhoffs zu einem klärenden
Gespräch umgehend öffentlich in der Münchner "tz" zurück.

Ebenfalls würde der Kollege Rummenigge nie auf die Idee kommen, sich
in die Belange der Konkurrenz einzumischen. Und wenn, dann nur zu derem
Besten: Bayern will Klose eigentlich nur deshalb sofort haben, "weil es
sich Werder nicht leisten kann, einen unzufriedenen Spieler ein Jahr
durchzuziehen." Über so viel kollegiale Hilfe kann man sich nur freuen.
Schließlich har er im letzten Jahr mit Owen Hargreaves diese Erfahrung
schon gemacht. Da die Bremer bislang kein Einsehen zeigten, kam der
Kaiser persönlich mit ein paar schlichtenden Worten in der Bild-Zeitung
zur Hilfe: "Ganz offensichtlich belastet [Klose] die unsichere
Situation zwischen Bremen und Bayern. Er braucht eine Entscheidung, wie
es weitergeht. Ich bin der Meinung: Beide Vereine sollten sich bald
zusammensetzen und den Transfer klären." Ein Schelm, wer aufgrund
seiner Tätigkeit als Aufsichtsratschef bei den Bayern böses dabei
denkt. Einer wie Beckenbauer hat immer auch die Gesamtsituation im
Auge, nicht nur des deutschen Fußballs, sondern auch der ganzen Welt.
Ja gut, wie soll Klose denn ohne sofortigen Wechsel wieder auf die
Beine kommen? In Bremen drohen ihm böses Mobbing, ein unberechenbares
Umfeld und übler Leistungsdruck. In München hingegen… – ach, jetzt
wird es selbst mir zu blöd!

Liebe Bayern (die vom FC), der Grund dafür, dass euch keiner mag,
ist nicht Neid, sind nicht eure zahlreichen großen Erfolge, nicht das
Geld auf eurem Festgeldkonto, das ihr zudem selbst angespart habt,
nicht das "Bayern-Glück" in den letzten Minuten auch die schwächeren
Spiele immer noch irgendwie zu gewinnen, nicht die Aura der "Sieger",
nicht die finanziellen und sportlichen Möglichkeiten, der Konkurrenz im
Zweifel die besten Spieler wegzuschnappen, nicht euer schönes neues
Stadion – ja noch nicht einmal eure "mir-san-mir-Mentalität", die
außerhalb Bayerns oft als Arroganz ausgelegt wird. Nein, es ist eure
verdammte Scheinheiligkeit! Und auch wenn Uli Höneß sich große Mühe
gibt, an ihn heranzukommen: Der scheinheiligste von allen ist und bleibt
Karl-Heinz Rummenigge.

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    Ein Gedanke zu „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

    1. Amen. Balsam für meine Seele, sehr schön geschrieben sind vor allem die letzten beiden Absätze.
      Wo ich dir auch absolut zustimme, ist die Bewertung von Kloses Leistungen in der Rückrunde.

    Kommentare sind geschlossen.