Pausenfüller (Teil 1)

Die Zeiten, in denen man während Länderspielpausen in Depressionen verfallen konnte sind – Gott sei Dank  – vorbei. Es bleibt allerdings trotzdem noch genügend Zeit, sich über die kommenden Aufgaben Gedanken zu machen und auch auf die vergangenen Wochen zurück zu blicken. Eigentlich ist Werders Situation zum Frühlingsbeginn außerordentlich positiv. In der Liga ist bei nur drei Punkten Rückstand auf Schalke (und 6 Punkten Vorsprung auf Platz 4) noch alles möglich. Auch im UEFA Cup stehen die Chancen gut, Werder steht im Viertelfinale. Eigentlich müsste alles in bester Ordnung sein. Eigentlich.

Leider hat man im "Umfeld des Vereins" – also bei Fans und Medien – nicht das Gefühl, dass diese Erfolge so richtig gewürdigt werden. Werder hat inzwischen eine Schwächephase hinter sich gelassen, die ihnen viele noch übel nehmen. Auch zu Beginn der Hinrunde hatte Werder eine ähnliche (wenn auch nicht ganz so deutliche) Schwächephase, doch die schien nach nur zwei Wochen vergessen zu sein. Damals zeigte Werder wunderschönen Fußball und verzauberte die ganze Liga. Diesmal ist die Rehabilitation eine Nummer kleiner ausgefallen. Zwar wurden Ajax und Celta Vigo im UEFA Cup ausgeschaltet, allerdings blieb nach beiden Duellen ein bitterer Nachgeschmack. In der Liga wurden zwar die letzten beiden Heimspiele gegen Bochum und Mainz gewonnen, in München kassierte man aber trotz des glücklichen Punktgewinns eine Abreibung. Spielerisch ist Werder eben "nur" noch eine "normale" deutsche Topmannschaft. Wie bitter…

Es ist nun nicht so, dass irgend eine andere Bundesligamannschaft großen spielerischen Glanz verbreitet. Auch international zeigt sich – auch durch das Champions League aus spielstarker Mannschaften wie Barcelona oder Lyon -, dass es in dieser Rückrunde auf andere Dinge ankommt. In Spanien wird Barcelona der Titel vom defensivstarken Sevilla streitig gemacht. In England marschiert ManU von einem glücklichen Sieg zum nächsten. Verfolger Chelsea macht es ähnlich. In Italien und Frankreich sind Inter und Lyon praktisch konkurrenzlos und müssen in den meisten Spielen nicht sehr viel (um es mit Thomas Schaafs Worten zu sagen) "anbieten" um zu gewinnen. Auch Deutschland macht keine große Ausnahme in diesem Jahr. Schalke hat an Souveränität eingebüßt, Stuttgart spielt immer noch recht schön, aber nur noch selten begeisternd. Die Bayern sind nach ihrem kurzen Zwischenhoch wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Und Werder? Hat in einigen Situationen Glück gehabt, in anderen jedoch nicht.

Überhaupt ist es mit der Definition von Glück / Pech besonders im Fußball nicht immer so einfach. Schießt ein Spieler an den Pfosten, dann wird ihm das gerne als Pech ausgelegt. Als könnte man davon ausgehen, dass normalerweise jeder für den Torwart unerreichbare Ball reingeht! Wer weiß denn schon, ob der Spieler den Ball genau so getroffen hat wie er wollte und ob es nicht vielleicht eher Glück war, dass der Ball überhaupt so nah ans Tor kam? Vielleicht wäre der Ball sonst viel weiter daneben gegangen. Die Grenze zwischen Glück und Können bzw. Pech und Unvermögen ist in jedem Fall fließend, wenn es überhaupt eine gibt. Im Fußball handelt es sich wohl meistens um eine Vermischung von beidem. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Glück für die eine Mannschaft logischerweise Pech für den Gegner bedeutet. Nur wird es nicht immer so ausgelegt. So wird das Glück einer Mannschaft oft mit dem Unvermögen der anderen erklärt. Hatten die Bremer Glück in München nicht verloren zu haben? Muss man wohl so sehen. Hatten die Bayern Pech nicht gewonnen zu haben oder war eher die Unfähigkeit ihrer Stürmer der Grund dafür? Wenn zweiteres die Antwort ist, war es dann nicht vielmehr doch das Können der Bremer, aus nur einer Chance ein Tor zu machen und hinten keines mehr zu kassieren, das für das Unentschieden verantwortlich war? Ich bleibe da lieber bei der Glück / Pech Variante. Warum tun sich viele Fußballer so schwer damit einzugestehen, dass sie Glück hatten? Es scheint fast so, als wäre Glück im Fußball ein Schimpfwort. Als stünde es im Widerspruch zu einer guten Leistung. Bei allem Können, wer gewinnt schon ohne Glück eine Meisterschaft?

Das Bremer Publikum wurde aufgrund der fehlenden Geduld mit der eigenen Mannschaft kürzlich in den Medien stark kritisiert. Auch wenn ich die generelle Kritik für übertrieben halte – und es weißgott kein Bremer Phänomen ist – kann ich einigen Aussagen nur Zustimmen. "So ist das halt mit verzauberten Zuschauern: Wer mal die schwebende
Jungfrau gesehen hat, kann über Kartentricks nicht mehr staunen"
, schrieb zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung. Da ist schon etwas dran. Ich fühle mich ein bisschen an meine Warnung zum Saisonbeginn erinnert. Auch den Kommentar von Detlev Claussen kann man durchaus so stehen lassen: "Gerade Mannschaften, die den Anspruch haben, attraktiv zu spielen,
wecken Hoffnungen, die nicht immer erfüllt werden können. Schlimmer
noch, wenn die Schere zwischen Anspruch und Vermögen sich öffnet. In
Bremen zeigte sich im Uefa-Pokal auf den besseren Plätzen das häßliche
Gesicht von Angestellten, die sich wie mitleidlose Bosse aufführen
wollen."
Gerade Jurica Vranjes bekam dieses hässliche Gesicht zu sehen. Als wäre er, der sicher nicht zu den vier besten Mittelfeldspielern bei Werder zählt, aber immer wieder dort aushilft wo Not am Mann ist, verantwortlich für die fehlende Leichtigkeit im Spiel ist. Not am Mann ist ein gutes Stichwort. Wer glaubt Werder wäre stark genug, die langfristigen Ausfälle von Baumann und Borowski problemlos wegzustecken, der hat die Grenze zwischen Traum und Realität irgendwann im letzten Herbst aus den Augen verloren.

Um so wichtiger war der letzte Erfolg gegen die starken Mainzer, bestes Team der Rückrunde. Die Versöhnung zwischen Publikum und Mannschaft (und insbesondere Jurica Vranjes) dürfte wichtig für die Schlussphase der Saison sein. Denn wie gesagt, eigentlich ist Werders Situation zum Frühlingsbeginn außerordentlich positiv.

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