Per Mertesacker durch die Galaxis

Algerien ist auf den ersten Blick ein eher leichter Gegner für ein WM-Achtelfinale. Der Stil der Nordafrikaner könnte Deutschland jedoch größere Probleme bereiten, als man von der Papierform her annehmen würde.

Algerien hat sich bei der WM schon von sehr unterschiedlichen Seiten gezeigt, von sehr defensiv (gegen Belgien) bis sehr offensiv (gegen Südkorea). Dennoch gibt es einige übergreifende Aspekte, die in allen drei Vorrundenspielen zum Tragen kamen. Ein wenig erinnert das Team von Vahid Halilhodzic an das Werder Bremen der abgelaufenen Saison: Sehr linkslastig, bis tief in die gegnerische Hälfte kaum Kurzpässe und dadurch bedingt wenig Ballbesitz und eine schlechte Passstatistik. Kommt einem als Werderfan alles irgendwie bekannt vor. Was die Algerier jedoch deutlich anders machen: Der Ball bleibt auf dem Boden. Von hinten werden lange Flachpässe gespielt, am liebsten diagonal aus der Innenverteidigung auf die Flügel. In dieser Hinsicht ähnelt Algerien also eher Tuchels Mainzern. Im Angriffsdrittel dreht dann jedoch die Kombinationsmaschinerie auf. Häufig heißt es: Alle Mann nach links, mit kurzen Pässen den gegnerischen Außenverteidiger aushebeln und dann die Flanke in die Mitte bringen.

Auf diese Weise ist Algeriens Spiel zwar recht leicht auszurechnen, aber nicht unbedingt einfach zu verteidigen, wenn man in erster Linie sein eigenes Spiel durchsetzen will, wovon wir bei Deutschland und Löw ausgehen dürfen. Kleinere Anpassungen könnten hingegen durchaus sinnvoll sein, wenn auch vielleicht nicht von Beginn an. Gegen Deutschland erwarte ich eine sehr defensiv eingestellte algerische Mannschaft, die zunächst einmal die Null halten will. Das deutsche Ballbesitzspiel ist auf hohem Niveau, es gab aber insbesondere in den ersten beiden Spielen auch schon Unsicherheiten (ausgerechnet bei Lahm) zu beobachten, die es dem Gegner ermöglichten, mit Tempo auf die nicht allzu schnelle Viererkette zuzulaufen. Hier steht Löw nun vor der Entscheidung, das Ballbesitzspiel weiter zu stärken (mit Schweinsteiger als zweitem Achter) oder eher auf bessere Absicherung im Falle eines Ballverlusts zu achten (mit Khedira).

Angesichts der Linkslastigkeit Algeriens stellt sich auch die Frage, ob und in wie weit dies Deutschlands Rechtslastigkeit beeinflusst. Mit Özil, Müller und einem nachrückenden Boateng kann man über die rechte Seite in fast jede Abwehr Löcher reißen. Es birgt jedoch auch das Risiko, dass bei einem Ballverlust zwei bis drei technisch starke, flinke Algerier über diese Seite relativ unbedrängt auf den doch eher langsamen Per Mertesacker zulaufen. Es dürfte eh das Ziel Algeriens sein, mit der Linkslastigkeit den rechten deutschen Innenverteidiger (also Mertesacker) aus dem Strafraum zu ziehen, um so mit Flanken zwischen Hummels und Höwedes für Gefahr zu sorgen. So sattelfest eine Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern bei hohen Bällen auch sein sollte, das Kopfballtor von Ghana zeigte gut auf, dass man mit gutem Timing bei der Flanke trotzdem für Gefahr sorgen kann. Hinzu kommt, dass Algerien zu den kopfballstärkeren Teams des Turniers gehört.

Neben der Personalie Schweinsteiger/Khedira, die – wie in den deutschen Medien üblich – viel zu sehr auf die Frage nach dem Führungsspieler reduziert wird, gibt es für Löw einige weitere Entscheidungen zu treffen. Kehrt er zurück zur offensiven Dreierreihe aus den ersten beiden Partien? Stellt er Özil aufgrund der Linkslastigkeit des Gegners auf die andere Seite? Setzt er mit Schürrle auf eine direktere Variante auf dem Flügel? Erhalten die Außenstürmer mehr Verantwortung in der Bewachung der gegnerischen Außenverteidiger? Ich gehe davon aus, dass Deutschland zunächst auf Ballsicherheit gehen wird, um die Kontrolle über das Spiel zu erlangen. Algerien wird ebenfalls abwartend beginnen und auf Chancen hoffen, die deutschen Schwächen im defensiven Umschalten nutzen zu können.

Unterm Strich muss Deutschland dies Partie ohne Wenn und Aber gewinnen. Das Passspiel wird gegen Algerien jedoch auf eine härtere Probe gestellt, als gegen die aufgrund der besonderen Konstellation doch eher verhaltenen Amerikaner. Es wird viel Geduld erforderlich sein, um auf die Lücken zu warten, die Algerien im Lauf der 90 Minuten aber sicher anbieten wird. Selbst wenn es Algerien gelingen sollte, das deutsche Spiel komplett zu neutralisieren, bliebe immer noch die größere individuelle Klasse und die Möglichkeit, von der Bank neue taktische wie spielerische Elemente in die Partie zu bringen.

Mein Tipp: 4:2 für Deutschland mit mindestens drei Toren in den letzten 20 Minuten.

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