Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

Heute gibt’s den letzten Teil meiner Sommerpausen-Trilogie. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich zwei Posts daraus gemacht.

Mittelfeld:

Torsten Frings: In der letzten Saison mehr Licht als Schatten. Längst nicht so schwach, wie er von einigen Experten gemacht wurde, aber auch nicht mehr so überragend, wie vor ein paar Jahren. Macht einen guten Job als Kapitän und überzeugt durch Einsatzbereitschaft und gutes Zweikampfverhalten. Einerseits gute Ideen im Offensivspiel und teils geniale lange Pässe, andererseits zu viele Fehler im Aufbauspiel und nachlassende Schnelligkeit. Wenn er körperlich fit ist, kann er Werder auch in der kommenden Saison als Führungsspieler weiterhelfen.

Philipp Bargfrede: Der Senkrechtstarter der vergangenen Saison. Bis vor einem Jahr hatte ihn keiner auf dem Zettel. Nach starker Vorbereitung spielte er sich dann zu Beginn der Saison in die Startelf. Konnte dabei durchgehend überzeugen und spielte für sein Alter überraschend konstant auf hohem Niveau. Hat überaus gute Anlagen für einen defensiven Mittelfeldspieler. Luft nach oben besteht noch in der Spieleröffnung und im Torabschluss. Spielt derzeit wieder eine gute Vorbereitung und macht Hoffnung auf eine weitere Leistungssteigerung. Wenn er so weiter macht ist er bald auch für die Nationalmannschaft ein Thema.

Tim Borowski: Als Rückkehrer konnte er in der letzten Saison nicht an seine besten Tage bei Werder anknüpfen. Zeigte weitgehend solide Leistungen in der Hinrunde und fiel dann in ein Loch, aus dem er erst in der zweiten Hälfte der Rückrunde wieder herauskam. Für einen Leistungsträger zu wenig, wie er auch selbst erkannt hat. Von den eigenen Fans für seine Spielweise teils (zu) scharf kritisiert. Von ihm erwarte ich in der kommenden Saison mehr. Wenn er zu seiner Leichtigkeit in der Offensive zurückfindet, kann er für Werder noch sehr wertvoll sein. Wenn nicht, wird er ein ziemlich teurer Bankdrücker.

Peter Niemeyer: Das Sorgenkind im Mittelfeld. Konnte nur selten zeigen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Dabei hat er durchaus die Anlagen, ein weit überdurchschnittlicher Mittelfeldspieler zu sein. Leider machen ihm Verletzungen immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Mit seiner Nominierung für die Startelf beendete Werder die Niederlagenserie im Frühjahr, doch nach einigen guten Spielen folgte (wieder mal) eine Verletzung. Nun wird er an Hertha BSC ausgeliehen und sein Vertrag gleichzeitig bis 2012 verlängert. Steigt Hertha auf, wird er wohl nicht zurück kommen.

Daniel Jensen: Sorgenkind zum Quadrat. Seit seinen Galaauftritten im Herbst 2007 immer wieder verletzt und mit nur wenigen Einsätzen. Wenn er körperlich fit und eingespielt ist, gibt es kaum einen kompletteren Spieler in Werders Kader. Kann aus dem defensiven Mittelfeld ein Spiel lenken. Leider besteht kaum noch Hoffnung, dass er noch einmal richtig den Anschluss findet. Alles Talent hilft nichts, wenn der Körper nicht mehr mitmacht. Müsste normalerweise ein Kandidat für einen Transfer sein, doch in seiner Verfassung könnte es schwer werden, einen für alle Seiten vernünftigen Deal hinzubekommen. Ich wünsche ihm einfach eine verletzungsfreie Saison, ob bei uns oder woanders. Alles weitere wäre Bonus.

Aaron Hunt: Spielte endlich eine Saison verletzungsfrei durch und konnte viele Kritiker von sich überzeugen. Besonders in der Hinrunde auf hohem Niveau, das ihm einen Einsatz in der Nationalmannschaft brachte. Absolvierte wie in der vergangenen Sommerpause wieder ein individuelles Fitnessprogramm, das ihm sehr zu helfen scheint. Wirkt auch auf dem Feld gereift und schöpft sein Potenzial endlich aus. Wenn er weiterhin so fit bleibt, hat er noch Steigerungspotenzial für die kommende Saison. Bekam für seine starke Vorbereitung zuletzt ein Extralob vom Manager.

Marko Marin: Zum Ende der Saison ein Opfer der taktischen Überlegungen von Thomas Schaaf und Joachim Löw. Oder seiner eigenen taktischen Unzulänglichkeiten, wie man will. Ist als Spielertyp ziemlich einmalig und einer der dribbelstärksten Spieler der Liga. Verbesserte sich über die Saison hinweg im Kombinationsspiel und ist offensiv immens gefährlich. Noch verbessern muss er seine Übersicht vor dem Tor und sein Defensivverhalten. Eine Herausforderung wird es sein, ihn taktisch zu schulen ohne ihm dabei seine Spielfreude zu nehmen.

Mesut Özil: Ein Kapitel für sich. Für die einen der neue Superstar, für die anderen ein überschätzter Schönspieler. Für mich einer der talentiertesten Fußballer in Werders Bundesligageschichte, der aber noch reifen muss. Bleibt er oder geht er? Wenn er geht verliert Werder den zentralen Spielgestalter und müsste mal wieder einen Leistungsträger ersetzen. Wenn er bleibt könnte er bei Werder weiter reifen (Stichwort: Konstanz) und mit dem Team die Bundesligaspitze angreifen. Andererseits könnte die Saison für ihn auch zum Spießrutenlauf werden, weil sein Standing bei den Fans sehr gelitten hat.

Nachwuchs: Für Said Husejinovic (22) dürfte die Zeit im Werdertrikot endgültig abgelaufen sein. In der Bundesliga hat er nie eine echte Chance erhalten, was nicht zuletzt an seinen Trainingsleistungen liegen dürfte. Sollte er bei Werder bleiben, wird er weit hinten in der Hierarchie stehen und muss auf Ausfälle hoffen, um in den Spieltagskader zu rutschen. Neuzugang Felix Kroos (19) wurde eigentlich für die U23 geholt und wird voraussichtlich zunächst auch dort eingesetzt. Bislang konnte er in der Vorbereitung der Proifs überzeugen und spielt somit auch in den Überlegungen von Thomas Schaaf eine Rolle. Wenn er sein Potenzial ausschöpft, rückt er spätestens in einem Jahr permanent zu den Profis auf. José-Alex Ikeng (22) droht nicht nur Ärger mit der Staatsanwaltschaft. Der Pechvogel der vergangenen Saison ist bei Werders Vereinsführung wegen unprofessionellen Verhaltens in Ungnade gefallen und trotz allen Talents laut Aussage von Klaus Allofs momentan weit weg vom Bundesligakader. Letztes Jahr hat Florian Trinks (18) Deutschlands U17 mit einem fulminanten Freistoß zum Europameister gemacht, nun soll er in der U23 weiter aufgebaut werden. Bevor er Bundesligaluft schnuppern darf, muss er sich in der 3. Liga durchbeißen und sich zunächst einmal von seiner Verletzung erholen. Für Kevin Artmann (24) ist der Zug wohl abgefahren. Immer wieder wurde er durch Verletzungen zurückgeworfen und musste sich mühsam wieder heranarbeiten. Sein fortgeschrittenes Alter macht den Sprung zu den Profis äußerst unwahrscheinlich – und einen Verbleib über die kommende Saison hinaus ebenfalls.

Transfers: Das Tischtuch zwischen Werder und Jurica Vranjes ist nicht nur zerschnitten – es ist verbrannt und die Asche über der Weser verstreut. Durfte nach Ende seiner Leihe nicht mehr bei den Profis trainieren und einigte sich mit Hajduk Split auf einen Wechsel. Bislang ist der Wechsel aber nicht offiziell bestätigt. Bei Mesut Özil ist eine Prognose derzeit reine Spekulation. Bei ihm heißt es mindestens bis zum Spiel gegen Sampdoria abwarten und Tee trinken, ob noch ein ernsthaftes Angebot eines Topclubs kommt. In dem Fall würde Werder ihn wohl abgeben. Weitere Abgänge dürften vor allem von eventuellen Neuverpflichtungen abhängen. Wahrscheinlichster Neuzugang ist der Brasilianer Wesley. Mit dem Spieler hat sich Werder längst geeinigt, ebenso mit dem Berater über 40% der Transferrechte (die man – entgegen einer Bild-Meldung – allerdings noch nicht “gekauft” hat). Bleiben die Verhandlungen über die restlichen 60% und den Wechselzeitpunkt. Wesleys Arbeitgeber FC Santos bestritt letzte Woche noch das Pokalfinale, danach sollte Belebung in die Angelegenheit kommen. Trotz positiver Signale von Allofs ist es zuletzt wieder ruhig geworden. Namen von möglichen Ersatzkandidaten, falls der Wechsel doch platzt, hört man derzeit nicht. Als möglicher Nachfolger für Özil war Hatem Ben Arfa von Olympique Marseille im Gespräch. Laut Allofs ist da jedoch nichts dran.

Angriff:

Claudio Pizarro: Was soll man über ihn noch schreiben? Seit seiner Rückkehr ist er Leistungsträger, Vorbild für die jüngeren Spieler und verbreitet gute Laune. Vergessen sind die Gerüchte um Steuerbetrug und eine Sperre durch die FIFA. Seine Stärken sind seine Kopfbälle, seine Technik und sein Spielverständnis. Taktisch hat er sich seit seiner Anfangszeit bei Werder enorm entwickelt und arbeitet viel nach hinten mit. Als Nummer 1 im Sturm eindeutig gesetzt.

Hugo Almeida: Noch immer der Mann mit dem Hammer. Noch immer das Talent, das den endgültigen Durchbruch nicht schafft. Bei den Fans ist Hugo inzwischen Kult, wird schon beim Warmmachen gefeiert. Was ihm vor allem fehlt, ist Ausgewogenheit: zwischen Schusshärte und -platzierung, zwischen Wucht und Ballkontrolle, zwischen Einsatz und Effizienz. Möchte mehr Einsätze, aber muss auch nachhaltig unter Beweis stellen, dass er in die erste Elf gehört. Vertrag soll verlängert werden.

Markus Rosenberg: Offenbar hat sich der Schwede Boubacar Sanogo zum Vorbild genommen. Seit ihn die Vereinsführung aufgegeben hat, hängt er sich voll rein und macht in den Testspielen auf sich aufmerksam. Laut eigenen Aussagen hofft er auf eine neue Chance bei Werder, aber alles deutet weiterhin auf eine Trennung hin. Seinen aktuellen Leistungen sei Dank besteht für Werder (wie bei Sanogo vor einem Jahr) nun keine Eile beim Verkauf. Bis zum Ende der Transferperiode kann man von seinem Formhoch profitieren und bis dahin auf ein akzeptables Angebot warten. Oder gibt ihm Schaaf doch eine neue Chance? Halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Sandro Wagner: Wurde im Winter verpflichtet und nach seiner Verletzung über die U23 an die Profis herangeführt. Muss sich zunächst hinter Pizarro und Almeida als Nummer 3 etablieren. Ich habe bislang wenig von ihm gesehen und kann ihn nur schlecht einschätzen. Seine Chancen dürfte er in dieser Saison bekommen. Ich bin gespannt.

Marko Arnautovic: Bislang der einzige hochkarätige Transfer für die erste Mannschaft. „Astronautovic“ gilt als arrogant, launisch und charakterlich problematisch. Bisher macht er in Bremen einen selbstbewussten und kämpferischen Eindruck, hat jedoch auch schon für Negativschlagzeilen gesorgt. Sein Talent spricht für eine große Karriere im Werdertrikot. Er hat es selbst in der Hand, ob er irgendwann zur Kategorie Diego/Özil oder zur Kategorie Alberto/Moreno gehören wird. Ist im Angriff vielseitig einsetzbar, scheint mir als Außenstürmer jedoch am vielversprechendsten. Kann ihn mir im 4-2-3-1 oder 4-3-3 gut als Rechtsaußen vorstellen.

Nachwuchs: Im Angriff ist Werders Nachwuchs so stark besetzt, wie schon lange nicht mehr. Lennart Thy (18) konnte nicht nur bei der U17 EM überzeugen, sondern auch in Werders Vorbereitung. Er deutet an, dass er in absehbarer Zeit zu den Profis aufrücken kann. Gleiches gilt für Pascal Testroet (19), der schon einen Schritt weiter ist. Leider warfen ihn in der letzten Saison Verletzungen zurück, doch trotzdem erzielte er in 17 Spielen für die U23 8 Tore. Onur Ayik (20) hat in der letzten Saison schon Erfahrung in der Bundesliga gesammelt. Sein großes Plus ist die Vielseitigkeit, denn er ist nicht auf die Mittelstürmerposition festgelegt. Auch bei einem Rosenberg-Wechsel hätte Werder also keinen Personalbedarf. In diesem Fall könnte es zwischen den Genannten einen Dreikampf um den freien Platz bei den Profis geben. Völlig unklar ist hingegen die Zukunft von Kevin Schindler (22), der nach seiner Zeit als Leihspieler bei Rostock, Augsburg und Duisburg zurück bei Werder ist. Angesichts der starken Konkurrenz dürfte er dort einen schweren Stand haben. Leider ist er momentan noch verletzt und kann sich somit nicht beweisen. Sein Weg dürfte aber nur über die U23 zurück in die Nähe der Profis führen.

Transfers: Allofs hat gerade noch einmal betont, dass Werder Rosenberg abgeben möchte. Mit Pizarro, Almeida, Wagner, Arnautovic und den Nachwuchsspielern wäre man trotzdem auch in der Breite gut aufgestellt. Deshalb gab es auch für den zweiten Leihspieler aus Peru Juan Jose Barros keinen Bedarf, der zuletzt (in alter Werdertradition) noch als Außenverteidiger getestet wurde. Ein weiterer Neuzugang ist wohl kein Thema.

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr

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