“Peter Niemeyer ist zu einem echten Führungsspieler geworden”

Edit: Leider ist mir der Post ein bisschen voreilig “rausgerutscht”. Da fehlte noch die Vorstellung des Interviewpartners: Daniel bloggt für das Hertha BSC Blog und war so nett, mit vor dem Spiel am Sonntag ein paar Fragen zu beantworten:

Hallo Daniel, schön dass Du mitmachst. Erstmal willkommen zurück in der 1. Liga. Wie würdest du das Jahr in Liga 2 rückblickend bewerten? War der Abstieg nur ein Ausrutscher oder gab es in der letzten Saison einen richtigen Neuanfang?

Vielen Dank, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es sich da “unten” anfühlt. Abstiege sind grausam und ich wünsche sie wirklich niemandem – was natürlich nur solange stimmt, wie wir selbst damit nichts zu tun haben. Sobald das der Fall ist, wünsche ich es allen anderen. Jedenfalls kann ich deine Eingangsfrage zweimal mit Ja beantworten. Es war ein Ausrutscher, der nicht hätte passieren dürfen, aber er wurde vom Verein genutzt, um sich komplett neu aufzustellen. Auch in der Öffentlichkeit ist es angenehmer. Ich hab das natürlich auch früher nicht gemacht, aber man muss seit dem Wiederaufstieg weniger dafür entschuldigen Hertha-Fan zu sein, als vor dem Abstieg.

Neun Punkte aus sechs Spielen und Platz 10 sprechen für Mittelmaß, dennoch macht der Verein einen zufriedenen Eindruck. Liegt das nur daran, dass ihr gerade erst wieder aufgestiegen seid oder haben sich die Ansprüche im Verein geändert? Wo ist das Anspruchsdenken der Hoeneß-Ära geblieben?

Dieses Anspruchs-Denken ist nach Wolfsburg gewechselt und das kann da auch gerne bleiben. Im Nachhinein hätten wir dafür aber deutlich mehr Geld verlangen sollen. Egal. Es ist ehrlich gesagt ein bisschen zu einfach, zu sagen: Der Hoeneß hat den Druck erzeugt, weil er damals davon geträumt hat, mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor zu fahren. Träume sind auch weiterhin erlaubt, wer hat sie nicht? Aber es bricht hier kein Sturm der Enttäuschung mehr los, wenn es nicht für den Europa-Pokal-Platz reicht – wie es vor dem Abstieg der Fall war. Jeder Hertha-Fan weiß, dass wir den Verein vermutlich hätten dicht machen können, wenn wir nicht direkt wieder aufgestiegen wären. Das erdet einfach ungemein.

Was sind für dich persönlich die Ziele in dieser Saison? Reicht es Dir, wenn man „nur“ die Klasse hält oder denkst Du schon wieder ans internationale Geschäft?

Ich würde ja schon gern mit der Meisterschale durchs Brandenb…nein im Ernst, mir reicht der Klassenerhalt vollkommen aus, solange der Verein dadurch gesundet. Wenn wir keine Schulden mehr haben, wann auch immer das sein wird, können wir vielleicht mal wieder über Europa reden, vorher ist alles, was nicht Abstieg heißt, ein Erfolg.

Euer Spiel gegen Dortmund hat mir imponiert, das war blitzsauberer Konterfußball. Wie so viele Mannschaften in der Bundesliga scheint ihr aber Probleme zu haben, das Spiel selbst zu machen. Ist es momentan sogar ein Vorteil für euch, auswärts zu spielen?

Es sieht so aus, auch wenn ich diese Unterscheidung von Heim- und Auswärtsspieltaktik nicht mag. Hertha darf auch zu Hause auf Konter spielen, wenn es dem Erfolg zuträglich ist, selbst wenn Markus Babbel das nicht glaubt (er hat vor dem Augsburg-Spiel behauptet, das Olympiastadion wäre zur Halbzeit halbleer, wenn Hertha mit der Taktik aus dem Dortmund-Spiel gegen Augsburg komme). Denn es es ist doch so: Das, was eine Mannschaft am Besten kann, sollte sie auch spielen. Und wenn das Konterfußball ist, dann ist das eben so. Ich hoffe jedenfalls, dass wir auch am Sonntag wieder mehrere Kostproben von unserer Konterstärke zu sehen bekommen.

Mit Rafael, Ebert und Ramos habt ihr starke Offensivspieler im Team. Ist eine vor allem auf Konter ausgelegte Taktik auf Dauer nicht zu wenig, um das Optimum aus der Mannschaft herauszuholen?

Die Schlüsselpositionen in unserem System sind die beiden Sechser. Sie bestimmen, wie offensiv oder defensiv das System ist, sie sind die Taktgeber wenn man so will. Naja, und wenn die Taktgeber dann eben Andreas Ottl und Peter Niemeyer sind, dann spielt man eben grundsätzlich erst einmal defensiv. Das soll keine Kritik sein, aber große Offensiv-Denker sind sie eben nunmal beide nicht. Hinzu kommt, dass die angesprochenen Spieler leider launische Diven sind, die sich gerne mal Auszeiten nehmen. Und dann bringt auch eine offensive Ausrichtung nichts.

Mir fällt es noch etwas schwer euren Trainer Markus Babbel richtig einzuordnen. Nach seiner Zeit beim VfB Stuttgart wurde er von vielen als Eintagsfliege abgestempelt. Bei Euch macht er jedoch den Eindruck, dass er ein Konzept hat und es den Spielern auch gut vermitteln kann. Ist er der richtige Trainer für Hertha?

Gute Frage, die allerdings voraussetzt, dass ich wüsste, wie der “richtige” Trainer für Hertha aussieht. Ich war sehr lange davon überzeugt, dass dieser Trainer Lucien Favre heißt, nunja, das Ende der Geschichte kennen wir. Babbel macht seine Sache insofern gut, dass er es schafft, Fans und Umfeld auf seine Zeit zu bekommen. Oftmals ist er für mich noch ein Rätsel, gerade was eben die taktische Ausrichtung bei Heimspielen angeht. Da schiebt er dann gerne mal die großen Erwartungen der Fans oder des Umfelds vor (die, wie bereits erwähnt, gar nicht so groß sind) um Entscheidungen zu rechtfertigen. Natürlich hat er durch den Aufstieg einen riesengroßen Bonus, der auch sehr lange Zeit halten wird. Aber eine echte Negativ-Serie hatten wir unter ihm noch nicht. Und was ein guter Trainer, zeigt sich eben meist erst, wenn es mal nicht so läuft.

Mit Peter Niemeyer habt ihr letzte Saison einen Spieler geholt, der sich bei Werder nicht so richtig durchsetzen konnte. Bei Euch hat er einen Stammplatz und zeigt gute Leistungen. Wie bewertest Du seine Entwicklung und seine Bedeutung in der Mannschaft?

Peter Niemeyer ist der legitime Nachfolger von Pal Dardai und auch wenn das im Rest der Fußball-Republik vielleicht nicht als ein solches angenommen werden würde: Das ist ein Riesenkompliment. Niemeyer gewinnt eigentlich jeden Zweikampf, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann er zuletzt einen verloren haben soll. Er ist bei uns zu einem, wenn man heutzutage noch davon reden kann, echten Führungsspieler geworden und ich kann mir vorstellen, dass er uns in den drei Jahren, in denen er auf jeden Fall noch bei uns spielen wird (laut Vertrag), sehr viel Freude bereiten wird.

Eine Frage zum Gegner: Werder hatte letzte Saison ein ähnlich schwaches Jahr, wie ihr in der Saison davor. Dem Abstieg sind wir zum Glück knapp entgangen. Nun steht man plötzlich wieder oben in der Tabelle. Wie stark ist Werder aus Deiner Sicht?

Ich bin ehrlich: Ich hatte euch vor der Saison nicht auf dem Zettel und wenn ich sage “nicht”, dann meine ich “gar nicht”. Ich habe sogar vor der Saison darauf gewettet, dass Thomas Schaaf der erste Bundesligatrainer in dieser Saison ist, der entlassen wird (ich weiß eine makabre Wette, aber wir waren zu sechst und sehr betrunken). Das war nach dem Aus im DFB-Pokal und teilweise unterirdischen Vorbereitungsspielen eurerseits. Tja und dann startet ihr so in die Saison, was mich dann – nach kurzem Ärger über die
verlorene Wette – doch sehr gefreut hat, weil ich durch meine Familie durchaus gewisse Sympathien für Werder hege. Wenn sich niemand verletzt, kann das dieses Jahr wieder was werden mit Europa. Aber wer bin ich, das zu prognostizieren.

Der Bremer Offensivfußball dürfte eurer Spielweise eigentlich entgegen kommen. Wie schätzt Du Herthas Chancen am Sonntag ein? Wärst Du mit einem Punkt zufrieden oder ist sogar mehr drin?

Ich bin vor dem Spiel nie mit einem Punkt zufrieden. Allerdings habt ihr in dieser Saison bisher zu Hause selten was anbrennen lassen, deshalb liegt ein Unentschieden durchaus im Bereich des Erträglichen. Wenn es irgendwie geht, hätte ich es aber natürlich gerne, dass Hertha ähnlich viele Chancen wie in Dortmund erspielt und diese nicht dreimal ans
Aluminium verschwendet.

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