Pokalfinale – Ein modernes Märchen

The Wizard of Öz

von L. Frank Baumann

Es war einmal ein Fußballmanager namens Klaus Dorothy Allofs, der lebte im beschaulichen Bremen. Eines Tages wurde er gemeinsam mit seinem treuen Schaaf Toto von einem Tornado ins ferne Berlin geschleudert. Sie landeten auf einer grünen Wiese, mit Werbebanden und Tribünen ringsum. Klaus schaute sein Schaaf ängstlich an und sagte: “Toto, ich habe das seltsame Gefühl, dass wir nicht mehr im Weserstadion sind.”

Nachdem sie sich eine Weile in der unbekannten Umgebung umgeschaut hatten, bemerkten die beiden, dass sie bei ihrer Landung den bösen Franck getroffen und unter sich begraben hatten, der gerade dabei gewesen war, seine neuen gesponserten Schuhe einzulaufen. “Das sind ein paar schöne Schuhe”, sagte Klaus mit Blick auf die roten Adidas-Treter. “Ich werde sie mitnehmen, vielleicht können sie uns noch nützlich sein.” In tausenden Kilometern Entfernung explodierte zur selben Zeit ein Nike-Manager. “Klaus, wie kommen wir nun wieder nach Hause?” fragte Toto besorgt.

“Das ist ganz einfach!” ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund. Toto und Klaus drehten sich um. Hinter ihnen stand eine Gruppe kleiner Männchen mit lustigen Frisuren. “Ihr müsst nur den guten Zauberer Van Gaal finden. Der wird euch den Weg weisen.” – “Wer seid ihr?” fragte Klaus. Solch seltsame Kreaturen hatte er noch nie gesehen. “Wir sind die Bayern Munchkins”, sagte eines der Männchen. “Na, das ist ja ‘n dolles Ding. Aber wie sollen wir den Zauberer finden?” fragte Toto. “Folgt einfach der weißen Mittellinie hier. Sie führt euch direkt zu seiner Kabine.” – “So ein Quatsch”, sagte ein anderes der Männchen, das lustige Bommel am Kopf hängen hatte. “Der Spielertunnel ist in Berlin doch hinter dem Tor!” – “Ach ja, ganz vergessen.” – “Aber passt auf, dort begegnet ihr Uli, der bösen Hexe des Südens.”

“Komisches Völkchen”, sagte Klaus beim Weitergehen. “Das muss ja ein schäbiger Zauberer sein, der in einer Kabine haust. Doch wie sollen wir nun zu ihm gelangen, ohne dass uns die böse Hexe sieht?” Schaaf Toto hatte eine Idee: “Wir können ja robben!” – “Blödsinn, dann sind wir doch viel zu lahm!” Während die beiden diskutierten begegneten sie plötzlich einer weiteren Gruppe Männchen. Auch sie sahen merkwürdig aus, wenn auch ganz anders als die Bayern Munchkins. “Und wer seid ihr nun wieder?” fragte Klaus genervt. “Ich bin der ängstliche Mesut”, sagte der erste. “Ich brauche ganz dringend mehr Mut!” Der zweite sprach: “Ich bin der hölzerne Hugo. Ich brauche ganz dringend mehr Verstand!” Und der dritte sprach: “Ich bin der Zauberzwerg Marko. Ich brauche ganz dringend ein Herz.” Klaus überlegte kurz. “Na, dann kommt mal mit”, sagte er schließlich und ließ sie Verträge mit drei Jahren Laufzeit und einer Option auf ein weiteres Jahr bei vernünftigem Grundgehalt und ganz passablen Erfolgsprämien unterzeichnen.

Gemeinsam erreichten sie nach kurzer Zeit den Spielertunnel. Dort wartete auch schon Ulis Leibwächter, der geflügelte Affe Kalle, auf sie und griff sie unter abscheulichem Krächzen an. “Ach deshalb sagt man auch ‘Abteilung Attacke'”, dachte Klaus und schaltete ihn mit einem gezielten Kinnhaken aus. Da kam Uli, die böse Hexe des Südens aus ihrem Versteck. Sie lachte schauerlich und sprach: “Ach, ihr kleinen Bremer. Was wollt denn ihr gegen mein Weißwurstimperium ausrichten? Wie wär’s, wenn ich euch den ängstlichen Mesut wegnehme?” Klaus und Toto platzten fast vor Wut, griffen zu Weißbiergläsern, die ihnen von dämlich grinsenden Hostessen in schlecht sitzenden Dirndln gereicht wurden, und kippten sie der Hexe über den Kopf. Uli schrie auf, zappelte, kreischte und zerschmolz schließlich zu einer kleinen Pfütze, die sofort von aufmerksamen Stadionmitarbeitern aufgewischt wurde.

Da trat der Zauberer Van Gaal aus dem Schatten. Er war riesig und sprach mit donnernder Stimme: “Danke, dass Sie mich von der bösen Hexe befreit haben. Zum Dank erkläre ich Toto nun mein Erfolgsgeheimnis.” Er winkte das Schaaf zu sich rüber, verschwand mit ihm in der Umkleidekabine und mehrere Stunden vergingen. Schließlich kam Toto zurück zur Gruppe. “Pah!” sagte er. “Der kocht auch nur mit Wasser. Alles ganz simpel, kleines Fußball-Einmaleins. Von wegen Zauberer. Hinter dem Vorhang ist der sooo klein mit Hut.” Die anderen guckten ungläubig, doch Toto sprach weiter: “Ich weiß jetzt auch, wie ihr eure Probleme lösen könnt. Mesut, du trägst den Mut in dir. Entferne einfach das ‘es’ aus deinem Namen! Hugo, du hast eine linke Klebe wie ein Pferd, aber du musst auch mal schauen, wo der Torwart steht und dann einfach dran vorbei schieben. Du trägst den Verstand in dir, du musst ihn nur nutzen. Und Marko, was soll das Gefasel von wegen Herz? Du hast genug Herz für eine ganze Fußballmannschaft. Geh einfach weiter so ins Eins gegen Eins und lass dich nicht so schnell fallen. Und jetzt geht’s raus und spuilt’s!”

Alle guckten verblüfft. Toto hatte recht. Warum waren sie da nicht selbst drauf gekommen? “Bravo”, sprach der Zauberer, der die ganze Zeit zugesehen hatte und klatschte begeisterten Applaus. “Gut gemacht, Toto. Als Belohnung für eure Heldentaten gebe ich euch dieses wertlose Trinkgefäß. Es steht bei uns nur rum und verstaubt. Wir müssen bis nächste Woche Platz schaffen für ein noch größeres. Und nun zeige ich euch, wie ihr nach Hause kommt: Immer die A2 runter bis kurz vor Hannover. Dann auf die A7 und am Dreieck Walsrode schließlich auf die A27. Könnt ihr gar nicht viel falsch machen.” Der Zauberer und die Bayern Munchkins winkten zum Abschied. “Das muss auch einfacher gehen”, dachte Allofs und kramte die roten Schuhe hervor. “In Bremen, in Bremen, da lässt sich’s gut leben. There’s no place like home”, sagte er und plötzlich, ganz unvermittelt, standen die Gefährten auf dem Bremer Rathausbalkon, vor dem schon eine in Grün-Weiß gekleidete Menschenmenge wartete, um die Helden aus dem fernen Berlin Willkommen zu heißen. Stolz präsentierten Toto und seine Jungs den prächtigen Pokal. Klaus hingegen lächelte verschmitzt und dachte: “Das war ja einfacher als erwartet.”

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