Pokalfinale: Nadelstiche und das offene Messer

Werder Bremen – Bayern München 0:4

Es war vor dem Spiel klar, dass die Bayern momentan in ihrer eigenen Liga spielen. Doch es war Pokal und man durfte zumindest darauf hoffen, dass Werder einen richtig guten Tag erwischt und bei den Münchnern zwischen Meisterschaft und Champions League so ein bisschen die Luft raus ist. Beides war nicht der Fall.

Während Louis van Gaal seine Stammformation aufs Feld schickte, passte Thomas Schaaf zum zweiten Mal in den letzen Wochen sein Team dem Gegner an. Es kommt selten vor, dass Werder dem Gegner das Spiel einfach so überlässt, doch es müssen die Lehren aus der Niederlage im Januar und dem Spiel gegen Schalke gewesen sein, die ihn zu diesem Schritt bewegten. Für den Fan, dessen Team seit 2004 in 95 % der Fälle das Spiel gemacht hat, eine gewöhnungsbedürftige Angelegenheit. Und so dürften sich viele so wie ich verwundert die Augen gerieben haben, als sie Werders Aufstellung sahen: Ein flaches 4-4-2 mit einer defensiv ausgerichteten Viererkette im Mittelfeld, Boenisch für den verletzten Pasanen als Linksverteidiger, Hunt als rechten Mittelfeldspieler und davor Pizarro und Özil als Angreifer. Eine ängstliche Aufstellung, die nur so lange gut gehen konnte, wie die Bayern nicht in Führung gingen.

Die ersten Minuten des Spiels waren erschreckend. Werder zog sich weit zurück, versuchte nicht in die Nähe des Balles zu kommen und ließ die Bayern mal machen. Nachdem der Ball einige Male durch die bayerische Abwehrreihe zirkuliert war und man sich an die defensive Ausrichtung gewöhnt hatte, kam zum ersten Mal die Frage auf: Hat das etwa System? Den starken Flügeln der Bayern wurden zwei Dreierblöcke entgegengesetzt. Fritz, Hunt und Bargfrede auf der rechten sowie Boenisch, Borowski und Frings auf der linken Seite. Ab der Grenze zum Angriffsdrittel der Bayern spielte Werder dann Pressing. Robben wurde von Boenisch über weite Strecken in Manndeckung genommen und bis an die Mittellinie verfolgt. So konnte man dem Angriffsspiel der Bayern zwar nicht ganz den Zahn ziehen, aber es fürs erste unter Kontrolle halten. Die eigene Offensive beschränkte sich auf Nadelstiche. Den ersten setzte Claudio Pizarro schon nach 8 Minuten und es war der Beste, den Werder an diesem Abend ausführte. Eine klasse Einzelaktion von Pizza, der geschickt verzögert und dann frei vor Butt nicht den besten Schuss erwischt.

In den ersten 20 Minuten ging Werders Taktik auf, dann kamen die ersten Wackler und die Bayern kamen immer wieder gefährlich vors Tor. Die Geduld der Bayern ist beängstigend. Das Spiel wird von einer Seite auf die andere verschoben, im festen Vertrauen darauf, dass sich die benötigte Lücke früher oder später bietet. Werders Spieler müssen sich vorgekommen sein wie auf einer Schiffschaukel, immer hin und her. Wurde dann plötzlich das Tempo verändert, der Ball schnell auf die andere Seite verlagert, wurde es gefährlich. Arjen Robben drehte langsam den Motor auf und es schien nur eine Frage der Zeit, bis das Führungstor fallen würde. Es fiel dann auf äußerst unglückliche Weise für Werder. Mertesacker bekam den Ball aus kurzer Distanz an den Arm – Elfmeter. Jeder Feldspieler, der aus dieser Distanz den Ball absichtlich mit der Hand spielt, gehört eigentlich ins Tor. Dennoch eine vertretbare Entscheidung. Der Schiedsrichter hat nur Indizien für die Absicht des Spielers und die unnatürliche Armhaltung verbunden mit der Ruderbewegung gegen den Ball dürfte den Ausschlag gegeben haben. Wiese war wie immer in der richtigen Ecke, doch Robbens Elfmeter war zu hart und präzise.

Werder musste sich nun etwas einfallen lassen und reagierte zunächst mit einer Veränderung im Mittelfeld: Hunt und Borowski tauschten die Seiten. Sonst änderte sich wenig und so ging es in den verbleibenden Minuten bis zur Pause nur um Schadensbegrenzung. Die große Verwandlung sollte in der Pause erfolgen. Hugo Almeida kam für Hunt in die Partie und Werder stellte auf Raute um. Es kam eine offensive Werdermannschaft aus der Kabine, die Bayern sofort in die eigene Hälfte drängte und durch Almeida die große Chance zum Ausgleich hatte. Hinten spielte man nun ein riskantes 1-gegen-1, das sich schnell rächen sollte. Robben dribbelte Boenisch dermaßen Knoten in die Beine, dass dieser Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, alleine zurück in die Kabine zu kommen. Es war dann aber ein dummes Zufallstor, das Bayern endgültig auf die Siegerstraße brachte. Eine Ecke konnte Mertesacker per Kopf nur an den Rücken von van Buyten abwehren. Von dort fiel der Ball vor Olics Füße, der aus kurzer Distanz abstaubte. Nun brauchte es schon ein kleines Offensivfeuerwerk, um zurück ins Spiel zu kommen. Werder hat es in dieser Saison oft genug geschafft, nach Rückständen (auch nach 0:2) die Partie noch einmal spannend zu machen oder sogar zu drehen. Schaaf brachte Marin für Bargfrede – beim Poker hätte man gesagt “all in”.

Leider hatte van Gaal das deutlich bessere Blatt. Werder tat sich nun schwer, vor das Tor des Gegners zu kommen. Özil hatte schon früh den Glauben verloren und Frings und Borowski hatten Probleme mit dem Spielaufbau. Und so rannte Werder in  den zweiten 45 Minuten voll ins offene Messer. Ein sauberer Konter über Ribery genügte, um das Spiel zu entscheiden. Das Tor von Schweinsteiger kurz vor Schluss tat schon nicht mehr weh. Sehr gerne verzichtet hätte ich dafür auf das hässliche Foul von Frings. Gelb-Rot war eigentlich ein Witz, vielleicht eine politische Entscheidung des Schiedsrichters, der dem schon entschiedenen Spiel den Zündstoff nehmen wollte. Überhaupt eine richtig gute Leistung von Kinhöfer.

Am Ende war das Ergebnis auch in der Höhe verdient, wenngleich das Spiel bis zum 0:3 nicht so einseitig war, wie es der Kommentator glauben machen wollte. Von Marcel Reif ist zwar bekannt, dass er sich früh auf die Seite der vermeintlich siegreichen Mannschaft schlägt und dann sogar deren Fehlpässe weltklasse findet, aber was er da gestern an orgiastischem Gestöhne fabrizierte, lässt selbst Fritz von Turn und Taxis vor Neid erblassen. Eigentlich kann man sich Kommentatorenschelte auch schenken, doch wenn ein Marcel Reif die Schlussphase des Spiels zu einem “Charaktertest für Werder” hochstilisiert, für eine Mannschaft, die in der abgelaufenen Bundesligasaison 6 (SECHS!) Mal von einem 2-Tore-Rückstand zurück kam und noch mindestens einen Punkt holte, dann bleibt mir wirklich die Spucke weg!

Das ändert aber alles nichts am völlig verdienten Pokalsieg der Bayern und einer insgesamt tollen Saison des SV Werder. Der krönende Abschluss blieb versagt, doch der eigentliche Schlusspunkt kommt erst noch. Mit einem Sieg in der Champions League Qualifikation kann sich die Mannschaft im August selbst belohnen und sich zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins in Lostopf 1 bei der Auslung schießen.

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    11 Gedanken zu „Pokalfinale: Nadelstiche und das offene Messer

    1. Wie auch die letzten beiden Artikel wiedermal ein sehr guter. Schade, dass es mit dem Pokal nicht geklappt hat.
      Insgesamt eine doch recht schöne Saison, insbesondere, weil man gegen Ende endlich mal das Gfeühl haben durfte, dass es auch Plan B gibt und nicht nur mit wehenden Fahnen in Konter laufen. Schaaf hat da schon einige neue Facetten aufgetan, hoffe, das sehen wir noch öfter von ihm.
      Ein Problem, dass sich in meinen Augen für die kommende Saison andeutet, ist die eventuell mangelnde Zähmbarkeit des Kaders. Almeida jetzt schon unzufrieden, Marin hat auch schon mal über die Presse mitteilen lassen, dass er nicht versteht, warum er jetzte mal auf der Bank saß. Mit der Variabilität kommt die Unzufriedenheit des einen oder des anderen und ich hoffe, dass es gelingt da die Nerven zu beruhigen.
      Danke Dir auf jeden Fall nochmal für die tollen Vor- und Nachbereitungsartikel zum Pokalspiel und nun auf eine fröhliche Sommerpause.

      1. @Andre: Danke für die Blumen. Dir auch eine schöne Sommerpause!

        @RealityCheck: Stimmt, Lyon hatte ich gar nicht mehr auf dem Zettel. Vor ein paar Wochen sah es da noch viel besser aus. Schade.

    2. Moin Moin,
      trotz des schlimmen Spiels gestern muss ich heute mal Lob spenden – an den Autor des Artikels (bzw. der Seite). Seit ich vor etwa einem Monat auf diese Seite gestoßen bin, lese ich mit wachsender Begeisterung die in schöner Regelmäßigkeit geposteten Artikel. Sie strotzen nur so von Fachkenntnis und guten Analysen. Da ich meist ähnlicher Meinung bin und sie zudem sehr gut geschrieben sind, sind sie für mich ein Hochgenuss. Danke.
      Was das gestrige Spiel angeht, so kann ich deine Ausführungen nur unterstreichen und einen der berühmten “was-wäre-wenn-Sätze” anbringen: Wie wäre das Spiel wohl gelaufen, wenn Petri statt Bohne hätte spielen können? Was, wenn das 1:0 und das 2:0 nicht so dermaßen unglücklich gefallen wären? Bis zum 1:0 ist das Spiel aähnlich gelaufen, wie das gegen Schalke wor 3 Wochen. Aber wir sind hier ja nicht bei wünsch-dir-was und das Leben ist auch kein Ponyhof!
      Was bleibt? Das man seine Enttäuschung zwar nicht ganz unterdücken, aber den Erfolg der Saison auch nicht aus den Augen verlieren sollte. Trotz des Ergebnisses gestern, war es eine sehr gute Saison (wenn die CL-Qali gepackt wird), der ihr krönender Abschluss eben verwehrt wurde. Aber man kann eben nicht jedes Spiel gewinnen und Bremen liegt der 5-Jahre-Rythmus beim Pokal gewinnen eben besser ;-) Ich hoffe darauf, dass sich das Personalkarussell in der Sommerpause ausnahmsweise mal etwas stärker drehen wird. Ich plädiere für einige Abgänge (Rosi, Abdennour, Husi, Vranjes, Prödl (?)) und für Neuzugänge auf der LV-Position und im Mittelfeld/Sturm, wenn Özil/Almeida gehen sollen. Ein richtiger Kracher wäre geil. Lieber ein- zweimal in Qualität, denn mehrfach in Quantität investieren. Vor allem in Berlin wären einige Kandidaten vorhanden: Kacar (wäre meine Nr.1-Verpflichtung), Cicero, Ebert, Ramos, Raffael. Auch Bancé fänd ich interessant.

    3. Ich kann die Blumen nur bestätigen. Klasse Bericht, in dem eigentlich alles steht. Mir ist der 3. Platz auch wichtiger als die Titelverteidigung, insofern ist die Saison für mich voll i. O. Auch mit der Perspektive, die Leistungsträger zu halten.

      Marin soll nicht soviel meckern, er soll lieber mehr nach hinten arbeiten, dann spielt er auch in einer defensiveren Variante (wobei ich auch eher ihn als Hunt gebracht hätte).

      Sei’s drum, ich muss jetzt Wohnung aufräumen :)

    4. Bin als Bayern-Fan über breitnigge auf diesen Artikel gestoßen und ich möchte großen Respekt aussprechen für diese sachliche und fachlich hervorragende Spielbeschreibung!

      Mir umgekehrt wäre es sehr schwer gefallen, eine Niederlage in dieser seriösen Art und Weise zu kommentieren. Gebe ich ganz offen zu.

    5. @Matzekausw: Wow, danke! So ein Lob hört man immer gerne. Bei Kacar wäre ich mir nicht sicher, ob er zu uns passt. Ist aber ein Guter. Bancé würde ich gerne hier sehen. Wäre aber wohl nur eine Option, wenn Almeida gehen sollte. Ansonsten hätten wir mit den beiden und Wagner drei solche Brecher.

      @Conti: Hoffentlich verbessert sich Marin in dem Bereich noch etwas. Dafür ist Werder aber nicht die allerbeste Adresse. Oder er wird offensiv so stark, dass er unersetzlich ist ;)

      @Franck: Danke! Es ist mir SEHR schwer gefallen, diesen Eintrag zu schreiben. Hilft aber auch beim Verarbeiten der Niederlage. Am liebsten würde ich Robben und Schweinsteiger in der Weser ertränken. Aber was soll’s, so ist Fußball und beim nächsten Mal kann es schon wieder ganz anders aussehen. Letzte Saison haben wir noch 5:2 (gefühlt: 7:0) bei euch gewonnen, am Samstag waren wir chancenlos. Genau deshalb freue ich mich schon jetzt auf das nächste Spiel gegen Euch.

    6. @Tobias:
      Hast du eigentlich während der WM schon was vor? Vielleicht willst du den Blog ja auf “Meine-Fußballweltmeisterschaft” ausweiten ;-)
      Interessierte Leser und Kommentatoren hättest du ja schon…

    7. Es wird während der WM mit Sicherheit den einen oder anderen Artikel geben, aber keine ausführliche Begleitung. Dazu fehlt mir einfach die Zeit. Das Pokalfinale war ein Sonderfall, aber so etwas wird die Ausnahme bleiben.

      Ich freue mich natürlich trotzdem über Leser und Kommentatoren :)

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