Presseschau (1)

In einer sportlich erfolglosen Zeit ist es als Fan ungeheuer schmerzhaft, die Berichterstattung in den Medien zu Verfolgen. Ich habe mich heute trotzdem durch den Blog- und Blätterwald gewagt und eine kleine Presseschau zusammengestellt (ich kann das zwar längst nicht so gut wie Oliver Fritsch, aber dafür gibt es hier komprimiert nur Texte über Werder):

Mit der bestehenden Situation klarkommen

Richard Leipold fasst in der FAZ Werders neue Rolle in der Bundesliga zusammen: "Nach dem 0:1 in Schalke erschien das Grau des Bremer Mittelmaßes noch eine Stufe dunkler als vorher. Werder sieht die Spitzengruppe nur noch von weitem, jene Tabellenregion, für die Bremen lange eine Art Stammplatzgarantie zu besitzen schien. Der Punkterückstand auf den dritten Rang ist zweistellig. Und sogar der Fünfte Leverkusen ist den Hanseaten um sieben Zähler voraus."

Das Weser-Blog rät den Akteuren deshalb zu einer neuen Bescheidenheit: "Vielleicht sollte Werder jetzt einfach mal versuchen mit der bestehenden Situation klar zu kommen und nicht immer von den internationalen Plätzen reden, denn das verunsichert die Mannschaft doch immer mehr."

Klar, dass mit dieser Situation niemand bei Werder zufrieden ist. In der taz orakelt Daniel Theweleit deshalb: "Werder Bremen zeigt die typischen Symptome einer Misserfolgsspirale, und zu dieser gehört fast zwangsläufig eine Trainerdiskussion. Das bekommt natürlich auch Klaus Allofs zu spüren, der im Bauch der Schalker Arena ein paar interessante Sätze formulierte. Zwar sei er weiterhin von Schaafs Arbeit überzeugt, sagte der Manager, doch dies sei 'kein prinzipieller Treueschwur'. Allofs räumte ein, dass 'der Moment kommen kann', in dem auch er ernsthaft über einen Trainerwechsel nachdenkt."

Nachfolger für den "greisenhaften" Thomas Schaaf?

Viel wichtiger als öffentliche Aussagen des Sportdirektors ist jedoch die Körpersprache des Trainers. Wie passend, das Schaaf derzeit an einer Grippe leidet und sich eine gewöhnungsbedürftige Gesichtsbehaarung zugelegt hat, findet auch Dirk Gieselmann von den 11 Freunden: "Und plötzlich ist da dieser Bart in Thomas Schaafs Gesicht. Es ist
kein Modebart, wie ihn die hippen Indie-Melancholiker tragen, er wirkt
irgendwie nachlässig, wie der eines Überlenden in einer feindlichen
Umgebung. Und ja, wir kannten Schaafs Gesicht schon ledern, es scheint
seit je her wie ein Gürtel zu klingen, wenn er doch einmal lacht. Aber
da sind neue, tiefere Falten, eine kränkliche Blässe – und plötzlich
auch diese Lesebrille, die den Mann fast greisenhaft wirken lässt."

Auch im Werderblog machen sich Zweifel am Bremer Coach breit. Man hält sogar ein Ultimatum für angebracht: "Ein Trainerwechsel in der Rückrunde halte natürlich auch ich für falsch und nicht nötig, aber dass man Schaaf bis zur Sommerpause ein Ultimatum stellt um auch die nächste Saison zusammen zu arbeiten, halte ich für nicht verkehrt." Ein erster Kandidat für die Nachfolge ist wurde dabei schon ausgemacht: "Übrigens sollte man sich mal die Personalie Hock anschauen, halte ich für Hochtalentiert und ist im Sommer mit seinem Trainerlehrgang fertig, der Mann weiß wie es ist mit wenig Geld viel zu machen… Und komplizierter als in der hessischen Hauptstadt kann es in Bremen nicht sein."

Marc Schürmann erwägt in der Financial Times Deutschland einen Tausch der besonderen Art: Er schlägt vor, "dass Thomas Schaaf Papst wird und der Papst Thomas Schaaf. Das ist nicht als Beleidigung gegen Schaaf gemeint, aber ich denke, den
Tausch würde in Bremen äußerlich niemand bemerken. Das ist ja der
Vorteil eines Vereins, dem die Medien nicht ganz so genau auf die
Finger schauen. Im Vatikan merkt sowieso niemand etwas." Für diesen Frevel droht Schürmann die sofortige Exkommunikation, inklusive Hausverbot im Fußballtempel an der Weser. Tipp: Weniger Weihwasser trinken!

Keine Anerkennung für die Beilschwinger

Dabei ist die Trainerdiskussion eigentlich überflüssig, denn schließlich hatte auch König Otto hier schwere Zeiten zu überstehen: "Ausgerechnet nach seiner größten Krise in der zwölften Saison bei Werder startete Rehhagel richtig durch und holte mit den Bremern noch drei Titel", schreibt Björn Knips in der Kreiszeitung. "Wenn das kein gutes Omen für seinen Lehrling Thomas Schaaf ist, der gerade in seiner elften Spielzeit als Chefcoach einen Absturz erlebt."

Schaafs Berufskollege Trainer Baade sieht das ähnlich und holt zu einem Rundumschlag gegen die geifernden Medien aus: "Da arbeitet ein Trainer, seit 10 Jahren lässt er erfolgreichen Fußball spielen, qualifiziert sich regelmäßig für die Champions League, immer international, und jetzt spielt er zum ersten Mal nicht international (obwohl das ja angesichts der zu erwartenden Schwächephasen des HSV, von Hoffenheim, Leverkusen und anderen leichten Toastbroten noch gar nicht klar ist), und da schwupps kommen sie aus ihren Löchern, den nur leicht schanzenbewehrten und schwingen ihr Beil, wie man es aus dem Boulevard kennt und hasst. Aber gleichzeitig gibt es überhaupt gar keinen Grund, diesem Beil auch nur überhaupt Anerkennung zu gewähren."

Vielleicht ist es für uns Werderfans am besten, den bisherigen Verlauf der Rückrunde komplett zu ignorieren und, wie Claudio Pizarros "Dolmetscher" Tommasi, noch einmal neu zu beginnen: "In Bremen schneite es viel und die Vorbereitungsfreundschaftspiele wurden mit wechseldem Erfolg absolviert, aber der Trainer sagte mir, dass dies nicht wichtig sei, wichtig sei am Samstag gegen Mönchengladbach, wenn es wieder um Punkte geht, da muss alles stimmen und er wäre jetzt auch ein bisschen müde."

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