Rückrundenvorschau 2015

Gestern Abend startete die Rückrunde mit einem fulminanten Spiel in Wolfsburg. Für Werder geht es jedoch erst morgen los, es bleibt also noch Zeit für eine Rückrundenvorschau. Eine Unterteilung in Taktik und Kader spare ich mir, erstens aus Zeitgründen und zweitens, da Skripnik darauf verzichtet hat, in der Winterpause ein anderes System als die Raute zu testen. Wir wissen also, was auf uns zu kommt.

Tor: Mehr Konkurrenz = bessere Leistung?

Das Theater im Tor wurde lang und breit diskutiert. Die Situation hat sich zur Hinrunde insofern nicht verändert, da Wolf weiterhin als Nummer Eins zwischen den Pfosten stehen wird. Da sich die Personalsituation dahinter jedoch komplett gedreht hat, stimmt das nur bedingt. Trotz der Bekenntnisse zu Wolf dürfte klar sein, dass Skripnik und Eichin mit seinen Leistungen in der Hinrunde nicht zufrieden waren. Casteels soll, anders als der nun verliehene Strebinger, Druck ausüben und für den Fall, dass Wolf weiterhin schwächelt, als kurzfristige Alternative dienen. Dass im Sommer mit Wiedwald ein Torwart verpflichtet wird, der Wolf als Stammspieler verdrängen soll, pfeifen die Spatzen von den Bremer Dächern. Husic dürfte ebenso wie Strebinger keine Rolle mehr spielen. Wenn die Nummer Drei ins vierte Glied versetzt wird und nicht mehr mit den Profis trainieren darf, dann ist das eine klare Ansage. Husic war Dutts Wunschspieler, nicht Skripniks. Seine Rolle wird in der Rückrunde von Zetterer eingenommen.

Wirklich zufriedenstellend ist die Situation im Tor weiterhin nicht. Da man Wiedwald (noch) nicht bekommen hat, war es unter den gegebenen Bedingungen aber wohl die sinnvollste Lösung. Casteels hat mich bislang wenig überzeugt, doch er verfügt im Gegensatz zu Strebinger und Husic über Bundesligaerfahrung und ist leistungsmäßig so dicht an Wolf, dass dieser unter erhöhtem Druck steht. Man versucht also, eine Situation wie in der letzten Saison zu schaffen, in der Hoffnung, Wolf wieder auf das damalige Niveau zu heben. Ob das funktioniert, ist fraglich. Der sehr defensive Stil unter Dutt kam Wolfs Spielweise sicher gelegen. In dieser Saison wird dem Torwart mehr abverlangt und Wolf ist den Beweis bisher schuldig geblieben, dass er auch ein mitspielender und vor allem antizipierender Torhüter sein kann. Ich hoffe trotzdem, dass Werders Führung mit ihrer Einschätzung richtig liegt und der Verein nicht aufgrund eines Torwartproblems absteigt.

Abwehr: Die Viererkette steht – aber steht sie endlich sicher?

Die Viererkette war unter Skripnik bislang fast eine Konstante. Rechts ist Gebre Selassie gesetzt, zumindest solange, bis Luca Zander wieder eine ernste Alternative ist. Marnon Busch kommt beim neuen Trainer nicht über die Rolle als Backup hinaus. Seine energetische, aber bisweilen etwas unkontrollierte Spielweise ist bei Skripnik auf der Außenbahn weniger gefragt, als bei seinem Vorgänger. In der Mitte waren Prödl und Gálvez gerade auf dem Weg, das Bremer Abwehrzentrum endlich in den Griff zu bekommen, als Prödls Verletzung einen Strich durch die Rechnung machte. Neuzugang Vestergaard dürfte vorerst Prödls Rolle einnehmen und scheint mir auch im Sommer als Nachfolger des Österreichers angedacht zu sein. Wann immer Prödl nicht gespielt hat, waren seine fehlende Präsenz in der Strafraumverteidigung und vor allem seine Kopfballdominanz deutlich zu sehen. Hier sollte Vestergaard Abhilfe schaffen können. Gálvez hatte eine schwache Vorbereitung, doch sollte weiterhin gesetzt sein, da die Konkurrenz ebenfalls schwächelt. Lukimya als Spielertyp neben Vestergaard mag ich mir ohnehin nicht vorstellen. Caldirola befindet sich im fortwährenden Formloch und soll eigentlich noch abgegeben werden.

Damit hätte Werder neben Gálvez aber gleich drei Abwehrspieler vom Typ “Kante”. Caldirola ist hingegen ein weitgehend unterschätzter Innenverteidiger. Seine Stärken liegen in völlig anderen Bereichen, als die seiner Konkurrenten. Er verteidigt vorausschauender (und damit meine ich nicht den “Alles-oder-Nichts-Zweikampf” an der Mittellinie) und alles in allem “italienischer” als seine Kollegen. Letzteres wird in Deutschland wenig geschätzt bzw. selten überhaupt erkannt. Nicht ohne Grund wurde der Erfolg italienischer Mannschaften hierzulande häufig auf “Glück” zurückgeführt. In der aktuellen Form kann Caldirola der Mannschaft tatsächlich nicht helfen. Doch warum sollte sich dies im Laufe der Rückrunde nicht ändern? Mit ihm als viertem Innenverteidiger wäre mir deutlich wohler als mit Lukimya, der aufgrund seiner Zweikampfstärke bei vielen als “konstant” gilt, obwohl bei ihm – abgesehen von seinen sonstigen Schwächen – die spielentscheidenden Fehler in großer Regelmäßigkeit auftreten (eine Form der Konstanz, die Werder den Klassenerhalt kosten könnte). Es mag für einen Abstiegskandidaten ein Luxusproblem darstellen, sich um den vierten Innenverteidiger Sorgen zu machen, doch wenn sich drei der vier Verteidiger nicht gut miteinander kombinieren lassen, entsteht automatisch eine Abhängigkeit von einem einzelnen Spieler. Ein Risiko auf einer problematischen Position.

Eine solche ist die des Linksverteidigers wieder geworden, nachdem das Problem letzte Saison schon gelöst schien. Garcia ist jedoch – ähnlich wie Busch – nicht der bevorzugte Spielertyp des Trainers. Zu überdreht, zu riskant ist seine Spielweise für Skripniks System. Unter Dutt kam ihm der Linksfokus noch sehr zugute. Als weit aufrückender Außenverteidiger hatte er durch die Überladungen mit Elia, Hunt, Junuzovic und/oder Obraniak viele Optionen für seine bevorzugten Doppelpässe. Nicht zuletzt wurde er auch gut von Caldirola abgesichert. In dieser Saison hatte er zunächst eine schwache Form und musste sich dann den veränderten Anforderungen durch den Trainerwechsel anpassen. Mit Sternberg hat er seitdem einen Konkurrenten, den wenige auf dem Zettel hatten und der in seinen beiden Bundesligaeinsätzen höchst unterschiedliche Eindrücke hinterlassen hat. Sein Debüt war gut, doch beim zweiten Einsatz war seine Leistung nicht bundesligareif. Solche Leistungsschwankungen muss man einem unerfahrenen Nachwuchsspieler zugestehen. Es würde mich daher aber wundern, wenn er Garcia schon in dieser Rückrunde verdrängen könnte. Nicht wenige forderten deshalb eine Neuverpflichtung für hinten Links. Angesichts der finanziellen Situation und der anderen Problemstellen im Kader, halte ich es aber für eine kluge Entscheidung, damit bis zum Sommer und somit auch Sternbergs Entwicklung abzuwarten.

Mittelfeld: Alternativlose Raute mit Anpassungen im Detail

Die Raute steht unter Skripnik nicht zur Debatte. Eine andere Formation wurde im Winter nicht eingeübt. Ein Fehler? Zumindest in der konkreten Auslegung ist Skripniks Raute sehr anpassungsfähig und hat uns in der Hinrunde von flachem 4-4-2 über einen 4-3-2-1 Tannenbaum bis zur Schaaf’schen flexiblen 4-1-2-1-2-Raute durchaus Abwechslung beschert. Das größte Problem, das ich bei einer Raute sehe, sind die sehr unterschiedlichen Anforderungen in Defensive und Offensive. Um die defensiven Vorteile nutzen zu können, müssen die Halbraumspieler sehr darauf bedacht sein, die Zwischenräume zu schließen, also bei gegnerischem Ballbesitz neben den Sechser zu rücken. Das bringt einige Probleme fürs Pressing mit sich. Unter Dutt haben die Achter meist sehr hoch agiert im Pressing, so dass die Formation zu einem 4-1-3-2 wurde, wodurch es im Zentrum große Lücken gab, wenn die Pressinglinie überspielt wurde. Bleiben die Achter hingegen tief, erhalten die gegnerischen Außenverteidiger meist viel Raum. Es entstehen eher schmale 4-3-3/4-3-1-2/4-3-2-1-Stellungen, die – die nötige Kompaktheit vorausgesetzt – den Gegner früh auf die Außenbahnen leiten sollen. Dies bringt aber Probleme im Umschalt- und Flügelspiel mit sich.

Offensiv liegt der große Vorteil der Raute in der nominellen Überzahl im Mittelfeld gegen fast alle anderen Systeme. Die Abstände können kurz gehalten werden, Seitenüberladungen werden vereinfacht und es ergeben sich interessante Passwege. Dazu ist es aber erforderlich, dass sich alle vier Mittelfeldspieler offensiv mit einschalten und flexibel agieren. Die daraus entstehende Unordnung hat weitreichende Konsequenzen gegen gut geordnete und schnell umschaltende Gegner, wie man bei Werder vor allem in den Jahren 2008-2012 schmerzhaft festgestellt hat. Skripnik hat bislang versucht, aus diesen beiden Elementen der Raute das beste herauszuholen (zuhause vor allem das offensive Potenzial, auswärts das defensive). Er hat es aber noch nicht geschafft, sie zu verbinden, was mit dem vorhandenen Personal auch nicht ganz einfach sein dürfte. Sein Pragmatismus als Trainer liegt eher darin, je nach Einschätzung der Ausgangslage eine von beiden Optionen zu wählen. Anders als Dutt ist er bislang allerdings kein Spezialist darin, im Spiel passende Umstellungen vorzunehmen. Nach dem Nordderby brachte ihm dies viel Kritik ein. Als jungem Trainer sollte man Skripnik eine gewisse Lernkurve jedoch zugestehen.

Über die Besetzung der Defensivpositionen im Mittelfeld habe ich mich vor ein paar Tagen schon ausgelassen. Ich halte es für einen Fehler, dass Werder im Winter keinen neuen Sechser verpflichtet hat. Das Warten auf Julian von Haacke wird noch eine Weile dauern, und wenn Werder bis dahin abgestiegen ist, nützt das auch nichts mehr. So geht Werder mit dem Trio Fritz – Bargfrede – Junuzovic in die Rückrunde. Spielerische Fortschritte erwarte ich mir davon nicht. Davor wird es interessant. Bartels ist ebenfalls gesetzt. Bei ihm stellt sich die Frage, ob er als Zehner oder zweite Spitze aufläuft. Ich denke, Skripnik wird hier wie in der Hinrunde je nach Gegner entscheiden. Mit Öztunali ist ein vielseitiger Offensivakteur hinzugekommen. Ich würde ihn zunächst eher auf der 10 oder im Angriff sehen als auf der Halbposition. Gleiches gilt für Aycicek. Beide verfügen über großes spielerisches Potential und sind gerade auch als Einwechseloptionen interessant, um z.B. auf Rückstände zu reagieren.

Angriff: Zwei Stürmer, aber welche Stürmertypen?

Es wäre zu schön gewesen, hätte Skripnik im Angriff endlich aus dem vollen schöpfen können. Obwohl mit Petersen und Elia zwei  Stürmer verliehen wurden, hatte man mit dem wieder genesenen Di Santo, Selke und Lorenzen gleich drei Spieler im Kader, die das Prädikat “echter Stürmer” tragen. Skripnik hätte also nicht mehr nur die Option, neben dem gesetzten Di Santo eine zweite Spitze (Selke, Lorenzen) oder einen Halbstürmer (Bartels, Hajrovic, Öztunali) zu bringen, sondern auch innerhalb dieser Optionen je nach Anforderung viel Auswahl gehabt: Lieber den beweglicheren und schnelleren Lorenzen oder den torgefährlicheren und körperlich robusten Selke? Durch Lorenzens erneute Verletzung entfällt diese Option nun leider fürs erste.

Derzeit scheint Selke im Rennen um den Startelfplatz die Nase vorn zu haben, wobei sein größter Konkurrent nicht etwa Bartels (der spielt sowieso) oder Hajrovic heißt, sondern Aycicek. Entweder Bartels hinter Di Santo und Selke oder Aycicek hinter Di Santo und Bartels lauten also die beiden Möglichkeiten für den Rückrundenauftakt. Selke hat mich gegen Dortmund zum ersten Mal richtig überzeugt. Es bleiben naturgemäß ein paar Zweifel, dass er solche Leistungen wiederholen kann, aber dass er überhaupt zu einer solch kompletten Stürmerleistung fähig ist, war eine wichtige Erkenntnis. Es wäre daher verständlich, ihn zunächst als Sturmpartner für Di Santo zu bevorzugen. Hajrovic wirkt nach wie vor nicht so richtig glücklich über seine Rolle als Backup für eine Position, die er nicht gerne mag (was ein schiefes Licht auf seine Verpflichtung wirft; die positionellen Vorstellungen dürften doch bei den Vertragsverhandlungen mal zur Sprache gekommen sein). Derzeit ist er maximal Stürmer Nummer 4, doch dank der unterschiedlichen offensiven Ausrichtungen und Lorenzens Verletzung hat er dennoch gute Einsatzchancen als Joker.

Im Gegensatz zu einigen anderen Positionen ist Werders Kader im Angriff so tief besetzt, dass der Ausfall von Lorenzen keinen unmittelbaren Bedarf nach Ersatz weckt. Selbst die Abhängigkeit von Di Santo konnte unter Skripnik (gezwungenermaßen) etwas aufgebrochen werden. In diesem Mannschaftsteil muss man sich personell keine großen Sorgen machen.

Trainer: Skripniks Etablierung

Sein Einstand war spektakulär und überzeugend. Die ersten Anpassungsprobleme bekam Skripnik ebenfalls in den Griff. 13 Punkte aus acht Spielen sind überzeugend, vor allem wenn man bedenkt, dass Di Santo in sechs dieser Spiele ersetzt werden musste. In der Rückrunde wird sich nun aber zeigen, wohin Werder mit Skripnik steuert. War es nur ein Zwischensprint aus dem ganz tiefen Keller, getrieben von Aufbruchsstimmung und begünstigt vom Spielplan? Mein Eindruck ist: Nein. Skripnik hat ein totes Team spielerisch wiederbelebt. Er hat durch den Einbau junger Spieler neue Hoffnung versprüht und ohne Geld auszugeben die Kaderbreite erweitert (wären die Abgänge von Petersen, Elia und Obraniak sonst in dieser Form möglich gewesen?). Nebenbei ist er in kürzester Zeit zur Identifikationsfigur des Vereins geworden, in einer Zeit, wo diese nur schwer zu finden sind.

Offene Fragen bleiben dennoch. Die größte davon ist die anhaltenden Defensivproblematik. Zu Beginn konzentrierte sich Skripnik vornehmlich darauf, die defensiven Lücken zu schließen. Gegen Mainz und Stuttgart gelang dies erfolgreich, gegen den HSV wurde es am Ende zum Verhängnis. Danach ging Werder in Heimspielen in den Angriffsmodus über, was immerhin sieben weitere Punkte einbrachte. Defensiv zeugen sechzehn Gegentore in acht Spielen jedoch weiterhin von einem großen Problem. Zu häufig sorgte eine Kombination aus individuellen Fehlern und strukturellen Defiziten bei der Absicherung eigener Angriffe für Probleme. Die Testspiele gegen Duisburg und Hannover ließen wenig Besserung erkennen. Meine Hoffnungen sind in der Hinsicht eher gering.

Skripnik wird Werder nicht zu einem Abwehrbollwerk machen müssen, um die Klasse zu halten. Er wird jedoch die Defensivabläufe deutlich verbessern müssen, wenn er mit Werder in Zukunft mehr erreichen will, als nur einen knappen Klassenerhalt. Das Argument, dass er trotzdem einen Punkteschnitt erreicht hat, der Werder hochgerechnet in die Nähe der Champions League Plätze bringen würde, lasse ich an dieser Stelle nicht gelten. Über einen kurzen Zeitraum lassen sich zwei Gegentore pro Spiel verkraften, aber nicht über eine ganze Saison. Es ist zwar wie ein Kampf gegen Windmühlen, aber es muss erneut gesagt werden: Werder hat unter Schaaf lange Zeit weniger Gegentore kassiert. VIEL weniger! Vereinzelte 5:4 Siege vernebeln das Gedächtnis vielleicht ein wenig, doch erst im Jahr 2007 begann der schrittweise Anstieg der Gegentore pro Saison. Stand heute hat sie sich verdoppelt.

Ich fordere allerdings nicht, dass Skripnik die Defensive zur alleinigen Priorität erklärt. Verbesserungen in der Offensive können ebenfalls zu einer geringeren Anzahl an Gegentreffern führen. Weniger Ballverluste in gefährlichen Zonen, mehr Ballbesitz und eine bessere offensive Raumaufteilung tragen dazu bei, die Defensive zu entlasten. Nicht alle Positionen scheinen mir jedoch so besetzt zu sein, dass kontrolliertes oder gar dominantes Ballbesitzspiel in der gegnerischen Hälfte möglich ist. Der noch immer krankende Spielaufbau dürfte sich mit Wolf, Prödl, Lukimya und Vestergaard, aber auch Garcia und Fritz kaum verbessern lassen (ganz zu schweigen von den Problemen, die eine hohe Abwehrkette ohne Gálvez dann nach sich ziehen würde). Skripniks wichtigster Job ist es daher, neben der spielerischen Entwicklung der Mannschaft auch die Defensivstrukturen zu verbessern. Es muss (hoffentlich) nicht gemauert werden, um die Klasse zu halten. Ich hoffe jedoch auch, dass Skripnik weiterhin pragmatisch genug bleibt, um im Zweifel mit 1:0-Siegen in der Liga zu bleiben, als mit Pauken, Trompeten und 80 Gegentoren abzusteigen.

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