Ruhe ist die beste Disziplin

Werder – Lech Posen 3:2

Das Thema Disziplin wird bei Werder seit geraumer Zeit immer wieder angesprochen. Bereits vor einem Jahr wurde die Disziplin innerhalb des Teams in Frage gestellt, als es vor allem um Carlos Alberto immer wieder zu Zwischenfällen kam. Auch nachdem der "Problemfall" Alberto nach Brasilien abgeschoben wurde, wurde es nicht ruhiger: Reihenweise rote Karten (6 in der letzten Saison und 3 weitere in dieser Hinrunde), das Theater um Diegos Olympia-Teilnahme, Verspätungen im Training (Diego) und zum Spiel (Almeida), um nur einige Beispiele zu nennen. Ist Werder Bremen im Jahr 2009 ein "Sauhaufen"?

Werders Führung verneint das, obwohl sie selbst die Disziplin des Teams zu Beginn der Vorbereitung auf die Rückrunde zum Thema gemacht hat. Man muss vermutlich wirklich trennen, zwischen der Disziplin auf und der neben dem Platz. Es gibt in der Geschichte des Fußballs unzählige Geschichten scheinbar disziplinloser Mannschaften, die – sobald sie auf dem Platz standen – eine eingeschworene und charakterstarke Truppe bildeten. Vermutlich kennt jeder, der mal aktiv Fußball gespielt hat, Geschichten von Spielern, die regelmäßig das Training schwänzten oder am Spieltag mit einem Alkoholpegel von George Best'schem Ausmaß antanzten – und dann im Spiel trotzdem die Besten auf dem Platz waren.

Im Profibereich lassen sich solche Verfehlungen nicht so einfach kompensieren, doch auch hier gibt es ähnliche Beispiele. Man kann also nicht unbedingt von einem Zusammenhang zwischen den Verfehlungen neben und den Leistungen auf dem Platz ausgehen. Zumindest nicht, wenn es um relativ harmlose Dinge wie Verspätungen beim Training geht.

Tatsache ist jedoch, dass Werder in der Öffentlichkeit als Sauhaufen dargestellt wird und daran, sagen wir es vorsichtig, auch nicht ganz unschuldig ist. Tatsache ist auch, dass in den Krawall- und Regenbogenmedien nicht differenziert wird und dass gerade dort nur auf den nächste Fauxpas eines Werderspielers gewartet wird. Das ruhige, beschauliche Vereinsumfeld vergangener Tage gibt es bei Werder nicht mehr. Eine normale Entwicklung für einen fünfmaligen Champions-League-Teilnehmer.

Man kann nun die überzogene, wahrheitsverzerrende Berichterstattung kritisieren wie man will. Besser wird die Situation dadurch für keinen Beteiligten. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass Werder momentan im Visier der Klatschblätter steht. Und es ist wichtig damit richtig umzugehen. Deshalb verstehe ich nicht, warum im Zuge von Diegos Alkoholfahrt überhaupt der Versuch unternommen wird, den schwarzen Peter den Medien zuzuspielen.

"Einsicht – Diego wehrt sich gegen überzogene Berichterstattung", hieß es am Montag auf werder.de. Einsicht klingt für mich anders. Es ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt für eine Medienschelte, so gerechtfertigt sie auch sein mag. Man darf die Außenwirkung dieser Geschichte nicht unterschätzen. Ziel muss es sein, die Angelegenheit zu beruhigen und das erreicht man in der jetztigen Situation am besten durch ein ruhiges und souveränes Auftreten.

Eine öffentliche Entschuldigung Diegos mag angesichts der Schwere des Vergehens überzogen erscheinen (ohne Alkohol am Steuer verharmlosen zu wollen), hätte Verein und Spieler in der öffentlichen Wahrnehmung aber genützt. Dazu vielleicht noch eine kleine Spende an eine Organisation für Opfer von Autounfällen etc. Das wären deutliche Zeichen von Einsicht. Ein deutliches Zeichen der Vereinsführung ist die Geldstrafe für Torsten Frings, wegen einer roten Karte, die unter anderen Umständen kaum für Aufsehen gesorgt hätte.

Überhaupt ist es bezeichnend, dass es ausgerechnet die Führungsspieler Frings und Diego sind, die in der Vorbereitung auffällig wurden. Werder hat in dieser Saison nämlich in erster Linie ein Führungsproblem auf dem Platz. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

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