Saisonvorschau – Der Trainer

Robin Dutt geht in seine zweite Saison als Werders Cheftrainer und die Vorzeichen sehen besser aus als noch vor einem Jahr. Werder hinterlässt in diesem Sommer nicht mehr den Eindruck eines Vereins, der alles auf den Kopf stellen muss, um die Negativentwicklung der letzten Jahre umzukehren. Es hat sich langsam ein Fundament herausgebildet, auf dem nun aufgebaut werden soll. Vieles wirkt eingespielter, auf und neben dem Rasen. Dementsprechend werden langsam auch die Ziele offensiver formuliert. Daran ändert auch der schwer zu kompensierende Abgang von Aaron Hunt nichts. Nicht mehr der Kampf ums reine Überleben steht im Mittelpunkt, sondern der nächste Entwicklungsschritt, der gemacht werden und an dessen Ende möglichst ein einstelliger Tabellenplatz stehen soll.

Vom Basisarbeiter zum Entwickler

Durch diese veränderte Maßgabe ändert sich auch die Rolle des Trainers. In der letzten Saison wurde immer wieder betont, dass vor allem an den “Basics” gearbeitet werden müsse. Das Team war zwischenzeitlich so verunsichert, dass selbst einfache fußballerische Abläufe nicht mehr funktioniert haben. Der Aufbau einer eigenen spielerischen Identität war zu dieser Zeit noch sehr weit weg. Dies änderte sich im letzten Saisondrittel, als Werder dem Klassenerhalt immer näher kam und Dutt sowohl eine feste Formation als auch eine mehr oder weniger feste Startelf gefunden hatte. Auch wenn in jener Phase nur in Ansätzen schöner Fußball von Werder zu sehen war, konnte man immerhin einen Plan erkennen, wie Werder das eigene Spiel aufziehen wollte. Man könnte auch sagen: Spieler und Trainer haben zusammengefunden.

In dieser Saison stellt sich die Situation anders dar. Dutt und seine Co-Trainer haben sich inzwischen gut im Verein akklimatisiert, kennen die Stärken und Schwächen der Spieler besser und können auf ein etabliertes Mannschaftsgerüst zurückgreifen. Ist also damit zu rechnen, dass Werder in der kommenden Saison vielleicht nicht nur einen sondern sogar zwei Schritte vorwärts (sprich: in Richtung Europa League) macht? Ausschließen muss man diese Möglichkeit nicht, doch es wäre vermessen darauf zu setzen. Zu viele Faktoren müssten dazu zusammenkommen, die sich vor der Saison schlecht prognostizieren lassen.

Unwägbarkeiten und Kadertiefe

Werders Kader ist auf den ersten Blick breit aufgestellt, auf den zweiten Blick lassen sich einige Positionen erkennen, auf denen es mit der Kaderdichte nicht allzu weit her ist, bzw. in denen Werder auf deutliche Leistungssteigerungen der Protagonisten angewiesen ist. Zu nennen wären hier die Außenverteidiger-Positionen, auf denen nur zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung zur Verfügung stehen und mit Marnon Busch und Luca Zander zwei hoffnungsvolle Talente dahinter warten. Nicht ganz so eng sieht es im offensiven Mittelfeld  und im Angriff aus, doch auch dort ist die Personaldecke an gestandenen Bundesligaprofis noch dünn. Es braucht wohl nicht viele Verletzungen und Werders Ersatzbank besteht zu 50% aus Nachwuchsspielern. Das muss selbstredend kein Nachteil sein, kann sich im Gegenteil sogar als Glücksfall für den Verein erweisen, wenn Spieler wie Aycicek oder Kobylanski den nächsten Entwicklungsschritt machen. Wenn dieser jedoch ausbleibt – diese Gefahr besteht bei jungen Spielern nun einmal – hätte dies vermutlich größere Auswirkungen auf Werders Saison als bei anderen Vereinen.

Die Stärke der Konkurrenz ist ebenfalls ein Punkt, der eine allzu optimistische Prognose verhindert. Die Teams, die sich mit Werder beim Kampf um die gesicherten Mittelfeldplätze auf Augenhöhe befinden sollten, haben fast alle mehr Geld in ihren Kader investiert als Werder. Bleibt zu hoffen, dass Werder cleverer investiert hat als viele von ihnen und somit dennoch konkurrenzfähig bleibt. Hinter den 5-6 großen Teams, die die internationalen Plätze wohl unter sich ausspielen werden, gibt es eine große Gruppe an Vereinen, die sich um die Plätze 7-16 streiten. Klare Abstiegskandidaten lassen sich diese Saison kaum festmachen. Es dürfte also wieder mal auf Kleinigkeiten ankommen, die den Unterschied zwischen einem gesicherten Mittelfeldplatz und einer Saison in latenter Abstiegsgefahr ausmachen. Um eine realistische Chance auf Platz 9 zu haben, wird Werder ungefähr 45 Punkte benötigen. Das mag nicht wie ein großer Schritt erscheinen, ist in einer Liga mit hoher Leistungsdichte in den unteren zwei Dritteln jedoch auch kein Katzensprung. Voraussetzung dafür ist es, die taktische und spielerische Lücke zu Vereinen wie Mainz oder Augsburg zu schließen.

Defensive und offensive Problemfelder

Die Sorgen um die Defensive sind trotz der erneut viel zu großen Anzahl an Gegentoren etwas geringer geworden. Das liegt zum einen an der geänderten Verteilung der Gegentore: Ein knappes Drittel aller Spiele ging “zu Null” aus, was für Werder in der letzten Saison essentiell für den Klassenerhalt war: In diesen Spielen holte Werder 24 Punkte. Zum anderen liegt es daran, dass Werder den Gegentorschnitt im Verlaufe der Saison deutlich senken konnte. An den letzten 14 Spieltagen gab es 21 Gegentore, also nur noch 1,5 pro Spiel, während Werder an den 20 Spieltagen davor 45 Gegentore kassierte (2,25 pro Spiel).* Der Trend zeigt zumindest in die richtige Richtung und man darf davon ausgehen, dass Werder in der kommenden Saison die Zahl der Gegentore deutlich unter 60 senken kann.

Auch wenn Robin Dutt die Anzahl der Gegentore als Hauptproblem ausgemacht hat, war auch die Anzahl der geschossenen Tore nicht zufriedenstellend: 1,24 Tore schoss Werder pro Spiel, nur vier Teams erzielten weniger – zwei davon stiegen ab. So war man sehr davon abhängig, die Null zu halten. Schaffte man dies nicht, war die Siegwahrscheinlichkeit sehr gering (lediglich drei Spiele mit Gegentor wurden gewonnen). Zwar wurde Werder im letzten Saisondrittel langsam torgefährlicher, doch ist man hier noch nicht auf einem Niveau angelangt, das ausreicht, um einen einstelligen Tabellenplatz anpeilen zu können. Deshalb gilt es nicht nur, die Entwicklung fortzusetzen (was durch Hunts Abgang ohnehin nur begrenzt möglich ist), sondern neue spielerische Elemente in Werders Spiel zu integrieren. Es ist zu begrüßen, dass weiterhin viel Wert auf das Gegenpressing gelegt wird, doch auch das eigene Passspiel sollte verbessert werden. Die extreme Linkslastigkeit und die vielen hohen Bälle in der Spieleröffnung dürften nach und nach weniger werden, wenn Werders Ballrotation im Mittelfeld sicherer wird. Ganz entscheidend wird zudem sein, wie das Team die eigene Torgefahr erhöhen kann. Der Kader ist nicht unbedingt gespickt mit Spielern, denen man eine zweistellige Torausbeute zutraut (der einzige Spieler im Kader, der dies überhaupt je geschafft hat, ist meines Wissens Nils Petersen).

Zwischen Nachwuchsförderung und Mannschaftsentwicklung

Die Torgefahr muss somit auf mehrere Schultern verteilt werden, bzw. die vorhandenen Waffen der Spieler gilt es besser auszunutzen. Wie bringt man besipielsweise Hajrovic möglichst oft in gute Schusspositionen in Strafraumnähe, aus denen er mit seinem starken linken Fuß abschließen kann? Wie nutzt man die Kopfballstärke von Prödl, Galvez, Caldirola und Garcia bei Standards geschickt aus? Kann Di Santo neben einem spielstarken zweiten Stürmer noch ein Goalgetter werden? Diese und einige andere Fragen wird sich Dutt im Sommer gestellt haben. Die Testspiele deuten schon an, dass sich Werders Spielanlage etwas geändert hat und weniger reaktiv ist als letzte Saison. Die ersten Pflichtspiele werden zeigen, ob sie auch unter Druck funktioniert oder der Coach erneut umdenken muss. Dutt ist bekanntlich ein sehr pragmatischer Trainer, was in der letzten Saison ein klarer Vorteil war. In dieser Saison muss er zeigen, dass er die Entwicklung seiner Mannschaft vorantreiben kann.

Von vielen wird Dutt daran gemessen, ob er es schafft, möglichst viele Nachwuchsspieler ins Team zu integrieren. Für mich ist dieses Thema nicht unwichtig, aber im Vergleich zu anderen Aufgaben doch etwas nachrangig. Werders Jugendarbeit krankt(e?) an vielen Stellen und nur der letzte Schritt davon ist die Integration von Talenten in die Profimannschaft. Dutt kann letztlich nur integrieren, was er aus dem Jugendbereich geliefert bekommt und hier klafft gelegentlich eine größere Lücke zwischen der allgemeinen Begeisterung für einen talentierten Jungspieler und dessen tatsächlicher Leistungsstärke. Der Trainer muss seinen gesamten Kader im Blick behalten und die Spieler individuell wie mannschaftlich weiterentwickeln. Die Viererkette kann hier als Beispiel dienen, wie dies aussehen kann: Durch eine veränderte Taktik wurde zunächst der Druck von den spielerisch nicht überragenden Akteuren genommen, so dass diese sich voll auf ihre Stärken konzentrieren konnten. Dies dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass sich Prödl und auch Lukimya im letzten Jahr so sehr steigern konnten. Und ohne Spieler wie Luca Caldirola von außen hinzuzukaufen und in Bremen zu entwickeln wird es auch zukünftig nicht gehen, denn ich kann mich an keinen Innenverteidiger von vergleichbarer Qualität erinnern, den Werders Nachwuchs in diesem Jahrtausend hervorgebracht hätte.

In diesem Jahr steht Dutt in der Offensive vor einer ähnlichen Aufgabe. Auf der Suche nach einer spielerischen Identität muss er die richtige Zusammensetzung seiner Offensivabteilung finden, dabei Spieler wie Obraniak und Hajrovic (und eventuell Ruiz) integrieren und gleichzeitig das Leistungsvermögen der Nachwuchsleute richtig einschätzen. Dabei geht er bislang ebenfalls den pragmatischen Weg: Ein Nachwuchsspieler muss besser sein als sein Konkurrent, nur dann spielt er. Nach Talentförderung ihrer selbst Willen klingt das nicht unbedingt. Dieser Punkt unterstreicht, dass Werder noch nicht auf dem Status etwa eines SC Freiburg angekommen ist, der notfalls auch mal ein Jahr in die zweite Liga gehen kann, um mit einer neuen Generation Talente zurückzukehren. Dutt steht unter größerem Ergebnisdruck und muss im Einzelfall abwägen, ob es sich lohnt, einem Nachwuchsspieler längere Einsatzzeiten zu geben, wenn dafür ein aktuell besserer Profi draußen bleibt. Denn nicht ohne Grund wird im Verein immer wieder betont, dass es ein Ziel ist, zukünftig ein Drittel des Kaders aus dem eigenen Nachwuchs zu beziehen. Das dürfte jedoch weniger Dutts Maßgabe für die aktuelle Saison sein als ein langfristiges Ziel für den gesamten Verein. Die jüngsten Entwicklungen der U23 wecken Hoffnung, dass der Verein sich langsam in die Richtung bewegt.

* Der Vergleichszeitraum ist natürlich etwas willkürlich, doch ich habe den Schnitt bewusst zu der Zeit gemacht, da Dutts taktische Marschroute in der Rückrunde langsam zu greifen begann.

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