Schuld sind Borowski und die WM

Bundesliga, 4. Spieltag: Werder Bremen – Mainz 05 0:2

Wo fangen wir an? Wo hören wir auf? Wenn man so will hat Werder alle im Spiel gegen Tottenham aufgezeigten Probleme mit in dieses Spiel genommen und dem noch eine gehörige Portion Lethargie und doppelte Linksfüßigkeit hinzugefügt. Es ist für einen Trainer nicht leicht, wenn seine Spieler sich als lernresistent erweisen. Leider erweist sich jedoch auch der Trainer als lernresistent und destabilisiert ohne Not die eigene Mannschaft.

One of these days…

War es einfach nur einer dieser Tage, an denen nichts läuft, egal was man auch versucht? Anzeichen dafür gab es einige. Auf dem nassen und vom Dienstag noch stark beschädigten Rasen ist das Kombinationsspiel schon schwierig genug. Wenn dann noch vornehmlich lange Bälle in den Lauf gespielt werden, wird die Erfolgsaussicht noch geringer. Trotzdem erklärt das nicht dieses grauenhafte Fehlpassfestival, das Werder über die gesamte Spieldauer ablieferte. Entweder der gewählte Pass war falsch oder der Pass wurde ungenau gespielt oder der Empfänger bewegte sich in eine andere Richtung oder er rutschte weg oder der Ball sprang ihm fünf Meter vom Fuß oder bei der Ballmitnahme ging etwas schief. Man kann schon fast froh sein, dass sich kein Spieler dabei ernsthaft verletzte.

In dieser Hinsicht war gestern jeder einzelne Werderspieler schlecht. Wenn man sich aber die spieltaktischen Aspekte der Partie anschaut, dann kann einem Angst und Bange werden. Das hat nichts mehr mit Tagesform oder haste Scheiße am Fuß… zu tun, das sind ganz grundlegende Defizite. Spielaufbau durch die Mitte, eigentlich eine der Bremer Stärken, fand kaum statt. Fast immer wurde der Ball über die Außenverteidiger und dann die Linie entlang in den Lauf gespielt. Die Erfolgsquote dabei war erschreckend gering. Bereits Mitte der ersten Halbzeit stellte Werder von 4-2-3-1 auf Raute um und holte sich dadurch die Probleme der ersten 30 Minuten gegen Tottenham selbst zurück ins Haus. Marko Marin wird in diesem Leben kein Spielmacher mehr und auf der Halbposition der Raute, die er im Wechsel mit Hunt gelegentlich einnahm, ist er erst Recht auf verlorenem Posten. So verkam Werders Raumaufteilung wieder einmal zu einem unfreiwilligen 4-3-3, in dem das Zentrum verwaiste und den Mainzern viel Platz für Spielaufbau und das Einleiten schneller Angriffe überließ.

Drei Angriffe entscheiden das Spiel

Fußball ist und bleibt ein eigenartiger Sport. Zehn Minuten nach dem Seitenwechsel hatte Werder in Gestalt von Tim Borowski die große Chance zur – völlig unverdienten – Führung, die jedoch relativ kläglich vergeben wurde. Das gellende Pfeifkonzert gegen Borowski bei seiner Auswechslung war dennoch unangebracht und wirkte angesichts der Leistungen der Teamkollegen ziemlich beliebig. Das Bremer Publikum sucht sich nun mal gerne einen Sündenbock aus der eigenen Mannschaft. Würden Marin oder Almeida jemals so ausgepfiffen, egal wie sie gespielt haben?

Im direkten Gegenzug nach der Großchance machten die Mainzer es besser und trafen zum 0:1. Ein wenig Aufbäumen war in der Folge schon zu spüren, doch um den vielgerühmten Schalter umlegen zu können, braucht es wenigstens kleine Erfolgserlebnisse. Die gab es auf Bremer Seite nicht. Stattdessen konterten die Mainzer und erhöhten durch den eingewechselten Schürrle auf 0:2. Das Tor kann sich Thomas Tuchel ans Revers heften, der den Spieler kurz nach der Führung für Szalai ins Spiel gebracht hatte. Am Ende der Fehlerkette standen Pasanen, der sich weit aus der Viererkette gelöst hatte, Silvestre, der auf Abseits spekulierte sowie Prödl und Fritz, die Abseits reklamierten und Schürrle nicht mehr beim Torschuss behindern konnten.

Spielerisch und taktisch zweitklassig

Schaaf reagierte mit einem etwas verzweifelt wirkenden Dreifachwechsel, brachte Wagner für den indisponierten Arnautovic, Wesley für Borowski und Bargfrede für Pasanen. Torsten Frings rückte in die Innenverteidigung. Am Spiel änderte dies wenig, denn die Mainzer blieben weiterhin die spielbestimmende Mannschaft. Lediglich ein Freistoß führte noch zu einem Lattentreffer von Wagner, doch insgesamt kam von Werder viel zu wenig, um noch ernsthaft an eine Aufholjagd glauben zu können. Mainz siegte verdient und Werder muss sich fragen, ob man den eigenen Ansprüchen derzeit gerecht werden kann. Spielerisch war das nicht bundesligatauglich und wann musste man dies dem Team von Thomas Schaaf schon einmal attestieren? Die Tabelle ist nach vier Spieltagen noch nicht wirklich aussagekräftig, aber vielleicht sollte man sich langsam damit auseinandersetzen, dass Werder ohne Özil, ohne Pizarro, ohne Naldo und ohne Mertesacker möglicherweise nur Bundesligadurchschnitt ist.

Solange Werder sich mannschaftlich so unausgegoren präsentiert, wird sich daran auch nichts ändern. Gestern spielte man weitgehend aneinander vorbei: Hunt und Borowski versuchten das Spiel mir Direktpässen schnell zu machen, Marin probierte es lieber mit Dribblings und hielt den Ball lange und Almeida legte hohe Bälle auf nicht vorhandene nachrückende Spieler ab. Anstatt die Stärken der Nebenleute auszunutzen summierten sich die Schwächen. Es ist bezeichnend, dass in Silvestre ausgerechnet der Spieler mit der höchsten Fehlpassquote (ganze 31 seiner 82 Pässe gingen ins Leere) die meisten Ballkontakte hatte.

Am Dienstag geht es bereits weiter und die Mannschaft kann beweisen, dass es sich doch um einen Ausrutscher handelte. Ausreden gibt es dann keine mehr, obwohl… machen wir es wie die Bayern: Schuld ist die WM! Bei der kurzen Vorbereitung kann man ja noch keiner Wunderdinge erwarten. Und wenn Pizarro erst wieder fit ist, kann uns sowieso niemand mehr aufhalten!

Optimist müsste man sein.

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    4 Gedanken zu „Schuld sind Borowski und die WM

    1. “vielleicht sollte man sich langsam damit auseinandersetzen, dass Werder ohne Özil, ohne Pizarro, ohne Naldo und ohne Mertesacker möglicherweise nur Bundesligadurchschnitt ist.”

      Das will ich mir nicht eingestehen. Man hat gegen Bayern und Tottenham jeweils ohne Pizza, Özil und Naldo Unentschieden gespielt.

      Silvestre hat leider schon bei Arsenal sehr viele individuelle Fehler gemacht.

      Es war bei diesem Spiel gegen Mainz die Einstellung. Man ist nicht die Wege gegangen, die weh tun, sondern hat es, wie Allofs so schön formuliert hat, routiniert im schlechten Sinne heruntergespielt.

      Ich würde die Flinte nicht ins Korn werfen. TS wird mit der Mannschaft an den Fehlern und vor allem der Einstellung arbeiten und es geht wieder bergauf.

      p.s.: Als ich heute gesehen habe, wie Marcell Jansen gegen Pauli die Linie lang gesprintet ist und eine schöne Flanke geschlagen hat, habe ich mir gewünscht, wir hätten uns den damals geholt…

    2. Pingback: Einstellungssache
    3. @Stefan: “Man hat gegen Bayern und Tottenham jeweils ohne Pizza, Özil und Naldo Unentschieden gespielt.” Genau da liegt das Problem: Es braucht den großen Gegner und häufig auch einen Rückstand, um das eigene Potenzial auszuschöpfen. Gegen die Bayern reicht es momentan, wenn man 90 Minuten lang konzentriert gegen den Ball arbeitet und ab und zu für Entlastung sorgt. Das hat Werder sehr gut umgesetzt. Aber warum spielt man nicht häufiger so? Weil es dann kein Torfestival gibt. Gegen Tottenham hätte man taktisch so auftreten sollen wie gegen Bayern, dann wäre man mit Sicherheit nicht so unter die Räder gekommen. Wenn man DANN noch so umschalten kann, wie Werder in der zweiten Halbzeit, gewinnt man solche Spiele.

      Werder bringt sich einfach zu oft selbst in aussichtslose Situationen und muss dann mit viel Aufwand zurückkommen. Da macht sich das Fehlen der Leistungsträger noch mehr bemerkbar. Flinte ins Korn werfen sollte man natürlich nicht, aber die Spiele vielleicht häufiger so angehen, als ob der Gegner gleichwertig ist.

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