Schuldner

1. FC Köln – Werder Bremen 3:0

Das Zarte Pflänzchen Hoffnung ist nach nur einem Spiel komplett zertrampelt, entwurzelt und entsorgt worden. Mit einer spielerisch und kämpferisch desolaten Vorstellung setzt sich Werder im Abstiegskampf fest und hinterlässt nachhaltig den Eindruck, diesem nicht gewachsen zu sein.

Keine Aussicht auf Rückzahlung

Der Kredit ist aufgebraucht, nicht erst seit gestern. Die Erfolge der letzten Jahre und all die schönen Momente, die Thomas Schaafs Werder den Fans gegeben hat, täuschen nicht mehr über den desaströsen Zustand dieser Mannschaft hinweg. Inzwischen ist nicht nur der Kredit verspielt, sondern bereits ein hübsches Sümmchen neuer Schulden hinzugekommen. Wie diese Schulden abgegolten werden sollen, ist ähnlich unklar wie bei Vater Staat. Werder bräuchte dringend einen Bailout.

Mehr als das Minimalziel Klassenerhalt kann und will man von dieser Mannschaft nicht mehr erwarten. Ob sie dieses Minimalziel erreichen wird, scheint derzeit fraglicher denn je. Nachdem man vor einer Woche noch die katastrophalen Eindrücke aus dem Trainingslager in Belek etwas beiseite wischen konnte, folgte gegen erstaunlich mutige Kölner ein Rückschritt, der in dieser Form überraschend und erschütternd zugleich war. Von der ersten bis zur letzten Minute fand die Mannschaft keinen Weg ins Spiel und so war das 0:3 am Ende noch ein recht schmeichelhaftes Ergebnis für Werder. Eine Fehleranalyse erübrigt sich fast, wenn ein Team so kollektiv die individuellen Aufgaben jedes einzelnen Spielers vernachlässigt. Individualtaktische Fehler und nicht vorhandene Einsatzbereitschaft können weder durch die taktische Ausrichtung, noch durch eine vermeintlich höhere individuelle Klasse der Spieler ausgeglichen werden.

Drei Fragen an den Gegner statt Fehlersuche

Ich bin nicht bereit, mich mit diesem Spiel darüber hinaus auseinander zu setzen. Mit dem Wort Arbeitsverweigerung bin ich vorsichtig, aber gestern hatte ich nicht den Eindruck, dass sich die Spieler ihrem Verein und den Fans gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet fühlten, eine wie auch immer geartete Leistung abzuliefern. Es war eine Nicht-Leistung. Wo keine Leistung ist, braucht man auch nichts zu bewerten.

Ich habe stattdessen ein kurzes Interview mit dem Spielebeobachter geführt und ihm drei Fragen zum Spiel seiner Kölner gestellt:

Ich nehme an du bist genauso schockiert wie ich über das Ergebnis. Gab es vor dem Spiel Grund zur Annahme, dass Köln das Spiel so klar gewinnen könnte?

Sagen wir mal so: Wäre dies das erste Spiel der Rückrunde gewesen, wäre der “Schock” kleiner. Die Wintereinkäufe des Effzeh lesen sich gut, es scheint ein Zusammenrücken der Mannschaft gegeben zu haben, Frank Schaefers Arbeit trägt langsam Früchte. Allerdings war der Rückrundenauftakt gegen Kaiserslautern wieder ein Rückschritt und liess befürchten, dass es wohl doch nichts mit dem neuen Gesicht der Mannschaft werden würde. Dazu noch die vielen Ausfälle – ein solch klarer Sieg war wahrlich nicht zu erwarten.

Was hat dich mehr überrascht: Dass der Effzeh von Anfang an so konzentriert und mutig gespielt hat, oder dass Werder nach dem Sieg gegen Hoffenheim über 90 Minuten so harmlos agieren würde?

Ich habe leider nur Ausschnitte des Spiels sehen können, dies vorweg. Dass der Effzeh zu Hause versuchen würde, die von Schaefer eingeforderte höhere Aktivität besser auf den Platz zu bringen als gegen den FCK, überraschte nicht. Dass dies über 90 Minuten gelang (jedenfalls nachdem was ich sah und las), schon eher, häufig gab es in der 2. Halbzeit einen mentalen Einbruch. Die vollkommende Harmlosigkeit Werders hab ich so sicher nicht erwartet. So jedenfalls schlittert Werder dem Abstieg entgegen.

Köln hat nun einen guten und wichtigen Schritt nach vorne gemacht. War das ein Strohfeuer oder glaubst du, dass es eine richtige Entwicklung gibt und die Mannschaft auf der Leistung aufbaut und sich unten herauskämpft?

Irgendwo dazwischen vermutlich: Es gibt eine positive Entwicklung und dieser Sieg wird sicher helfen, sich spielerisch weiter zu entwickeln. Aber die Wintereinkäufe könnten in der Tat der Mannschaft zu mehr Stabilität im Defensivbereich und mehr Kreativität im Offensivbereich verhelfen. Aber niemand kann erwarten, dass das jetzt so weitergeht, Rückschläge werden sicher kommen. Ob es am Ende reicht – knappe Geschichte das.

Vor dem Hinspiel: 3 Fragen zum 1. FC Köln

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    4 Gedanken zu „Schuldner

    1. Ich würde denken, noch zwei solche Spiele diese Saison und Schaaf tritt im Sommer zurück. Jeder dieser Auftritte ist doch eigentlich eine Demontage an dem, was Schaaf in Bremen geschaffen hat, das kann er sich eigentlich nicht mehr lange angucken.
      Bei mir hat inzwischen ein Umdenken insofern stattgefunden, dass ich nicht mehr Schaaf als das zentrale Probelm sehe, mit seinen über die Jahre eingeschliffen und inzwischen nicht genügend aufgefrischten Arten und Weisen, sondern eher die Schuld bei der Mannschaft sehe. Das ist (in der Form) nicht meine Mannschaft. Dumm nur, dass man an dem Verein hängt, aber dieser Verein hat im Moment keine Mannschaft, die es wert wäre mit Unterstützung in Vorleistung zu treten.
      Hertha war unglücklich und irgendwann verkrampft, abgesehen von vercoacht, diese Mannschaft ist viel schlimmer, weil sie einfach nur erbärmlich schlecht bis hin zu gar nicht spielt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mal sowas schlechtes in der Bundesliga gesehen habe. Köln wie Real Madrid aussehen lassen, überhaupt keinen Zugriff auf Ball und Spiel zu kriegen, dass muss man erstmal hinkriegen.
      Immer noch, wenn auch etwas wortreicher als gestern abend, fassungslos.

    2. So sehe ich das auch Andre. Schaafs Fassungslosigkeit auf der PK nach dem Spiel sagt eigentlich alles. Bei der Mannschaftsleistung kann ich ihm einen Rücktritt nicht verübeln. Für ihn täte mir ein Abstieg Werders auch mehr leid, als für die Spieler, die am Sonnabend auf dem Kölner Rasen herumgestolpert sind.

    3. Ich habe mich auch immer gegen Aussagen gewehrt, die einen Neuanfang in Form von Trainerentlassung, totaler Umstellung der Mannschaft, oder Ähnlichem gefordert haben. Werder hatte doch bisher immer gezeigt, dass Kontinuität und solides Arbeiten der besten Zutaten sind, um aus Krisen gestärkt hervorzugehen.

      Aber jetzt ist Schluss, die Mannschaft wirkt in gleichem Maße leblos, wie Schaaf ratlos. Es muss jetzt leider doch ein Zeichen gesetzt werden, um diesen Haufen aufzurütteln. Möglichkeit 1: Die übliche Trainerentlassung. Möglichkeit 2: Schaaf muss sich neu erfinden und ganz anders durchgreifen. Was erlauben Frings?! Wie kann man als Kapitän die Einstellung kritisieren und selbst so eine Schluffileistung abliefern? Nach dem Spiel kann er eigentlich nur als Kapitän zurücktreten. Vielleicht sollte in einer Situation, in der der Torwart der einzige ist, der Konstanz zeigt und sich wehrt, dieser auch Cpt. sein.
      Was erlauben Hunt?! Hunt kann nichts dafür, dass er eine Rolle ausfüllen soll, die nicht für ihn gemacht ist. Aber ein bisschen mehr Kampf könnte er schon zeigen. Dieses Huntgebashe ist Unsinn, er ist keine Krücke, aber momentan gehört er einfach nicht auf den Platz. etc. etc. Es fehlen zwar auch Alternativen, aber so geht es einfach nicht.

      Da Allofs vernünftige Neueinkäufe leider wieder versäumt hat, muss man sehr viel Hoffnung auf die Rückkehr von Wesley setzen. Er war in der Hinrunde sicher nicht ohne Fehler, man hatte aber immerhin den Eindruck, dass er sich nicht von der Stimmung anstecken lässt.

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