Sergio Busquets – der moderne Frank Baumann

Wer ist der Spieler dieser Saison?

Es fällt einem natürlich sofort Weltfußballer Lionel Messi ein, der mit seinen 52 Pflichtspieltoren in dieser Spielzeit fast genauso oft getroffen hat, wie die gesamte Startelf von Manchester United heute Abend zusammen. Es fällt einem Cristiano Ronaldo ein, der die Gerd Müller Marke von 40 Ligatoren in 34 Spielen egalisierte. Es fällt einem Xavi Hernandez ein, das Herz des Spiels des FC Barcelonas. Es fällt einem Andres Iniesta ein, seinem kongenialen Partner im zentralen Mittelfeld. Es fallen einem überhaupt viele Barca-Spieler ein, doch mein Spieler der Saison wird kaum genannt werden.

Sergio Busquets steht bei Barcelona im Schatten von Xavi und Iniesta, den Kreativen, den Spiellenkern. Er füllt im Dreiermittelfeld den defensiven Part aus und hat selten spektakuläre Aktionen in der Offensive. In einer Zeit, in der moderne, spielstarke 6er wie Bastian Schweinsteiger, Xabi Alonso oder Nuri Sahin mehr denn je Anerkennung für ihre Spielweise bekommen, ist der 6er der besten Vereinsmannschaft der Welt nur eine Randnotiz. Messi, Villa, Xavi, Iniesta, Dani Alves, Pique – das ist die absolute Weltklasse auf ihren jeweiligen Positionen. Busquets scheint da nur reingerutscht zu sein, weil gerade kein passenderer Spieler zur Hand war.

Dabei liest sich die Erfolgsbilanz des 22-Jährigen beeindruckend: In seiner ersten Saison wurde er Meister, Pokalsieger und Champions League Sieger mit Barcelona und gewann kurz darauf auch die Club-WM. Im folgenden Jahr gewann er seine zweite Meisterschaft und wurde mit Spanien im Sommer Weltmeister. Nun ist er wieder spanischer Meister und steht erneut im Finale der Champions League. Viel mehr kann man in drei Jahren als Fußballprofi nicht erreichen. Noch beeindruckender wird die Bilanz jedoch, wenn man bedenkt, dass Busquets diese Titel nicht als Randfigur gewonnen hat, sondern als Stammspieler. 2008/09 setzte er sich gegen Yaya Touré durch und stand im Finale der Champions League sowie im Pokalfinale in der Startelf. Seitdem ist er unumstrittener Stammspieler bei den Katalanen. Daran änderte auch die Verpflichtung von Javier Mascherano im letzten Sommer nichts. Bei der WM 2010 war er ebenfalls Stammspieler, spielte neben Xabi Alonso in der Doppelsechs.

Selbstverständlich hat Busquets Glück gehabt, bei der besten Vereins- und Nationalmannschaft der Welt spielen zu dürfen. Dennoch ist es alles andere als selbstverständlich, sich auf diesem Niveau als junger Spieler gegen denkbar große Konkurrenz auf Anhieb durchzusetzen. Von seinen Mitspielern wird er über den grünen Klee gelobt. Sein Konkurrent Mascherano, einer der besten 6er der Welt und mit seinen 26 Jahren ein gutes Stück erfahrener, bezeichnete Busquets kürzlich als “perfekten Spieler”. Er selbst schaue ihm zu und versuche von ihm zu lernen. Xavi bescheinigte ihm das beste One-Touch-Passspiel der Welt. Immer wieder wird sein gutes Auge genannt und seine fast fehlerlose Passquote. Doch warum fällt Busquets dann kaum auf?

Zum einen liegt es natürlich daran, dass Xavi und Iniesta vor ihm spielen. Barcelona hat bereits so viel Kreativität im zentralen Mittelfeld, dass von Busquets weit weniger in dieser Hinsicht verlangt wird. Die Genialität in Busquets Spielweise liegt daher in ihrer Einfachheit. Busquets tut alles, was ein moderner 6er in einem 4-3-3 machen muss und lässt es unglaublich simpel erscheinen. Er erobert Bälle durch Zweikampfstärke und vor allem durch überragendes Stellungsspiel. Er hält seine Position äußerst diszipliniert und stärkt dadurch nicht nur Xavi und Iniesta den Rücken, sondern ermöglicht es auch den Außenverteidigern einigermaßen sorgenfrei mit nach vorne zu gehen – einer der wichtigsten Aspekte in Barcelonas Spiel – indem er sich bei Ballbesitz häufig zwischen die Innenverteidiger fallenlässt, damit diese ein Stück weiter nach außen rücken können.

Busquets Passspiel ist fast fehlerlos. Er spielt selten die komplizierten Pässe, sondern bringt zuverlässig die einfachen Bälle zum Nebenmann. Er verdankt es jedoch seiner guten Technik und hervorragenden Ballmitnahme, dass er so häufig diese einfachen Bälle spielen kann. Technisch weniger beschlagene 6er bringen sich in Situationen, in denen nur noch der Rückpass oder der lange Ball als Optionen bleiben – Busquets passiert dies nur selten. Das wichtigste Attribut an Busquets Spiel ist jedoch seine Fähigkeit, die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld dicht zu machen. Für mich ist Busquets die bislang beste Antwort auf die Frage, wie man mit modernen Zehnern oder “falschen Neunen” fertig werden kann.

Mesut Özil war sowohl im Halbfinale der WM als auch in den Clàsicos dieser Saison auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld weitgehend unsichtbar. Selbiges gilt für Wesley Sneijder im WM-Finale. Ihr Gegenspieler war jeweils Sergio Busquets. Anders als die Spielzerstörer und Manndecker früherer Tage nahm er seine Gegenspieler jedoch nicht durch ständige Bewachung oder Härte aus dem Spiel, sondern durch sein intelligentes Spiel im Raum. Er stößt in die Lücken zwischen den Reihen, die Spieler wie Özil oder Sneijder so lieben. Dadurch bleibt er ebenso unsichtbar wie seine Gegenspieler, was es nicht weiter verwunderlich macht, dass Busquets noch nicht überall als Weltklassespieler gilt. Alex Ferguson dürfte sich über einen Spieler wie ihn in den eigenen Reihen jedoch freuen, denn ich kann mir derzeit keine bessere Waffe gegen Lionel Messi vorstellen, den es heute Abend auszuschalten gilt. Zum Leidwesen der Red Devils spielen die beiden jedoch im selben Team. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn Wayne Rooney heute Abend eher unauffällig bliebe – und noch weniger, wenn der Grund dafür Sergio Busquets heißen würde.

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    5 Gedanken zu „Sergio Busquets – der moderne Frank Baumann

    1. Sergio Busquets ist sicher ein sehr guter Fussballer, ein moderner 6er, jemand der das Spiel perfekt beherrscht und versteht. Er verkörpert aber auch etwas, das ich HASSE WIE DIE PEST: Die Schauspielerei. Kein Spieler “leidet” so sehr wie er, bei kleinsten Berührungen fält er laut aufheulend zu Boden um sich minutenlang den Kopf zu halten, als wenn dieser sonst aufzuplatzen drohen würde. Gegen ihn ist selbst jemand wie Cristiano Ronaldo ein nüchterner Fussballer. Für mich kommt so jemand daher als Spieler der Saison nicht in Frage. Meine Wahl? Möglicherweise Xavi, vielleicht auch Özil (der Entwicklung wegen), aber Spieler, die den Fussball kaputt machen gehören definitiv nicht dazu.

    2. Dagegen kann (und will) ich nichts sagen. Die Schauspielerei geht mir auch auf die Nerven. Ich habe es hier bewusst außen vor gelassen, genau wie die Rassismusvorwürfe von Real Madrid, aber an anderer Stelle hab ich mich schon häufiger über diese hässliche Seite seines Spiels beschwert. Die Spiele von Barcelona gegen Real Madrid waren für mich der Höhepunkt des unfairen Spiels und da war Busquets eine der Hauptfiguren (neben Ramos, Pepe und Adebayor).

    3. Kleine Korrektur – Özil war nur im ersten Classico, beim 5:0, in Busquets Raum. Sonst hat er auf dem Flügel gespielt, bzw. kurzzeitig (CL Hinspiel, erste Halbzeit glaub ich) als vorderster Mann.

    4. Deshalb hab ich ja auch geschrieben “auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld”. In den Spielen, in denen er auf dem Flügel eingesetzt wurde, hat er mir gegen Barca auch besser gefallen, vor allem im Ligarückspiel. Kaka ging im offensiven Mittelfeld noch mehr unter als Özil (CL-Rückspiel?).

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