Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Während sich die Fußballwelt auf die anstehende WM konzentriert, laufen bei den Vereinen die Personalplanungen für die kommende Saison auf Hochtouren. So auch bei Werder Bremen, wo mit dem Österreicher Marko Arnautovic schon der erste hochkarätige Neuzugang vorgestellt wurde.

Sommerzeit ist immer auch Spekulationszeit und die transfer mill, die Transfermühle, läuf bereits auf Hochtouren. Berater bringen ihre Spieler bei Vereinen ins Gespräch, Manager baggern heftig an ihren Wunschspielern herum und wehe es wird mal ein Scout in einem fremden Stadion gesichtet – die Presse ist immer auf der Suche nach dem heißesten Transfergerücht. Kein Wunder, dass da mancher Fan ein wenig hyperventiliert.

In jedem Fall wird munter mitspekuliert, wen die Verantwortlichen, in Werders Fall Klaus Allofs, zur Verstärkung der Mannschaft aus dem Hut zaubern. Dabei werden gerne auch Zahlenspielchen veranstaltet und spätestens kurz vor Beginn der neuen Saison, wenn noch nicht alle Wunschspieler unter Vertrag genommen wurden, unterteilen sich die Fans in zwei Fraktionen. Die eine schwört Stein und Bein, dass einfach kein Geld vorhanden sei, von dem neue Spieler gekauft werden könnten. Der Stadionumbau, die Bankenkrise, die noch nicht sichere Champions League Teilnahme. Die andere will Taten sehen, vermutet die eine oder andere Million unter der Matraze unseres Sportdirektors und des notorisch geizigen Aufsichtsrats. Wo ist denn das ganze Geld aus fünf Jahren Champions League und dem Diego-Transfer geblieben? Und überhaupt müsse man doch endlich mal richtig investieren, wenn man dauerhaft oben angreifen will. Der Sturz ins Mittelmaß stünde sonst unmittelbar bevor.

Am Ende gibt es meistens eine Handvoll Transfers, von denen sich der eine oder andere als Verstärkung und der Rest mehr oder weniger als Flop entpuppt. Die beiden Fraktionen merken sich in der Regel nur die Transfers, die ihren Standpunkt unterstützen und begründen damit in der nächsten Transferperiode erneut ihre Meinung. Allofs wird dabei jeweils zur Managerikone bzw. zum Trottel vom Dienst stilisiert. Sagt die eine Seite Micoud, Ismael, Pizarro, Diego ruft die andere Seite Carlos Alberto, Nery, Tosic, Moreno. Lustigerweise riefen sie vor zwei Jahren auch Moreno. Damals aber, weil Werder Moreno eben nicht verpflichtet hatte. Überhaupt die ganzen Nicht-Verpflichtungen! Romagnoli. Monsoreau. Baros. Fred. Mandzukic. Was würden wir heute Carlos Alberto hinterherweinen, wenn wir ihn 2007 nicht verpflichtet hätten!

Interessant sind vor allem auf Seiten der Allofs-Kritiker die Widersprüchlichkeiten in der Argumentation. Einerseits sollen bitte alle wichtigen Spieler mit 5-Jahres-Verträgen an den Verein gebunden werden. Andererseits wird gemurrt, wenn man Spieler wie etwa Carlos Alberto dann nicht so einfach wieder los wird. Einerseits ist man stolz auf Werders hanseatisch-sparsames Kaufmannsgeschick und blickt hämisch in den Westen der Republik. Andererseits wird gebetsmühlenartig wiederholt, dass man doch nun endlich mal Geld in die Hand nehmen müsse, wenn man sportlich nicht den Anschluss verlieren möchte. Einerseits fordert man lautstark die Verpflichtung von Spielern, die man nur aus YouTube-Zusammenschnitten kennt. Andererseits wird dem ahnungslosen Vorstand jeder Fehlgriff sofort um die Ohren gehauen. Eines kann man dabei nicht bestreiten: Es wird nicht langweilig! Ein Blick in die Fan-Foren ist um diese Jahreszeit immer wieder höchst unterhaltsam. Der Nachteil dabei ist jedoch, dass differenzierte Meinungen dabei untergehen. Mit jeder Kritik macht man sich sofort verdächtig, zu den fanatischen Schwarzsehern zu gehören. Mit jedem Lob wird man von der anderen Seite als naiver Allofs-Fanboy angesehen.

Bleiben wir trotzdem mal bei den Tatsachen: Werder hat in den letzten 10 Jahren überwiegend mit Gewinn gewirtschaftet, Spieler verpflichtet, die den Verein auf eine neue Ebene hoben und sich langfristig in der nationalen Spitze festgesetzt. Allerdings schaffte es Werder nur selten, die besten Spieler über einen längeren Zeitraum zu halten, konnte die Bayern als Nummer 1 des Landes nicht ernsthaft angreifen und auch keinen deutlichen Vorsprung auf Schalke, Stuttgart oder den HSV aufbauen. Bei den Neuverpflichtungen spielt man inzwischen in einer anderen Liga als noch nach dem Doublegewinn, als man die 5 Mio. Euro für den Klose-Transfer mühsam aus dem Aufsichtsrat herausklopfen musste. Heute kauft man für knapp 9 Mio. Euro Marko Marin und bekommt hinterher zu hören, man würde keine Hochkaräter verpflichten. Tatsache ist auch, dass Werder seit Jahren auf die Verpflichtung “schwieriger” Spieler setzt, die hochtalentiert, aber eben nicht etabliert sind. Micoud galt in Italien als Pflegefall, Diego war Reservist in Porto, Ismael war auf keiner seiner vorherigen Stationen wirklich glücklich und über Ailton brauchen wir gar nicht zu reden. Es sollte eigentlich klar sein, dass die Fehlerquote dabei nicht bei Null liegen kann. Ein solcher Transfer kann nach hinten losgehen, wie bei Carlos Alberto oder ein Volltreffer sein, wie bei Mesut Özil. Auch Thomas Schaaf kann nicht mit jedem Spieler klarkommen.

Es ist jedoch ein schmaler Grat, wenn ein Transfer für Werder am finanziellen Limit liegt und sich der Erfolg nicht einstellen will. Carlos Alberto dient dabei als warnendes Beispiel, das sicher dazu beigetragen hat, dass Werder die 10-Millionen-Grenze bislang nicht überschritten hat. Man müsste für diesen Preis schon eine Erfolgsgarantie mitgeliefert bekommen. Gestandene Nationalspieler bekommt Werder deshalb nur selten, wie im Fall Per Mertesacker. Neben den genannten Risikotransfers bringt Werder auch immer wieder Spieler groß raus, die kein oder kaum Geld gekostet haben. Fabian Ernst zum Beispiel oder Torsten Frings, Tim Borowski, Frank Baumann, Ivan Klasnic und zuletzt Phillip Bargfrede. Es ist ein Balanceakt, diese beiden Bausteine erfolgreich miteinander zu kombinieren. Dies gelingt Werder insgesamt seit Jahren außerordentlich gut. Es reicht jedoch nicht, um den hohen Erwartungen der Fans immer wieder ganz gerecht zu werden.

Es folgen:

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded
Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr
Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

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    9 Gedanken zu „Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

    1. Danke für den Artikel. Der fasst die ganze Situation sehr schön zusammen. Ich hatte auch mal überlegt, etwas in der Richtung zu schreiben, aber es dann wieder verworfen. Ich glaube aber, dass diese Schizophrenie ein Stück weit zum Fansein dazugehört.

      Aber nichts destotrotz ist es manchmal einfach anstrengend, wenn sich manche stundenlang mit verpassten Transfers beschäftigen. Hleb, Kahlenberg, Ziani und Progrebnyak sind so einige Beispiele. Damals wollte man Allofs noch vom Hof jagen, weil die Spieler woanders hingegangen sind. Dabei wird auch gerne übersehen, dass der Kader keine 100 Leute fasst.

      Ich habe eigentlich ziemlich großes Vertrauen in unsere sportliche Führung und die Fehler, die Allofs gemacht hat, gehören dazu. Wieviele Spieler hat Bayern bspw. verpflichtet, die sich nie haben durchsetzen können? Da ist auch nicht alles perfekt. Wenn Klausi uns eine gute Lösung auf LV präsentiert, mache ich ihm dann kurzerhand einen Heiratsantrag. :)

      1. “Ich glaube aber, dass diese Schizophrenie ein Stück weit zum Fansein dazugehört.”

        Das trifft es ziemlich gut. Das geht mir auch so und stört mich auch nicht. Was ich aber nicht verstehen kann, sind diese immer gleichen Diskussionen mit zwei (extremen) Standpunkten, die sich gegenseitig vorwerfen “keine Ahnung von Fußball” zu haben. Eigentlich absurd, dass gerade die Neuverpflichtungen so emotionsbeladen sind, eigentlich sollten einem doch die eigenen Spieler erstmal wichtiger sein.

        Was den Linksverteidiger angeht, bin ich etwas zwiegespalten. Ich fand Pasanen in der Rückrunde (als er dann spielen durfte) wirklich gut, aber wir wissen halt auch, dass er sich nicht mehr weiterentwickeln wird und so wenig nach vorne kommt. Boenisch fand ich über weite Strecken der Hinrunde auch nicht schlecht, aber er kam nach seiner Verletzung nicht wieder richtig in Schwung. Soll man nun darauf setzen, dass sich Boenisch zu einem erstklassigen Linksverteidiger entwickelt (was ich ihm zutraue)? Aber dann kann man niemanden dazukaufen, der einen Anspruch auf einen Stammplatz hat. Dann wird es wieder eine Lösung à la Abdennour geben, talentiert aber eben völlig unerprobt auf dem Niveau. Deshalb würde ich mir schon einen etablierten Spieler für die Position wünschen, nur muss der dann wirklich klar besser sein als unsere Kandidaten. Riise wäre großartig, der wäre in der Form der vergangenen Saison der beste Linksverteidiger der Liga. Aber genau deshalb wird man ihn kaum bekommen. Von daher kann ich das mit dem Heiratsantrag nur unterschreiben! ;)

    2. Perfekt zusammengefasst. Eigentlich bin ich mit dem Kader wirklich zufrieden – wenn ein Linksverteidiger kommt.

      Ich hätte aber auch noch eine andere, fixe Idee: Diego wieder zurück holen ;-) Wenn das passiert, bin ich restlos begeistert.

    3. Tja, das mit den LVs ist ja so eine Sache. Ich bin mir bei Boenisch nicht so sicher, ob er wirklich den Schritt nach ganz vorne wird machen können. Und etablierte und leistungsstarke Spieler sind leider teuer, da es ja nicht so viel Auswahl gibt. Mal schauen, was da kommt. :)

    4. Ganz ehrlich? Ich glaube nicht, dass noch ein Linksverteidiger kommt. Zum Einen halten Allofs und Schaaf unheimlich viel von Boenisch, so dass ich glaube, dass er dieses Jahr noch seine Chance bekommt. Dazu hat man ja auch noch Petri in der Hinterhand und Allofs hat ja selber gesagt, dass man auch einem Perthel das durchaus zutraut.
      Für die Liga reichen ein Boenisch in Verbindung mit Pasanen sicherlich aus (zwar keine Top-Lösung, aber schon eine überdurchschnittliche Besetzung), ob und wie das aber international wirkt, weiß ich nicht.
      Da der LV-Markt – um mit Allofs’ Worten zu sprechen – schon seit Jahren überhitzt ist, denke ich nicht, dass da was passieren wird. Außer, es ergibt sich wirklich ein Schnäppchen in Brasilien.

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