Stabilisierung oder freier Fall?

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 1:0

Eine erwartbare Niederlage steht einer klaren Leistungssteigerung im Vergleich zum Spiel gegen Wolfsburg gegenüber. Erst das Spiel gegen Hoffenheim entscheidet darüber, ob dies ein Muster ohne Wert bleibt. Die Konkurrenz kommt unterdessen bedrohlich nahe an Werder heran.

Asymmetrie und verbesserte Defensive

Durch den Ausfall von Kevin De Bruyne sowie die Suspendierung von Arnautovic und Elia hatte Thomas Schaaf einige personelle wie taktische Nüsse zu knacken. Letztlich entschied er sich für Spieler, die sonst eher eine Nebenrolle spielen, um die personellen Lücken zu füllen. Yildirim durfte auf dem rechten Flügel ran, während Kroos als zweiter Sechser neben Bargfrede spielen durfte. Clemens Fritz half hinten rechts in der Viererkette aus. Taktisch entschied sich Schaaf für ein asymmetrisches 4-2-3-1, das gegen den Ball eher ein 4-3-2-1 war – ein windschiefer Tannenbaum sozusagen. Yildirim spielte auf der rechten Seite eher hoch und presste auf den im Spielaufbau abkippenden Simon Rolfes. Den aufrückenden Linksverteidiger Kadlec ließ er dabei in seinem Rücken laufen. Da Andre Schürrle vom linken Flügel meistens weit einrückt, überließ man ihn einem der Sechser bzw. situativ einem Innenverteidiger, während sich Fritz um Kadlec Vorstöße kümmerte. Auf der anderen Seite ging Junuzovic  dagegen weit mit zurück und spielte mannorientiert gegen Rechtsverteidiger Carvajal. Überhaupt war eine hohe Mannorientierung zu erkennen bei Werder. So agierte Junuzovic nicht selten auf einer Höhe mit der Viererkette, während Ignjovski weit mit herausrückte, wenn sich Sidney Sam etwas fallen ließ. Mit dieser Taktik kam Leverkusen in der ersten Halbzeit nicht gut klar und konnte so von Werder mit einer disziplinierten Leistung weitgehend neutralisiert werden.

Dennoch ging Werder mit einem Rückstand in die Pause. Der Elfmeterpfiff sorgte für viel Entrüstung auf und neben dem Platz, entsprach aber den Regeln, da sich der Ball zum Zeitpunkt des Foulspiels noch im Spiel befand. Allerdings muss man sagen, dass hier Vergehen und Strafe in keinem angemessenen Verhältnis standen, was man jedoch der Elfmeterregel selbst und nicht Schiedsrichter Aytekin zuschreiben sollte. Auch die verzögerte Entscheidung ist nicht wirklich zu kritisieren. Vor einigen Wochen wurde Wolfgang Stark noch überschwänglich dafür gelobt, dass er Gladbachs Tor nach ausführlicher Rücksprache mit seinem Linienrichter annullierte. In diesem Fall kümmerte sich Aytekin zuerst um die beiden am Boden liegenden Spieler, bevor er sich mit seinem Linienrichter besprach. Ärgerlich war vielmehr, dass letzterer die Abseitsstellung von Sam direkt vor der Elfmeterszene übersehen hatte.

Leverkusener Anpassungen, Bremer Brechstange

Nach der Pause stellte sich Leverkusen besser auf Werders Defensivtaktik ein, riss häufiger Löcher in den Abwehrverbund und kam so zu einer größeren Anzahl an Torchancen. Werder tat sich schwer damit, sich zu befreien und verlor die Bälle im zweiten Spielfelddrittel viel zu schnell, um selbst gefährliche Konter zu starten. So konnte Bayer das Spiel in Werders Hälfte kontrollieren, ohne großes Risiko eingehen zu müssen. Schaaf reagierte auf die schwächste Phase seines Teams mit einem offensiven Wechsel. Für Felix Kroos kam Johannes Wurtz ins Spiel und somit zu seinem ersten Bundesligaeinsatz. Hunt rückte eine Reihe nach hinten neben Bargfrede. In der Folge wurde Werder offensiv präsenter, während sich Leverkusen etwas zurückzog. Die größte Chance entsprang einem Leverkusener Fehler im Aufbauspiel, den Junuzovic gut antizipierte. Dann traf er leider die falsche Entscheidung, legte sich den Ball schlecht vor, so dass er von Leno leicht entschärft werden konnte.

Angekommene Pässe 46. - 65. Minute

Angekommene Pässe zwischen der 46. und 65. Minute. Werder kam kaum einmal aus der eigenen Hälfte heraus. Quelle: bundesliga.de

In der Schlussphase versuchte es Werder mit der Brechstange, brachte mit Akpala einen weiteren Stürmer und schickte zudem Innenverteidiger Prödl mit in die Spitze. Für die letzten fünf Minuten wurde mit Lukas Schmitz noch ein Spieler eingewechselt, der von der linken Seite für Flanken in den Strafraum sorgen sollte. Das Spiel wurde jedoch immer hektischer und präzise Bälle in die Spitze waren kaum möglich. Am Ende brachte Leverkusen den Vorsprung recht souverän über die Zeit. Auch wenn Bayer eine Halbzeit lang kaum ein Mittel gegen Werders Defensive fand, geht der Sieg letztlich in Ordnung. Eine 20-minütige Phase der Dominanz genügte, um Werder den Glauben an die Chance zu nehmen, auf spielerischem Wege noch zu einem Punkt zu kommen. Die Brechstange als letztes Mittel funktioniert bei Werder ohne die Naldos, Pizarros, Mertesackers und Almeidas früherer Jahre kaum noch. Die Chance auf den Lucky Punch vergab Junuzovic (wenn man es gut mit ihm meint: unglücklich; wenn nicht: kläglich).

Was tun mit den Problemfällen?

Normalerweise schreibe ich in den letzten Jahren nur ungern über das, was neben dem Platz passiert und nichts mit Fußball zu tun hat. Im Fall von Arnautovic und Elia ist das jedoch anders. Mit ihrem nächtlichen Rennen auf der Autobahn haben sie dem Verein immens geschadet. Ohne die Aktion verharmlosen zu wollen: Es gibt an sich weitaus schlimmere Dinge, die sich ehemalige und aktuelle Bundesligaspieler schon geleistet haben. Zu einem anderen Zeitpunkt, unter anderen Voraussetzungen hätte man hier von einer Suspendierung absehen können. Wer sich jedoch in Werders aktueller Situation, mitten im Abstiegskampf, 36 Stunden vor dem Spiel so verantwortungslos verhält, der hat absolut nicht verstanden, worum es derzeit geht. Wer seine Fans, seinen Verein, seinen Trainer und seine Mannschaftskollegen so im Stich lässt, der gehört ganz sicher nicht in diese Mannschaft und in diesen Verein. Mit Marko Arnautovic hat man hier sehr viel Geduld gehabt, ihn immer wieder (teils auch zurecht) in Schutz genommen und ihm neue Chancen gegeben. Letzte Woche hat er gezeigt, dass sich dieses Vertrauen nicht ausgezahlt hat. Bei Eljero Elia war die Skepsis bei der Verpflichtung aufgrund seiner Vorgeschichte berechtigt. Beide Spieler sind bis zum Ende der Saison suspendiert. Bei allem fußballerischen Talent möchte solche Spieler nicht mehr im Werdertrikot sehen.

Zu guter Letzt noch ein Wort zum Trainer, den ich in den letzten 12 Monaten häufig kritisiert habe: Sein Krisenmanagement in der letzten Woche hat mir gefallen. Er hat die Mannschaft unter Berücksichtigung der Gesamtsituation gut auf Leverkusen eingestellt, personell nachvollziehbare Entscheidungen getroffen und sich unter dem für Bremer Verhältnisse ungewohnt hohen Druck behauptet. Auch wenn das nichts an meiner generellen Meinung zur Trainerfrage ändert, bleibe ich daher der Meinung, dass eine Entlassung vorerst nicht sinnvoll wäre. Gegen Hoffenheim gibt es jedoch keine Ausreden mehr für die Beteiligten. Dieses Spiel muss unbedingt gewonnen werden, wenn man zumindest das Thema direkter Abstieg zu den Akten legen will. Wenn sich das Team nach der akzeptablen Leistung gegen Leverkusen schon wieder im Aufwind sieht, könnte es gegen Hoffenheim unsanft wieder auf den Boden der Tatsachen geholt werden. Fällt das Team in diesem wichtigen Spiel zurück in die Lethargie des Wolfsburg-Spiels, werden sich die Verantwortlichen wohl doch noch zum Handeln gezwungen sehen.

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    4 Gedanken zu „Stabilisierung oder freier Fall?

    1. Und mal wieder lese ich das, was ich größtenteils ganz genauso sehe. Vielen Dank auch zu den Äußerungen zu Schaaf und Elia und Arnautovic, es tut gut, immer mal wieder Kritik ohne die Polemik der üblichen “Blätter” zu lesen.

    2. Mal wieder eine treffende und gut zu lesende Analyse. Speziell den letzten Teil sehe ich genauso. Besonders von Arnautovic bin ich enttäuscht. Nach seiner mMn starken Hinrunde hatte ich damit gerechnet, dass er nun den Durchbruch schafft. Statt die gute Entwicklung weiterzuführen, war aber zuletzt eher ein Rückfall in seine alten Verhaltensmuster festzustellen – und die Aktion jetzt ist davon unzweifelhaft der Höhepunkt. Die Suspendierung ist absolut gerechtfertigt (und dass man nciht so reagiert hätte, wenn Werder zuletzt besser dagestanden hätte, sehe ich genauso).

      Was Schaaf anbelangt, wurde hier und anderswo schon genug geschrieben. Mich würde noch ein Blick auf die jungen Spieler interessieren, da ich das Leverkusenspiel leider nur teilweise gesehen habe. Besonders die Leistung von Wurtz interessiert mich (sofern man da überhaupt Aussagen treffen kann, nachdem Werders Offensivabteilung offenbar recht gut ausgeschaltet war). Ist das einer, der sich kommende Saison in der ersten Elf behaupten könnte? Oder wird er neben evtl. Petersen und Füllkrug nur die zweite Geige spielen?

      1. Zu Wurtz kann ich nicht viel sagen. Ich fand das ganz ordentlich, allerdings hat Werder recht bald nach seiner Einwechslung auf Brechstange umgeschaltet und da hat er nicht mehr viele Bälle bekommen. Da können regelmäßige U-23-Beobachter sicherlich mehr zu sagen. Was ich so gehört habe, hat er im Trainingslager in Belek nicht wirklich überzeugt.

        Kroos finde ich wirklich ordentlich im defensiven Mittelfeld, ohne dass er da jetzt Bäume ausreißen würde. Spielt das aber sehr diszipliniert und so jemand hilft uns gerade weiter. Hoffe das bleibt keine Eintagsfliege.

        Yildirim merkt man an, dass er noch Spielpraxis braucht. Der hat richtig gute Anlagen, aber war gegen Leverkusen offensiv auf verlorenem Posten.

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