Streichergebnis

Werder Bremen – SC Freiburg 2:3 

Freiburg ist auf fast jeder Position individuell schlechter besetzt als Werder. Unter Streich haben sie sich jedoch zu einer wahren Pressingmaschine entwickelt und sind vor allem gegen den Ball eines der besten Teams in der Liga. Deshalb stehen sie völlig zu Recht auf Platz 5 und konnten Werder zum zweiten Mal in dieser Saison über weite Strecken dominieren. Das Hinspiel konnte Werder mit viel Glück trotzdem gewinnen. Vielleicht zog man auch deshalb die falschen Schlüsse aus dem Spiel und suchte nicht nach einer Gegentaktik zu Freiburgs hohem 4-Mann-Pressing. In der ersten Halbzeit habe ich mich ernsthaft gefragt, ob man sich bei Werder überhaupt auf den Gegner vorbereitet hat. Man hat schließlich seit 2001 nicht gegen den SC verloren, also sollte es ausreichen, alles so zu machen wie immer.

Die Ratlosigkeit, mit der Werders Viererkette dem Freiburger Pressing begegnete, war erschreckend. Die Spieler wirkten überrascht, dabei hätten sie sich nur an das Hinspiel erinnern müssen, in dem man eine Halbzeit lang kaum kontrolliert aus der eigenen Hälfte kam. So schob man auch diesmal die Bälle wieder zurück auf Mielitz und wartete darauf, dass jemand anderes eine Idee haben würde. Einen Versuch, das Aufbauspiel an die Situation anzupassen, habe ich kaum gesehen. Gelegentlich kam Junuzovic ein paar Schritte nach hinten, aber die fünf Offensivspieler standen mit 30 Metern Abstand an der Mittellinie und warteten auf Bälle, die nicht kamen. Für mich war die erste Halbzeit ein Totalversagen von Thomas Schaaf. Freiburgs Spielweise unter Streich ist bekannt. Gegen sie zu verlieren ist ok, sich nicht auf sie einzustellen ist grob fahrlässig bis arrogant.

Das Ergebnis zur Pause war eigentlich ein Witz und erinnerte an das Hinspiel. Eine starke Einzelaktion von De Bruyne und ein cleverer Abschluss von Petersen reichten für ein glückliches 1:1. Werder konnte sich bei Mielitz bedanken, dass es vor dem Wechsel nur ein Gegentor gab. Werders Defensive präsentierte sich teils schlecht organisiert, teils desolat. Es fehlte jegliche Kompaktheit, was Freiburg immer wieder zu zweiten Bällen verhalf – aus einem solchen fiel schließlich auch das 0:1, weil vor der Viererkette das altbekannte Loch klaffte. Sinnbildlich war auch die Szene, in der ein Freiburger bei einem Einwurf (!) völlig unbemerkt in den Strafraum laufen konnte, um dort den Ball anzunehmen. Zum Glück kam Mielitz aus dem Kasten und störte ihn bei der Ballverarbeitung, so dass die Situation letztlich glimpflich endete. Leider wird Mielitz wegen seinem Fehler vor dem 2:3 wieder kritisiert werden. Mit einem passiven Linientorwart hätte man in der Phase ab der 20. Minute bis zur Halbzeit vermutlich 1-2 Gegentore mehr kassiert.

Nach der Pause zeigte Werder, dass man offensiv den meisten Teams in der Liga gefährlich werden kann. Das Spiel ging nun schnell hin und her, so dass das hohe Pressing auch bei Freiburg etwas auf Kosten der Kompaktheit ging. Es schien nun eher Werders Spiel zu sein, als Freiburgs. Arnautovics Einwechslung sorgte für ein direkteres Spiel auf dem rechten Flügel, das Freiburg vor Probleme stellte. Freiburg war insgesamt defensiv nicht so gut, wie man es aus dieser Saison kennt. Die Tore fielen weitgehend gegen den Spielverlauf. Dennoch war Werder spielerisch zu keiner Zeit wirklich überlegen und blieb hinten immer anfällig.

Mit etwas mehr Glück hätte Werder am Ende etwas aus dem Spiel mitnehmen können. Dennoch war Freiburg insgesamt die bessere und reifere Mannschaft. Streich hat aus einem Abstiegskandidaten innerhalb eines Jahres ein Team geformt, das trotz geringer finanzieller Möglichkeiten des Vereins eine Chance auf die Europa League hat. Bei Werder bleibt nach dem Spiel der schale Eindruck, dass die längste Siegesserie der letzten 15 Monate doch eher einem statistischem Zufall als einer spielerischen Weiterentwicklung zu verdanken war.

Artikel teilen

    5 Gedanken zu „Streichergebnis

    1. Insgesamt solider Eindruck, nur hätte ich mir einen solchen Artikel auch schon vor dem Spiel bzw. nach dem letzten gewünscht. Ich fand die Leistung der Mannschaft zuletzt ganz gut, zumal die Ergebnisse passten.

      Diese Niederlage Schaaf anzurechnen, ist einfach, warum nicht aber auch die “Siegesserie” analysieren und zeigen, warum wir da gewonnen haben. Hat Schaaf dort gut gecoacht? Oder haben Einsatz oder individuelle Fähigkeiten die beiden Spiele entschieden – trotz diverser Fehler des Trainers?

      1. Tut mir leid, ich habe nicht jede Woche Zeit, Podcast, Vorschau und Spielbericht zu machen. Bei den letzten Spielen lag es jedenfalls nicht daran, dass Werder gewonnen hat, dass ich nichts dazu geschrieben habe.

        Werder war gegen Stuttgart und Hannover gut, vor allem die Offensive hat mir gefallen. Da hat Schaaf schon allein durch seine Personalentscheidungen einen Anteil dran. Allerdings waren beide Gegner (in der jeweiligen Form) nicht sonderlich gut, was die Siege nicht schlecht machen soll, denn Werder war ja ebenfalls angeknockt und hat die Gunst der Stunde genutzt und sich in den Spielen das Selbstvertrauen zurückgeholt. Allerdings fand ich nicht, dass Werder gegen Freiburg wesentlich schlechter gespielt hat, als in den beiden Spielen davor. Offensiv ist das absolut ok, sobald man im gegnerischen Drittel angreift. Was mich aber wirklich ärgert (und das kann ich niemand anderem als Schaaf zurechnen), ist, dass man trotz genügend Negativbeispielen der letzten Jahre gegen taktisch starke, individuell aber vermeintlich unterlegene Teams auf Teufel komm raus das eigene Spiel durchziehen will und sich nicht an den Gegner anpasst, auch nicht während des Spiels. Genau auf solche Situationen, wie ab der 20. Minute muss ein Trainer seine Mannschaft vorbereiten, weil Freiburg da so gespielt hat, wie sie es in dieser Saison immer tun, wenn man sie lässt. Schaaf muss ja kein Freund einrückender oder abkippender Sechser werden, aber zumindest in solchen Situationen, wo der Gegner 4 vs 4 presst, sollte man die Option parat haben. Warum schiebt man in der Situation nicht die Außenverteidiger nach vorne, und lässt den Spielaufbau über Junuzovic laufen? Dann muss Freiburg entweder die Mannorientierung im Pressing aufgeben oder einen der Sechser weit vorschieben. Beides öffnet Räume. Alternativ hätte man auch das Kurzpassspiel hinten raus aufgeben und lange Bälle auf Petersen spielen können. Das hätte Freiburg zumindest die hohen Ballgewinne erschwert.

        Um zu deinen Fragen zurück zu kommen: Ja, Schaaf hat gegen Hannover und Stuttgart gut gecoacht. Ich halte ihn auch ganz sicher nicht für einen schlechten Trainer. Allerdings zeigen die Spiele gegen Trainer wie Tuchel, Streich, Hecking oder Favre (Klopp lasse ich mal außen vor) in den letzten Jahren immer wieder, dass er taktisch nicht mehr zur Ligaspitze gehört. Und Werder braucht meiner Meinung nach einen taktisch richtig starken Trainer, der die seit Jahren vorhandenen Defizite abstellt, um wieder erfolgreich zu werden.

    2. Danke für die Antwort! Mein Kommentar sollte auch keine Kritik daran sein, dass du nicht jedes Spiel detailliert betrachtest – ich bin schon froh, dass du noch die Zeit findest, relativ regelmäßig einen Eintrag zu verfassen ;) Ich meinte nur, dass man diese “Lücke” ja dennoch füllen kann – ein Halbsatz wie jetzt in deiner Antwort wäre da ja genug, es muss nicht gleich eine Analyse sein. Ich glaube, das würde taktisch ahnungslosen Lesern wie mir helfen, die Leistungen der Vowoche sowie die Kritik richtig einzuordnen.

      Was die Spiele gegen taktisch gute Trainer anbelangt, hast du wohl (leider) recht. Gerade das Hinspiel gegen Freiburg (das Rückspiel hab ich leider nicht gesehen, bzw. nur ~ 15 Minuten) war ja schon verdammt glücklich gewonnen worden. Dabei sind das die Teams, gegen die wir eigentlich siegen müssen, um überhaupt noch eine Restchance auf die EL zu wahren. Dann wären auch so Klatschen gegen die personell besser besetzten Teams wie Bayern und Dortmund deutlich leichter zu verdauen.

      1. Ja, von der Europa League brauchen wir erst mal nicht mehr zu sprechen. Die Klatsche gestern fand ich nüchtern betrachtet auch weit weniger schlimm, als das Spiel gegen Freiburg (wobei eine Niederlage gegen Bayern immer weh tut, erst recht wenn man sieht, wie groß der Abstand in den letzten Jahren geworden ist).

        Es war sicher etwas unglücklich, dass die letzten Beiträge alle zu Niederlagen waren und die positiven Aspekte der Spiele gegen 96 und den VfB außen vor geblieben sind. Unter dem Eindruck des Freiburg-Spiels wäre es mir aber ohnehin schwer gefallen, in dem Artikel noch was zu den Spielen zu schreiben.

    3. Joa, am Ende ist Werder auch selbst schuld. Wenn man mal konstant gut spielen würde, hättest du auch eher Anlass, positive Aspekte in den Fokus zu rücken ;)

      Naja, als nächstes Heimspiel gegen den FCA. Da ist auch noch eine Rechnung aus der Hinrunde offen. Hoffen wir mal, dass man es diesmal besser macht.

    Kommentare sind geschlossen.