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24. Spieltag: Großer Schritt zum Klassenerhalt

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 0:2 (0:1)

Werder hat die Leistung aus dem Nordderby in Nürnberg bestätigt und nutzt mit einem Auswärtssieg die schwachen Ergebnisse der Konkurrenz, um sich ein Stück aus der Abstiegszone abzusetzen.

Linkslastigkeit auf beiden Seiten

Werder begann wie im Nordderby mit einer Raute im Mittelfeld hinter der Doppelspitze Di Santo und Petersen. Rückkehrer Caldirola ersetze den verletzten Garcia links in der Viererkette. Nürnberg stellte vom unter Verbeek gewohnten 4-1-4-1 auf ein 4-2-3-1 mit Frantz und Campaña als Doppelsechs um. Den dichten Bremer Mittelfeldblock versuchte Nürnberg nach einer kurzen Abtastphase gezielt durch Angriffe über die linke Angriffsseite zu umspielen. Über weite Strecken der ersten Halbzeit standen die Teams versetzt zu dieser Seite. Bei Nürnberg schoben neben den beiden Außenspielern auch immer wieder einer der Sechser sowie Drmic und Kiyotake in Richtung linker Flügel. Werders Mittelfeldraute rückte ebenfalls weit auf diese Seite hinaus, um Rechtsverteidiger Ignjovski gegen die Nürnberger Überzahl zu unterstützen. Nachdem letzterer Mitte der 1. Halbzeit einige Male überspielt werden konnte, stabilisierte sich die Bremer Defensive und ließ nur noch wenige Angriffe über diese Seite bis zum Strafraum zu. Nürnbergs Spiel wirkte trotz überlegenen Passspiels somit recht eindimensional.

Auf der anderen Seite zeigte sich Werder bei den wenigen, aber gefährlichen Gegenstößen ebenfalls etwas linkslastig. Auf diese Weise konnte man den Platz nutzen, den die Nürnberger Überladungen des linken Flügels auf der anderen Seite ließen. Obraniak spielte im Vergleich zum oft einrückenden Junuzovic deutlich breiter und rückte nach Ballgewinn häufiger an die linke Außenlinie. Mit seiner Ballsicherheit und dem deutlich verbesserten Di Santo hatte man dort die nötigen Mittel, um Nürnberg in Bedrängnis zu bringen. Auch wenn eine leicht verbesserte Abstimmung und somit ein verbessertes Passspiel zwischen Werders Offensivleuten zu erkennen war, entstanden die Torchancen durch einfaches Spiel nach Ballgewinnen (Hunts Pfostenschuss, Bargfredes Tor) und individuelle Klasse (Di Santos Lattenschuss + Tor). Die Führung zur Halbzeit war dennoch nicht unverdient, da Werder insgesamt ein Chancenplus hatte und wie schon gegen Hamburg sehr präsent in den Zweikämpfen war.

Wiederholungstäter Dutt und Bargfrede

In der zweiten Halbzeit änderte Verbeek seine Strategie und ließ nicht mehr ganz so linkslastig angreifen. Das Spiel wurde nun schneller verlagert, was Werder Mühe beim Verschieben bereitete. Angesichts der Nürnberger Ballsicherheit schien es nur noch eine Frage von Minuten zu sein, bis der Ausgleich fallen würde. Parallelen zum Nordderby vor einer Woche waren klar zu erkennen. Dutt reagierte mit der Einwechslung Makiadis für Petersen und der Umstellung auf ein 4-2-3-1. Wie schon gegen den HSV stabilisierte diese Umstellung das Bremer Spiel und half dem Team, den Zugriff auf das Nürnberger Mittelfeld wiederzufinden. Verbeek reagierte mit der Einwechslung von Tomas Pekhardt, was jedoch nicht die gewünschte Torgefahr brachte.

Dazu kam Werder auch eine Portion Matchglück entgegen, als Bargfredes Schuss von Pinola glücklich wie unhaltbar abgefälscht wurde. Das zweite Tor kippte die Spieldynamik endgültig zu Werders Gunsten. Während Nürnberg die zuvor beeindruckende Ruhe im Spielaufbau immer mehr abging, entwickelte Werder in der Schlussphase fast vergessene Tugenden im Kombinationsspiel. Zwar hatte Nürnberg kurz vor Schluss noch eine Großchance, die in einem Lattenkopfball von Drmic endete, doch kam in der letzten Viertelstunde nur noch einmal richtig Spannung auf, als Hunt ein Elfmetergeschenk von Gräfe dankend ablehnte. Ob er für die Korrektur eines vorherigen Fehlverhaltens (immerhin einer Schwalbe, die normalerweise mit Gelb bestraft wird) eher einen Fair-Play-Preis verdient hat als Kiyotake für den Verzicht auf einen unberechtigten Eckball, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Schöne Gesten im Abstiegskampf waren beide Szenen allemal.

Mit Schach aus der Abstiegszone

Mit dem Sprung auf Platz 11 und der Vergrößerung des Vorsprungs auf die Abstiegszone scheinen Werder und Dutt wieder zurück in die Spur gefunden zu haben. Erneut konnte Dutt als geschickter Schachspieler glänzen und sein Team gut auf veränderte Taktiken des Gegners einstellen. Die Raute ist als Kompromiss zwischen defensiver Stabilität und eigener Torgefahr die derzeit passendste Formation – und wenn der Gegner sie knackt, stellt Dutt um. Zumindest gegen die direkten Konkurrenten lässt sich so punkten und mehr kann man nach den Problemen der letzten Monate kaum erwarten.

Die Zeit für Lobgesänge oder Entspannung ist hingegen noch nicht gekommen. Der Klassenerhalt ist in greifbarer Nähe, aber noch nicht gesichert. Wenn in den nächsten beiden Spielen gepunktet wird und sich die verbesserten Abläufe in der Defensive langsam einschleifen, gibt es in der zweiten Hälfte der Rückrunde vielleicht doch noch die nötige Ruhe, um sich der spielerischen Entwicklung der Mannschaft widmen zu können. Die gegen Hamburg angedeuteten Verbesserungen im Umschaltspiel und in der Verarbeitung langer Bälle wurden bestätigt, wenngleich noch an etlichen Stellen Defizite zu erkennen sind. Solange dies mit dem nötigen Einsatz und der Entschlossenheit der letzten Spiele wettgemacht wird, wird Werder im Abstiegskampf bestehen. Gleiches gilt für die Nürnberger, die mit ihrer Spielstärke eigentlich problemlos den Klassenerhalt schaffen sollten.

7. Spieltag: A game of two halves

Werder Bremen – 1. FC Nürnberg 3:3 (2:1)

Zweit Schritte vor, zwei zurück: Der wohl besten Halbzeit der bisherigen Saison folgt nach dem Seitenwechsel eine schwache Defensivleistung. Am Ende steht ein leistungsgerechtes Unentschieden, bei dem man sogar noch froh sein musste, dass Nürnberg nicht noch den Siegtreffer erzielte.

Verbessertes Kombinationsspiel, Flügelflitzer Garcia

Nach dem Sieg im Nordderby stellte Dutt mit Ekici für Kobylanski sowie Rückkehrer Junuzovic für den verletzten Ignjovski zwei neue Spieler in die Startelf. Werder begann sehr flexibel, mit viel Bewegung im Mittelfeld und Geduld im Spielaufbau. Beim Passspiel zeigen sich langsam Verbesserungen. Offensiv ging vor allem auf der linken Seite die Post ab. Neuzugang Santiago Garcia schaltete bei Ballbesitz immer direkt auf Offensive um und suchte den direkten Weg hinter die Viererkette des Gegners. Hieraus entstanden schnell die ersten gefährlichen Situationen, von denen eine abgefälschte, scharfe Hereingabe im gegnerischen Tor landete. Auch in der Folge blieb Garcia der auffälligste Spieler auf dem Platz, sorgte mit selbstbewusstem und direktem Spiel für gefährliche Szenen. Auch die Absicherung dahinter funktionierte, da Ekici aufmerksam war und Caldirola weit nach links herausrückte.

Nürnberg kam in der ersten Halbzeit nur sporadisch vor Werders Tor und konnte selten über mehr als zwei Stationen in der gegnerischen Hälfte spielen. In einem körperlich intensiven Spiel gewann Werder die entscheidenden Defensivzweikämpfe in den meisten Fällen. Da auch die Offensivreihe viel mit nach hinten arbeitete, fand der Gegner kaum einmal Räume zum kombinieren. Dies änderte sich auch nach dem 2:0 durch Elia nicht, auch wenn Werder das Spiel nun mehr zu verwalten schien. Kurz vor der Pause leistete man sich jedoch eine Unkonzentriertheit, die Nürnberg zum Anschlusstreffer nutzte. Der Pausenstand war bitter für Werder, da es das erste Mal überhaupt in dieser Saison war, dass man einen Gegner spielerisch beherrscht hatte und offensiv wie defensiv souverän wirkte.

Nürnberg dreht auf, Werder zahlt Lehrgeld

Nach dem Wechsel drehte sich das Spiel komplett. Nürnberg spielte, beflügelt durch das Anschlusstor und die Einwechslung von Drmic, viel konsequenter und selbstbewusster und legte in Werders Defensive die Schwachstellen offen. Beim Ausgleich reichte ein recht simpler Pass in den Raum hinter dem aufgerückten Garcia, der eine scharfe Flanke auf Drmic ermöglichte. Auch in der Folge blieb Werder anfällig, insbesondere bei der Strafraumverteidigung zeigte man Schwächen. Offensiv blieb Werder jedoch weiterhin gefährlich. Wie schon in den letzten beiden Spielen kam Werder nach Standards zu guten Chancen. Zunächst scheiterte Lukimya per Kopfball nach Ecke von rechts noch knapp, doch kurz darauf landete ebenfalls nach einer Ecke ein Befreiungsschlag bei Elia, der aus dem Rückraum zur erneuten Führung traf.

Leider blieb Elias Doppelpack nicht die dominierende Geschichte des Abends. Nürnberg spielte nach dem erneuten Rückstand weiterhin selbstbewusst nach vorne und während Werder nach und nach die Kräfte ausgingen, trafen die Franken zum erneuten Ausgleich und drückten danach auf das Führungstor. Werder spielte sich nur noch selten kontrolliert ins Angriffsdrittel und war bei hohen Bällen nicht präsent genug – anders als auf der Gegenseite Pekhart. Hunt und Petersen schoben bis in die Schlussphase aggressiv auf die Nürnberger Innenverteidiger und versuchten den Spielaufbau zu unterbinden, doch sobald sie überspielt waren, blieben beide hoch stehen, was für einen großen Abstand zu den beiden tief stehenden Viererketten hinter ihnen sorgte und Nürnberg Überzahl im Mittelfeld ermöglichte.

Die Schlussphase war gekennzeichnet von zunehmender Vorsicht beider Teams, den wichtigen Punkt nicht noch zu verspielen. Werder versuchte noch einmal Druck aufzubauen, kam jedoch nur noch einmal gefährlich vors gegnerische Tor. Der Schuss von Ekici ging jedoch weit daneben und sorgte für eine merkwürdig fatalistische Stimmung im Weserstadion.

Alte Fehler, neue Stärken

Unterm Strich bleibt ein verdientes Unentschieden, über das man sich in Bremen nach der verspielten 2:0-Führung nicht wirklich freuen kann. In Anbetracht der derzeitigen Situation ist ein Unentschieden gegen Nürnberg jedoch kein Misserfolg. Es zeigt vielmehr, dass Werder in diesem Spiel eine Halbzeit lang deutlich verbessert war und einen Ausblick darauf gegeben hat, in welche Richtung es in den nächsten Monaten gehen soll. Die zweite Halbzeit war in dieser Hinsicht ein Rückschlag, der zwar nicht unerwartet kam, aber dennoch ein Warnsignal sein sollte, dass Werder noch weit davon entfernt ist, einen Gegner über 90 Minuten dominieren zu können.

Die Verbesserungen in der Defensive (wir haben jetzt schon so viele Zu-Null-Spiele wie in der gesamten letzten Saison) stehen noch auf wackligen Füßen, die bei jedem Nachlassen der Konzentration oder der Einsatzbereitschaft ins Stolpern geraten. Offensiv waren die letzten drei Spiele (das Debakel gegen Frankfurt zähle ich da mit) ein Lebenszeichen, da neben den verbesserten Standardsituationen zuletzt auch das Kombinations- und Flügelspiel sicherer und druckvoller geworden ist.

Vielleicht tut es Werder ganz gut, nach dem Spieltag nicht auf Platz 5 der Tabelle zu stehen, um keine falsche Euphorie zu entfachen, der das Team noch nicht gerecht werden kann (die Europapokalgesänge wurden nach dem 2:0 schon wieder ausgepackt). In den nächsten beiden Spielen gegen Stuttgart und Freiburg gilt es zunächst einmal, die Konzentration in der Defensive wiederzufinden. Das Thema Balance ist inzwischen überstrapaziert, aber angesichts der verbesserten Offensive wäre es mir recht, den Fokus in den nächsten Wochen wieder etwas mehr in Richtung Defensive zu verschieben.

Dezimiert, konzentriert, engagiert

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 1:1

Ein Punktgewinn nach langer Unterzahl in Nürnberg bringt Werder vorübergehend an die Tabellenspitze. Die schwache spielerische Leistung sollte man im Kontext des frühen Platzverweises bewerten. Kämpferisch bot Werder eine sehr starke Leistung und verdiente sich einen Punkt gegen überlegene, jedoch selten zwingende Nürnberger.

Verschlafener Beginn, Wieses Weckruf

Die Anfangsphase verschlief Werder völlig. Nürnberg setzte das Bremer Mittelfeld ständig unter Druck und ließ kein geordnetes Aufbauspiel zu. Werder schaffte es kaum einmal, kontrolliert ins letzte Drittel zu spielen. Das Kombinationsspiel lag brach. Mit dem Ball blieb Nürnberg jedoch ebenfalls ungefährlich. Fast alle Angriffe liefen über die rechte Seite. Lediglich ein guter Freistoß von Mendler, den Wiese mit einer tollen Parade entschärfte, sorgte für Torgefahr.

In der 17. Minute kam es dann zur spielentscheidenden Szene, der roten Karte gegen Tim Wiese. In Unterzahl erhöhte Werder den Einsatz und zeigte mehr Leidenschaft. Die restliche erste Halbzeit über schaffte es das Team sehr gut, Nürnberg vom eigenen Tor fernzuhalten. Die einzige eigene Torchance nutzte dann Ex-Nürnberger Mehmet Ekici zur Bremer Führung. Nach Stephans schwachem Pass reagierte Hunt gut und Pizarro zeigte beim Zuspiel auf Ekici seine ganze Klasse. Die Halbzeitführung war auch deshalb nicht ganz unverdient, weil Nürnberg es nicht verstand, in Überzahl Torchancen zu herauszuspielen. Die letzten 15 Minuten hatten wegen des starken Regens kaum noch etwas mit einem normalen Fußballspiel gemein.

Von der Wasser- zur Abwehrschlacht

Nach der Pause wurde Nürnberg aggressiver und drückte Werder hinten rein. Entlastungsangriffe gab es kaum noch. Pizarro arbeitete viel und ließ sich häufig ins Mittelfeld fallen. Werders Formation glich dadurch einem 4-5-0 (bzw. nach Naldos Einwechslung einem 5-4-0). Aus dem Spiel heraus schaffte es Nürnberg dennoch nur selten, in gute Abschlusspositionen zu kommen. Das Torschussverhältnis von 25:2 täuscht daher ein wenig über die Tatsache hinweg, dass der Club zu wenig aus seiner Überzahl machte und trotz nachlassender Kräfte beim Gegner kaum echte Torchancen herausspielte. 14 davon waren Fernschüsse, 20 gingen am Tor vorbei. Sebastian Mielitz konnte sich eher durch viele angefangene Flanken und aufmerksames Rauslaufen auszeichnen, als durch gehaltene Bälle.

Umso ärgerlicher war es für Werder, dass man nach einer Ecke den Ausgleich kassierte. Schaaf reagierte durch die Einwechslung Naldos. Als dritter Innenverteidiger stellte er die Lufthoheit im Bremer Strafraum wieder her und nahm den hohen Hereingaben der Nürnberger damit den Wind aus den Segeln. Andererseits wurde es für Werder danach noch schwieriger, den Ball kontrolliert bis zur Mittellinie zu bekommen. Nach vorne ging nichts mehr, zumal Schaaf durch die beiden frühen Auswechslungen die Hände gebunden waren (Wesley und Rosenberg hätten Werders Spiel gut tun können, da vor allem Pizarro und Hunt in der Schlussviertelstunde die Luft ausging).

Umso bemerkenswerter war die Leidenschaft und Überzeugung, mit der Werder das Unentschieden verteidigte. Es wurde um jeden Zentimeter gekämpft, kein Spieler ließ sich hängen oder war sich zu schade, gegen den Ball zu arbeiten. Diese Einstellung hat man sich offenbar aus dem Abstiegskampf bewahrt.

Mission: Heimsiege fürs internationale Geschäft

Es war kein schönes Spiel von Werder. Die Passquote war schlecht und die Anfangsphase wurde (wie schon in Hoffenheim) verpennt. Angesichts des Spielverlaufs ist es für Werder ein gewonnener Punkt und nicht zwei verlorene. Die spielerische Leistung stand in diesem Spiel allerdings nicht im Mittelpunkt. Kämpferisch kann man der Mannschaft nichts vorwerfen. In puncto Kombinationsfußball und Ballsicherheit muss am nächsten Wochenende gegen Hertha wieder mehr kommen, doch das dürfte allen Beteiligten klar sein. Wiese hat sich durch seinen dummen Fehler wieder einiges kaputt gemacht, was er mit seinen starken Leistungen in dieser Saison aufgebaut hat. Mielitz hat dagegen erneut gezeigt, dass er reif genug für die Bundesliga ist. Viele Fehler von diesem Kaliber darf sich Wiese wohl nicht erlauben.

Das Ergebnis zeigt einmal mehr, wie wichtig die Heimspiele für Werder derzeit sind. Gewinnt man diese, sind vier Punkte aus drei Auswärtsspielen eine gute Bilanz. Wenn Werder weiterhin die Pflichtaufgaben so souverän erledigt, braucht es diese Saison keine Wunder von der Weser, um an den Champions-League-Plätzen dranzubleiben. Ein Heimsieg gegen Aufsteiger Hertha zählt zweifellos zur ersten Kategorie.

Über Nürnberg an die Spitze?

Wie weit ist Werder nach dem guten Bundesligaauftakt schon? Wird das Spiel in Nürnberg schon zu einem Wegweiser in Richtung Champions League? Ein Versuch einer Standortbestimmung.

Umbruch im Schnelldurchgang

Nach dem Sieg im Nordderby hätte die Stimmung bei Werder besser nicht sein können. Das Spiel hatte so viele Feel-Good-Momente zu bieten, dass die letzte Saison aus heutiger Sicht fast wie ein schlechter Traum erscheint. Ist das der gleiche Verein, der vor kaum mehr als vier Monaten noch kurz vor dem Abstieg stand? Der noch zu Beginn des letzten Monats angeblich von der Pleite bedroht war? Dessen Aufsichtsrat und Geschäftsführung sich auf öffentlicher Bühne zerstritten hatten? Dessen Trainer nach der Pokalniederlage in Heidenheim die Mannschaft nicht mehr erreichte? Verschwommene Erinnerungen aus längst vergessenen Zeiten.

Denn nun, Anfang September, müssen Spieler und Verein zurückrudern, um nicht als Titelaspirant und Bayernjäger durch die Medien zu geistern. Lediglich Claudio Pizarro sprach nach dem Sieg gegen den HSV offen von seinen Meisterschaftsambitionen, was von der sportlichen Führung nicht gerne gehört wurde. Die Aussage wurde ohnehin in den Schatten gestellt von Naldos Comeback, einem Ereignis, das sinnbildlich für das alte und neue Selbstverständnis im Hause Werder steht: Wir sind wieder da, mit uns ist zu rechnen! Geldsorgen? Dann verkaufen wir eben Mertesacker und spielen zu Null. Trainersorgen? Einfach an Thomas Schaaf festhalten, der macht das schon. Spielersorgen? Dann spielen eben alle ein bis zwei Klassen besser als letzte Saison und wir kaufen ein paar junge, erfolgshungrige Talente dazu.

Neue Stärke oder leichter Auftakt?

Wer – außer Thomas Schaaf – hätte denn vor zwei Monaten gedacht, dass man mit einem Mittelfeld Bargfrede-Fritz-Hunt-Marin wettbewerbsfähig ist? Wer hätte gedacht, dass man durch die Verpflichtungen von Innenverteidiger Sokratis, Mittelfeldmann Ignjovski und dem angeblich weit überschätzten Schmitz die ständig präsenten Probleme auf den Außenpositionen der Viererkette zunächst einmal beheben kann? Wer hätte gedacht, dass man bei all den Baustellen und dem begrenzten Transferbudget in eine Situation kommen könnte, in der man in allen Mannschaftsteilen fast gleichwertige Alternativen auf der Bank sitzen hat? Der Optimismus über den starken Kader, den leistungsfördernden Konkurrenzkampf und die Rückkehr in die Spitzengruppe der Bundesliga keimt dieser Tage nicht nur, er wuchert.

Doch wie sicher steht das Fundament, auf dem der vorhergesehene Erfolg aufgebaut ist? Wie hoch sind die bisherigen Leistungen einzuschätzen? Hatte Werder diese Saison einfach nur Glück mit dem Spielplan? Wenn bei den Bayern die Frage nach dem leichten Auftaktprogramm erlaubt ist, muss sie das auch in Bremen sein. Um Kaiserslautern, Freiburg und diesen HSV zuhause zu schlagen, muss man keine Spitzenmannschaft sein. Der Sieg in Hoffenheim war hart erkämpft und auch etwas glücklich. Beim einzigen Gegner, den man in die Kategorie “Topmannschaft” einordnen kann, verlor Werder mit 0:1. Das schmälert den Erfolg nicht, denn Werder wurde vor der Saison bestenfalls als Durchschnittsteam gehandelt. Ob die gezeigten Leistungen Aufschluss darüber geben, ob Werder in dieser Saison schon wieder gut genug für die Spitzengruppe der Liga ist, steht auf einem anderen Blatt.

Gestärkt aus der Heilungsphase

Letztlich wird diese Frage nicht im ersten Saisondrittel beantwortet. Nach dem labilen Zustand, in dem sich die Mannschaft noch im Sommer befand, sollte man dankbar für das verhältnismäßig leichte Auftaktprogramm sein. Jedes Erfolgserlebnis trägt ein Stück zur Heilung bei – und Werder befindet sich noch in der Heilungsphase. Wenn man dann gestärkt und mit großem Selbstbewusstsein in die schwierigen Spiele gehen kann, ist es umso besser.

Ich habe in den ersten Saisonspielen viele Dinge gesehen, über die ich mich freue: Den Formanstieg bei Hunt, Marin und Arnautovic. Die ansprechenden Leistungen unserer Neuzugänge, das Aufblühen von Fritz im Mittelfeld, die spürbare Erleichterung bei Thomas Schaaf, die Fortschritte bei Naldo. Ein Sieg in Nürnberg wäre ein weiteres Ausrufezeichen. Als Fan ist es schön, nach der schlimmen letzten Saison überhaupt wieder träumen zu können. Für eine ernsthafte Prognose, ob Werder schon wieder reif für die Champions League ist, reicht es jedoch noch nicht.

Interview bei den Clubfans United

Da ich diese Woche leider (mal wieder) nicht zum Bloggen gekommen bin, bin ich froh, wenigstens auf ein Interview zum Spiel 1. FC Nürnberg – Werder Bremen verweisen zu können, das die Clubfans United mit mir geführt haben. Neben der Rückkehr von Andreas Wolf und Mehmet Ekici zu ihrem ehemaligen Verein wird dort auch der Tod des Weser-Bloggers Ronny Schmelzer thematisiert. Hier könnt ihr das Interview nachlesen:

Der Wolf im Schaafspelz

Wenn ich noch etwas Zeit und Lust finde, gibt es morgen noch eine kurze Vorschau aufs Spiel. Ein Live-Blog wird es morgen eher nicht geben.

Zitate von der VIP-Tribüne

“Nimm endlich den Scheiß-Franzecken runter!”

“Du blöder Penner, verpiss dich bloß! Spieler wie dich brauchen wir hier nicht!”

“Silvestre, du Wichser! Geh wieder dahin, wo du hergekommen bist!”

“Du blindes Arschloch!”

“Na endlich nimmt er den raus! So ein ******** (Wort nicht zitierfähig)!”

Und das von Leuten, die nach Anpfiff kommen und vor Abpfiff gehen. Right back atcha!

28. Spieltag: Tatsache

Werder Bremen – 1. FC Nürnberg 4:2

“Mal wieder ein überzeugender und ungefährdeter Sieg, das wär’s”, dachte ich mir vor dem Spiel und freute mich zur Halbzeit noch darüber, dass Werder meinen Wunsch scheinbar erhört hatte. Der doppelte Mertesacker und Tim Borowski hatten für eine beruhigende 3:0-Führung gesorgt, die in der zweiten Halbzeit nur noch verwaltet werden wollte. Doch dann kam es mal wieder so, wie man es als Werderfan immer befürchten muss: Die Führung beruhigt auch die eigene Mannschaft, die daraufhin ganz ruhig und abgeklärt die Angriffe des Gegners über sich ergehen lässt. Woanders nennt man es Hühnerhaufen, bei uns hat es System. Erst als Nürnberg auf 2:3 herangekommen war, sah man sich genötigt, wieder etwas mehr in das Spiel zu investieren. So kann man natürlich Fußball spielen, die Bayern konnten das mal ganz exzellent, aber die haben dann auch entsprechend verteidigt und dem vom anrennen erschöpften Gegner irgendwann den Garaus gemacht.

Am Ende holte Werder trotz einer wiedermal sehr durchwachsenen (oder eher: wechselhaften) Leistung drei Punkte und steht nun besser da, als man es vor einem Monat noch erträumt hätte. Clemens Fritz machte in der Nachspielzeit alles klar, ein Feel-Good-Moment, nachdem zuvor Frings eine völlig absurde rote Karte gesehen hatte. In meinen Augen war das nicht mal ein Foul, geschweige denn ein absichtliche Handbewegung. Wie man es als Tätlichkeit sehen kann, ist mir wirklich schleierhaft. Aber ok, Schiedsrichter machen Fehler, alles nicht so wild, wenn denn die DFL der DFB den Arsch in der Hose hätte, die Sperre aufzuheben, die Frings heute mit Sicherheit bekommen wird. Kein Wunder, dass technische Hilfsmittel sich im Fußball nicht durchsetzen werden, wenn selbst am grünen Tisch bei einer Entscheidung, die nichts mit dem Spielgeschehen selbst zu tun hat, die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters über dem eindeutigen Fernsehbild steht. Das sind also die Fehlentscheidungen, die den Fußball ausmachen? Dann ist ja gut.

Übrigens ein Treppenwitz, dass Torsten Frings, der bei der WM 2006 aufgrund umstrittener Fernsehbilder nachträglich für das Halbfinale gesperrt wurde, nun trotz eindeutiger Fernsehbilder nicht nachträglich freigesprochen wird.

Im übrigen war es an diesem Spieltag sehr interessant, was auf den anderen Plätzen los war: Dortmund nur remis in Berlin, damit gibt es nun ein richtiges Verfolgerduell am nächsten Wochenende. Das Topthema war nach dem Spiel ein vermeintliches Abseitstor der Hertha, das nicht gegeben wurde und zu hitzigen Diskussionen über die Abseitsregel führte. Für mich ist die Entscheidung vertretbar, erst abzuwarten, ob Gekas aus seiner (zunächst passiven) Abseitsstellung einen Vorteil zieht und dann auf Abseits zu entscheiden. Der HSV patzt in Gladbach und Labbadias Tage scheinen mal wieder nach nur einer Saison gezählt. Die Bayern verlieren erneut und bleiben den Beweis schuldig, dass sie mit der Tabellenführung auch nur ansatzweise besser umgehen können, als ihre Konkurrenten. Schalke demontiert Bayer Leverkusen in deren eigenem Stadion und Felix Magath grüßt mal wieder von der Tabellenspitze. Im Weserstadion war Schalke schon richtig stark, aber das am Samstag war noch eine Nummer härter. Gut für uns, denn nun ist Leverkusen tatsächlich in Reichweite gerückt und ein Sieg in Dortmund würde uns alle Chancen lassen. Unser Restprogramm macht mich aber nur vorsichtig optimistisch, dass es noch etwas wird mit Platz 3.

Alles in allem war es ein Spieltag wie gemalt, auch wenn mein ursprünglicher Wunsch nach einem überzeugenden und ungefährdeten Sieg nicht in Erfüllung ging. Beim Blick auf die Tabelle mir das jedoch gerade ziemlich egal.

11. Spieltag: Begeistert

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 2:2

Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Wissen wir. Hinten raus kam ein 2:2 in Nürnberg nach den bislang schlechtesten 55 Minuten der Saison. Trotzdem bin ich begeistert, was nicht nur an Halloween liegt.

Ich bin begeistert von einer Werdermannschaft, die in 35 Minuten eine (bis dahin mehr als verdiente) Niederlage abwendete.

Ich bin begeistert von Tim Wiese, der in der dritten Minute mit einer Harakiri-Aktion an Ball und Gegner vorbeisprang und so das erste Gegentor mitverschuldete, der sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen ließ, der Nervenstärke bewies und Werder mit einigen Klasseparaden im Spiel hielt.

Ich bin begeistert von Naldo und Mertesacker, die selten so schlecht harmonierten, sich teilweise sogar gegenseitig behinderten, etliche haarsträubende Fehler machten und in der Schlussphase trotzdem den Mut hatten, alles zu riskieren, den Weg nach vorne zu suchen, in der Gefahr, am Ende als noch größere Deppen dazustehen.

Ich bin begeistert von unseren Außenverteidigern, die an ganz schlimme Zeiten erinnerten, sich mehrfach überlaufen ließen und am Ende doch den Laden zusammen hielten, als die Viererkette aufgelöst wurde. Dazu eine Torvorbereitung per Flanke von Boenisch.

Ich bin begeistert von unserem Mittelfeld, das lange Zeit kein Bein auf den Boden bekam und kaum einen Pass zum eigenen Mann, das keinerlei Kontrolle übernehmen konnte, das dann jedoch das Spiel ankurbelte, das plötzlich sogar den Totalausfall von Mesut Özil vekraften konnte, das Nürnberg in der Schlussphase in deren eigenen Hälfte einschnürte.

Ich bin begeistert von Tim Borowski und Peter Niemeyer, die beide das Mittelfeld belebten, was ich vor allem bei letzterem nicht unbedingt erwartet hatte.

Ich bin begeistert von Mesut Özil, der mit Spielen wie gestern die Hoffnung weckt, dass man ihn doch noch langfristig an Werder binden kann.

Ich bin begeistert von unserem Angriff, der trotz des Ausfalls der Sturmpartner 1-4 von Marko Marin und trotz nur ganz weniger gelungener Offensivaktionen ackerte und versuchte, die Nürnberger Defensive zu beschäftigen.

Ich bin begeistert von Aaron Hunt, der uns den Punkt gerettet hat, der lange brauchte, um ins Spiel zu finden, der nach Rosenbergs Auswechslung in den Sturm ging und das tat, was Stürmer tun müssen, der nun sogar per Kopf trifft, der uns mit dem 2:2 in der Nachspielzeit jubeln ließ, als hätten wir das Spiel gewonnen, der den Ball mit der Brust herunterpflückt, ihn kurz auftrumpfen lässt, ihm mit dem Außenrist den nötigen Drall verpasst, ihn für den Torwart unerreichbar macht und direkt in den Knick trifft.

Ich bin begeistert von Thomas Schaaf, der den einzigen Vollblutstürmer vom Platz nahm, für ihn einen Mittelfeldspieler brachte, der den Mut hatte, mit Marin und Hunt in der Spitze spielen zu lassen, der nach dem Schlusspfiff somit alles richtig gemacht hatte, der dafür nicht in den Medien gelobt wird, wie van Gaal letzte Woche.

Ich bin begeistert, dass Werder selbst aus diesem absoluten Graupenspiel noch etwas zählbares mitgenommen hat, dass man sich zurück ins Spiel kämpfte, nicht darauf verweisen wollte, dass jede Serie irgendwann enden müsse und man halt mal einen gebrauchten Tag erwischt habe.

Ich bin begeistert von 17 ungeschlagenen Spielen in Serie, von einer Mannschaft, die am Samstag ihr schreckliches zweites Gesicht zeigte, das wir noch aus der Vorsaison kennen, die es jedoch nicht einfach hinnehmen wollte, sich dagegen aufbäumte und so vor allem die eigenen Dämonen vertrieb.

Ich bin begeistert, dass wir in dieser Saison endlich wieder träumen können.