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Ernüchterung trotz Runde 2

FV Illertissen – Werder Bremen 2:3 n.V. (1:1, 1:1)

Werder gewinnt etwas glücklich nach Verlängerung gegen den Regionalligisten FV Illertissen. Dabei enttäuschte das Team eine Woche vor dem Bundesligastart spielerisch auf ganzer Linie. Der erstmalige Einzug in die zweite Pokalrunde seit vier Jahren kann nur ein wenig darüber hinweg trösten.

Robin Dutt wartete mit einer etwas größeren Überraschung auf und ließ Petersen trotz Di Santos Verletzung nur auf der Bank. Werder begann somit ohne klassische Sturmspitze und dafür mit Hajrovic und Elia im Angriff. Das restliche Team begann wie erwartet, wobei Makiadi und Bartels die Halbpositionen im Mittelfeld besetzten und Lukimya für den verletzten Prödl in der Innenverteidigung ran durfte. Illertissen spielte ein 4-5-1, das in der Raumaufteilung zwischen 4-2-3-1 und 4-1-4-1 pendelte.

Problemzone Zehnerraum

Werders Pressing im 4-1-3-2 funktionierte in der Anfangsphase recht gut und man kam zu einigen gefährlichen Aktionen, aus denen auch der Freistoß vor dem Elfmeter zum Führungstor resultierte (Gratulation an dieser Stelle an Hajrovic zu diesem Elfmeter. Von dieser Schusstechnik können sich die meisten seiner Teamkollegen etwas abschauen). Mit zunehmender Spieldauer griff Werders Offensivansatz jedoch immer weniger. Das Gegenpressing ging zu oft ins Leere, insbesondere im Zentrum gelangen kaum einmal Überzahlsituationen durch hohe Ballgewinne. Im Gegenteil waren es oft die Bremer die im Zehnerraum isoliert wurden. Bei vertikalen Anspielen in diesen Bereich fand sich der Passempfänger fast immer gegen 3-4 Gegenspieler wieder, ohne eigene Anspielstation in der Nähe. So hatte Werder keinen Zugriff auf das Zentrum und kam meist nur über hohe Bälle oder Flügelangriffe nach vorne.

Auf der linken Seite lief sich Elia dabei häufig fest und zeigte einmal mehr, dass er kein Freund des Torabschlusses ist. Linksverteidiger Garcia erwischte leider einen seiner schwächeren Tage und konnte trotz einiger guter Flügelläufe wenig in der Offensive bewirken. Rechts zeigte Bartels ein paar gute Ansätze im Dribbling (bei denen er allerdings nicht durchsetzungsstark genug war), war jedoch mit seinen Kernaufgaben auf der Halbposition überfordert. Er stand auch häufig zu hoch, wodurch der defensiv nicht sattelfeste Fritz hinten rechts Probleme bekam. Hajrovic hatte etwas Probleme seine Rolle zu finden und kam selten in Positionen an den Ball, von denen er seine Abschlusstärke einsetzen konnte. Das Aufbauspiel aus der Abwehr war gewohnt langsam und kam im Kombinationsspiel nur selten über die Mittellinie hinaus. Daran konnte auch Gàlvez nichts ändern, der zwar vieles mitbringt, was ein Rauten-Sechser haben sollte, doch letztlich kein ausgemachter Kreativspieler ist. Dass er seine Rolle noch finden muss, zeigte seine durchgängig sehr tiefe Positionierung bei Ballbesitz seine Teams. Die Ballverteilung war ebenfalls verbesserungswürdig. Ihm fehlten allerdings auch Anspielstationen im Zentrum, oft blieb nur der Querpass oder der lange Ball als Option.

Die Standards entscheiden das Spiel

Auch defensiv wirkte Werder nicht wirklich sattelfest. Sinnbildlich war dafür eine Szene kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit, als Wolf und Lukimya sich nach Garcias Querschläger nicht einig waren und Illertissen so eine Großchance ermöglichten. Aus dem Spiel heraus hatte zwar auch Illertissen wenige Torchancen, doch ihre Standardsituationen nutzten die Gastgeber gut und bereiteten Werders Abwehr damit große Schwierigkeiten. Überhaupt waren es die Standards, die in diesem Spiel die größte Offensivgefahr ausmachten. Auch Werder konnte bei eigenen Ecken und Freistößen überzeugen und letztlich machten diese auch den Unterschied aus. Alle drei Bremer Tore fielen nach ruhenden Bällen.

Für meinen Geschmack hielt Dutt etwas zu lange an seiner Linie fest, bevor er die offensichtlichsten Probleme auf dem Feld mit seinen ersten beiden Wechseln anging: Busch kam für Bartels und sorgte für mehr Stabilität auf der rechten Seite, wodurch Clemens Fritz zurück in die Spur fand (abgesehen von seinem schlechten Zweikampfverhalten vor dem 2:3, das leider inzwischen typisch für sein Spiel ist). Im Angriff kam Selke für Makiadi, sodass es im Angriff zumindest einen Zielspieler für hohe Bälle gab. Vorher erinnerte die Offensive an die Versuche mit der Raute im letzten Herbst, als Werder ebenfalls ohne wirkliche Stürmer spielte. In die Loblieder auf Selke kann ich allerdings nicht einstimmen, er hat noch sehr viele wichtige Dinge falsch gemacht. Allerdings hat er unermüdlich versucht etwas zu bewegen, suchte insbesondere auf dem rechten Flügel nach Räumen und wurde mit seinem ersten Treffer für die Profis belohnt. Ob das schon für die Bundesliga reicht, wird man in den nächsten Wochen sehen. Schade fand ich, dass Dutt nicht auf mehr Spielstärke gesetzt hat und Aycicek (trotz Hajrovics Abtauchen auf der Zehnerposition) oder Kobylanski (trotz Elias Harmlosigkeit) keine Chance gegeben hat.

Das Gerede vom Pokalfluch hört nun endlich auf. Zum Feiern war bei Werder jedoch nur wenigen zumute. Letztlich war es nur ein Spiel und es bleibt die Hoffnung, dass Werder in Ulm nur einen schlechten Tag erwischt hat. Jedoch sollte nun klar sein, dass Werder ohne Prödl, Di Santo, Bargfrede und Selassie noch ein gutes Stück entfernt ist von der Form des letzten Frühlings. Nennenswerte Automatismen in der Offensive sind nicht zu erkennen, die Neuzugänge können noch nicht überzeugen und es fehlte gegen Illertissen auch die unbedingte Kampfbereitschaft, mit der Werder einen Großteil der letzten Saison über agiert hat. Die in dieser Saison angestrebte Entwicklung ist nach wie vor möglich, aber Werder wird sie sich hart erarbeiten (und eventuell auch noch mal auf dem Transfermarkt nachlegen) müssen.

DFB-Pokal, 1. Runde: Viel zu tun

1. FC Saarbrücken – Werder Bremen 3:1 n.V.

Wie in den letzten beiden Jahren endet der DFB-Pokal auch in dieser Saison schon, bevor er begonnen hat. In Saarbrücken war Werder über weite Strecken des Spiels die schwächere Mannschaft und offenbarte gegen den Drittligisten große Mängel in der Defensive.

Neues System, schlechte Abstimmung

Alles wie gehabt also? Ja und nein. Werders Spielanlage hat sich deutlich geändert, was man bereits in den ersten Minuten des Spiels erkennen konnte. Vorrückende Außenverteidiger, abkippende Sechser, all das gab es unter Thomas Schaaf nicht (wohl aber am 34. Spieltag der letzten Saison). Der Spielaufbau lief neben den beiden Innenverteidigern wie erwartet über Makiadi, der dabei von Ekici und teilweise Hunt unterstützt wurde. Davor war bei Werder alles im Fluss, die Positionen wurden munter getauscht und durch Hunts freie Rolle war es teilweise schwer, ein konkretes System zu erkennen, das sich in Zahlen beschreiben lässt.

In der Anfangsphase des Spiels, als Saarbrücken sehr abwartend agierte und sich kaum einmal ein Spieler aus der eigenen Hälfte traute, hatte Werder große Probleme, den Ball aus der Zentrale wirklich ins Spiel zu bringen. Es war zwar Bewegung vorhanden, doch selten riss einer der Laufwege der Offensivspieler ein Loch in den engen Abwehrverbund der Gastgeber. Was zunächst nach handelsüblichen Anlaufschwierigkeiten im ersten Pflichtspiel der Saison aussah, entpuppte sich bald als Schwachpunkt, der das gesamte Spiel über nicht beseitigt werden konnte. Wesentlich schwerwiegender und letztlich spielentscheidend waren jedoch die Abstimmungsprobleme in der Bremer Hintermannschaft.

Altbekannte Defensivschwächen

Hatte man sich erhofft, dass hier zum Saisonauftakt bereits Verbesserungen sichtbar werden könnten, wurde man schwer enttäuscht. Allein die Anzahl an Situationen in denen sich Werders Spieler uneins darüber waren, wer einen bereits sicher geglaubten Ball klären soll und somit den Gegner wieder ins Spiel brachten, war erschreckend. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass diese Spieler zum ersten Mal zusammen auf einem Fußballplatz stünden. Dazu gesellten sich individuelle Fehler der Abwehrspieler, wie sie aus der Vorsaison noch bestens vertraut sind. Beides konnte (musste?) man zu Saisonbeginn vielleicht erwarten, doch in der Kombination war es schon erschreckend, wie schlecht Werder defensiv gespielt hat.

Nach etwa 20 Minuten hatte Saarbrückens Offensivabteilung Blut geleckt und griff nun konsequenter an, wenn sich die Situation dazu bot. So erreichte Saarbrücken schnell ein Chancenplus, ohne spielerische Glanzleistungen vollbringen zu müssen. Organisatorisch waren die Gastgeber – im Gegensatz zu Werder – ohnehin voll auf der Höhe. So gerieten sie bis zum Seitenwechsel nur selten in Bedrängnis und gingen kurz vor der Pause verdient in Führung.

Kurzes Zwischenhoch, bitteres Ende

Dutt reagierte in der Pause, brachte Arnautovic für Füllkrug und fortan lief es besser bei den Grünweißen. Die Angriffszüge wirkten konsequenter und führten häufiger zum Abschluss. Auch wenn Werder in keiner Phase des Spiels wirklich dominant war, kam diese Phase des Spiels den Vorstellungen von Trainer, Spielern und Fans wohl am nächsten. Nach dem Ausgleich schien es eines dieser Pokalspiele zu werden, in denen der Favorit lange strauchelt, sich dann aber letztlich doch durchsetzt. Die wacklige Defensive und der zielstrebige Gegner machten jedoch einen Strich durch diese Rechnung. Nachdem Mielitz in der Nachspielzeit mit einem Blitzreflex die Niederlage zunächst noch verhindern konnte, wurde die Verlängerung für Werder zum Debakel.

Dazu kam nun auch noch Pech ins Spiel, als zunächst Arnautovic frei vor dem Tor verzog und kurz darauf ein abgefälschter Schuss den erneuten Rückstand bedeutete. Saarbrücken hatte in der Folge den deutlich längeren Atem, während Werder nicht mehr zusetzen konnte. In der Schlussphase setzte Werder auf frühe Flanken und einen aufrückenden Innenverteidiger Prödl, der für Kopfballstärke im Strafraum sorgen sollte. Saarbrücken hatte mit dieser Taktik keine große Mühe und konterte nach einer geklärten Flanke zum letztlich verdienten 3:1.

Lange Mängelliste

Eine Erstrundenniederlage gegen einen Drittligisten kann mal passieren. Wenn man bereits in den letzten beiden Jahren gegen Drittligisten aus dem Pokal ausgeschieden ist, sollte man jedoch erwarten, dass die Mannschaft alles daran setzt, ein weiteres Ergebnis dieser Art zu verhindern. Was jedoch schlimmer ist, ist die Art und Weise, wie die Niederlage zustande kam. Werder hat nicht verloren, weil man überheblich agierte oder den Gegner unterschätzte. Werder war an diesem Tag gegen einen (selbstverständlich hochmotivierten) Drittligisten die schlechtere Mannschaft. Offensiv fand man gegen einen gut organisierten Gegner trotz hoher Ballbesitzwerte zu wenige Mittel und defensiv leistete man sich ein erschreckendes Maß an individuellen wie kollektiven Aussetzern.

Man sollte nach nur einem Pflichtspiel nicht den Stab über der Mannschaft brechen. In den letzten beiden Jahren folgte dem Pokalaus jeweils ein guter Bundesligastart. Bis dahin ist es es jedoch noch ein weiter Weg und Werder hat heute nichts dafür getan, den Glauben daran zu stärken. Bis zum Spiel in Braunschweig bleibt nur eine Woche Zeit und die Mängelliste ist so lang, dass ich mich kaum noch auf den Bundesligaauftakt freuen mag.

Filetierte Hühnerbrust

Preußen Münster – Werder Bremen 4:2 n.V.

Die runderneuerte Werdermannschaft geht im ersten Pflichtspiel der Saison bei hochsommerlichen Temperaturen baden. Auch, weil Thomas Schaaf die gleichen Fehler macht, wie in der Vergangenheit.

Gute spielerische Ansätze, fehlende Feinabstimmung

Nach Niederlagen gegen unterklassige Gegner im Pokal wird gerne mal die Einstellung der Mannschaft hinterfragt und Dinge wie mangelnde Laufbereitschaft oder fehlender Wille kritisiert. Solche Vorwürfe sind nach dem Spiel in Münster zum einen unberechtigt und greifen zum anderen zu kurz.

Werder trat in der ersten Halbzeit wie ein Bundesligist auf. Das Team spielte nicht besonders gut, aber es wurde deutlich, an welchen Dingen man im Sommer gearbeitet hat. Neben der bekannten Fluidität im zentralen Mittelfeld waren hohe Diagonalpässe auf die Flügel das auffälligste Stilmittel in Werders Spiel. Dabei gingen noch zu viele Pässe ins Leere, doch das sollte zu diesem frühen Zeitpunkt nicht überraschen und war auch nicht der Grund für die Niederlage. Zur Halbzeit war es ein typisches Erstrunden-Pokalspiel. Werder die bessere Mannschaft, ganz gute Spielanlage, mäßige Feinabstimmung, aber überlegene individuelle Klasse, die Münster mit viel Einsatz und direktem Spiel zu kompensieren versuchte.

Schaaf vercoacht sich, Preußen nutzt den Raum

Ich weiß nicht, was Schaaf dazu bewegt hat, nach 65 Minuten beim Stand von 1:1 einen solch offensiven Wechsel (Füllkrug für Fritz) vorzunehmen. Das 2:1 durch die beiden eingewechselten Spieler gab ihm zunächst einmal Recht. Direkt danach den dritten Wechsel zu vollziehen, wäre riskant gewesen. Doch auch mit einem Dreiermittelfeld aus Junuzovic, Hunt und De Bruyne kann man die Löcher vor der Viererkette stopfen. Dazu bräuchte es jedoch klare Positions- und Rollenverteilungen. Diese sind in Werders „fluider Dreifachsechs“ nicht vorgesehen. Dort ergibt sich – wie in Schaafs Raute – die Rollenverteilung situativ und die Positionsverteilung ist mehr nett gemeinter Vorschlag als bindende Anweisung. Defensiv orientierte Spieler wie Bargfrede oder Fritz erkennen situativ häufig die Räume, die sie zustellen müssen (auch wenn das nicht Werders Grundprobleme vor der Abwehr löst). Mit drei offensiv denkenden Mittelfeld-Akteuren ist diese Spielweise allerdings glatter Selbstmord.

Ein Problem, das Werder seit Jahren mit sich herumschleppt, scheint auch diesen Sommer nicht erkannt und gelöst worden zu sein: Die großen Löcher zwischen Abwehr und Mittelfeld. Das 4-3-3, das gegen den Ball zum 4-1-4-1 wird, ist eigentlich eine Formation, die es durch den Spieler zwischen den Linien erleichtern sollte, diesen Raum zu verengen. Bei der EM konnte man bei einigen Spielen sehr gut sehen, wie dies funktionieren kann, und dass man dabei trotzdem das Grundprinzip eines fluiden Dreiermittelfelds nicht aufgeben muss (bestes Beispiel: Chelsea in der Champions League). Bei Werder wurden die Löcher in der Schlussphase der regulären Spielzeit größer statt kleiner, weil die Spieler verständlicherweise müde wurden. Warum gab es hier keine Anweisung ans Mittelfeld, nur mit einem, maximal zwei Spielern vorzurücken? Warum kam es schon vor den offensiven Auswechslungen vor, dass Fritz als tiefster Mittelfeldspieler den Ball 25 Meter vor dem gegnerischen Tor verlor, ohne dass ein anderer Mittelfeldspieler ihn absicherte? Statt sich im 4-1-4-1 tief einzuigeln und die Münsteraner im Zentrum zu entnerven, lief man wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen direkt ins offene Messer. Vielleicht passt der neue Hauptsponsor doch besser als gedacht.

Preußen hat keines der Tore erzwungen und ich wage zu bezweifeln, dass sie in der Schlussphase noch eine Druckphase gehabt hätten. Mit geschicktem Verteidigen hätte Werder das Spiel vermutlich problemlos aussitzen und vielleicht auch noch einen Konter abschließen können. Schaaf entschied sich für das offene Visier, das ist nicht neu, hätte ich nach der letzten Rückrunde und den torreichen Vorbereitungsspielen – naiver Weise – aber nicht erwartet.

Zu späte Korrektur, mittelloses Werder

Ein rabenschwarzer Tag von Sokratis trug zur Niederlage bei und es wäre leicht, ihm die Niederlage in die Schuhe zu schieben. Es wäre jedoch falsch. Die Denkweise, dass einzelne Spieler die Fehler des Kollektivs mit individueller Klasse auszubügeln haben, hat sich bei Werder viel zu lange gehalten. In der Schlussphase einer Partie gegen einen unterklassigen Gegner darf man dessen Mittelstürmer nicht in ein 1-gegen-1 mit dem letzten Abwehrspieler kommen lassen. Tut man es doch, braucht man sich nicht zu wundern, wenn es bestraft wird.

Schaaf korrigierte den Fehler (zumindest personell) in der Verlängerung durch Bargfredes Einwechslung. Da war es jedoch schon zu spät. Neben den Kräften schwanden auch jegliche Ideen aus Werders Spiel. Ich habe in der Verlängerung nicht einen strukturierten Angriffszug von Werder gesehen. In der Schlussphase den (einzigen) Innenverteidiger nach vorne zu schicken und auf einen Hail-Mary-Pass und eine glückliche Kopfballablage zu hoffen, ist ein Armutszeugnis in einem Spiel gegen einen Drittligisten. Genauer gesagt: Das Armutszeugnis ist nicht, dass es gemacht wurde, das Armutszeugnis ist, dass es nötig war, dass es keine Alternative mehr dazu gab, keine spielerischen Mittel.

Ausrutscher oder typisches Werderspiel?

Ich will nach dem ersten Spiel nicht alles schlecht reden, denn es war bei weitem nicht alles schlecht in Werders Spiel. 70-80 Prozent des Gezeigten waren sogar solide bis gut. Es ist eine Freude, Kevin de Bruyne beim Spielen zuzuschauen, auch wenn er sich oft noch zu einfach aushebeln lässt. Die Pässe, die er aus dem Fußgelenk schüttelt, sind bemerkenswert. Werders Kombinationen und die durch das Element der Diagonalpässe auf die Außenstürmer erweiterten Optionen in der Offensive offenbaren viel Potenzial. Auch agiert man wieder mutiger als in der letzten Rückrunde und scheint sich in den Bereichen Flügelspiel, Pressing und Umschaltspiel verbessert zu haben. Doch was hilft es, wenn die übrigen 20-30 Prozent so stümperhaft umgesetzt werden, dass man trotzdem gegen einen Drittligisten verliert?

Man muss der neuformierten, jungen Mannschaft Zeit geben und darf die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Nach dem LigaTotal-Cup haben uns einige Fans wohl schon wieder auf dem Vormarsch in die Bundesligaspitze gesehen. Sorge bereiten aber die Basics, die in den letzten Jahren selten stimmten und auch im ersten Spiel dieser Saison nicht. Vielleicht war es ein Ausrutscher, vielleicht hat man an diesen Dingen gearbeitet, vielleicht werden wir in ein paar Spielen eine Besserung erleben. Letztlich habe ich zu wenige Vorbereitungsspiele gesehen, um dies derzeit bewerten zu können. Wenn jedoch gleich das erste Spiel auf eine Weise verloren wird, auf die Werder seit Jahren immer wieder verliert, und sich der Trainer dabei böse vercoacht, sind das keine guten Anzeichen.

Meine Sorge, dass Thomas Schaaf in dieser Saison versuchen wird, in den neuen Kleidern seine alten Ideen umzusetzen, ist mit dem Spiel in Münster nicht geringer geworden. Oder anders gesagt: Meine Hoffnung, dass Schaaf in seiner vierzehnten Saison als Trainer die Defizite aus Werders Spiel beseitigt, die seine Amtszeit (neben vielen positiven Dingen!) mit prägten, ist relativ gering.

DFB-Pokal, 1. Runde: Noch viel Arbeit

1. FC Heidenheim – Werder Bremen 2:1

Die Schwarzseher werden sich bestätigt sehen: Werder ist mit einer kleinen Blamage (eine große Blamage ist eine Niederlage gegen einen Drittligisten nicht) in die Saison gestartet. Letztlich ging das Ergebnis so in Ordnung, auch wenn Werder das Spiel zu Beginn der 2. Halbzeit hätte entscheiden können.

Nicht mehr als gute Ansätze

Um mit einem positiven Aspekt zu starten: Ich habe in der ersten Halbzeit viele gute Ansätze in Werders Spiel gesehen. Die Ballsicherheit war da, das Mittelfeld wurde schnell überbrückt und der direkte, vertikale Pass gesucht. Es gelang jedoch zu selten, die Stürmer in Szene zu setzen. Thy und Rosenberg haben sich viel bewegt, aber selten kamen die Bälle durch die Schnittstellen der Heidenheimer Abwehr bei ihnen an. Dies lag vor allem daran, dass Werder das Tempo nicht hoch genug hielt und stattdessen versuchte, das Spiel mit 80% Aufwand über die Zeit zu bringen.

Nach dem Doppelschlag wurde jedoch deutlich, dass Werders Spiel noch nicht so weit ist, wie es zu diesem Zeitpunkt der Saison sein müsste. Spielerisch konnte man Heidenheim immer weniger in Bedrängnis bringen. Gegen einen nun sehr tief stehenden Gegner kam man mit dem Kombinationsfußball der Raute kaum mal vors gegnerische Tor und setzte daher zunehmend auf lange Bälle. Schaaf reagierte, brachte Wagner als dritte Spitze und Ekici als Ballverteiler im Mittelfeld. Letztlich blieben die Bälle in den Strafraum jedoch zu unpräzise, abgesehen von einigen Flanken von Lukas Schmitz. Dazu waren die Standards so schwach wie zu finstersten Zeiten der letzten Saison. Was blieb war die Hoffnung auf einen Lucky Punch, was gegen diesen Gegner ein Armutszeugnis ist.

Papa hui, Wolf pfui

In der Abwehr gefiel mir Neuzugang Sokratis Papastathopoulos sehr gut. Gutes Stellungsspiel, zweikampfstark, gute Spieleröffnung – so will ich einen Innenverteidiger sehen. Leider stand der andere Neuzugang in der Innenverteidigung Andreas Wolf nicht nur neben ihm sondern auch völlig neben sich. Schon in der ersten Halbzeit hatte er Probleme, beim 1:2 ließ er sich komplett düpieren. Von einem so erfahrenen Bundesligaspieler muss man deutlich mehr erwarten, ansonsten hat er in der Startelf nichts verloren. Phillipp Bargfrede hat mich als Sechser überzeugt, war lange Zeit der Motor des Bremer Spiels. Nach den Umstellungen in der 2. Halbzeit übernahm Mehmet Ekici die Ballverteilung im Mittelfeld. Er war sehr aktiv, holte sich die Bälle sehr tief ab und versuchte sich als Spielmacher. Es war jedoch deutlich zu sehen, dass er nach seiner Verletzung und in seinem erst zweiten Spiel für Werder noch nicht die Bindung zu seinen Nebenleuten hat. In zwei bis drei Wochen sollte das schon besser aussehen.

Viel Arbeit, wenig Zeit

Das frühe Pokalaus ist für Werder aus finanzieller Sicht sehr ärgerlich. Sportlich ist es kein Beinbruch, nun muss man sich in der Bundesliga rehabilitieren. Dabei läuft Werder jedoch langsam die Zeit weg. In einer Woche wird es richtig ernst und bei allen guten Ansätzen waren die alten Probleme doch wieder deutlich erkennbar. Wenn selbst Heidenheim diese aufdecken kann, wird es ein gutes Stück Arbeit in den nächsten Wochen so viel Sicherheit ins Spiel zu bekommen, dass man auf Bundesliganiveau wieder den Kombinationsfußball spielen kann, an dem man sich momentan versucht.

‘schab Vertrag

DFB-Pokal, 1. Runde: Rot Weiss Ahlen – Werder Bremen 0:4

Wie in den Jahren zuvor ein letztlich deutlicher Sieg zum Saisonauftakt gegen eine unterklassige Mannschaft. Im Gegensatz zu Union Berlin letztes Jahr erwies sich Ahlen jedoch in der ersten Halbzeit als echte Hürde. Werder kam schwer ins Spiel und musste vor dem Führungstor einige brenzlige Szenen überstehen. Danach lief dann fast alles wie erhofft und der Klassenunterschied wurde auf dem Feld deutlich sichtbar.

Thomas Schaaf entschied sich für das System mit der Raute und gegen das 4-2-3-1. Wie erwartet saßen deshalb Marin und Arnautovic zunächst auf der Bank und Hunt und Borowski nahmen die Halbpositionen im Mittelfeld ein. Werders Spielidee war von Anfang an erkennbar, doch es hakte noch bei der Genauigkeit im Kombinationsspiel. Da sich auch alle vier Spieler der Viererkette in der ersten Hälfte einige Aussetzer im Spielaufbau erlaubten, kam Ahlen immer wieder zu gefährlichen Konterchancen, die jedoch nur selten gut zu Ende gespielt wurden und deshalb meist von Werders Abwehr repariert werden konnten. Ahlen spielte vermehrt über die linke Bremer Abwehrseite und konnte Pasanen dabei einige Male bloßstellen. Mittelstürmer Knappmann suchte in jeder Situation den Torabschluss, agierte dabei jedoch häufig zu überhastet. Die beste Chance der ersten Halbzeit hatte Alder mit einem tollen Freistoß, der hinter Wiese an die Latte klatschte.

Werder befreite sich aus der Ahlener Druckperiode auf die bestmögliche Weise: Claudio Pizarro zog von links in den Strafraum und traf mit einem platzierten Schuss ins lange Eck. Danach kippte das Spiel klar zugunsten Werders. Özil, der zuvor ein eher mittelmäßiges Spiel hatte, drehte nun auf und war an allen gefährlichen Aktionen beteiligt. In dieser Phase hätte Werder das Spiel schon entscheiden können, vielleicht müssen. Stattdessen hatte nach der Pause erneut Knappmann die Chance zum Ausgleich, doch verlor allein vor Wiese die Nerven und ermöglichte diesem so seine beste Parade im Spiel. Kurz darauf traf Almeida, der zuvor ebenfalls kläglich vergeben hatte, per Kopf nach einer Ecke zum 2:0. Schaaf wechselte nun durch, brachte Marin für Özil und wenig später Arnautovic für Almeida. An der Einseitigkeit der Partie endete das aber nichts mehr, denn Borowski machte mit einem tollen Schuss nach einem verunglückten Klärungsversuch der Ahlener Defensive alles klar. So plätscherte das Spiel seine Ende entgegen, bis Marin mit einem schönen Heber den Schlusspunkt zum 4:0-Sieg setzte.

Die Raute scheint in dieser Phase der Saison die bessere Variante für Werder zu sein, gerade wenn man die Formkurven der Spieler so anschaut. Wenn Marin und Arnautovic bei 100% sind, spricht aber vieles für das 4-2-3-1, denn gerade bei Arnautovic hat man gesehen, dass ihm die Rolle des 2. Stürmers nicht wirklich auf den Leib geschneidert ist. Hunt und Borowski haben gestern zwar nicht überragend gespielt, doch sie erfüllten ihre Aufgaben ordentlich. Es war aber Bargfrede, der das Bremer Mittelfeld belebte und die Fäden zog. Defensiv aufmerksam, starker Spielaufbau und dazu noch viele Akzente nach vorne – wenn er das auch in der Bundesliga so umsetzen kann, müsste er auf der Sechserposition gesetzt sein.

Einiges hängt aber noch von den Wechseln ab, die sich in den nächsten Tagen entscheiden dürften. Mit dem Brasilianer Wesley ist alles klar, er wird in den nächsten Tagen einen 5-Jahres-Vertrag unterschreiben und kostet angeblich schlanke 7,5 Mio. Euro. Offiziell bestätigt ist der Transfer noch nicht, doch der Spieler selbst hat sich bei Twitter schon klar darüber geäußert, sich unter anderem bei Werders sportlicher Leitung für deren großes Bemühen bedankt. Im Fall Mesut Özils kommt zum ersten Mal seit Wochen wirklich (sprich: nicht nur in den Medien) Bewegung rein. Real Madrid hat ein Angebot abgegeben, das laut Allofs jedoch völlig inakzeptabel war. Özil selbst zeigte sich im Interview nach dem Spiel sichtlich hin und her gerissen zwischen seinen üblichen Kommentaren (“Ich hab Vertrag” und “Ich respektiere Werder Bremen”) und dem öffentlichen Interesse Reals und José Mourinhos (“Wenn man so ein Angebot hat, möchte man es gerne annehmen”). Dass Allofs Özil über das Angebot jedoch nicht informiert hat, ist schon ein wenig seltsam und gibt in der Öffentlichkeit kein gutes Bild ab. Özils Ärger darüber kann ich nachvollziehen, doch in seinem eigenen Interesse war es nicht sehr sinnvoll, dies an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine Entscheidung muss in den nächsten Tagen fallen, sonst kommt vor dem wichtigen Spiel gegen Sampdoria zu viel Unruhe auf. Dazu braucht es entweder ein gutes Angebot von Real Madrid oder ein Machtwort von Allofs, der in dieser Angelegenheit jedoch am kürzeren Hebel sitzt.

DFB-Pokal, 1. Runde: Leichtigkeit

FC Union Berlin – Werder Bremen 0:5

Das nennt man wohl Auftakt nach Maß. Mit einem lockeren und verdienten Sieg zieht Werder in die zweite Runde des DFB-Pokals ein. Nach den letzten Testspielen konnte man nicht unbedingt damit rechnen, dass die Mannschaft gegen Union so ein leichtes Spiel haben würde. Dies lag natürlich nicht nur an Werders starker Leistung, sondern auch an einem enttäuschenden Auftritt des Zweitligaaufsteigers. Trotz eines fanatischen Publikums im Rücken, hatte Union Berlin nicht den Hauch einer Chance.

Daher sind auch die Schlüsse, die man aus dem Spiel ziehen könnte, mit Vorsicht zu genießen. Eines scheint jedoch schon jetzt deutlich: Werder verfügt wieder (bzw. trotz Diegos Abgang immer noch) über große Qualität im Mittelfeld. Dass Tim Borowski nach wenigen Wochen schon so dominant agiert, ist erstaunlich. Defensiv kompromisslos und mit gutem Auge im Spielaufbau war er die zentrale Figur in Werders Mittelfeld. Den Späteinsteigern Mesut Özil und Marko Marin war anzumerken, dass sie körperlich noch nicht auf dem Stand sind, den sie für die lange Saison benötigen. Hier wird es in ein paar Wochen hoffentlich noch eine Steigerung geben. Sehr positiv war allerdings die Raumaufteilung zwischen den beiden, die ständig unterwegs waren, Positionen getauscht haben und sich nur schwer auf eine Formation festnageln ließen. Classic Schaaf.

Im Sturm wusste vor allem Boubacar Sanogo zu gefallen. Er hat eine starke Vorbereitung gespielt und stand zu Recht in der Anfangsformation. Nach dem Spiel gestern dürfte er für den Bundesligaauftakt gesetzt sein. Er spielte wie zu seinen besten Zeiten im Herbst 2007, mit viel Einsatz und einem guten Gespür für die richtigen Laufwege. Hugo Almeida wirkte dagegen etwas blass (und nein, dass ist keine rassistische Bemerkung), hatte aber dennoch einige gute Aktionen. Marcelo Moreno durfte in der Schlussphase ran und zeigte endlich seine Qualitäten als Vollstrecker. Vier Stürmertore gegen einen Zweitligisten sind eine Ansage, sollten aber nicht über den Handlungsbedarf im Angriff hinwegtäuschen.

Die Abwehr stand – bis auf eine zehnminütige Auszeit um die 60. Minute herum – sicher und ließ den zaghaften Berliner Vorstößen kaum Raum zur Entfaltung. Clemens Fritz wirkt auf der rechten Seite um Lichtjahre besser drauf, als zu Beginn der letzten Saison. Pasanen spielte auf der anderen Seite solide, wie man ihn kennt. Er dürfte zunächst nur Platzhalter für Sebastian Boenisch sein, so lange dieser die nötige Fitness für sein kraftaufwändiges Spiel sammelt. Vielleicht wird er in Zukunft aber auch wieder zur ernsthaften Option für die Startelf, sollte Boenisch nicht den erhofften Leistungsschub bekommen.

Insgesamt war es ein Spiel, das Vorfreude auf die kommende Saison machte. Spätestens in zwei Wochen, nach dem Auswärtsspiel bei den Bayern, wird man den Leistungsstand etwas genauer einschätzen können. Bis dahin darf geträumt werden, warum auch nicht? Die letzte Saison, die mit einem klaren Auswärtssieg in Berlin begann, war schließlich 2003/2004.