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11. Spieltag: Details

Werder Bremen – VfB Stuttgart 2:0 (1:0)

Werder bezwingt Stuttgart mit einer engagierten und gut organisierten Leistung. Skripniks taktische Ideen neutralisieren das Stuttgarter Offensivspiel über weite Strecken. Zwei Ecken sorgen für die Entscheidung zugunsten Werders.

Die Rautenevolution geht weiter

Es hatte sich an den Tagen vor dem Spiel bereits angedeutet, dass Skripnik in seiner Heimpremiere ohne Obraniak und Aycicek beginnen würde. Stattdessen kehrte der zuvor aussortierte Elia zurück ins Team (was heißt eigentlich “Fingerspitzengefühl” auf Ukrainisch?). Was so manchem Fan Schweißperlen auf die Stirn trieb, stellte sich als cleverer Schachzug heraus, denn Skripnik setzte taktisch dort an, wo er in der zweiten Halbzeit gegen Mainz aufgehört hatte. Er hob die “Pseudo-Raute”, die Spielverlagerung letzte Woche erkannte, sozusagen auf die nächste Stufe.

Werder Bremen defensiv

Werder im 4-4-1-1 / 4-3-2-1 Zwitter gegen den Stuttgarter Spielaufbau

Gegen den Ball spielte Werder meist ein 4-4-1-1, mit Elia in einer passiven Rolle zwischen Stoßstürmer Di Santo und einer Viererkette aus Bartels, Fritz, Kroos und Junuzovic. Auf Angriffspressing verzichtete Werder über weite Strecken des Spiels, lediglich Di Santo lief ab und zu die gegnerischen Innenverteidiger an. Elia hingegen begnügte sich damit, die Passwege halblinks vor den beiden Viererketten zuzustellen und rückte manchmal sogar weit mit ein. Auf der rechten Seite gab es ein sehr interessantes Wechselspiel zwischen Fritz und Bartels, die häufiger die Positionen tauschten (was unter anderem mit Bartels Offensivrolle zusammenhing, doch dazu später mehr) und abwechselnd aus der Kette herausrückten. So ergaben sich immer wieder 4-3-2-1 Formationen, die schon gegen Mainz zu erkennen waren. Alles in allem war das Defensivspiel darauf ausgelegt, das Zentrum dicht zu machen und den Stuttgarter Aufbau auf den Flügel zu lenken.

Werder offensiv: Die Formation kippt zur Raute

Werder offensiv: Die Formation kippt mit vielen Diagonalbewegungen zur Raute

Bei eigenem Ballbesitz formierte sich Werders Mittelfeld auf recht interessante Weise um. Bartels übernahm die Rolle des Zehners, der in dieser Variante der Raute jedoch keinen Spielgestalter gab, sondern sich als Durchlaufstation hinter den beiden Spitzen postierte, teilweise sogar zu ihnen aufschloss. Elia spielte wie erwartet sehr linkslastig und ging auch offensiv häufig auf den linken Flügel. Junuzovic rückte als linker Rautenspieler ebenfalls weit mit auf. Die unter Dutt zu beobachtenden Linkslastigkeit war also immer noch präsent, wenn auch in etwas anderer Form. Allein durch diese unterschiedliche Positions- und Rollenverteilung in Defensive und Offensive ergaben sich einige interessante Rochaden im Mittelfeld, auf die sich der VfB einstellen musste. Werder bespielte nach Balleroberung im Mittelfeld die Lücken in der Stuttgarter Defensive mit direkten Vertikalpässen und kam einige Male gut durch die Halbräume an den Strafraum (so etwa bei den beiden Chancen durch Junuzovic).

Zwei Ecken entscheiden unterdurchschnittliches Spiel

Insgesamt war Werders Offensivspiel jedoch weiterhin geprägt von vielen Ungenauigkeiten im Passspiel, teils schwacher Ballverarbeitung und individuellen Fehlern bei der Entscheidungsfindung (Elia!). Letztlich war man daher aus dem Spiel heraus kaum gefährlich. Gerade das eigene Aufbauspiel weist noch viele Schwächen auf. Zum Glück für Werder hat der VfB ein massives Problem beim Verteidigen von Freistößen und Eckbällen, das im Duell zweier unterdurchschnittlicher Teams letztlich entscheidend war. Prödls Kopfballtor ist schwer zu verteidigen und fällt für mich in die Kategorie “kann mal passieren” (ein halber Scorerpunkt geht an Di Santo für sein Blockieren). Das Tor von Bartels darf hingegen aus Stuttgarter Sicht niemals fallen, so schön es auch in der Umsetzung war. Wie man als raumdeckendes Team eine flache Ecke an den Elfmeterpunkt zulassen kann, wird wohl ein Geheimnis des VfB bleiben – Armin Veh war jedenfalls sehr verärgert nach dem Spiel.

Der Bremer Sieg ist aufgrund dieser Schwäche des Gegners verdient, wenngleich Werder in der ersten Halbzeit auch etwas Glück hatte, als zunächst Gentner frei vor dem Tor eine Hereingabe mit dem Kopf nicht richtig erwischte und kurz darauf Wolf mit starker Parade gegen Harnik rettete. Nach dem 2:0 schien der Widerstand des VfB jedoch gebrochen. Wie schon in Mainz gelang es Werder mit zunehmendem Selbstvertrauen immer besser, die eigene Ordnung und den Gegner fern vom Tor zu halten. So hatte Stuttgart zwar über die kompletten 90 Minuten mehr vom Ball, verbrachte aber erhebliche Zeit damit, denselbigen durch die Abwehrreihe laufen zu lassen. Gefährliche Zuspiele an den Strafraum waren nur selten zu sehen, auch wenn in der ersten Halbzeit einige gute Diagonalbälle von links in den Strafraum gespielt wurden.

Nordderby und ein Nordlicht

Es lässt sich darüber streiten, ob die Länderspielpause für Werder zur Unzeit oder genau rechtzeitig kommt. Für die erstgenannte Theorie spricht das Momentum, jenes wunderbare Phänomen, das sich seit dem Trainerwechsel zu Werders Gunsten gedreht zu haben scheint. Dagegen sprechen die zahlreichen spielerischen Mängel in Werders Spiel, an denen in den zwei Wochen vor dem Nordderby gearbeitet werden kann. Während sich Skripniks Handschrift bislang nur auf einige wenige, aber durchaus wichtige, Umstellungen sowie eine stark veränderte Ansprache beschränkt, könnte beim Spiel in Hamburg bereits ein größerer Fortschritt im spielerischen Bereich erkennbar sein.

Nachdem Elia erneut nicht überzeugt hat, könnte Dutt Skripnik wieder auf einen seiner beiden Spielmacher in der Startelf setzen. Fin Bartels – dessen Rolle gegen Stuttgart zum Interessantesten gehörte, was Werder in dieser Saison taktisch zu bieten hatte – dürfte dann wieder neben (bzw. hinter) Di Santo rücken. Als intelligenter und konterstarker Spieler ist Bartels für Werder derzeit viel wichtiger, als ihm viele vor der Saison zugetraut hätten. In einer Zeit, in der Werder häufig im Zusammenhang mit verbranntem Kapital und Transferflops genannt wird, ist das eine willkommene Abwechslung.

Ärgerlich, aber vermeidbar

Schalke 04 – Werder Bremen 2:1

Eine Stunde lang war Werder in der Veltins-Arena die bessere Mannschaft. Am Ende steht Schaafs junges Team jedoch mal wieder mit leeren Händen da.

Die Bremer Mauer

Werder begann im gewohnten 4-3-3 mit Lukimya für den angeschlagenen Prödl. Bei Schalke kam mit Papadopoulos für Uchida ebenfalls ein neuer Innenverteidiger ins Team. Werder verteidigte mit einem verhältnismäßig tiefen 4-1-4-1, durch das Schalke in der ersten Halbzeit kaum einen Weg fand. Abgesehen von einer Schrecksekunde direkt nach dem Anpfiff erspielten sich die Schalker keine weiteren Torchancen. Wie schon gegen Bayern zeigte Werder, dass man bei entsprechender Ausrichtung durchaus defensivstark sein kann. Dabei war es keine reine Mauertaktik, die Werder an den Tag legte. Bei Ballgewinn orientierten sich fünf Spieler nach vorne und auch Junuzovic und die beiden Außenverteidiger stießen gelegentlich dazu. Das in dieser Saison häufig praktizierte Angriffspressing fand hingegen selten statt, bzw. wurde situativ eingestreut.

Schalke bekam den Ball kaum durchs Bremer Zentrum in die gefährlichen Halbräume neben Junuzovic und spielte häufig über den starken rechten Flügel. Farfan brachte Schmitz einige Male in arge Bedrängnis, konnte sich jedoch nicht entscheidend durchsetzen. Auf der anderen Bremer Abwehrseite machten Selassie und Arnautovic defensiv sehr viel richtig und es gab kaum einen Stich für Afellay und Fuchs zu holen. Ansonsten fiel Schalke in den ersten 45 Minuten nicht viel ein. Werders Angriffe gegen den aufgerückten Gegner wirkten lange Zeit gefährlicher als die der optisch überlegenen Schalker. Beim Führungstreffer schaltet Werder gut um und Hunts starker Abschluss war ein Zeichen seiner derzeitigen Topform. Auch nach Standards zeigte sich Werder gefährlich: Sokratis traf mit einem Kopfball ebenso die Latte, wie De Bruyne mit einer direkt aufs Tor gezogenen Ecke.

Draxler bringt Schwung, Werder verliert den Kopf

Die Führung zur Pause war absolut verdient und Werder musste sich fast schon ärgern, dass es nur 0:1 stand. Nach dem Wechsel kam Schalke mit dem für Afellay eingewechselten Draxler etwas besser ins Spiel. Zwar fanden sie durch Werders Defensive nur selten einen vielversprechenden Weg, doch die Angriffe sahen strukturierter und zielstrebiger aus als in der ersten Halbzeit. Dennoch hatte Werder die beste Chance in dieser Phase, als sich De Bruyne im 1 gegen 1 gut durchsetzte und alleine aufs Tor zulief, dann jedoch von Schiedsrichter Meyer zu Unrecht wegen einem angeblichen Foul an Papadopoulos zurückgepfiffen wurde. Kurze Zeit darauf vertändelte Arnautovic an der eigenen Eckfahne den Ball und verursachte in der Folge einen Freistoß, der den Ausgleich der Schalker brachte.

Werder war nach dem Gegentor anzumerken, dass der Ärger über die vergebenen Möglichkeiten zuvor groß war. Man wollte wohl direkt die passende Antwort geben und sich nicht von Schalke hinten rein drücken lassen, verlor darüber jedoch die Kompaktheit, die Schalke bis dahin solche Probleme bereitet hatte. Das Spiel ging jetzt schneller hin und her, das Mittelfeld konnte nun auch von Schalke schneller überbrückt werden, was den Königsblauen in die Karten spielte. Zehn Minuten nach dem Ausgleich war dann Murmeltiertag bei Werder. Nach einer eigenen Ecke wurde man im 4 gegen 4 ausgekontert, wobei sich zunächst alle Spieler auf den Ballführenden konzentrierten und Jones auf der rechten Schalker Angriffsseite übersahen. Danach spielte Schalke den Konter gut zu Ende. Zwei Spieler zogen in die Mitte und banden so die komplette Viererkette, was Draxler auf der anderen Seite den Raum gab, Jones Querpass zu verwerten.

Fragwürdige Wechsel, schwache Schlussphase

Nun musste Werder offensiver werden und das Spiel mehr in die eigene Hand nehmen, was Schalkes Kontertaktik begünstigte. In den letzten 20 Minuten waren denn auch die Schalker die gefährlichere Mannschaft, während sich Werder erfolglos abmühte. Es war nicht ganz ersichtlich, mit welcher Taktik man nun zum Erfolg kommen wollte. Die meisten Angriffe gingen weiterhin über die Flügel, ohne in der zweiten Halbzeit auch nur eine Flanke zu schlagen. Mit der Einwechslung von Akpala als zweiter Spitze und die damit verbundene Umstellung auf ein 4-4-2 sollte Werders Spiel noch direkter werden, jedoch mangelte es an Kreativität vor dem Strafraum. Einzig Füllkrug zog über links einige Male erfolgsversprechend vor das Schalker Tor. Dass Mehmet Ekici in einer solchen Situation nicht eingewechselt wurde und der in der zweiten Halbzeit oft indisponierte De Bruyne durchspielte, spricht Bände. Vielleicht sollte man Ekici die Nominierung für den Kader zukünftig ersparen und schon mal nach einem Abnehmer in der Winterpause suchen. Unter Schaaf wird er in Bremen nicht mehr glücklich.

Stattdessen kam dann Abwehrspieler Prödl als weiterer Stürmer aufs Feld. Ein Wechsel, den man schon allein aufgrund der fehlenden Flanken hinterfragen muss. Auch über den späten Zeitpunkt der Wechsel darf man diskutieren. Schaafs Entscheidungen legen nahe, dass er kein allzu großes Vertrauen in seine Bank hat. Nach dem Rückstand setzte er auf Brechstange statt auf neue spielerische Impulse. Dennoch (oder genau deswegen?) hätte Werder mit dem Schlusspfiff fast noch den Ausgleich erzielt, doch Selassies Kopfball wurde von Holtby auf der Linie geklärt.

Destination unknown

Unterm Strich steht eine unglückliche, aber eben auch vermeidbare Niederlage, da man nach dem Schalker Ausgleich die Konzentration verlor und nicht mehr in der Lage war, das eigene Spiel umzustellen. Obwohl fast alle Statistiken (Torschüsse, Ecken, Zweikämpfe, Laufleistung)  am Ende für Werder sprachen, hatte Werder Schalke nur solange im Griff, wie man sich vornehmlich auf die Defensive konzentrierte und kompakt stand. Ein Stück weit kann man es sicher auf die Unerfahrenheit der Mannschaft schieben, dass Werder nach Schalkes Ausgleich den Kopf und in der Folge den Faden verlor. Erneut ist jedoch auffällig, dass die Fehler die gleichen sind, die in den letzten Jahren von anderen (erfahreneren) Werderspielern begangen wurden. Daraus kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Nach einem Drittel der Saison steht Werder auf Platz 9 der Tabelle und noch deutet sich nicht so richtig an, wohin die Reise gehen wird. Mit dem Abstieg sollte man nichts zu tun haben, dafür sind Qualität und Kampfbereitschaft der Mannschaft zu groß. Von den internationalen Plätzen ist Werder nicht weit entfernt, doch ein Verein, der seit über einem Jahr keine zwei Spiele am Stück gewonnen hat, täte gut daran, die Gedanken an die europäischen Startplätze hinten anzustellen. Da helfen auch alle Klagen, dass Werder doch einige Male äußerst unglücklich Punkte gelassen hat, nicht weiter, zumal man dafür gegen Mainz und Freiburg relativ glücklich gewonnen hat.

(Zu der Angelegenheit Allofs / Werder / Wolfsburg äußere ich mich hier vorerst nicht.)

I got 99 problems, but Werder ain’t one

Nachdem es hier in den letzten Wochen viel zu ruhig war, gibt es heute Abend mal wieder ein Live-Blog zum Auswärtsspiel in Mainz. Meine bisherige Bilanz in dieser Saison: 2 Spiele, 2 Niederlagen. Höchste Zeit, das zu ändern.

Was das Spiel angeht, bin ich einigermaßen optimistisch, dass Werder die Negativserie der letzten Wochen durchbrechen wird. Mainz ist in meinen Augen nicht annähernd so stark, wie in der letzten Saison. Vieles wird davon abhängen, wie verunsichert Werder nach den letzten Spielen ist. Was Laufbereitschaft und Einstellung angeht, ist diese Mannschaft über jeden Zweifel erhaben. Spielerisch sind viele Ansätze vorhanden, die in der letzten Saison verloren gegangen waren. Punktuelle Änderungen könnten hier schon ausreichen.

Das sieht anscheinend auch Thomas Schaaf so. Nachdem er den indisponierten Bargfrede in Augsburg auf der Bank ließ und dafür Ignjovski eine Chance gab, sieht es nun so aus, als würde Schaaf auch Marin und Wolf eine Pause geben. Beide haben in den vergangenen Wochen merklich abgebaut und sind zur Belastung für Werders Spiel geworden. Wolf mag mit seiner Erfahrung und seinen Führungsqualitäten wichtig fürs Team sein, doch scheint nun der Zeitpunkt zu sein, an dem er damit seine Fehler nicht mehr wettmachen kann. Bei Marko Marin scheint es eher mental nicht zu stimmen. Er erinnert mich immer mehr an den Marin aus der letzten Hinrunde, der wunderbaren Fußball spielen kann, es aber fast nie tut. Es ist mir unbegreiflich, wie ein als “Straßenfußballer” geltender Spieler immer instinktiv die falsche Entscheidung trifft. Wenn Ekici seine Leistung weiter steigern kann, wonach es derzeit aussieht, dürfte es für Marin sehr schwierig werden, wieder zurück in die erste Elf zu kommen.

In Mainz muss keine Steigerung her im Vergleich zu den letzten Spielen. Es reicht, wenn man die Chancenverwertung verbessert und keine katastrophalen Abwehrfehler macht. Von den bisherigen Punktverlusten war nur das Unentschieden in Augsburg wirklich bitter, zumindest wenn man diese Saison ein bisschen in Relation zur letzten und zur Stimmung vor dem ersten Bundesligaspieltag setzt. Noch gibt es keinen Grund, den eingeschlagenen Kurs in Frage zu stellen.

Tage voller Frust

Bundesliga, 11. Spieltag: VfB Stuttgart – Werder Bremen 6:0

Puh. Was soll man über ein Spiel schreiben, das die eigene Mannschaft mit 6:0 verloren hat? Dass es jetzt langsam mal reicht und man sofort alle Spieler bzw. den Trainer bzw. die Vereinsführung rauswerfen soll? Das passiert gerade bei den üblichen Verdächtigen schon genug. Die Fehler im Detail analysieren und aufdecken? Zu schmerzhaft, da ich dazu das Spiel noch einmal anschauen müsste. Die verbliebenen positiven Dinge betonen und zum Schluss kommen, dass nicht alles schlecht ist? Nach Schönreden ist mir ebenfalls nicht zumute. Was nützen uns 63% Ballbesitz, die sich schon allein daraus erklären, dass Werder 80 Minuten lang im Rückstand lag? Was nützt ein ausgeglichenes Zweikampfverhältnis, wenn die entscheidenden Zweikämpfe nunmal verloren werden? Was nützen 85% Passgenauigkeit, wenn nur wenige von ihnen in die gefährliche Zone des Gegners gespielt werden und es diesem bei den 15% Fehlpässen viel zu leicht gemacht wird, seine Konter auszuspielen?

Wie behebt man unser Kopfproblem?

Es gibt nichts schönzureden an dieser Niederlage. Das Spiel zeigte auf, dass es nicht in erster Linie an der spielerischen Qualität hapert, sondern unsere Spieler ein Kopfproblem haben. Man ist nicht von Anfang an hoffnungslos unterlegen und man wird auch nicht vom Gegner an die Wand gespielt. Die Mannschaft bricht vielmehr regelmäßig nach den ersten Rückschlägen zusammen. Dass es diese Rückschläge dank Werders defensiver Fragilität nunmal gibt, ist nicht gerade neu und sicherlich ein Punkt, den es immer wieder zu kritisieren gilt. Doch früher (sprich: vor wenigen Monaten) konnte Werder viele Spiele dank toller Moral und einem fast unglaublichen Kampfgeist noch drehen oder zumindest einen Punkt herausholen. Nun kann man quasi dabei zuschauen, wie aus Werders Spiel mit dem ersten Rückschlag die Luft rausgelassen wird. Gegen die Bayern war nach dem 1:2 Feierabend, gegen Nürnberg ebenfalls. Gegen Stuttgart kam der Rückschlag schon nach 10 Minuten und wurde von einem blendend aufspielenden Gegner konsequent abgestraft.

Was die ständigen taktischen und personellen Umstellungen angeht: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Thomas Schaaf taktisch so naiv geworden sein soll. Auf mich macht es vielmehr den Eindruck, dass er immer wieder versucht, seine Spieler wachzurütteln. Dabei greift er auf Maßnahmen zurück, die nicht gerade zur Stabilisierung einer Mannschaft beitragen. Es scheint ihm derzeit nicht um Stabilität zu gehen, sondern um eine Reaktion seitens seiner Spieler, die bislang ausgeblieben ist. Es ist bekannt, dass Schaaf Spieler nicht gerne und schon gar nicht verfrüht aufgibt. Momentan scheint mir dieser Weg jedoch der Falsche zu sein. Einen Arnautovic in ein funktionierendes Team einzubauen ist schon schwer genug. Ein solches ist Werder in diesem Herbst allerdings nicht und langsam muss sich der Trainer – zumindest für den Rest dieser Hinrunde – entscheiden, welchen Spielern er vertraut. Die vielen Verletzungen und Formkrisen machen es schwer, hier die richtige Entscheidung zu treffen, doch sie muss trotzdem getroffen werden. Die Vorschläge aus dem Worum-Blog wären zum Beispiel ein guter Ansatz.

Weil es sein muss: Medienschelte

Was sind unsere Journalisten eigentlich für kleine Würstchen? Nicht, dass man von den Lokalmedien in Bremen und umzu sonderlich viel erwarten sollte, aber wie sie nun aus ihren Löchern gekrochen kommen und versuchen, ihren Teil vom großen Drauf-hau-Kuchen abzubekommen, ist einfach widerlich. Es geht in den meisten dieser Fälle nicht um eine sachliche Kritik (wie man das macht, könnten sie sich mal bei Johan abschauen), sondern um die medienüblichen Reflexe und nicht zuletzt auch um verletzte Eitelkeiten. Der Stimmungsumschwung kam nicht nach dem 0:6 gegen Stuttgart zustande, sondern nach Schaafs Fan- und Medienschelte. Von Trainern und Spielern wird erwartet, das sie stets kritikfähig sind, am besten schon eine Minute nach Abpfiff (zuletzt gesehen bei Jörg Dahlmanns Interview mit Louis “beratungsresistent” van Gaal). Wird aber die Arbeit der Journalisten in Frage gestellt, sucht man Selbstkritik meist vergeblich. Stattdessen greifen die üblichen Selbstverteidigungsmechanismen. Kritik am Trainer oder am Sportdirektor ist ja richtig und wichtig, aber wo sind die Argumente, die über bloße Spielergebnisse und Schmuddelgeschichten aus dem Umfeld hinaus gehen? Wo werden die Dinge in Relation zu dem gesetzt, was bei Werder in den letzten Monaten und Jahren passiert ist?

In Johans Beitrag kam klar zum Ausdruck, dass es ihm nicht um eine kurzfristige Niederlagenserie geht (ich hätte es besser gefunden, wenn der Blogpost vor zwei oder drei Wochen gekommen wäre, als Werder noch eine kleine Siegesserie hatte). In den Lokalmedien wird die Geschichte von der anderen Seite aufgerollt: Werder verliert, also muss es am Trainer liegen. Die Gründe werden dann ausgerechnet in den Dingen gesucht, für die Werder jahrelang gelobt wurde. Schuld seien der ruhige Standort, die Harmonie, die fehlenden Einflüsse von außerhalb. Werder habe es sich bequem gemacht und bekomme nun die Quittung dafür. Diese Argumente sind heute genau so richtig oder falsch, wie vor einem Jahr oder vor sechs Jahren. Damals hätten sie nur leider nicht in die vorherrschende Stimmung gepasst. Ich möchte eigentlich nicht das “Blogs vs. Zeitungen”-Fass aufmachen, aber in den letzten Tagen gab es eine ganze Reihe an Blogeinträgen (neben den bereits erwähnten z.B. hier, hier und hier), die auf unterschiedliche Weise die Probleme bei Werder analysieren und dabei auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dabei gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Sie sind auf der Suche nach Erklärungen und nicht geleitet von Sensationslust und Opportunismus. Das sucht man in den Bremer Medien derzeit leider vergeblich.

VfB Stuttgart – Werder Bremen (live)

11. Spieltag: Begeistert

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 2:2

Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Wissen wir. Hinten raus kam ein 2:2 in Nürnberg nach den bislang schlechtesten 55 Minuten der Saison. Trotzdem bin ich begeistert, was nicht nur an Halloween liegt.

Ich bin begeistert von einer Werdermannschaft, die in 35 Minuten eine (bis dahin mehr als verdiente) Niederlage abwendete.

Ich bin begeistert von Tim Wiese, der in der dritten Minute mit einer Harakiri-Aktion an Ball und Gegner vorbeisprang und so das erste Gegentor mitverschuldete, der sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen ließ, der Nervenstärke bewies und Werder mit einigen Klasseparaden im Spiel hielt.

Ich bin begeistert von Naldo und Mertesacker, die selten so schlecht harmonierten, sich teilweise sogar gegenseitig behinderten, etliche haarsträubende Fehler machten und in der Schlussphase trotzdem den Mut hatten, alles zu riskieren, den Weg nach vorne zu suchen, in der Gefahr, am Ende als noch größere Deppen dazustehen.

Ich bin begeistert von unseren Außenverteidigern, die an ganz schlimme Zeiten erinnerten, sich mehrfach überlaufen ließen und am Ende doch den Laden zusammen hielten, als die Viererkette aufgelöst wurde. Dazu eine Torvorbereitung per Flanke von Boenisch.

Ich bin begeistert von unserem Mittelfeld, das lange Zeit kein Bein auf den Boden bekam und kaum einen Pass zum eigenen Mann, das keinerlei Kontrolle übernehmen konnte, das dann jedoch das Spiel ankurbelte, das plötzlich sogar den Totalausfall von Mesut Özil vekraften konnte, das Nürnberg in der Schlussphase in deren eigenen Hälfte einschnürte.

Ich bin begeistert von Tim Borowski und Peter Niemeyer, die beide das Mittelfeld belebten, was ich vor allem bei letzterem nicht unbedingt erwartet hatte.

Ich bin begeistert von Mesut Özil, der mit Spielen wie gestern die Hoffnung weckt, dass man ihn doch noch langfristig an Werder binden kann.

Ich bin begeistert von unserem Angriff, der trotz des Ausfalls der Sturmpartner 1-4 von Marko Marin und trotz nur ganz weniger gelungener Offensivaktionen ackerte und versuchte, die Nürnberger Defensive zu beschäftigen.

Ich bin begeistert von Aaron Hunt, der uns den Punkt gerettet hat, der lange brauchte, um ins Spiel zu finden, der nach Rosenbergs Auswechslung in den Sturm ging und das tat, was Stürmer tun müssen, der nun sogar per Kopf trifft, der uns mit dem 2:2 in der Nachspielzeit jubeln ließ, als hätten wir das Spiel gewonnen, der den Ball mit der Brust herunterpflückt, ihn kurz auftrumpfen lässt, ihm mit dem Außenrist den nötigen Drall verpasst, ihn für den Torwart unerreichbar macht und direkt in den Knick trifft.

Ich bin begeistert von Thomas Schaaf, der den einzigen Vollblutstürmer vom Platz nahm, für ihn einen Mittelfeldspieler brachte, der den Mut hatte, mit Marin und Hunt in der Spitze spielen zu lassen, der nach dem Schlusspfiff somit alles richtig gemacht hatte, der dafür nicht in den Medien gelobt wird, wie van Gaal letzte Woche.

Ich bin begeistert, dass Werder selbst aus diesem absoluten Graupenspiel noch etwas zählbares mitgenommen hat, dass man sich zurück ins Spiel kämpfte, nicht darauf verweisen wollte, dass jede Serie irgendwann enden müsse und man halt mal einen gebrauchten Tag erwischt habe.

Ich bin begeistert von 17 ungeschlagenen Spielen in Serie, von einer Mannschaft, die am Samstag ihr schreckliches zweites Gesicht zeigte, das wir noch aus der Vorsaison kennen, die es jedoch nicht einfach hinnehmen wollte, sich dagegen aufbäumte und so vor allem die eigenen Dämonen vertrieb.

Ich bin begeistert, dass wir in dieser Saison endlich wieder träumen können.