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12. Spieltag: Ernüchterung im Nordderby

Hamburger SV – Werder Bremen 2:0 (0:0)

Eigentlich wollen zwei Artikel geschrieben werden: Einer zum Nordderby und einer zur Mitgliederversammlung. Behalten wir die Chronologie bei und bleiben vorerst beim Nordderby.

Passives Werder, offensivschwacher HSV

Wie schon gegen Stuttgart spielte Werder in einem recht passiven 4-4-1-1 gegen den Ball. Für den verletzten Di Santo und den stets enttäuschenden Elia spielten in der vordersten Reihe Petersen und Hajrovic. Lukimya ersetzte in der Innenverteidigung Prödl. Der HSV setzte wie zu erwarten auf Ballbesitz und eine offensive Ausrichtung mit weit vorgezogenen Außenverteidigern in einem 4-1-4-1. Es entwickelte sich ein einseitiges Spiel auf bescheidenem Niveau. Der HSV kontrollierte den Ball, Werder den Raum vor dem eigenen Sechzehner. Werders mannorientierte Außen ließen sich von Diekmeier und Ostrzolek weit hinten reindrängen. Insbesondere Bartels gab häufig einen zweiten Rechtsverteidiger und konnte somit seine Pendelbewegung auf die Zehnerposition nur selten ausführen.

Werder stand somit bei Ballgewinn selten gut gestaffelt für einen schnellen Konter gegen die aufgerückten Hamburger. Petersens bekannte Schwächen mit dem Rücken zum Tor machten es zudem fast unmöglich, einen langen Ball lange genug abzusichern, bis genügend Mitspieler nachgerückt waren. Hajrovic hatte als hängende Spitze ebenfalls einen rabenschwarzen Tag. Das kontrollierte Passspiel durchs Mittelfeld war ebenfalls zu fehleranfällig, um den HSV vor größere Probleme zu stellen. Folglich war Werder auf Standardsituationen angewiesen, um zu Torchancen zu kommen. Hier zeigte sich Werder erneut gefährlich, verpasste es jedoch, dies in ein Führungstor umzumünzen. Hinten ließ man recht wenig anbrennen, sodass sich der HSV trotz überlegener Werte in Ballbesitz und Passgenauigkeit lange Zeit nicht über das Remis beschweren konnte.

Lukimya und Wolf verhindern die Nullnummer

In der zweiten Halbzeit wurde die körperbetonte Partie noch zerfahrener. Werder verschob nicht mehr so konsequent. Auch die Hamburger bekamen Probleme, den Ball fehlerfrei durchs Mittelfeld laufen zu lassen. Wer vorher nicht wusste, dass hier zwei Abstiegskandidaten gegeneinander spielen, muss es spätestens nun geahnt haben. Beide Trainer reagierten. Beim HSV kam mit Rudnevs ein zweiter Stürmer, bei Werder sollte Makiadi mithelfen, das Mittelfeld zu stabilisieren. Beide Wechsel hatten zunächst wenig Effekt. Das Spiel steuerte auf ein torloses Unentschieden zu, das den Leistungen wohl auch am nächsten gekommen wäre. Letztlich wurde das Spiel aber doch noch entschieden – durch einen Einwurf.

Lukimya sprang unter dem hohen Ball in den Strafraum hindurch. Da Wolf einen Schritt zurück auf die Linie gemacht hatte, konnte er nicht mehr eingreifen und Rudnevs versenkte den Ball aus kurzer Distanz im Netz. Man kann darüber streiten, wen beim Gegentreffer die größere Schuld trifft. Unstrittig ist hingegen, dass ein solch kapitaler Fehler jede Defensivtaktik hinfällig macht. Nach immerhin 260 Minuten kassierte Werder in der Bundesliga wieder ein Gegentor. In der Folge versuchte Werder auf Brechstange umzustellen, doch dies wirkte erwartungsgemäß sehr verzweifelt, zumal man durch einen überflüssigen Platzverweis von Fritz auch noch in Unterzahl geriet. In der Schlussphase hatte der HSV drei dicke Konterchancen, von der eine zur Entscheidung genutzt wurde, auch wenn die abschlussschwachen Hamburger dafür erneut die Mithilfe von Wolf benötigten. Die Niederlage war am Ende zwar unnötig aber aufgrund der groben Patzer durchaus verdient.

Mauerfußball im Abstiegskampf?

Nach dem Spiel wurde viel über Skripniks Taktik diskutiert. Ich halte es auswärts gegen den HSV für mindestens genauso legitim, so zu spielen, wie zuhause gegen Stuttgart (nach dem 2:0 vor zwei Wochen wurde die sehr ähnliche Taktik jedenfalls kaum kritisiert). Zu kritisieren ist hingegen die Umsetzung, die deutlich schwächer war, als gegen den VfB. Dass Werder sich spielerisch unter Skripnik binnen vier Wochen zu einer spielerisch überdurchschnittlichen Mannschaft entwickeln würde, war nicht zu erwarten. Umso bitterer ist es, dass im Umschaltspiel kaum etwas richtig gemacht wurde. Petersen ist in der Rolle als alleinige Spitze weit vom Bundesliganiveau entfernt und Hajrovic bot ihm wenig bis gar keine Unterstützung. Der Ausfall von Di Santo ist für Werder mit dem vorhandenen Personal nicht zu kompensieren. Ähnlich sieht es in der Innenverteidigung mit Prödl aus. Ein 0:0 in Hamburg wäre unter diesen Voraussetzungen kein schlechtes Ergebnis gewesen, zumal durch die Standards durchaus auch die Chance auf einen Sieg bestand. Dass dies nicht Skripniks gewünschte Taktik für die Zukunft ist, dürfte hingegen klar sein.

Auch wenn man es sich nicht eingestehen will, ist Werder momentan zu stark von den Leistungen einiger Spieler abhängig (Di Santo, Prödl, Junuzovic, selbst Bartels und Kroos). Andere Spieler, die das Team spielerisch voran bringen können (Obraniak, Aycicek und Hajrovic) sind aus unterschiedlichen Gründen (noch?) nicht bei 100% ihrer Leistungsfähigkeit. Dadurch kommen Spieler, die ihre Untauglichkeit zur Genüge bewiesen haben (Petersen, Elia, Lukimya), immer wieder zum Einsatz. Sportlicher Fortschritt ist so schwierig zu erreichen. Es bleibt im Winter wohl wirklich nur die Wahl zwischen einem erhöhten Risiko durch 2-3 Neuzugänge und einem Hoffen auf die Rekonvaleszenten Bargfrede, Zander und von Haacke. Ob Werder damit die Klasse halten kann, bleibt fraglich – ganz aussichtslos ist die Lage aber keineswegs. Dennoch hat das Nordderby gezeigt, dass man noch nicht wieder gen oberer Tabellenhälfte schauen darf. Das Hier und Jetzt heißt bis auf Weiteres Abstiegskampf.

Pizarro gegen Schaaf’sches Harakiri

Werder Bremen – 1. FC Köln 3:2

Werder dreht erneut einen Rückstand und alle reden über den Dreifachtorschützen Claudio Pizarro. Zu Recht, denn selten zuvor schien die Abhängigkeit von Pizzas Toren so groß, wie in diesen Tagen. Doch dabei gerät eine Szene aus dem Blick, die absolut typisch für Werder Bremen in der Ära Thomas Schaaf ist: Die Entstehung des 0:2.

Doppelwechsel aus Verzweiflung

So sehr man sich auch über diesen erneut verrückten Spielverlauf und einen wieder einmal gedrehten Rückstand und eine kämpferisch hochklassige Leistung freuen kann, so wenig sollte man vergessen, wie man sich in diese Situation gebracht hat. In der 37. Minute, beim Stand von 0:1, wechselte Schaaf gleich doppelt. Eine drastische Maßnahme, die ich zuletzt so im Winter 2007 erlebt habe, als Schaaf gegen Leverkusen Borowski und Vranjes schon vor der Pause rausnahm und Werder ein schwach begonnenes Spiel mit einer furiosen Leistungssteigerung noch deutlich gewann.

Gegen Köln war die Ausgangslage eine andere. Werder hatte nicht gut gespielt, aber weder Ekici noch Schmitz schienen mir so schlecht gewesen zu sein, dass sie zwangsläufig vom Feld gemusst hätten. Es gab nach dem Wechsel auch keine Systemumstellung, die den Wechsel erfordert hätte. Vielmehr schien es ein Weckruf an die Mannschaft zu sein. Mehr eine Verzweiflungstat, als ein taktischer Schachzug. Nachdem in den letzten Wochen zunächst Philipp Bargfrede und dann auch Andreas Wolf und Marko Marin ihre Stammplätze verloren hatten, war es eines der letzten Mittel, die dem Trainer blieben, um noch aktiv ins Spiel seiner Mannschaft einzugreifen.

Bremer Abwehr-Harakiri

Was folgte war jedoch keine plötzliche Leistungssteigerung, sondern ein weiterhin mühsames Erkämpfen von Strafraumszenen, die die optische Überlegenheit in Tore umwandeln sollten. Doch bevor dies geschehen konnte, schlug Lukas Podolski zu.

Es war ein Gegentor, das so in der Bundesliga wohl keine andere Mannschaft kassiert hätte und das so typisch Werder ist, wie die Raute und die Flutlichtmasten im Weserstadion. Es erübrigt sich, die Torentstehung als Ganzes zu analysieren, wenn die einfachsten Prinzipien des Verteidigens nicht befolgt werden – in diesem Fall zu sehen bei Naldo und Sebastian Prödl. Es ist eine klassische 2 gegen 1 Situation in der ein Stürmer eigentlich nur die Option haben sollte, einen langen Ball prallen zu lassen oder mit dem Rücken zum Tor unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen ermöglicht es ihm die Bremer Innenverteidigung alleine aufs Tor zuzulaufen. In dieser Überzahlsituation auf Abseits zu spielen ist ohnehin Blödsinn, es aber in der gegnerischen Hälfte zu tun, grenzt an Fußballlegasthenie. Naldo steht in diesem Fall kurz, so dass Prödl eigentlich nichts anderes zu tun hat, als sich drei Meter fallenzulassen, falls der lange Ball durchkommt. Stattdessen rückt er vor und macht damit den Weg für Podolski frei.

Viel mehr als den beteiligten Spielern muss man dieses Gegentor aber dem Trainer ankreiden. Dieses Tor hätte auch vor drei oder fünf Jahren genau so fallen können. Es ist mir völlig unbegreiflich, warum es eine so guten Trainer wie Thomas Schaaf über Jahre nicht gelingt, diese Dinge abzustellen. Es wird wieder über das Risiko einer hoch stehenden Kette diskutiert werden, doch das trifft es nicht. Es sind individuelle Fehler einfachster Natur, die im Profifußball nicht gemacht werden dürfen. Und es sind genau diese Szenen, die den Unterschied ausmachen zwischen Mannschaften, die erfolgreich hoch verteidigen und solchen, die Harakiri spielen.

Fazit: Rückstände nur gegen die Kleinen kompensierbar

Die Kölner waren in der zweiten Halbzeit so freundlich, das Heft innerhalb weniger Minuten völlig aus der Hand zu geben und in Unterzahl nicht mehr in der Lage außer Zeitschinden etwas entgegenzusetzen. So stehen am Ende mit dem 3:2-Sieg, einer mitreißenden Aufholjagd und Pizarros Hattrick die Feel-Good-Momente, die man sich als Fan wünscht. Nach 12 Spieltagen steht man auf einem mehr als zufriedenstellenden 3. Platz.

Doch so schön die fünf gedrehten Spiele in dieser Saison auch waren, Werder ist in 9 der bisherigen 12 Saisonspiele mit 0:1 in Rückstand geraten – und das nicht ohne Grund. Gegen die kleinen bis mittelgroßen Gegner mag dies zu kompensieren sein, gegen Leverkusen, Hannover und Dortmund war es das nicht. Man darf bezweifeln, dass es gegen Gladbach, Stuttgart, Bayern und Schalke anders sein wird.

12. Spieltag: Pause

Werder Bremen – Borussia Dortmund 1:1

Länderspielpausen nerven. Besonders, wenn es für das eigene Team gerade gut läuft und die Nationalmannschaft eh nur Testspiele bestreitet. Für Werder lief es in den letzten Wochen gut, doch die Leistungskurve zeigt klar nach unten. Wer die letzten 30 Minuten gegen den BVB gesehen hat, der muss froh sein, dass die Mannschaft nun etwas Zeit zum regenerieren hat. Werder ging auf dem Zahnfleisch und rettete ein am Ende fast schon schmeichelhaftes 1:1 über die Zeit. Dabei hatte bis 10 Minuten nach Wiederanpfiff noch gut ausgesehen.

Eine grandiose Aktion von Hunt und Özil hatte Werder in der ersten Halbzeit in Führung gebracht und nach der Pause kam Werder mit viel Schwung aus der Kabine. Leider reichte dieser Schwung nur wenige Minuten. Dann traf Dortmund binnen 60 Sekunden zweimal das Tor, wobei nur der zweite Treffer zählte. Den ersten hatte Schiedsrichter Gräfe zu Unrecht wegen angeblicher Abseitsposition nicht gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war der Ausgleich für Dortmund glücklich, doch in der Folge kippte das Spiel. Werder konnte nichts mehr entgegen setzen und ließ sich von nun energisch nach vorne drängenden Dortmundern den Schneid abkaufen. Die vielen englischen Wochen haben ihre Spuren hinterlassen. Im Gegensatz zu den letzten Spielen, als Werder gegen Ende immer noch zulegen konnte, war man froh, dass in der Schlussphase nicht mehr viel passierte.

Das lag auch am frühen Schlusspfiff, nur wenige Sekunden nach Ende der regulären Spielzeit. Ich weiß gar nicht mehr, was ich zum Thema Nachspielzeit in der Bundesliga noch schreiben soll. Erst werden bei Hannover – HSV in einem Spiel mit vielen Unterbrechungen lächerliche zwei Minuten angezeigt*, dann gibt es bei Werder – Dortmund drei Auswechslungen in den letzten 180 Sekunden und trotzdem keine Minute Nachspielzeit. Man könnte sich einfach darauf einigen, die Spiele nach exakt 90 Minuten abzupfeifen. Diese Regelung wäre fairer als die aktuelle, wo es keinerlei transparente Kriterien für die Bemessung der Nachspielzeit gibt; d.h. es gibt sie natürlich schon, sie werden nur von jedem Schiedsrichter unterschiedlich “ausgelegt” bzw. ignoriert. Gestern konnte man als Werderfan allerdings froh sein über den frühen Abpfiff, denn von einer Nachspielzeit hätte wohl eher noch die Borussia profitiert.

Nun also zwei Wochen Pause. Sich erholen, Kraft tanken und dann das schwere Restprogramm in der Liga gut absolvieren. Was zählt ist nicht die Serie, sondern die Punkte, die Werder bis zur Winterpause noch holt. Die direkten Duelle gegen Schalke, Wolfsburg und den HSV werden richtungsweisend sein. Davor darf sich der halbe Kader noch in den Nationalmannschaften dieser Welt versuchen, fünf Spieler allein in der deutschen. Ich freue mich auf Wieses Debüt in der Startelf und einen Einsatz von Aaron Hunt. Mesut Özil würde ich hingegen lieber in Watte packen und bis zum Ende der Pause im IKEA-Spielparadies zwischenlagern.

* Edit: In der 1. Halbzeit (die ich nicht gesehen habe) gab es überhaupt keine Nachspielzeit, obwohl drei Tore gefallen sind. Darüber ärgert man sich auch an der Elbe.