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13. Spieltag: Richtige Schlüsse

Werder Bremen – SC Paderborn 4:0 (1:0)

Genau das hat es nach den letzten Wochen gebraucht: Einen deutlichen Werdersieg – es war der höchste seit 25 Monaten – und ein aufmunterndes Zeichen, dass der Nachwuchs auf Bundesliganiveau mithalten kann.

Gute Reaktionen

Nach der Niederlage im Nordderby musste Viktor Skripnik gleich in mehrfacher Hinsicht umstellen. Von vielen wurde insbesondere die defensive Ausrichtung kritisiert. Gegen das Überraschungsteam aus Paderborn wählte Skripnik wie zu erwarten eine offensivere Gangart, kehrte (auch defensiv) zur Raute im Mittelfeld zurück und ließ sein Team schon in der gegnerischen Hälfte ins Pressing gehen. Personell gab es durch die Sperren von Fritz und Garcia zwei offene Planstellen. Skripnik griff nicht zu den etablierten Lösungen Makiadi und Caldirola, sondern setzte auf den Nachwuchs. Janek Sternberg kam zu einem etwas überraschenden Bundesligadebüt und Levent Aycicek durfte als Zehner hinter den Spitzen zum ersten Mal von Beginn an ran. Zusätzlich musste die Frage beantwortet werden, wie der Angriff nach dem schwachen Auftritt in Hamburg aussehen sollte. Skripnik wählte auch hier den jugendlichen Weg, ließ Selke für den enttäuschenden Petersen ran. Hajrovic erhielt eine Bewährungschance, während Elia den Platz im Kader räumen musste.

Der Mut machte sich schnell bezahlt. Gegen Breitenreiters 4-1-4-1 zeigte sich Werders Pressing sehr effektiv. Zum einen wurde Paderborn aus dem Zentrum ferngehalten. Die Ostwestfalen stellten sich zwar keineswegs nur hinten rein, bekamen den Ball aber trotzdem nur selten in gefährliche Zonen im offensiven Mittelfeld. Zum anderen eroberte Werder viel mehr Bälle um die Mittellinie herum und hatte einen kürzeren Weg zum Tor. Das Team spielte defensiv wie offensiv sehr kompakt und aggressiv. Die Räume zwischen den Mannschaftsteilen wurden gering gehalten, sodass bei Balleroberungen meist zwei bis drei Anspielstationen zur Verfügung standen. Dies machte sich in einem verbesserten Passspiel bemerkbar, das durch die offensive Besetzung des Mittelfelds mit Junuzovic, Aycicek und Bartels begünstigt wurde. Insbesondere Aycicek konnte viele seiner Vorschusslorbeeren rechtfertigen. Er ist (noch?) kein dominanter Lenker im Mittelfeld, sondern ein intelligenter und technisch beschlagener Offensivspieler, der mit seiner Handlungsschnelligkeit für plötzliche Rhythmuswechsel sorgen kann. Allein dadurch ist er für Werders Offensive schon ein riesiger Gewinn.

Zlatko Juninhovic und ein Fragezeichen

Bei aller Freude über die spielerischen Verbesserungen waren es zunächst wieder einmal die Standardsituationen, mit denen Werder das Spiel vorentschied. Junuzovics grandioses Freistoßtor hätte sich auch gut in Juninhos Gallerie einreihen können. Später bereitete er mit einer Freistoßflanke auch das 2:0 durch Selke vor. Nachdem seine Standards häufiger kritisiert wurden, muss man spätestens jetzt festhalten, dass sie für Werder in dieser Saison eine der wichtigsten Waffen in der Offensive sind. Auch aus dem Spiel heraus hatte Junuzovic viele gute Aktionen. Gerade er profitiert meiner Meinung nach davon, von der “Last” der Zehnerposition befreit zu sein (auch wenn er diese im Sommer einforderte), weil er seine Stärken so besser ins Spiel einbringen kann. Den Vergleich mit Lisztes habe ich schon einmal verwendet und ich finde ihn nach wie vor sehr passend (ohne Aycicek mit Micoud oder Werders heutige Situation mit der damaligen vergleichen zu wollen).

Abgesehen von der Viertelstunde vor der Halbzeitpause hatte Werder das Spiel weitgehend im Griff. Wenn man Werder einen Vorwurf machen konnte, dann den, dass man zur Pause nur mit einem Tor Vorsprung führte. Genügend Torchancen waren vorhanden (auch aus dem Spiel heraus), doch im Torabschluss war man nicht zwingend genug. Beides lag zu einem nicht unerheblichen Teil an Davie Selke. Selke machte sein bislang wohl bestes Bundesligaspiel, bewegte sich viel, war dadurch häufig anspielbar und hatte auch individuell am Ball gute Szenen. Auch wenn er die Lücke, die Di Santos Ausfall hinterlässt, schon aufgrund seiner vergleichsweise schwächeren Technik nicht auffüllen kann, war er doch wesentlich näher dran, als zuletzt Petersen. Mit seinem unermüdlichen Einsatz kann Selke die eine oder andere Schwäche wettmachen, doch um den nächsten Entwicklungsschritt zu vollziehen, muss er unbedingt seine Schusstechnik verbessern. Der Torriecher ist hingegen vorhanden, wie der Abstauber zum 2:0 unter Beweis stellte. Es hätte jedoch keiner weitaus besseren Leistung bedurft, um in diesem Spiel zwei oder sogar drei Tore zu erzielen – ein besserer Torabschluss hätte ausgereicht. Dann hätte er sich eventuell auch die Eigensinnigkeit in der 67. Minute sparen können, die ein ziemlich sicheres Tor verhinderte. So bleibt trotz der Verbesserung ein Fragezeichen.

Parderboring statt Partyborn?

Zur Einordnung der Bremer Leistung muss auch der Gegner betrachtet werden. Paderborn hat nicht ohne Grund an den ersten zwölf Spieltagen die Bundesliga aufgemischt und zeigte auch gegen Werder in Ansätzen, wie man hätte gefährlich werden können. Hätte – weil es erst beim Stand von 0:3 aus Paderborner Sicht passierte. Es ist bekannt, dass Paderborn erst in den zweiten 45 Minuten offensiv richtig gefährlich wird. Der Doppelschlag kurz nach der Pause war insofern noch wertvoller, als es zwei Tore in einem Fußballspiel ohnehin sind. Die verbesserte Offensive der Gäste führte nie dazu, dass Werder ins Wanken geriet. Auf der anderen Seite bekam Paderborn keinen Rückenwind, wie es bei einem ähnlichen Spielverlauf ab der 60. Minute bei einem Unentschieden oder einer knappen Werderführung der Fall gewesen wäre. Man kann somit einerseits den Bremern Matchglück attestieren, auf der anderen Seite den Spielverlauf aber auch als immanentes Risiko der Paderborner Strategie bezeichnen. Wer eine Halbzeit lang so ungefährlich auftritt, wird damit nicht durchgängig punkten.

Für Werder kam in diesem Spiel einiges zusammen: Eine mutige, offensive Aufstellung und Ausrichtung, ein durchgängig konzentriertes, gut eingestelltes Spiel gegen den Ball, verbesserte Abläufe im Passspiel, die bekannte Stärke nach eigenen Standardsituationen und eben das schon erwähnte Matchglück. So bleibt unterm Strich ein 4:0-Sieg, der auch in der Höhe in Ordnung geht. Noch wichtiger als das Ergebnis ist allerdings die Erkenntnis, dass Werder mit einer mutigen Ausrichtung und einigen Nachwuchsleuten in der Startelf in der Bundesliga mithalten kann. Zum ersten Mal spielte Werder in der Bundesliga so, wie man es von Skripniks Teams bislang kannte, und lief damit nicht etwa ins offene Messer. Deshalb greift auch die Einschränkung “war ja nur gegen Paderborn” ins Leere. Gerade gegen ein solches Team, noch dazu in einem Heimspiel, kann man so mutig aufstellen und spielen lassen. Denn so stark Paderborn taktisch und kämpferisch auch bislang auftrat: Individuell gehören sie ganz sicher zum unteren Drittel der Liga. Das Risiko für einen Spieler wie Janek Sternberg ist somit überschaubar – anders als wenn er beispielsweise gegen Arjen Robben direkt im ersten Spiel drei Gegentore verantworten müsste.

Gegen andere Gegner wird Skripnik wieder Abstriche machen müssen im spielerischen Bereich, eventuell schon in Frankfurt, wo der fürs Aufbauspiel wichtige Galvez fehlen wird. Die Raute dürfte dann wieder eine Spur defensiver besetzt sein, eventuell mit Fritz für Bartels, der für den erneut wenig überzeugenden Hajrovic in die Spitze rücken könnte. Bis dahin darf Skripnik sicherlich noch einige Komplimente entgegen nehmen. Aus der Niederlage im Nordderby zog er in jeder Hinsicht die richtigen Schlüsse und so steht nach vier Spieltagen unter seiner Führung folgende kuriose Bilanz: Das einzige Team, dass in dieser Zeit mehr Punkte geholt hat, war der FC Bayern. Fast wie früher.

Verdienter Punkt und Punktsieg

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 1:1

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden wissen, dass ich mit gemischten Gefühlen und einer gehörigen Portion Skepsis durch diese Saison gehe. Das Spiel gegen Wolfsburg könnte dabei in gewisser Hinsicht ein Wendepunkt gewesen sein.

Gutes Bremer Pressing hält Wolfsburg in Schach

Werder spielte gegen Wolfsburg eigentlich wie immer in dieser Saison in einem 4-3-3 / 4-1-4-1 mit breit stehenden Außenstürmern und einem flexiblen Mittelfeld, in dem diesmal de Bruyne etwas höher agierte als Hunt. Inzwischen scheint die Mannschaft eine gute Balance zwischen Pressing und tiefem Verteidigen gefunden zu haben. Im Spiel gegen Wolfsburg rückten die Achter beispielsweise häufiger und aggressiver neben Petersen ins Angriffspressing als im Spiel auf Schalke, wo man insgesamt tiefer stand. Teilweise presste Werder mit vier Spielern auf einer Linie hinter Petersen und verhinderte damit ein konstruktives Zusammenspiel zwischen Innenverteidigern, Außernverteidigern und Sechsern. Wolfsburg verstand es auch kaum, die daraus resultierenden Lücken zu nutzen. Junuzovic hatte enorm viel Raum abzudecken und ist mit seiner Laufstärke und guten Antizipation wohl der einzige im Bremer Kader, der diese Rolle so ausfüllen kann. Gegen Diego machte er ein gutes Spiel und die Flügelstürmer der Wolfsburger taten letztlich zu wenig, um den Brasilianer zu unterstützen. Werders Innenverteidiger ließen sich von Dost häufiger aus der Position ziehen, doch da Wolfsburgs Spiel nicht auf diese Lücken in der Viererkette ausgerichtet war, resultierten hieraus kaum gefährliche Situationen. Im Gegenteil konnte Werder so den Raum vor der Viererkette gut zustellen und die Luft aus den Wolfsburger Angriffen lassen.

Offensiv spielte Werder weitestgehend so, wie man es in dieser Saison kennt. In Ballbesitz ist häufig de Bruyne der tiefste Mittelfeldspieler (in diesem Spiel war es oft auch Hunt), während Junuzovic mit seinen Läufen für Überzahl sorgt. Arnautovic und Elia kleben meistens am Flügel, worunter vor allem Elia zu leiden scheint. Er wirkt teilweise wenig ins Spiel eingebunden und isoliert, wenn die Unterstützung der Achter oder des Außenverteidigers fehlt. In den letzten Spielen hat man das Problem aber anscheinend erkannt und die Außenstürmer streuen mit zunehmender Spieldauer mehr horizontale Läufe ein, wodurch sie auch immer mal wieder im Zentrum zu finden sind und sich besser ins Kombinationsspiel einbringen können. Die Führung fiel nach einem starken Dribbling von Elia, das an Marko Marin erinnerte. Bei Marin war dann jedoch häufig die Hereingabe schwach. Elia fand genau den richtigen Moment und legte den Ball zurück auf Arnautovic.

Platzverweis kippt das Spiel

Die Führung war angesichts der beiden Wolfsburger Pfostenschüsse etwas glücklich, aber vom Spielverlauf her absolut verdient. Daran änderte sich auch nach der Pause zunächst nicht viel. Im Gegenteil, die ersten 10 Minuten nach Wiederanpfiff waren Wolfsburgs schlechtesten im gesamten Spiel. Werder kam mehrfach zu guten Kontergelegenheiten, die das Team jedoch zu zögerlich anging und dann letztlich nicht mehr zu Ende spielen konnte. Die Top-Teams der Liga hätten in dieser Phase wohl das Spiel für sich entschieden.

Nach dem Platzverweis gegen Schmitz kippte das Spiel. Schon kurz vorher hatte Werder Glück, als beide Innenverteidiger aus der Position gezogen wurden und plötzlich eine riesige Lücke im Zentrum entstand, der Angriff jedoch wegen einer Abseitsstellung unterbrochen wurde. Kurz danach schlug Wolfsburg dann so zu, wie man es das ganze Spiel über gerne getan hätte. Diego hatte im Zentrum zu viel Zeit am Ball und spielte ihn in die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger. Elia stand in der Situation meiner Meinung nach ein Stück zu weit außen, was den Pass in Vierinhas Lauf ermöglichte. Man kann das Tor also als eine direkte Folge des Platzverweises bezeichnen. Andererseits bestand Schmitz Schwäche in der Vergangenheit auch häufig darin, dass er nicht weit genug einrückte und Vierinhas Einwechslung für den doch eher blassen Hasebe hätte wohl auch bei 11 gegen 11 für mehr Schwung in Wolfsburgs Spiel gesorgt.

Schaaf reagierte meiner Meinung nach richtig, brachte Ignjovski für Elia und später noch Fritz für Arnautovic um die Stabilität im 4-4-1 zu erhöhen. Die Unterzahl im Mittelfeld machte sich in der Folge jedoch bemerkbar, Wolfsburg war jetzt klar die dominierende Mannschaft und zeigte, dass sie in den 60 Minuten davor weit unter ihren Möglichkeiten gespielt hatte. Werder hielt vor allem kämpferisch dagegen (trotz 30 Minuten in Unterzahl ist das Team insgesamt mehr gelaufen als Wolfsburg).

Punktsieg und Lob für Schaaf

Das Unentschieden geht am Ende in Ordnung, wobei ich gerne gesehen hätte, ob Wolfsburg auch ohne den fragwürdigen Platzverweis so ins Spiel gefunden hätte. Das Trainerduell geht in diesem Fall an Schaaf, der sich entgegen meiner Befürchtungen doch weiterentwickelt hat und sein System weiter verfeinert. Spiele, in denen Werder über 90 Minuten taktisch unterlegen war, gab es in dieser Saison jedenfalls wenige (Freiburg, Mainz). Zwar können Gegner gegen Werder noch immer zu häufig mit relativ einfachen Mitteln zum Torerfolg kommen, aber insgesamt ist doch eine taktische Weiterentwicklung zu erkennen, die über die reine Umstellung auf ein System mit Flügelstürmern hinaus geht. Schaaf geht weiterhin seinen eigenen Weg und so langsam habe ich wieder etwas mehr Vertrauen darin, dass er nicht in eine Sackgasse führt.

Die nächsten Spiele werden zeigen, wie gefestigt Werder schon ist. Leverkusen ist in guter Form und wird mit seinem sehr soliden und ebenfalls Laufstarken Mittelfeld eine harte Nuss für Werder. Danach kommen zwei Auswärtsspiele, wobei das Spiel in Frankfurt ein Offensivspektakel werden könnte. Angesichts der Bremer Auswärtsbilanz in diesem Jahr gibt es eigentlich nur noch ein Spiel, in dem Werder Favorit ist: Das Heimspiel gegen Nürnberg am 17. Spieltag. Und gerade gegen Heckings Team tat sich Werder zuletzt sehr schwer und musste zwei Heimpleiten in Folge einstecken. Wenn man danach noch in Schlagdistanz zu Platz 6 liegt, darf man die Hinrunde unterm Strich als Erfolg verbuchen.

Stahlbad

Bundesliga, 13. Spieltag: Schalke 04 – Werder Bremen 4:0

Ich bin Jahrgang 1981. Einige Monate vor meiner Geburt stieg Werder wieder in die Fußballbundesliga auf. Seitdem stand Werder in 29 Spielzeiten am Ende der Saison 27 mal in der oberen Tabellenhälfte. Als Werder das erste Mal in der unteren Tabellenhälfte stand, war ich 17 Jahre alt. Beim zweiten Mal 27. In beiden Jahren gewann Werder den DFB-Pokal. Selbst die schlechteste Saison, die ich als Fan jemals durchlitten habe, wäre für (mindestens) die Hälfte der Bundesliga ein Erfolg.

Mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche. Sie müssen wachsen, weil es im Fußball keinen Stillstand gibt. Immer weiter, sonst wird man von den anderen abgehängt. Meister kann man in Bremen nicht jedes Jahr werden (wenn man sich die Statistik entsprechend hinbiegt, ist Werder in den letzten 16 Jahren nur einmal Meister geworden), aber die Champions League Qualifikation kann man schon erwarten. Erfolg begünstigt Erfolg. Der Kader wird teurer und hochwertiger, die Spieler talentierter und anspruchsvoller.

Zwar war allen Beteiligten bewusst, dass es auch mal eine schlechte (sprich: erfolglose) Saison geben würde. Dass es einmal nicht reichen würde, kurz vor Schluss noch auf Platz 3 zu springen. Dass man dies einmal nicht mit Erfolgen im Pokal überdecken könnte. Das macht das Jahr X nicht unbedingt schöner, aber zumindest ein wenig erträglicher, da man sich schon vorher damit auseinandergesetzt hat. Man hat sich das Mantra immer wieder ins Gehirn eingeprägt: “Irgendwann wird es auch uns treffen.”

Es trifft jeden einmal. Selbst die Bayern traf es 1992. Leverkusen rutschte 2002 direkt vom Champions League Finale in den Abstiegskampf. Den HSV hat es 2007 erwischt, die Hertha 2004 und dann schließlich 2010. Borussia Dortmund ging 2003 mit lautem Knall und war drei Jahre zuvor lange im Abstiegskampf. Auch Schalke hat es schon oft genug erwischt, genau wie die Traditionsmannschaften aus Kaiserslautern, Köln, Mönchengladbach und Nürnberg. Vielleicht sind wir einfach mal fällig.

Und trotzdem erwischt es einen immer auf dem falschen Fuß. Es sind nicht die Jahre, in denen man wirklich damit rechnet. 2003 schien es aussichtslos, 2006 – nach Micouds Abschied – war zumindest eine gewisse Verunsicherung da. Es erwischte uns erst 2008/09, als mit Pizarro die Qualität in den Angriff zurückkehrte. Doch da gab es ja den Pokal und den UEFA-Cup. In diesem Jahr sah es nicht unbedingt rosig aus, aber insgesamt konnte man bei Werder wieder einen starken Kader erkennen, mit dem man erfolgreich um die vorderen Plätze mitspielen sollte.

Nun steht Werder nach dem 13. Spieltag mit 15 Punkten auf Platz 12. So klingt Mittelmaß. Die 31 Gegentore klingen schon eher nach Abstiegskampf. Rein tabellarisch ist mit 6 Punkten Rückstand auf die internationalen Plätze noch vieles möglich, doch darauf gibt es nach den zuletzt dargebotenen Leistungen keinen Grund zur Hoffnung. Auch die Pokalwettbewerbe werden keine Linderung mehr verschaffen.  Es läuft alles schief, möchte man meinen, zumindest aber sehr vieles. 0:10 Tore in den letzten drei Spielen, dabei einen Punkt geholt (angesichts des Torverhältnisses fast schon ein Erfolg) und den Eindruck einer ausgelaugten, zerbrechlichen und in vielen Teilen unstimmigen Mannschaft hinterlassen. Was steht uns noch alles bevor?

Die Liste für die Fehleranalyse ist lang und wird immer länger. Was ist Ursache, was Wirkung? Wo sind die positiven Ansatzpunkte? Welche Störfaktoren müssen beseitigt werden? Auch für die Verantwortlichen wird es immer schwieriger diese Fragen zu beantworten. Ist die viel beschworene “Werderfamilie” Teil des Problems geworden? Braucht es größere Umwälzungen im Verein? Sollen wir alles in Frage stellen, weil wir ein paar Fußballspiele verloren haben? “In Frage stellen” ist gut. In erfolgreichen wie erfolglosen Zeiten sollte man sich von Zeit zu Zeit fragen, ob man wirklich auf dem richtigen Weg ist. Grundsätzlich und losgelöst von aktuellen Trends oder Ergebnissen.

Es sind aber nicht wir Fans, die sie beantworten müssen, obwohl jeder von uns seine Meinung dazu hat und umso lauter kundtut, je länger die sportliche Krise des Vereins andauert. Zunächst müssen die Spieler sie beantworten, dann der Trainer, der Vorstand und schließlich der Aufsichtsrat. Letztlich geht es darum zu unterscheiden, ob es für uns einfach one of those years ist, oder ob das Schiff in eine falsche Richtung gesteuert wird.

Einige Vereine erholten sich von ihren Seuchenjahren nie wieder. Kaiserslautern, Nürnberg, Gladbach und Köln waren schon lange nicht mehr Gast in den vorderen Tabellenregionen. Andere kamen schon im Jahr drauf zurück: Leverkusen 2004 oder Hertha 2005. Wiederum andere mussten erst durch ein Stahlbad gehen, um langsam wieder den Anschluss zu finden. So ging es uns in den Jahren zwischen 1995 und 1999. So ging es Borussia Dortmund seit 2004. Nun ist die Zeit des BVB gekommen. Irgendwann wird auch unsere Zeit wieder kommen. Das neue Mantra.

13. Spieltag: Inspiriert

SC Freiburg – Werder Bremen 0:6

Tabellenführer – ein schönes Wort. Wenn auch erstmal nur für einen Tag. Wenn auch nur im November. Gestern hat Werder  gespielt, wie ein kommender Meister. Gegen Freiburg hat Werder schon oft gespielt, wie ein kommender Meister. Zuletzt vor fünf Jahren, da hat man auch mit 6:0 gewonnen. Damals wurde zwar man nicht Meister, doch am Ende stand immerhin ein Champions League Platz. Mehr habe ich Werder bislang auch nicht zugetraut. Bis gestern.

Freiburg ist kein Gegner, der sich als Maßstab für die Meisterwürdigkeit einer Mannschaft eignet. Es wäre also durchaus angebracht, vor übertriebener Euphorie zu warnen, doch danach ist mir heute nicht. Vielleicht werde ich in ein paar Wochen geknickt registrieren müssen, dass es gegen Schalke oder den HSV doch nicht gereicht hat und man Boden auf die Konkurrenten verloren hat. Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, muss damit rechnen, heraus zu fallen (wer es nicht glaubt, der frage mal bei Hertha BSC nach). Durchaus nachvollziehbar, dass sich Spieler, Trainer und Verantwortliche davor hüten, zu früh das böse Wort mit M in den Mund zu nehmen. Die Boulevard-Medien warten nur darauf, solche Aussagen in großen Lettern zu drucken und sie den Urhebern ein paar Wochen und Niederlagen später wieder um die Ohren zu hauen.

Auch unter den Fans ist die Vorsicht größer geworden, vor allem bei denen, die auch bloggen. Wer, sagen wir, Fan von Bayer Leverkusen ist, hat sich über die Jahre einen so dicken Schutzpanzer angelegt, dass er Worte wie “Meisterschaft” oder “Titelkandidat” gar nicht mehr an sich ran lässt. Beim HSV wirken die traumatischen Erfahrungen des letzten Frühlings noch nach. Auf Schalke können sich nur die Dorfältesten noch an die letzte Meisterschaft erinnern, weshalb man trotz Felix Magath auf die Euphoriebremse tritt. Offen über die Meisterschaft wird eigentlich nur dort geredet, wo sie auch das ein oder andere Mal gewonnen wird. Doch selbst in München ist man dieser Tage mehr mit Selbstzerfleischung beschäftigt, als damit, die rückständigen Punkte möglichst schnell aufzuholen. Also, wenn denn niemand sonst will, dann eben wir. Wir haben uns lange in norddeutschem Understanding geübt und die Verantwortlichen dürfen das gerne auch so beibehalten, aber ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!

In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass Werder die hohe Erwartungshaltung und das viele Lob nicht immer gut getan hat. Die Saison 2006/2007 stellte in dieser Hinsicht den Wendepunkt dar, ab dem das Team von der vielen Euphorie eher gehemmt als inspiriert wirkte. Konsequenterweise schaffte man es seit Februar 2007 auch nicht mehr auf den ersten Platz. Es gibt jedoch einige Dinge, die mich sehr zuversichtlich stimmen, dass es in dieser Saison anders sein wird:

  • Die Mannschaft lässt sich von Rückschlägen nicht umwerfen. Die letzte Saison erwies sich in dieser Hinsicht als Stahlbad: Auf Triumphe in den Pokalwettbewerben folgten peinliche Darbietungen in der Liga. Dieses ewige Auf und Ab muss auch dem letzten klar gemacht haben, dass man sich für konstant gute Leistungen keine Auszeiten nehmen darf.
  • Die Mannschaft tritt wieder als Team auf. Es gibt wenig Starallüren. Diegos Abgang wirkte sich in dieser Hinsicht teambildend aus, was ich keinesfalls als Kritik am Brasilianer verstanden wissen will. Das Vakuum, das er hinterließ, wird nun von mehreren Spielern ausgefüllt. Zu der von mir befürchtete Abhängigkeit von Mesut Özil ist es (bislang) nicht gekommen.
  • Die Mannschaft hat vorne wie hinten Stabilität. Vor allem in der Abwehr ist dies bei Werder nicht selbstverständlich. In der Defensive tritt Werder nicht mehr als Ansammlung (durchaus talentierter) Einzelspieler auf, sondern als Abwehrverbund. So kann man auch mal eine schwache Leistung, wie die gestern von Sebastian Boenisch kompensieren. Offensiv machen Özil, Hunt, Marin und Pizarro einfach nur Spaß. Das Toverhältnis von 29:10 spricht für sich.
  • Die Mannschaft kann mit Ausfällen umgehen. Zwar gibt es einige Positionen, auf denen die Stammspieler nicht adäquat ersetzt werden können, wie etwa im Tor oder in der Innenverteidigung, doch langsam bieten sich auch wieder Alternativen an. Etwa Hugo Almeida und Daniel Jensen, die fast die komplette bisherige Saison verletzt waren. Gestern musste Werder durch die Ausfälle von Frings, Borowski und Pizarro auf die geballte Erfahrung aus 820 Bundesligaspielen verzichten. Trotzdem war kein Qualitätsverlust festzustellen, was vor allem daran lag, dass Bargfrede und Jensen im zentralen Mittelfeld so gut harmonierten, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Ja, es gibt noch genügend Gründe, seine Restzweifel aufrecht zu erhalten. Etwa den insgesamt etwas zu dünnen Kader oder die leichten Defizite auf den Außenpositionen. Ja, es sind erst 13 von 34 Spieltagen absolviert und die Belastung durch die vermutlich wieder hohe Anzahl an Spielen wird immens sein. Ja, die Konkurrenz ist stark, Leverkusen wirkt gefestigt, beim HSV werden die Stürmer nicht ewig ausfallen und die Bayern muss man allein schon ihres Kaders wegen weiter ernst nehmen. Trotzdem sage ich es noch einmal: Werder wird in dieser Saison deutscher Meister. Punkt. Und wenn nicht, bin ich Schuld, weil ich es laut ausgesprochen habe.