Schlagwort-Archiv: 15. Spieltag

10 Zeilen, die 7 Gegentore schrieben*

Es drohte schon vorher: Debakel!
„Zweistellig!“ unkt das Orakel.
Man hoffte auf Xaver,
Und den langen Hafer,
Doch spielte der Gast ohne Makel.

Ein Abgesang nach sieben Toren
der Bayern, historisch verloren!
Die Kurve: verstummt.
Der Glühwein: verdummt.
Und quillt später aus allen Poren.

* Das Ergebnis des Projekts: “Nach Glühweingenuss den inneren Kamke entdecken”

Weichenstellung

Eine interessante Fußballwoche liegt hinter uns, in der wir noch einmal vor Augen geführt bekamen, dass Werder in der Tabelle derzeit in etwa dort steht, wo man hingehört: Im oberen Teil des Mittelfelds. Zunächst setzte es gegen taktisch wie technisch starke Leverkusener eine derbe 1:4 Heimniederlage, bevor man es der strauchelnden Truppe aus Hoffenheim mit gleicher Münze heimzahlen konnte.

Werder Bremen – Bayer Leverkusen 1:4

Das Spiel war schon allein in taktischer Hinsicht sehr interessant. Beide Teams spielen auf dem Papier ein 4-3-3, das jedoch völlig anders ausgelegt ist. Die Wechselwirkungen auf dem Spielfeld waren bemerkenswert: Durch die Mannorientierung der Bremer Flügelstürmer und das weite Aufrücken der Leverkusener Außenverteidiger spielte Werder gegen den Ball nicht das gewohnte 4-1-4-1, sondern eine Art 6-1-2-1, bei der Füllkrug und Elia häufig eine Position neben Selassie und Schmitz einnahmen. Da Leverkusens Außenstürmer eigentlich keine sind, sondern sich sehr zentral zwischen den Linien bewegen, hatte Werder meist 2 gegen 1 Überzahl auf dem Flügel, aber in der Mitte dafür häufig Unterzahl. Dadurch konnte das Pressing nicht wie gewohnt aufgezogen werden, da sonst zu große Teile des Mittelfelds entblößt worden wären. Die Innenverteidiger der Leverkusener konnten meist in Kombination mit einem abkippenden Mittelfeldspieler das Spiel kontrollieren und in Ruhe aufbauen.

Andersherum sah es so aus, dass Werder wie gewohnt im Spielaufbau mit breit agierenden Flügelstürmern und eher konservativen Außenverteidigern agierte. Leverkusen verteidigte dagegen ziemlich schmal und machte die Räume im Zentrum dicht. Werders Spiel wurde daher (wie auch gegen Mainz) gezielt auf die Außen gelenkt, wodurch häufig das direkte Spiel zwischen Außenverteidiger, Flügelstürmer und dem jeweiligen Achter gesucht wurde. In der Anfangsphase funktionierte dies überhaupt nicht, da Leverkusen die Spieler auf der Außenbahn geschickt isolierte und Werder relativ viele Risikopässe spielte, die auf dem nassen Rasen häufig misslangen.

Dies besserte sich nach der Pause, mit etwas Glück wäre in dieser Phase ein Unentschieden drin gewesen. Insgesamt hatte Leverkusen aber über 90 Minuten die bessere Spielanlage und Werder blieb bis zum Abpfiff bei der gleichen Grundausrichtung. Die Leverkusener Tore 2 und 3 fielen dazu zu besonders ungünstigen Zeitpunkten für Werder. Vor dem 0:2 hatte sich Werder gerade ein Übergewicht erspielt und drückte Bayer hinten rein. Als Schaaf Akpala bringen wollte, um auf den Ausgleich zu drängen, fiel das 1:3. Das Spiel war auch ein gutes Beispiel dafür, dass die Torschussstatistik lügen kann. Werder hatte viel mehr Torschüsse als Leverkusen, von denen viele jedoch nicht mehr als Halbchancen waren. Leverkusen hatte deutlich weniger Abschlüsse, von denen aber alle qualitativ gute Chancen waren. Am Ende war das Ergebnis zu hoch, aber auch ein Stück weit Ausdruck der im Vergleich zu Leverkusen noch fehlenden taktischen Reife.

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 1:4

Zum Glück ist Fußball ein schnelllebiges Geschäft, das in englischen Wochen noch einmal beschleunigt wird. Das Spiel in Hoffenheim lief in etwa so, wie Spiele in Hoffenheim in dieser Saison häufig laufen: Der Gast ist besser und geht in Führung, nach dem Wechsel dreht Hoffenheim kurzzeitig auf und scheint auf dem Weg zum Ausgleich zu sein. Letztlich fällt dann aber doch wieder alles in sich zusammen und der Gast nimmt die drei Punkte mit.

Wie Werder die Verunsicherung der Gastgeber in der 1. Halbzeit ausgenutzt hat war stark, erst recht in Anbetracht der beiden Ausfälle im Mittelfeld. Das Pressing vor dem 0:2 fand ich fast noch schöner als die folgende Kombination nach Ballgewinn. Die Fortschritte im Vergleich zur letzten Saison manifestiert in einem Tor. Vor der Pause ließen de Bruyne und Petersen dann leider zwei Großchancen liegen, so dass Hoffenheim nach der Pause noch mal rankam. In der Phase zwischen dem 1:2 und dem 1:3 war die Angst in Werders Spiel fast greifbar. Das Team verteidigte tiefer und ging weniger ins Angriffspressing, alle (bis auf teilweise de Bruyne) arbeiteten defensiv mit, doch man schaffte es trotzdem nicht, Hoffenheim vom eigenen Tor fern zu halten. Umso wichtiger, in einer solchen Phase einen Standard zu nutzen und die Punkte zu sichern.

Auch wenn es gerade in der zweiten Halbzeit einige Dinge™ gab, die Grund zur Sorge geben, war es doch ein Spiel in dem man vor allem die positiven Aspekte festhalten sollte. Der Dreierpack von Arnautovic war die Belohnung für eine starke Saison und sollte ihm weiter Selbstvertrauen geben. Das neu zusammengestellte Mittelfeld hat mir ebenfalls gut gefallen. Besonders Ignjovski war als Sechser überraschend stark und hat meistens den Kontakt mit der Innenverteidigung gehalten. Auch Fritz hat sich nach seiner langen Verletzung wieder gut eingefügt und seine etwas defensivere Auslegung der Achterposition sorgte für mehr Rückhalt für de Bruyne und eine häufig gute Staffelung im Mittelfeld. Unwahrscheinlich, dass einer von beiden (auf der Position) in der Startelf bleibt, wenn Hunt und Junuzovic wieder fit sind, aber gut zu wissen, dass Werder auch mit anderer Mittelfeldzusammensetzung erfolgreich sein kann.

Unter Wert

Bayern München – Werder Bremen 4:1

Zum fünften Mal aus den letzten sechs Spielen verliert Werder gegen Bayern München und verliert dadurch den Anschluss an die Spitzengruppe. Unterm Strich steht eine verdiente Niederlage, die jedoch längst nicht so deutlich zustande kam, wie es das Endergebnis suggeriert. Die Bayern wären an diesem Tag wieder schlagbar gewesen, auch für Werder.

1. Halbzeit: Mit Mann und Maus

Das Spiel begann intensiv und schnell wurde die erwartete Ausrichtung erkennbar. Die Bayern hielten den Ball in den eigenen Reihen und versuchten, ihre starken Flügelspieler in Szene zu setzen. Werder stand ähnlich kompakt, wie gegen Stuttgart, verzichtete auf Pressing in der gegnerischen Hälfte und verteidigte ab der Mittellinie konsequent nach außen, um Ribery und Müller möglichst weit entfernt vom Strafraum an den Ball kommen zu lassen. Die Gegenstöße der Bremer machten in den ersten 20 Minuten einen durchaus gefährlichen Eindruck, doch zu Torabschlüssen kam man nicht.

Eine Standardsituation brachte dann das 1:0 für die Bayern. Hunts Freistoß wurde geklärt und im Anschluss kassiert Werder mal wieder ein prototypisches Gegentor. Ich verstehe einfach nicht, warum man Jahr um Jahr dieses gewaltige Risiko bei eigenen Standards eingeht. Bargfrede als einzige Absicherung im Mittelfeld bedeutet, dass ein verlorener Zweikampf reicht, um die Bayern in Überzahl aufs Tor stürmen zu lassen. Der Konter war dann ein Musterbeispiel für durchdachtes Überzahlspiel. Die Stürmer kreuzen und machen es so für die beiden Bremer ungemein schwer, sich für den Schritt in die Mitte zu entscheiden, der einen Gegenspieler völlig frei werden ließe. So hatte Ribery die Lücke vor sich und konnte problemlos – mit einem sehr schönen Schuss – die Chance verwandeln.

Danach änderte sich kaum etwas am Spiel. Bayern drückte, Werder stand gut und hielt dem Druck insgesamt stand. Die wenigen Gegenangriffe wurden jedoch immer ungenauer und so stand unterm Strich zur Pause nur ein einziger (abgeblockter) Torschuss für Werder. Doch auch die Bayern hatten nur 5 mal aufs Tor geschossen und aus dem Spiel heraus keine einzige klare Torchance herausgespielt. Deshalb war die Partie trotz aller optischen Überlegenheit zur Pause nicht entschieden.

2. Halbzeit: Die Wechsel entscheiden das Spiel

In der Halbzeitpause brachte Schaaf Rosenberg für Arnautovic und wenige Minuten später stand es plötzlich 1:1. Es war genau die Art Spielzug, mit dem man einem überlegenen Gegner gefährlich werden kann. Ein vertikaler Pass auf Pizarro, eine gute Ballbehauptung, eine clevere Ablage, ein starkes Dribbling und ein eiskalter Torabschluss. War das wirklich der Markus Rosenberg, der vor einer Woche aus fünf Metern keinen Möbelwagen getroffen hätte?

In der Folge änderte sich das Spiel gewaltig. Werder agierte wesentlich mutiger, hatte mehr Spielanteile und schien dem zweiten Tor eine Zeit lang näher, als die Bayern. In dieser Phase zeigte sich, wie zerbrechlich die Bayern derzeit sind, wenn man selbstbewusst und mit intensivem Laufpensum dagegenhält. Leider fiel genau in diese Phase der vielleicht beste Angriff der Bayern. Kroos hervorragender Steilpass wurde von Gomez gut auf Müller weitergeleitet, der das ausgestreckte Bein von Wolf gerne annahm. Den Elfmeter verwandelte der eingewechselte Robben sicher.

Die folgenden Minuten wurden für Werder dann richtig bitter. Es war, als hätte man kollektiv den Selbstzerstörungsknopf gedrückt. Schaaf brachte Wagner für Marin und von dem Moment an schlug das Übergewicht der Bayern im Mittelfeld voll durch. Die Verunsicherung wuchs von Minute zu Minute und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Bayern einen der Ballverluste (in diesem Fall von Ignjovski) in ein Tor verwandeln würden. Bei Aaron Hunt entlud sich der Frust in einem schlimmen Foul, das Toni Kroos zum Glück unbeschadet überstand. Das war genau diese Art Foul, die häufig zu schlimmen Verletzungen führt und bei allem Verständnis für die Frustration gibt es keinerlei Rechtfertigung dafür, zumal er auch dem Team durch seine Sperre schadet. Gerade Hunt ist in dieser Saison für Werder schwer zu ersetzen (bis auf die Schlussphase in Gladbach stand er in jedem Spiel 90 Minuten auf dem Platz).

Der ewige Opportunist am Mikrofon

Ich frage mich wirklich, warum ich mich nach all den Jahren immer noch über Marcel Reifs Opportunismus ärgere. Vielleicht liegt es daran, dass er das Spiel eigentlich so gut lesen kann, wie kein anderer deutscher Fußballkommentator. Im Kleinen liegt Reif nur selten daneben, aber im Großen macht er sich komplett abhängig vom Ergebnis. Die Interpretation des Geschehens erfolgt einzig und allein bezogen auf den Spielstand. Was beim Stand von 0:0 ideenlos ist, ist bei 1:0 absolute Dominanz. Sicherlich muss man eine sehr defensiv ausgerichtete Taktik bei einem Rückstand anders bewerten, als bei einem 0:0, aber Reif tut es zu einem so frühen Zeitpunkt und mit solcher Inbrunst, dass man seine späteren Meinungsänderungen nicht mehr ernst nehmen kann.

Nach der Führung waren die Bayern nach Reif’scher Ansicht haushoch überlegen und Werder zur Pause nur mit Glück noch nicht hoffnungslos im Rückstand. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff erkannte Reif jedoch plötzlich einen verdienten Ausgleich und viele gute Bremer Szenen, bis zum Elfmeter für die Bayern, den Robben zum natürlich ebenfalls hochverdienten 2:1 einschoss. Es scheint für ihn einfach nicht möglich zu sein, ein Spiel in seiner Gesamtheit ebenso differenziert zu bewerten, wie er es häufig bei einzelnen Spielszenen tut. Es gibt immer einen Sieger, der alles richtig gemacht hat und einen Verlierer, der so hart wie möglich zu kritisieren ist. Fußball als Tautologie. Man hat fast den Eindruck, dass Reif sich von Verlierern persönlich beleidigt fühlt. Das ist wirklich schade um einen so fähigen Kommentator.

Fazit: Nicht reif genug

Unterm Strich steht eine deutliche Niederlage, die fünfte in dieser Saison und die fünfte gegen einen direkten Konkurrenten (auch wenn Bayern nicht Werders Kragenweite ist). Aus taktischer Sicht hat Schaaf vieles richtig gemacht, zumindest was die Grundausrichtung und die Justierung in der Halbzeit angeht. Obwohl Robben und Ribery jeweils einen Doppelpack erzielten, wurde das Spiel nicht durch die Flügelzange entschieden. Letztlich hat es Werder dem FCB – vor allem gemessen am Aufwand im Spiel gegen den Ball – zu einfach gemacht und das Spiel nach dem erneuten Rückstand völlig aus der Hand gegeben.

Dass Werder keine Spitzenmannschaft ist, war schon vor dem Spiel klar. Das sollte gerade in dieser Hinrunde auch nicht der Anspruch sein. Wen man weiter so arbeitet wie bisher, könnte es aber reichen, um Best of the Rest zu werden.

5 Wege zum Erfolg bei den Bayern

Am Samstag trifft Werder auf den Ex-Tabellenführer aus München, der in einer Mini-Krise steckt. Was muss Werder tun, um sie zu einer echten Krise auszuweiten?

1. Die Statistiken vergessen

Bayern ist seit sechs Jahren in der Bundesliga ohne Heimsieg gegen Werder, Werder dafür seit über drei Jahren ohne Sieg gegen die Bayern. Wettbewerbsübergreifend hat Werder aus den letzten fünf Spielen gegen die Bayern ein mageres Unentschieden und vier Niederlagen eingefahren. Man kann sich diese Statistik also so hinbiegen, wie es einem gerade passt. Ähnliches gilt auch für die Statistiken innerhalb dieser Saison: Bayern hat nach Rückständen noch keinen Punkt geholt, Werder hingegen schon 16. Daraus kann man nur die falschen Schlüsse ziehen.

Gerade vor Spitzenspielen wird gerne auf diese Zahlenspiele zurückgegriffen. Die Spieler sollten das völlig ausblenden und sich nicht mit der Statistik beschäftigen. Außenseiter ist Werder sowieso. Was zählt ist einzig und allein die Konzentration auf den eigenen Matchplan. Rechenspielchen lenken nur vom Wesentlichen ab.

2. Laufen, laufen, laufen

Bayern München - Werder Bremen 2004

Der schönste Bremer Sieg in München vor 7 1/2 Jahren

Es klingt wie eine Plattitüde, aber in diesem Spiel wird es sehr auf die Laufstärke ankommen. In dieser Saison gehört Werder zu den laufstärksten Mannschaften der Bundesliga. Überhaupt wird in Werders Spielen sehr viel gelaufen, zumeist von beiden Mannschaften. Vieler dieser Spiele waren bis zum Ende hart umkämpft. Die Bayern kommen in der Regel mit deutlich weniger Laufstrecke aus, weil sie das Spiel mit ihrem starken Pass- und Positionsspiel meist beherrschen und damit Ball und Gegner laufen lassen. Nicht selten waren ihre Spiele nach 60 Minuten entschieden.

Natürlich sollte man die Laufdistanz nicht überbewerten. Dennoch muss Werder die Überlegenheit in diesem Bereich ausnutzen und die Bayern zum Laufen zwingen. Damit könnte man dem Gegner ein Stück weit das eigene Spiel aufzwingen. Vor allem Werders Mittelfeld mit Bargfrede, Fritz und Hunt ist ungemein laufstark. Auf sie wird es insbesondere ankommen, wenn man trotz Raute die bayerischen Flügelspieler doppeln möchte.

Extremes Vorwärtspressing ist nicht nötig. Mit dem Erfolgskonzept aus dem Spiel gegen Stuttgart (Stürmer attackieren nicht die Innenverteidiger sondern stellen die Passwege auf die Sechser zu), könnte man auch den Bayern den Spielaufbau erschweren. Darüber hinaus kommt es aber wieder auf Tempo und Laufbereitschaft an: Pressing im Mittelfeld, Doppeln auf den Außen, Nachsetzen der Stürmer gegen die Außenverteidiger und schnelle Gegenstöße.

3. Nicht zu tief stehen

Diese Warnung wirkt bei Werder fehl am Platz. Thomas Schaaf lässt zwar nicht mehr ganz so hoch verteidigen, wie noch vor ein paar Jahren, aber die Gefahr, zu tief zu stehen, ist normalerweise ziemlich gering. Gegen die Bayern ist das anders. Beim Pokalfinale letztes Jahr beispielsweise ließ sich Werder sehr tief in die eigene Hälft drängen und konnte dennoch nicht verhindern, dass Bayern zu zahlreichen Torchancen kam. Gegen die starken Flügelspieler ist es nicht ratsam, die Viererkette zu dich am eigenen Strafraum agieren zu lassen, zumal dann auch die gegnerischen Sechser viel Platz um den Mittelkreis herum haben, wenn man die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen nicht zu groß werden lassen möchte.

Andererseits ist bei einer sehr hohen Viererkette das Risiko groß, dass man mit langen Bällen ausgekontert wird und Spieler alleine aufs Tor zulaufen. Dieses Problem hatte man vor knapp zwei Jahren, als Werder gegen Bayern zuhause weitgehend chancenlos war und Robben mit Abdennour Katz und Maus gespielt hat. Es gilt also stets die richtige Höhe abzuwägen und immer wieder an den Spielverlauf anzupassen. Als Orientierung kann man die Verteidigungslinien von Mainz und Dortmund nehmen, die in den letzten Spielen einen guten Mittelweg gefunden haben.

4. Die Flügelzange festbinden

Robben und Ribery aus dem Spiel zu nehmen ist schwierig. Ständiges Doppeln ist dafür unabdingbar, was mit einem Mittelfeld mit Raute nicht leicht umzusetzen ist. Möglich ist es aber durchaus, wenn sich das Mittelfeld etwas flacher aufstellt. Dafür muss Marin als Zehner sich häufig neben Bargfrede fallenlassen, um das Loch zu stopfen, dass auf der Sechserposition entsteht, wenn die äußeren Rautenspieler weiter auf die Flügel rücken.

Andererseits wird Marin auch hinter den Spitzen als Anspielstation benötigt. Auf ihn kommt also eine anspruchsvolle Doppelrolle zu, die seine derzeitige Form auf eine harte Probe stellen wird.

Eine gute Visualisierung dazu gibt es bei ballverlust.net.

5. Den Schalter finden

Das Umschalten gehört nicht unbedingt zu Werders Stärken in dieser Saison. Gegen Stuttgart hat es aber ganz gut funktioniert. Es gab viele Balleroberungen im Mittelfeld, die sofort in Gegenangriffe umgewandelt wurden. Gegen die ballsicheren Bayern wird Werder es schwer haben, sich Torchancen herauszuspielen. Daher ist es umso wichtiger, nach Ballgewinn im Mittelfeld gegen den aufgerückten Gegner schnell zuzuschlagen und Konter einzuleiten. Wenn alles andere gut klappt, kann das den Unterschied zwischen einem hart erkämpftem Unentschieden und einem Auswärtssieg ausmachen.

Foto: Allie_Caulfield / flickr.com

Maurermeister Schaaf?

Bundesliga, 15. Spieltag: VfL Wolfsburg – Werder Bremen 0:0

Ein 0:0 auswärts in der Bundesliga ist für Werder in dieser Hinrunde ein gutes Ergebnis, egal gegen welchen Gegner. Man hat es schon zu sehr akzeptiert, als dass man sich über diese Tatsache noch richtig ärgern müsste. Gegen Wolfsburg war mehr als ein Punkt drin, weil Werder einen weiteren Schritt zu mehr defensiver Stabilität tat und trotzdem mehrere richtig gute Torchancen hatte. Allerdings hatte dieses Spiel eigentlich keinen Sieger – und wenn man ehrlich ist auch keine Tore – verdient.

Wolfsburg spielte über weite Strecken erschreckend schwach. Ein spielerisches Konzept konnte ich bei Steve McClarens Truppe nicht erkennen, vielmehr hieß die einzige Waffe im Offensivspiel Diego. Edin Dzekos Leistung war eine absolute Frechheit und die Wolfsburger scheinen gut darin beraten, den Ausnahmestürmer in der Winterpause für eine fürstliche Ablöse nach Madrid gehen zu lassen (falls ihm Hugo Almeida schwimmender Weise nicht zuvor kommt, har har). Wolfsburg war in den ersten 20-30 Minuten gefährlich, weil Diego gefährlich war. Danach kam nur noch sehr wenig. Das Spiel zeigte ganz gut, warum es für Werder in dieser Saison Gift wäre, Diego in der Mannschaft zu haben – auch wenn mir hierbei viele Fans widersprechen werden. Diego könnte mit seiner individuellen Klasse einige unserer strukturellen Defizite überdecken (wie auch schon zum Teil 2008/09), doch genau das wäre das Problem. Die Abhängigkeit von seinen genialen Ideen ist nichts, worum man Wolfsburg beneiden müsste. Unsere strukturellen Probleme (Spieleröffnung, Raumaufteilung) liegen momentan offener denn je und inzwischen habe ich auch das Gefühl, dass an ihnen gearbeitet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit einem Diego, der als Alibi für andere Spieler fungieren kann, auch so wäre.

Politik der kleinen Schritte

Wenn das Spiel gegen St. Pauli ein kleiner Schritt nach vorne war, kann man das Wolfsburgspiel zumindest als einen Schritt zur Seite betrachten. Und da sich momentan alles, was kein weiterer Rückschritt ist, wie ein Fortschritt anfühlt, darf das Team aus diesem Spiel auch gerne etwas Selbstvertrauen schöpfen, bevor es gegen Inter und Dortmund wieder erschüttert zu werden droht. Es gibt in diesem Jahr noch ein wichtiges Spiel und das findet am 17. Spieltag gegen Kaiserslautern statt. Heute in der Champions League geht es wie schon in London darum, das Gesicht zu wahren. Gegen Dortmund befürchte ich kein Debakel, denn dafür werden sie uns für zu leicht befinden und ihre Kräfte für die Europa League schonen. Dortmund hat übrigens 7 Punkte mehr auf dem Konto als Werder zum selben Zeitpunkt in der Doublesaison. An dieses Spiel sollte man als Fan völlig erwartungslos herangehen.

Spielerisch geht es bei Werder noch nicht wirklich vorwärts, doch das kann man in dieser Hinrunde auch nicht mehr verlangen. Die personelle Situation, die kurzen Pausen zwischen den Spielen, die zwischenzeitliche Unruhe in Mannschaft und Umfeld – da kann man sich eigentlich nur die Wunden lecken und nach der Winterpause einen Neustart versuchen. Bei aller berechtigten Kritik darf man eben auch nicht vergessen, dass da teils Spieler auf dem Platz stehen, die eigentlich nur vierte oder fünfte Wahl auf ihrer Position sind. Wie würde sich ein Sandro Wagner wohl präsentieren, wenn er bei Dortmund in der 75. Minute eingewechselt werden würde, statt bei Werder den Lückenbüßer für unsere Ausfälle im Sturm zu geben? Die Übergänge vom vielversprechenden Sturmtalent zum scheinbaren Nichtskönner sind fließend, gerade für neue Spieler.

Der dritte Mann im Zentrum

Schon allein deshalb ziehe ich meinen Hut vor Dominik Schmidt. Dank seinen soliden Leistungen als Außenverteidiger (nicht mehr und nicht weniger sind sie) haben wir Clemens Fritzs Fähigkeiten als Sechser kennengelernt. Wenn die Aufstellung vor dem Spiel (Fritz als 6er, Bargfrede als offensiver rechter Mittelfeldspieler) noch überraschte, ergab die letztliche Aufteilung auf dem Spielfeld doch mehr Sinn. Werder spielte mit drei zentralen Mittelfeldspielern, um Wolfsburgs Raute im Schach zu halten und hatte in Hunt, Marin und Arnautovic drei variable Spieler in der Offensive, die ihre Sache ordentlich machten. Ein Problem ist in dieser Zusammensetzung die fehlende Präsenz in der Sturmspitze. Arnautovic spielt raumgreifend, weicht auf die Flügel aus und bräuchte dann eine Anspielstation im Strafraum. Da Hunt und Marin dafür kaum in Frage kommen, war es einige Male Bargfrede, der an der Strafraumgrenze angespielt wurde (bin ich der Einzige, der sich für diese Situationen einen fitten Tim Borowski gewünscht hätte?). Aus einer solchen Situation entstand schließlich auch der Elfmeter für Werder.

Leider verschoss Frings zum zweiten Mal in Folge, was für Sky Grund genug war, die Interviews nach dem Spiel auf diese Tatsache auszurichten. Wer aus diesen beiden Fehlschüssen eine Tendenz herauslesen möchte – bitteschön. Ich glaube eher, dass die 20er Serie ein statistischer Zufall war, denn obwohl Frings insgesamt gute Elfmeter schießt, war da auch der eine oder andere schwache Schuss dabei, der mit Glück trotzdem ins Tor ging. Dass das nicht immer klappen kann, ist eigentlich klar. Wollen wir hoffen, dass der Lutscher das mental wegsteckt und keine Serie daraus wird, denn seine Reaktion hinterher wirkte schon ein wenig dünnhäutig.

Übergangsjacke oder Wintermantel?

Hätten Arnautovic oder Hunt ihre Großchancen kurz vor Schluss genutzt, wäre das Fazit noch etwas positiver ausgefallen. So bleibt ein weiteres Zu-Null-Spiel, auf das man sich nicht viel einbilden darf, aber das der geschundenen Verteidigerseele sicherlich gut tut. Wenn Per Mertesacker jetzt noch seinen obligatorischen Katastrophenpass in den Fuß eines Gegenspielers aus dem Repertoire streicht, sieht das doch schon wieder nach einem Nationalspieler aus. Ansonsten fragt man sich natürlich, welche Elemente aus Werders Spiel Zukunft haben. Ist Schmidt mehr als nur eine Übergangslösung? Damit verbunden: Sehen wir Fritz noch häufiger im defensiven Mittelfeld? Ist die Lösung mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Können nicht gerade Marin und Hunt mit ihrer Spielweise davon profitieren? Und was platzt bei Arnautovic zuerst? Der Knoten oder der Kragen? Man hat bei ihm ja so den Eindruck, dass er noch gut auf 12-15 Saisontore kommen könnte, wenn er denn mal einen Lauf bekommt. Warum nicht gleich heute gegen Inter?

VfL Wolfsburg – Werder Bremen (live)

15. Spieltag: Remiskönig

1.FC Köln – Werder Bremen 0:0

Die Steilvorlage der Leverkusener nicht genutzt und Punkte auf Bayern und Schalke verloren. Das ist schade. Die Serie wurde trotzdem gerettet. Das ist gut, aber nicht so wirklich wichtig. Man nimmt in dieser Saison aus wirklich jedem Spiel etwas mit, egal wie schlecht es ist (Frankfurt mal außen vor gelassen). Auch das ist gut. Sehr gut sogar. Was weniger gut ist, ist die Punktaubeute. Werder spielt zu oft unentschieden. So setzt man sich nicht an die Spitze der Liga. Was in der letzten Saison noch ok war, da man mit einem Unentschieden zumindest nicht aus dem Pokal ausscheidet, wird langsam lästig. Dabei kann man sich über das Unentschieden gestern nicht beschweren. Genausowenig, wie man sich über die Unentschieden gegen Wolfsburg, Dortmund und Nürnberg beschweren durfte. Neben Leverkusen und dem HSV hat man nun die meisten Unentschieden in der Liga aufzuweisen.

So hilflos wie gestern hat man Werder allerdings selten gesehen. Eigentlich die komplette Spieldauer feldüberlegen wollten einfach keine richtigen Torchancen herausspringen. Egal ob Almeida, Borowski, Hunt oder Frings – im entscheidenden Moment versprang der Ball, wurde einen Tick zu lange gewartet, war der Pass zu ungenau, you name it. Der einzige, der so richtig für Betrieb sorgte, war Marko Marin. Der Stürmer wirbelte mal auf rechts, mal auf links und brachte die Kölner Defensive in echte Schwierigkeiten. Die wusste sich häufig nur mit einem Foul zu helfen. Werder war jedoch nicht in der Lage, daraus Kapital zu schlagen. Es fehlte ein Gegengewicht, weil Hunt nicht seinen besten Tag hatte und es fehlten wirklich gute Standards.

So ging die Kölner Taktik auf und Werder konnte am Ende froh sein, dass Novakovic seine beiden Großchancen nicht nutzte. Zwar konnten auch die Kölner froh sein, dass Mohamad in der ersten Halbzeit nach seiner Notbremse nicht die rote Karte sah, doch es darf bezweifelt werden, dass Werder die Überzahl wirklich viel genützt hätte. Ich habe ein Stück weit Verständnis für Marin, der von nahezu jedem Kölner mindestens einmal gelegt wurde, doch ich möchte solch eine Schwalbe, wie er in Halbzeit 2 produziert hat, einfach nicht sehen. Für den Lerneffekt wäre es besser gewesen, wenn Schiedsrichter Drees ihm Gelb gezeigt hätte. Der Schiri also mit ein paar diskussionswürdigen Entscheidungen, doch mit einer Sache, die mir gut gefallen hat: Der Nachspielzeit. Zwei Minuten wurden angezeigt, wo man in der Bundesliga Null erwarten würde. Dazu noch knapp eine Minute oben drauf, weil ein Kölner in der 91. Minute eine Verletzung simulierte behandelt werden musste. Hoffentlich haben ein paar andere Schiedsrichter hingeschaut.

Für die letzten Spiele vor Weihnachten bleiben genügend Wünsche offen: Ein Sieg gegen Schalke zum Beispiel. Das wäre wichtig. In Bilbao ruhig mal verlieren, mit einem Tor Unterschied. Das reicht zum Gruppensieg und beendet das Gerede um die Serie. Und dann mindestens ein Punkt in Hamburg. Bescheidenheit auf hohem Niveau.