Schlagwort-Archiv: 18. Spieltag

Skripniks Handschrift

Werder Bremen – Hertha BSC 2:0 (1:0)

Gegen einen schwachen Gegner aus Berlin gelingt Werder ein Rückrundenauftakt nach Maß. Der vierte Sieg im fünften Heimsieg unter Skripnik bedeutet tabellarisch den Sprung auf Platz 12. Es waren jedoch auch altbekannte Defensivschwächen zu erkennen.

Skripniks Raute dominiert lahme Hertha

Skripnik hatte in seiner Startaufstellung zwei kleine Überraschungen parat. Jannek Sternberg erhielt hinten links den Vorzug vor Garcia und machte seine Sache ordentlich, auch wenn seine Zweikampfschwäche gegen stärkere Gegner zum Problem werden kann. Im Mittelfeld durfte Leihgabe Öztunali von Beginn an hinter den Spitzen ran. Er gab ein zufriedenstellendes Debüt, ohne große Höhepunkte, aber mit einigen guten Pässen und starkem Pressing gegen Lustenberger. Kapitän Fritz blieb dafür auf der Bank. Mit Junuzovic und Bartels waren die Halbpositionen im Mittelfeld somit sehr offensiv besetzt, was für das Defensivspiel ein paar Probleme bedeutete (dazu später mehr), in der Offensive aber für ein Bremer Übergewicht sorgte, mit dem Hertha kaum zurecht kam.

Luhukay war ein Tannenbaum wohl nicht schmal genug und so schickte er sein Team in einem 3-3-2-2 aufs Feld, das nur zu einem 5-3-2 wurde, wenn Werder mit dem Ball ins Angriffsdrittel vorstieß. Im Mittelfeldpressing agierten die Wingbacks meist auf einer Höhe mit Niemeyer und so eng, das sie horizontal fast schon auf einer Linie mit den äußeren Innenverteidigern standen. Auch wenn Hertha damit das Zentrum zumindest personell dicht machte, hatte Werder wenig Probleme, im Mittelfeld den Ball laufen zu lassen. In puncto Ballbesitz und -zirkulation war dieses Spiel schon ein großer Schritt im Vergleich zur Hinrunde und vor allem dem Fußball unter Dutt. Hier war die Handschrift des Trainers nach seiner ersten Vorbereitung mit dem Team deutlich zu erkennen.

Werders Glück: Hertha kann nicht kontern

Bei allem Jubel über den starken Einstand von Jannik Vestergaard und die allgemein starke Abwehrleistung (Gebre Selassie ist hier besonders hervorzuheben) zeigte Werder jedoch auch wieder die altbekannten Probleme beim Umschalten nach Ballverlusten. Das Mittelfeld rückte häufig weit auf und gab große Räume vor der Viererkette preis. Bargfrede spielte auf der Sechs weiträumig und umsichtig, verlor jedoch ebenfalls teilweise die Bindung zu seinen Hinterleuten. Hertha konnte aus dieser Anfälligkeit allerdings keinen Profit schlagen, weil das Team die Kontergelegenheiten nicht oder nur schwach ausspielte. Anhand zweier Szenen aus der Anfangsphase lässt sich dies veranschaulichen:

10. Minute: Bartels verliert am rechten Flügel den Ball. Selassie ist aufgerückt und befindet sich gute 10 Meter vor dem Ball. Vestergaard muss einrücken und ist in dieser Situation der einzige Bremer im Zentrum. Vor ihm ist ein großer, freier Raum, in den ein Gegenspieler mit Tempo stoßen könnte. Alle vier Berliner Offensivspieler sind jedoch auf der Ballseite. Die Wingbacks stehen in der eigenen Hälfte und können nicht eingreifen. Letztlich verpufft der Angriff, weil der ballführende Spieler warten muss, bis sich in Teamkollege in Tornähe positioniert. Die Hereingabe ist letztlich auch zu ungenau.

13. Minute: Berliner Ballgewinn am eigenen Strafraum. Das gesamte Bremer Mittelfeld ist an den gegnerischen Strafraum gerückt. Der Abstand zwischen Mittelfeld und Abwehr beträgt mehr als 20 Meter. Der ballführende Spieler stößt in diesen Raum vor, wird dann aber von Selke auf Kosten einer gelben Karte gefoult.

Strategie schlägt Taktik

Es gab etliche weitere Situationen in der ersten Halbzeit, die ganz ähnlich verliefen. In taktischer Hinsicht war Werder also nicht ganz überzeugend. Das war an diesem Tag aber nicht so wichtig, denn Skripnik machte aus strategischer Sicht alles richtig. Die Konterräume kann man wohlwollend als kalkuliertes Risiko bezeichnen, denn es wurde schnell deutlich, dass sie gegen Hertha kein allzu großes Problem darstellen würden. Die viel beschworene Balance hat Skripniks Team mangels defensivem Umschaltspiel noch nicht gefunden, daher ging man in der ersten Halbzeit dieses Risiko ein, konnte dafür aber offensiv so dominant auftreten, wie seit Jahren nicht. In der zweiten Halbzeit, mit der Führung im Rücken, spielte Werder weitaus vorsichtiger. Dies ging auf Kosten des Ballbesitzes und der Dominanz im Mittelfeld, doch Hertha hatte auch spielerisch nicht die Mittel, um Werder vor Probleme zu stellen. Dafür kam Werder nun seinerseits zu einigen Konterchancen.

Obwohl die zweite Halbzeit nicht so spektakulär war wie die erste, gefiel mir Werders Leistung dort deutlich besser. Bargfrede hielt nun seine Position, Bartels und Junuzovic hielten ihren Vorwärtsdrang ebenfalls zurück und dahinter schwang sich Vestergaard zum Spieler des Spiels auf. Wobei: Führt hier ein Weg vorbei an Franco Di Santo? Bei seinem Pflichtspielcomeback erzielte er direkt zwei wunderbare Tore und obwohl er noch nicht ganz bei 100% ist und nicht so dominant auftrat wie vor seiner Verletzung, machte der Auftritt große Hoffnung. Das liegt auch an seinem Sturmpartner Selke, der kein wirklich gutes Spiel machte, aber gerade deshalb gereift wirkte. Das war keine Galavorstellung auf purem Adrenalin, sondern eine schwierige Partie, in der er sich nicht beirren ließ und einige gute und vor allem clevere Aktionen hatte.

Härtetest in Sinsheim

Gegen Hoffenheim wartet eine vermutlich härtere Probe auf Werder. Auswärts trat das Team unter Skripnik in der Hinrunde deutlich vorsichtiger auf als zuhause. Hoffenheim hat gegen Augsburg zwar nicht überzeugt und war gerade in der Innenverteidigung anfällig (schöne Grüße von Vestergaard!), hat aber offensiv das Zeug dazu, Werder das Leben richtig schwer zu machen. Solche Lücken wie gegen die Hertha wird man sich nicht erlauben können. Dank des Heimsiegs kann Werder jedoch ohne großen Druck agieren und sich taktisch an der zweiten Halbzeit gegen Hertha orientieren. Die Sperre gegen Junuzovic macht dem Trainer die Entscheidung leicht, Clemens Fritz in die Startelf zurückzuholen. Weitere Wechsel wären auf der Zehn (Aycicek statt Öztunali) oder hinten links (Garcia für Sternberg) denkbar.

Es bleibt zu hoffen, dass man sich bei Werder nicht vom Sieg gegen einen wirklich schwachen Gegner blenden lässt und der Verlockung widersteht, sich schon mit höheren Zielen zu befassen. Eine über 90 Minuten konzentrierte Leistung gegen einen Europa League Kandidaten wäre ein guter nächster Schritt auf dem Weg zum Klassenerhalt.

18. Spieltag: Das Gegenteil von sexy

Werder Bremen – Eintracht Braunschweig 0:0

Arbeiten an den Basics und am Defensivverhalten, war das Credo, das für die Wintervorbereitung ausgegeben wurde. Angesichts des bisherigen Saisonverlaufs und der entgegen aller Beteuerungen keineswegs verbesserten Gegentorbilanz ein mehr als verständliches Vorgehen. Allerdings keines, das attraktiven Fußball verspricht und keines, das die Herzen der Fans höher schlagen lässt. Zumal die Frage, warum man Bundesligafußballern noch die Basics beibringen muss, nicht leicht zu beantworten ist, ohne schwerwiegende Vorwürfe an alle sportlich Verantwortlichen der letzten Jahre zu erheben.

Vor diesem Hintergrund war das Heimspiel gegen den Tabellenletzten Eintracht Braunschweig der denkbar unpassendste Rückrundenauftakt. Im vermeintlich einfachsten Saisonspiel kann man für eine solide Defensivleistung kein Lob erwarten, wenn die Offensive weiterhin so vor sich hin rumpelt, wie über weite Strecken der Hinrunde. Da hilft auch die Tatsache wenig, dass Werder mit nun 6 „Zu Null“-Spielen schon doppelt so oft ohne Gegentor geblieben ist, wie in der gesamten letzten Saison. Wenn nicht einmal im Heimspiel gegen Braunschweig eine spielerisch überzeugende Leistung möglich ist, wann denn dann?

Risikovermeidung auf schwachem Niveau

Das Spiel begann verhalten und blieb es – im taktischen Sinne – auch über weite Strecken der 90 Minuten. Beide Teams waren sehr darauf bedacht, kein großes Risiko einzugehen und spielten im Zweifel lieber die „sichere“ Variante, die nicht selten aus einem langen Pass nach vorne bestand. Insgesamt wirkte Werders Aufbauspiel etwas ruhiger und kontrollierter als zuletzt. Die Innenverteidiger suchten zunächst nach der Lücke für den Pass ins Mittelfeld und wählten erst später den hohen Ball direkt in die Spitze. Kroos agierte sehr variabel, ließ sich mal zwischen und mal neben die Innenverteidiger fallen, blieb aber teilweise auch etwas höher an der Mittellinie (was an Prödls Rückkehr liegen dürfte, dem man in der Spieleröffnung mehr zutraut als Lukimya).

Braunschweig hielt mit gutem Mittelfeldpressing dagegen, stellte den Bereich um die Mittellinie gut zu und zwang Werder so zu viel Ballgeschiebe zwischen den Verteidigern und den Sechsern. Werders Kombinationsspiel reichte – wie zu erwarten – nicht, um sich gegen einen kompakten Gegner im Mittelfeld durchzusetzen. Folglich wurde Werder vornehmlich dann gefährlich, wenn man das Mittelfeld schnell überbrücken konnte, sei es mit hohen Bällen, über die Flügel oder dank Hunts starker Ballkontrolle, mit der er häufiger zwei bis drei Gegenspieler auf sich zog. Braunschweig verlegte sich nicht nur auf Konter sondern wollte Werder mit zunehmender Spielzeit immer mehr durch Mittelfeldkombinationen nach hinten drücken.

Passivität – erst defensiv, dann offensiv

Auffällig war dabei, dass Werder im Abwehrdrittel recht passiv verteidigte und großen Wert auf Positionstreue legte. Dem Wort “Passivität” wohnt im Fußball häufig ein Vorwurf inne, hier ist es jedoch anders gemeint: Die Innenverteidiger rückten im Zweifel bis an die Strafraumgrenze zurück, statt direkt den Zweikampf zu suchen. Besonders auffällig war dies bei Prödl, der sonst eher dafür bekannt ist, sehr aggressiv und risikoreich herauszurücken. Die Sechser Kroos und Bargfrede hielten den Abstand zur Viererkette gering, wodurch Braunschweig kaum durch die Mitte kam und es vorwiegend mit Flanken versuchte bzw. versuchen musste. Dies bereitete Werder nur selten Probleme, hätte aber dennoch das Spiel entscheiden können, weil einmal Selassie das Abseits aufhob (und sich dafür einen Rüffel von Prödl einholte) und einmal Caldirola zu langsam reagierte. Beide Male blieb Nilsens Kopfball ungefährlich.

Werders beste Offensivphase kam in den ersten 20 Minuten der zweiten Halbzeit, als Bargfrede (Pfostenschuss) und Elia (vermeintliches Abseitstor) die besten Chancen hatten. Danach verflachte die Partie. Bei Werder schienen einige Spieler körperlich abzubauen, was Dutts Verzicht auf zwei seiner Wechsel fragwürdig erscheinen lässt. Folglich ging das Team immer weniger Risiko und in der Schlussphase waren es sogar die Gäste, die mehr fürs Spiel taten als Werder.

Don’t Panic

Unterm Strich bleibt ein leistungsgerechtes Unentschieden in einem unterdurchschnittlichen Spiel, in dem Werder die besseren Torchancen hatte, aber nur selten überzeugen konnte. Dass man ohne Gegentor geblieben ist, war nach den besagten Schwerpunkten im Trainingslager wichtig, taugt gegen die schwächste Offensivmannschaft der letzten 25 Jahre aber nicht unbedingt als Gütesiegel. Ob die Rückkehr zur „totalen Defensive“ Früchte tragen wird, lässt sich erst nach den nächsten Partien beurteilen.

Auch in die entgegengesetzte Richtung sollte man das Spiel nicht überinterpretieren. Die teils fatalistischen Reaktionen nach Abpfiff erscheinen mir eine Spur zu pessimistisch. Spiel und Ergebnis waren nicht gut, aber zumindest mit Ersterem musste man rechnen. Die zu frühe Verlagerung des Fokus auf das Offensivspiel wurde häufig genug als Grund für die Gegentorflut zwischen dem 10. und 16. Spieltag der Hinrunde genannt. Die Rückbesinnung auf die defensive Spielweise verspricht in naher Zukunft keine Fußballfeste für Werderfans, wohl aber eine Verhinderung eines erneuten Negativrekords in Sachen Gegentoren. Dies allein wird freilich nicht reichen, um ohne große Abstiegssorgen durch die Rückrunde zu kommen, ist aber der erste Schritt dorthin. Hoffentlich gelingt er diesmal und wird nicht wieder einem (angeblich von den Fans gewollten) Versuch Offensivfußball zu spielen geopfert.

Pep Guardiola und Teddy der Bär

Werder Bremen – Borussia Dortmund 0:5

Ursprünglich stand hier mal so etwas wie eine Analyse zu Werders höchster Heimniederlage seit 1987. Beim Schreiben habe ich aber schnell gemerkt, dass das heute irgendwie nichts wird. So ähnlich müssen sich auch die Spieler gefühlt haben, nachdem sie einigermaßen beflügelt ins Spiel gegen Borussia Dortmund gegangen waren und den Meister 10 Minuten lang gut unter Druck gesetzt hatten, dann jedoch binnen kurzer Zeit hoffnungslos hinten lagen.

Viel zu analysieren gibt es für mich sowieso nicht. Werders System ist aus taktiktheoretischer Sicht sicherlich interessant gewesen, aber dazu habe ich eigentlich schon vor dem Spiel alles geschrieben. Irgendwo habe ich gelesen, dass Werder mit Guardiolas System spielen würde. Ich kann mich nicht erinnern, dass Barcelona unter ihm jemals ein 4-2-4-0 (oder meinetwegen auch 4-6-0) gespielt hätte. Bei diesem System denke ich an den AS Rom oder Manchester United vor ein paar Jahren. Aber heute ist wohl nicht der Tag, um Haare zu spalten. Es war klar, dass diese Taktik gegen Dortmund ein Risiko sein würde. Dass die Hybridrolle von Petersen die rechte Seite anfällig machen würde. Nach einer 0:5-Niederlage ist es leicht zu sagen, dass die Taktik falsch war. Man hat ja keinen Vergleich, wie es mit einem 4-1-4-1 gelaufen wäre.

Dennoch muss man festhalten, dass taktische Experimente unter Schaaf selten von Erfolg gekrönt waren. Auch wenn die Erinnerung daran langsam verblasst, kann man hier das Kamikaze-Spiel in Lyon 2005 nennen, das UEFA-Cup-Finale 2009 oder auch das Pokalfinale 2010. Die größte Krise in Schaafs Amtszeit während der Saison 2010/11 war wohl nicht zufällig von ständigen Systemwechseln zwischen Raute und 4-2-3-1 gekennzeichnet. Deshalb kann ich die Aussagen, dass man Schaaf nichts vorwerfen könne, weil er wenigstens “etwas Neues ausprobiert” habe, auch nicht so richtig nachvollziehen. Sie ergeben wohl nur in Verbindung mit der (falschen) Narrative Sinn, dass Schaaf bis zum letzten Sommer nie von seiner Mittelfeldraute abgewichen sei.

Die spannendste Erkenntnis für mich war, dass Wolfgang “Teddy” de Beer Torwarttrainer bei Borussia Dortmund ist. Das hätte man wissen können, er ist es schließlich schon seit zehn Jahren. Beim Aufwärmen im Stadion wiedererkannt, an den O-Beinen natürlich. Ich war in diesem Moment ein wenig neidisch auf Roman Weidenfeller. Zum einen, weil er sich mit ihm aufwärmen durfte, was auf der Tribüne (trotz Glühwein) etwas schwierig war. Zum anderen, weil ich als Kind immer dachte, der Dortmunder Torwart hieße “Teddy der Bär”, was ich irgendwie schön fand und ihn deshalb in den Kreis meiner Lieblingsspieler aufnahm. Es hätte in den folgenden 90 Minuten etwas tröstliches gehabt, einen Teddy bei sich zu haben.

Dabei war Teddys Präsenz schon ein kleiner Fingerzeig auf das, was kommen sollte. Die höchste Heimniederlage seit 1986/87 nämlich, jener Saison, in der Teddy der Bär zur Borussia nach Dortmund wechselte. Sein Profidebüt gab er übrigens 1982 gegen Werder Bremen und kassierte prompt fünf Gegentore. Roman Weidenfeller hingegen blieb ohne Gegentor und hätte sich über weite Strecken des Spiels wahrscheinlich lieber wieder mit seinem Torwarttrainer aufgewärmt, anstatt beschäftigungslos bei der klirrenden Kälte auf den Abpfiff zu warten.

Letztlich waren wohl alle Beteiligten froh, als das Spiel vorbei war, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Für Thomas Schaaf gibt es unter der Woche vor allem im mentalen Bereich viel Arbeit zu verrichten. Die gute Stimmung aus dem Trainingslager dürfte erst einmal verflogen sein und es wird enorm wichtig sein, die Enttäuschung aus dem Spiel nicht mit ins Nordderby am Sonntag zu nehmen, sondern sie in eine Jetzt-erst-recht-Haltung umzuwandeln. Gepaart mit den Niederlagen gegen Frankfurt und Leverkusen kurz vor Jahresende könnte sonst ein Effekt wie in der letzten Saison entstehen, als man gegen Gladbach, Bayern und Schalke ähnlich spektakulär unterging und danach in der Rückrunde nicht mehr richtig auf die Beine kam.

Gegen Dortmund – Wie ersetzt Werder Arnautovic?

Nachdem Sebastian hier wieder einmal tolle Arbeit abgeliefert und uns aus Werders Trainingslager auf dem Laufenden gehalten hat, geht es nun wieder zurück zum Tagesgeschäft Bundesliga. Zum Auftakt geht es gegen Borussia Dortmund, das die letzten Tage mit der Sahin-Rückholaktion für Schlagzeilen gesorgt hat.

Wie geht Werder mit der Arnautovic-Sperre um?

Werder hat sich wohl selten so akribisch auf das Fehlen eines einzelnen Spielers vorbereitet. Dank der Winterpause hatte man viel Zeit, sich Gedanken zu machen, wie man ohne Arnautovic gegen Dortmund spielen will. Die einfachste Lösung wäre, die Position mit einem anderen Außenstürmer zu besetzen. Mit Niclas Füllkrug ist der erste Kandidat hierfür jedoch nicht gerade in Bestform. Zudem enttäuschte er in der Arnautovic-Rolle gegen Bayer Leverkusen. Dahinter weist Werders Kader nicht gerade ein Überangebot an Flügelstürmern auf. Eine Alternative könnte es daher sein, einen der spielstarken Mittelfeldspieler auf die Außenbahn zu setzen. In der Mitte stünden mit Fritz und Ignjovski zwei Spieler parat, die dafür in die Startelf rücken könnten.

Doch Thomas Schaaf setzt auf dem Flügel in dieser Saison nur selten auf Mittelfeldspieler. Es könnte daher gut sein, dass das in den Testspielen gegen Trabzonspor und Zwolle geübte System ohne echten Mittelstürmer zum Einsatz kommt. Hierbei agierte Nils Petersen auf der Arnautovic-Position und zog im Laufe eines Angriffs in den Strafraum, während Hunt und De Bruyne flexibel das Zentrum beackerten. Schon zu Saisonbeginn spielte Werder in Dortmund ohne echte Spitze, wobei dort Fritz als alleiniger Sechser agierte, wohingegen in Belek eine Doppelsechs zum Einsatz kam.

Das 4-2-4-0-System hätte sicher einige Vorteile, wenngleich Dortmund sich von Petersens Auftauchen im Strafraum vermutlich nicht so einfach überrumpeln lassen würde. Es offenbart jedoch auch eine deutliche Schwachstelle, die nur durch perfekte Feinabstimmung vor Spielern wie Reus geschützt werden kann. Petersen ist ein hervorragender Pressingspieler, aber das Verteidigen auf dem rechten Flügel liegt ihm nicht so richtig. Vor allem aber ist Selassie offensiv mehr gefordert, wenn Petersen in die Mitte zieht, was zwangsläufig Räume hinter ihm offen legt. Hier wäre die Doppelsechs gefordert, diese durch gutes Verschieben zu verkleinern, was allerdings nicht unbedingt als Werders Stärke angesehen werden kann.

Defensivprobleme? Welche Defensivprobleme?

Eigentlich hat man auch ohne taktische Experimente schon genügend Sorgen in der Defensive. Darüber spricht man in Bremen jedoch nicht so gerne. Thomas Schaaf antwortet auf Fragen nach den vielen Gegentoren meist ausweichend und mit allgemeinen Hinweisen darauf, dass in der Defensive alle Spieler gefordert sind. Eine Erklärung dafür, dass man auch im neuen, konterlastigen System die Anzahl an Gegentoren nicht senken konnte, ist dies jedoch nicht. Allerdings hat man im Trainingslager den Berichten zufolge intensiv am Umschaltverhalten von Offensive auf Defensive gearbeitet. Die Hinrunde hat gezeigt, dass es hier noch Verbesserungbedarf gibt. Der Erfolg in der Rückrunde wird maßgeblich davon abhängen, ob sich das Team auch defensiv steigern kann. Mit 60 Gegentoren dürfte der Einzug in die Europa League schwierig werden.

Auch Dortmund kommt mit Defensivsorgen ins Weserstadion. Bei der Borussia liegen diese jedoch vor allem im personellen Bereich. Mit Neven Subotic fällt einer der beiden Stamminnenverteidiger für längere Zeit verletzt aus. Dazu hat sich der einzige gestandene Ersatzmann Felipe Santana das Nasenbein gebrochen, sollte im Spiel gegen Werder aber wieder zur Verfügung stehen. Falls nicht, stünde auch Sven Bender als Alternative für die Innenverteidigung parat, zumal es im defensiven Mittelfeld nach dem Sahin-Transfer genügend Optionen gibt.

Systemwechsel beim BVB wegen Sahin?

Taktisch erwarte ich vom BVB keine großen Experimente. Es wird derzeit viel über eine mögliche Umstellung auf ein 4-3-3 diskutiert, um Sahin einzubinden ohne Gündogan rauszunehmen. So richtig vorstellen kann ich mir das aber nicht, zumindest nicht in dieser Saison. Zum Saisonauftakt dürfte Jürgen Klopp auf Bewährtes setzen und bei seinem erfolgreichen 4-2-3-1 bleiben. Sahin wird noch etwas Zeit brauchen und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man ihn ohne Not direkt ins kalte Wasser wirft. Gegen Werder erwarte ich ihn jedenfalls nicht in der Startelf.

Ansonsten ist Dortmunds Spielweise hinlänglich bekannt. Die Umstellung nach dem Kagawa-Weggang und die Integration von Marco Reus haben sich in der ersten Hälfte der Hinrunde bemerkbar gemacht. Seitdem hat sich die Borussia sehr gut entwickelt und auch in der Champions League gezeigt, dass sie an Reife gewonnen hat. Ich würde keine große Hoffnung darauf setzen, dass Dortmund die Liga wegen des großen Rückstands auf die Bayern schleifen lässt und sich einzig auf die Champions League konzentriert. Gerade zum Beginn der Rückrunde werden sie noch einmal voll angreifen wollen.

Massives Zentrum als (einzige?) Chance

Für Werder wird es wieder einmal darum gehen, den richtigen Grad im Pressing zu finden. Für ein extrem hohes Pressing à la Freiburg ist die Raumaufteilung zu unorthodox. Ein offener Schlagabtausch ist ebenfalls nicht in Werders Sinne. Sich gegen Dortmund hinten zu verbarrikadieren ist jedoch auch keine Lösung, wenn man mehr als nur Schadensbegrenzung betreiben will. Gerade falls Petersen wirklich auf den Flügel rückt und Werder ohne Spitze spielt, ist die Arbeit von Hunt und De Bruyne gegen den Ball enorm wichtig. Mit einem so massiven Mittelfeld würde man das Dortmunder Spiel fast zwangsläufig über die abkippenden Sechser laufen lassen. Gerade Gündogan sollte man dabei alle Passoptionen ins Zentrum zustellen und frühe Pässe auf die Außenbahnen oder lange Bälle erzwingen.

Um Dortmund zu schlagen, müssten schon einige Dinge zusammenkommen. In der Hinrunde war man zumindest dicht an einem Punktgewinn dran und hat Dortmund mit schnellem Umschaltspiel sichtlich überrascht. Inzwischen sind beide Teams besser eingespielt und Werders System ist allen Gegnern hinlänglich bekannt. Schaaf muss sich entscheiden, ob er das Risiko eines 4-2-4-0 zugunsten eines erneuten (wenn auch kleinen) Überraschungseffekts eingehen will oder auch ohne Arnautovic auf sein bekanntes System setzt. Vielleicht überrascht er uns am Ende alle und spielt mit einer Raute…

Biedermeier

1.FC Kaiserslautern – Werder Bremen 0:0

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, am Anfang dieses Posts die positiven Aspekte des Spiels hervorzuheben. Es fällt mir jedoch schwer, auch wenn Werders Leistung nicht so schwach war, wie einige Schwarzseher vorhergesagt hatten. Gegen einen mutigen, aber auch bestenfalls durchschnittlichen FCK kam Werder nur zu einem mageren 0:0.

Hektischer Beginn und Probleme im Passspiel

Die abwartende Haltung, die Werder in der Anfangsphase einnahm, führte zunächst nicht zu einer Beruhigung des Spiels. Werder stand tief, attackierte spät und wollte wohl erstmal testen, wie ernst es die Lauterer mit den Offensivbemühungen meinten. Die Gastgeber ließen sich nicht lange bitten und versuchten, das Spiel von Anfang an in die eigene Hand zu nehmen. Bereits nach 60 Sekunden hätte es nach einem kapitalen Bock von Wiese 1:0 stehen können, aber der Kopfball von Kouemaha ging glücklicherweise übers Tor.

Werders Grundordnung sollte der zuletzt verunsicherten Mannschaft Stabilität geben, was nach der wackligen Anfangsphase auch einigermaßen gelang. Das Spiel gegen den Ball war passabel und die Spielanlage war gerade bei den drei defensiven Mittelfeldspielern gut zu erkennen. Bei Ballgewinn versuchte man durch flache Vertikalpässe schnell umzuschalten und den Ball zu den drei offensiven Pizarro, Rosenberg und Ekici zu spielen. Letzterer passt immer noch nicht so recht in diese Mannschaft. Direktes Spiel scheint ihm zuwider, jeder Ball wird erst angenommen, dann geschaut, dann gespielt – wenn es dann noch nicht zu spät ist. So kam es zu vielen Überflüssigen Zweikämpfen, die Ekici in großer Häufigkeit verlor. Ein bisschen fühlte ich mich an Diego erinnert, nur ohne die enorme Dribbelstärke.

Da die Fehlpassquote für die ambitionierte Spielweise zu hoch war, blieb Werder selten über längere Zeit in Lauterns Hälfte in Ballbesitz. Das vorsichtige Nachschieben seitens der Außenverteidiger und Rautenspieler hielt den Schaden dabei in Grenzen, weil man nicht ganz so anfällig bei Kontern wirkte, wie zuletzt. Es sorgte allerdings auch dafür, dass man nach Ballverlusten nicht direkt ins Pressing umschalten konnte. Offenbar eine gewollte taktische Maßnahme, da Werder auch ansonsten weitgehend auf Pressing verzichtete. Als Folge musste man sich jeden Ballgewinn durch diszipliniertes Verschieben in der Defensive erarbeiten.

Prödls Verletzung und ein überforderter Neuling

Während der eine Debütant, Tom Trybull, weitgehend überzeugen konnte, war ein anderer (relativer) Neuling mit seiner Aufgabe überfordert: Schiedsrichter Robert Hartmann erwischte einen denkbar schlechten Start und hatte in der Folge Probleme, das Spiel in den Griff zu bekommen. Schon das nicht geahndete Foul an Pizarro, das außer dem Unparteiischen wohl jeder im Stadion und im Fernsehen gesehen hatte, deutete dies an. Am ersichtlichsten wurde es dann beim nicht gegebenen Elfmeter für Werder, bei dem Prödl sich Oberkiefer und Nasenbein brach und blutüberströmt ausgewechselt werden musste. Selbst wenn der Schiedsrichter schlecht steht, hat er in dieser Szene nur zwei Optionen: Er pfeift gefährliches Spiel und gibt indirekten Freitstoß (weil er aus seiner Position nicht sieht, ob der Kouemaha Prödl wirklich trifft) oder er gibt Elfmeter, was die richtige Entscheidung gewesen wäre.

Sebastian Prödl ist 1,94 m groß. Wenn ein Ball auf Höhe seines Kopfs mit dem Fuß geklärt wird, übersteigt es meinen Horizont, wie dies keinen Regelverstoß darstellen sollte. Wenn ein Schiedsrichter dies nicht ahndet, ist er der Drucksituation, unter der ein Bundesligaschiedsrichter nun einmal Entscheidungen treffen muss, ganz offensichtlich nicht gewachsen. Hartmann nahm die Pfeife erst in den Mund, unterließ dann jedoch den Pfiff, was nahelegt, dass seine erste Intuition war, die Aktion abzupfeifen. Was ihn zu seinem Umdenken bewogen hat, vermag ich nicht zu sagen.

Zielstrebig Richtung Punkteteilung

An Prödls Verletzung ist Hartmann dennoch ebenso wenig Schuld, wie an Werders insgesamt dürftiger Leistung. Auch die Lauterer dürfen mit einigen strittigen Entscheidungen zu ihren Ungunsten hadern, beispielsweise dem nicht geahndeten Handspiel von Schmitz, welches aber wohl knapp vor dem Strafraum stattfand. Das 0:0 war ebenso leistungsgerecht wie ungewöhnlich für dieses Spiel. Torchancen entstanden trotz mangelnder Kreativität auf beiden Seiten in unerwarteter Regelmäßigkeit. Obwohl keine Mannschaft die Defensive wirklich entblößte, ergaben sich immer wieder Situationen, in denen nur ein Pass oder ein zielstrebigerer Abschluss zu einem Tor gefehlt hätten.

Der Spielverlauf gegen Ende der zweiten Halbzeit und die Tatsache, dass Schaaf nicht umstellen wollte oder konnte, machen das 0:0 eher zu einem Punktgewinn denn zu einem Punktverlust für Werder. Sorgen machen muss man sich vielmehr angesichts der Tatsache, dass die Mannschaft zwar die so häufig vermisste, gute Mischung aus Offensive und Defensive hatte, aber dennoch hinten anfällig wirkte und vorne nur selten zwingend wurde. An Platz 4 braucht man derzeit nicht zu denken. Auf Platz 7 hat man dagegen 6 Punkte Vorsprung. Wichtig ist nun vor allem, in den Heimspielen wieder zur Sicherheit im Kombinationsspiel zu finden.

Enttäuschend ist vor allem, dass man nach der Winterpause kein Stück weiter scheint, als zum Ende der Hinrunde. Im Gegenteil, man hat eher das Gefühl in puncto Passspiel zeige die Fieberkurve nach unten. Die Verletzung Prödls, just als Wolfs Verkauf nach Monaco nur noch Formsache scheint, zwingt Klaus Allofs wohl noch einmal zum Handeln. Die Null, die hinten endlich stand, tröstet über diese Punkte auch nur bedingt hinweg. Sie scheint eher ein statistischer Zufall zu sein, als Folge einer signifikant verbesserten Defensive. So sucht man verzweifelt nach einem Strohhalm, während man auf dem fünften Platz in der Tabelle steht – eine Platzierung, die man vor der Saison wohl sofort unterschrieben hätte.

Werder nach der Winterpause – Versuch einer Einordnung

Heute Abend startet Werder in die Rückrunde. Die letzten Ergebnisse waren besorgniserregend, doch weniger im Hinblick auf diese Saison als auf die nächste. Sowohl beim Blitzturnier in Düsseldorf als auch bei der 0:3 Niederlage in Rostock fehlte Werder rund die Hälfte des Teams, das gegen Kaiserslautern – und mutmaßlich auch in den weiteren Pflichtspielen – auf dem Platz stehen wird. Die Leblosigkeit, mit der man dort agierte, treibt jedoch nicht nur den Anhängern die Sorgenfalten auf die Stirn.

Zweiter Anzug vom selben Schneider sitzt nicht

Seit Jahren frage ich mich, warum der Sprung von der zweiten in die erste Mannschaft bei Werder so schwierig ist. Gerade in dieser Saison hat Werders U23 einen Kader, der vor Talenten nur so strotzt. Thomas Wolters Team spielt das gleiche System wie die Profis und man kann bei ihnen gut erkennen, wie anspruchsvoll es ist. Der Fußball ist häufig schön anzusehen, doch selten erfolgreich. Der Abstiegskampf der 3. Liga scheint mir nicht das richtige Umfeld zu sein, um es zu perfektionieren. Der Nichtabstieg am grünen Tisch im Sommer erweist sich eher als Fluch denn als Segen. In der Regionalliga hätten die Gegner ein niedrigeres Niveau, aber es ließe sich eben auch das System mit diesen jungen Spielern erfolgreicher umsetzen. Gerade die Stürmer, deren Selbstbewusstsein gemeinhin mit den erzielten Toren wächst, würden davon profitieren. Niklas Füllkrug ist beispielsweise ein begnadeter Fußballer, der in der U23 durch gute Leistungen aufgefallen ist. Er kommt aber auch mit der Empfehlung von nur vier erzielten Toren in Liga 3 in den Profikader.

Die Integration der Nachwuchsspieler ist jedoch das kleinere Problem derzeit. Erschreckend ist vielmehr, wie schnell die Mannschaft in alte Muster zurückfällt, wenn Leistungsträger ausfallen. Niemand erwartet von Boenisch oder Silvestre nach ihren langen Verletzungen Wunderdinge. Ganz im Gegenteil würde man von ihren Mannschaftskollegen erwarten, dass sie ihnen mehr Unterstützung zukommen lassen auf dem Feld. Die Spieler aus der zweiten Reihe sind dazu offensichtlich nicht in der Lage. Im Mittelfeld ragt der junge Trybull heraus, während Spieler wie Wesley oder Marin völlig deplatziert wirken. War es früher Werders Stärke, durch das eingespielte System die Ausfälle (und auch die Abgänge) wichtiger Spieler kompensieren zu können, hat man heute den Eindruck, dass ein Großteil der Reservisten selbst die Grundlagen des Systems noch nicht verinnerlicht hat. Zu groß sind die individuellen Probleme, die einige dieser Spieler mit sich herumschleppen.

Wagner und Wolf als Sündenböcke?

Bei den Nachwuchsspielern sieht man vielmehr, dass sie bemüht sind, die Vorgaben ihrer Position umzusetzen. Gut zu erkennen war dies im (sehr schwachen) Spiel gegen den BVB beim Wintercup. Trybull, Kroos und Trinks spielten einen soliden Part im Mittelfeld und versuchten, das Spiel durch direktes Passspiel schnell zu machen. Insgesamt wirkte dies jedoch alles andere als eingespielt und so geschah genau das Gegenteil: Das Spiel wurde statisch, weil man bei Ballgewinn schon Angst vor dem nächsten Ballverlust hatte. Niemand schien so genau zu wissen, wie man dem eigenen Spiel Impulse geben könnte.

Am Ende blieben nach dem insgesamt recht vielversprechenden Trainingslager drei lustlose, uninspirierte Partien, die allesamt verloren wurden. Konnte man sich beim Wintercup noch mit der relativen Stärke der Gegner und den kurzfristigen Verletzungsproblemen herausreden, war das Spiel in Rostock ein Offenbarungseid. Gegen einen zweitklassigen Gegner boten gerade die Spieler, die um ihre Einsatzchancen in der ersten Elf kämpfen müssten, eine miserable Leistung. Trainer und Manager waren nach dem Spiel mehr als nur angefressen und die nun doch sehr kurzfristigen Abgänge von Sandro Wagner und Andreas Wolf wirken vor diesem Hintergrund wie Frustverkäufe. Dabei machen beide Transfers durchaus Sinn. Wagner blieb in seinen Leistungen zu unbeständig, um ein verlässlicher Backup für den Angriff zu sein. Wolf spielte eine recht solide Hinrunde, steht nun aber hinter Naldo, Sokratis und Prödl nur an vierter Stelle der Hackordnung bei den Innenverteidigern. Mit Silvestre kommt zudem ein weiterer Abwehrspieler hinzu. Quantitativ und qualitativ kann Werder diese Abgänge auch ohne Ersatz gut wegstecken. Zudem werden die Gehaltskosten schon jetzt gesenkt, was mehr Spielraum für Neuzugänge und/oder Vertragsverlängerungen lässt.

Überdecken die Rückkehrer die Probleme?

Eine der wichtigsten Fragen vor der Rückrunde ist: Kann Thomas Schaaf sein System bei Werder wieder so perfektionieren, dass man damit auch gegen die großen Gegner mithalten kann? Die oben angesprochenen Probleme sind Indizien dafür, dass es ein sehr steiniger Weg wird. Man ist auch weiterhin stark von der individuellen Klasse einzelner Spieler abhängig. Doch es ist bei weitem nicht alles schlecht bei Werder. Wenn die Umstellungen fruchten, sollte zumindest die A-Elf konkurrenzfähig im Kampf um die internationalen Plätze sein. Der Wechsel von Fritz ins rechte Mittelfeld war ein prägendes taktisches Element der Hinrunde. Nun könnte sein Wechsel zurück in die Viererkette das prägende Element der Rückrunde werden. Mit Ignjovski und dem aufstrebenden Trybull hat man wieder genügend Alternativen im Mittelfeld, die auch defensiv den Anforderungen der Raute gerecht werden. Vor allem aber kann Sokratis durch die Umstellung endlich in der Innenverteidigung eingesetzt werden.

Auf der 10er-Position wurde in der Winterpause wie erwartet Mehmet Ekici integriert. Er hat zwar noch immer nicht ganz sein großes Manko abgelegt, die Bälle zu lange zu halten, doch insgesamt wirkt sein Zusammenspiel mit den Kollegen nun stimmiger. Wenn er seine Tendenz dazu, das Spiel aus der Tiefe lenken zu wollen, unterdrücken kann, dürfte er für Werder in der Rückrunde ein wertvoller Spieler sein. Die technischen Qualitäten dazu hat er allemal. Die Hoffnung in den weiterhin indisponierten Marko Marin scheint man dagegen so langsam aufgegeben zu haben.

Trotz der Ausfälle von Naldo und Hunt scheint Werder zum Auftakt der Rückrunde zumindest personell gut gerüstet. Große Hoffnungen, dass man die in der Hinrunde ersichtlichen Problemfelder erfolgreich behoben hat, sollte man sich jedoch nicht machen.

P.S. Morgen um 17 Uhr findet der erste “offizielle” Grünweiß-Stammtisch statt. Zusammen mit Kata, Joey und Anna werde ich dort über Werders Rückrundenauftakt diskutieren.

Tor der Hoffnung

Bundesliga, 18. Spieltag: Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 2:1

Der befürchtete Fehlstart blieb aus: In letzter Sekunde sicherte sich Werder Bremen den insgesamt verdienten Sieg im Krisengipfel gegen Hoffenheim. Zumindest kurzfristig darf man als Fan wieder etwas entspannter in die Zukunft blicken.

Kurzer Moment des Glücks

Ich habe mich nur kurz gefreut. Ein kurzer, intensiver Moment des Glücks, nachdem Torsten Frings den Ball in der Nachspielzeit in die Maschen gehämmert hatte. Es war nur ein Tor gegen den Abstieg. Drei Punkte gegen einen erstaunlich harmlosen Gegner, der trotzdem kurz vor Schluss noch Pizarros Führung ausgleichen konnte. Ein Tropfen auf dem heißen Stein im Gesamtbild dieser enttäuschenden Saison.

Doch das Tor hat einen symbolischen Wert. Vielleicht wird ihm dieser Wert in den nächsten Wochen wieder genommen, falls die Mannschaft zurück in ihre Lethargie verfällt. Vielleicht wird er am Ende der Saison als der Wendepunkt angesehen, der Werder zurück in die Erfolgsspur führen sollte. Im Moment steht das Tor einfach nur für die Hoffnung. Die Hoffnung von uns allen, dass dieses Team noch lebt, atmet und um seine Daseinsberechtigung kämpft. Die Hoffnung, dass die schlimmen Befürchtungen bezüglich des Zustands der Mannschaft sich doch nicht bewahrheiten. Wenn selbst dieses bereits abgeschriebene, von inneren Zerwürfnissen aufgezehrte Werder, in diesem zum erneuten Ärgernis zu werden drohenden Spiel, in den letzten Sekunden mit einem Tor des Willens noch den Sieg holen kann, dann gibt es wohl nichts auf das es sich nicht zu hoffen lohnt.

Kompaktheit und Stabilität als Überraschungselement

Es war kein sonderlich gutes Spiel von Werder, bei weitem kein Fußballfest. Der Ball lief einigermaßen flüssig durch die eigenen Reihen, doch gerade im Angriffsdrittel fehlte noch die Feinjustierung. Hier und da taten sich auch die Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld auf, die Werder schon seit längerem das Leben schwermachen. Doch insgesamt spielte die Mannschaft sehr konzentriert, kompakt und mutig gegen einen Gegner, der nur selten Räume in der eigenen Defensive offenbarte.

Niemand stach so richtig aus der Mannschaft hervor, aber es fiel auch keiner deutlich ab. Die Teamperformance stimmte also. Der kollektive Torjubel am Ende sollte wohl auch ein Statement nach außen sein, dass hier doch kein zerstrittener Haufen unterwegs ist und dass es ein gemeinsames Ziel gibt. Diesem schienen sich zumindest am Samstag alle unterzuordnen. Werders Stabilität überraschte Gegner und Fans. Man ist diese Kompaktheit und Disziplin aus den letzten Monaten nicht mehr gewohnt.

Kroos und Silvestre überzeugen

Auch taktisch zeigte sich Werder verändert. Thomas Schaaf griff wieder auf die Raute im Mittelfeld und zwei echte Stürmer zurück. Mit Pizarro und Arnautovic im Sturmzentrum kann Werder sehr variabel spielen, auch wenn es bei der Abstimmung zwischen den beiden noch Optimierungsbedarf gibt. Mit Frings als alleinigem Sechser muss Werder zudem aufpassen, keine zu großen Räume vor der Abwehr entstehen zu lassen. Der Kapitän täte gut daran, seine Vorstöße weitgehend einzuschränken und wenn dann nur im Wechselspiel mit Bargfrede mit nach vorne zu gehen. Die Hoffnung auf ein längerfristiges Comeback der Raute wurde jedoch hauptsächlich durch Felix Kroos befeuert. In Borowski und Jensen sind die nahe liegenden Optionen für die Halbpositionen (wieder einmal) verletzt. Kroos lieferte eine unspektakuläre Leistung ab, doch sein Passspiel überzeugte. In manchen Situationen darf er gerne die Bälle noch schneller verarbeiten und das Spiel schneller machen. Mit seinen technischen Fähigkeiten und seinem Spielverständnis könnte er schon bald zum Nachfolger von Tim Borowski werden.

In der Viererkette waren viele von Mikael Silvestres grundsolider Leistung überrascht. Ich kann nicht sagen, dass ich den Auftritt genau so erwartet habe, aber gänzlich unerwartet kam er nicht. Es ist deutlich zu sehen, dass er körperlich auf einem viel besseren Level ist als zu Beginn der Saison. Das konnte man auch schon gegen Ende der Hinrunde (vor seiner Verletzung) beobachten, doch damals war er schon so verunsichert, dass er weiterhin Fehler am laufenden Band produzierte. Sein letzter Auftritt gegen Frankfurt war hingegen schon ähnlich souverän wie am Samstag. Wenn er weiter in dieser Verfassung spielt, ist er zumindest kurzfristig ein Gewinn für Werder.

Und nun?

Unter anderen Voraussetzungen könnte man nun schon wieder etwas mutiger nach vorne schauen. Der Rückstand auf die internationalen Plätze ist nicht so groß, dass man die Saison nach 40 Punkten schon abhaken müsste. Wenn die Bayern bei (ehemals) 13 Punkten Rückstand auf Dortmund eine Kampfansage abgeben, warum dann nicht auch Werder bei 11 Punkten Rückstand auf Mainz? Weil wir noch weit davon entfernt sind, die Kurve schon gekriegt zu haben. Wir biegen gerade erst ein.

Werder hat in der letzten Saison mit einem Kraftakt in kürzerer Zeit einen größeren Rückstand aufgeholt. Wenn die Mannschaft erst einmal Blut geleckt hat, wer weiß wozu sie dann noch fähig ist? Ein Tor der Hoffnung. Die Realität heißt: Platz 12 und 6 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Werder Bremen – 1899 Hoffenheim (live)

Noch 3 Fragen zu 1899 Hoffenheim

Wie angekündigt möchte ich in der Rückrunde wieder vor jedem Bundesligaspiel ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners führen. Den Anfang macht Heiko Walkenhorst vom Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim, der mir drei Fragen zu seinem Lieblingsverein beantwortet hat:

Das Spiel in der Hinrunde habt ihr deutlich gewonnen und dabei über weite Strecken schönen Tempofußball gespielt. Insgesamt war eure Hinrunde dann zwar nicht schlecht, aber doch etwas durchwachsen. Wie zufrieden bist du mit dem achten Platz momentan? Wäre mehr drin gewesen?

Nein, zufrieden sind wir nicht, eben weil mehr drin gewesen wäre. Immer diese Last-Minute-Punkteverluste – gegen Bayern, Freiburg, Dortmund, HSV etc. Das war schon sehr frustrierend. Andererseits war eben der Fußball selbst wesentlich besser anzuschauen als im letzten Jahr.

Die Winterpause war in Hoffenheim alles andere als ruhig. Der Verkauf von Luis Gustavo, der Weggang von Ralf Rangnick, das Hickhack um Demba Ba – wie beurteilst du diese Entwicklung? Erwartest du trotzdem eine erfolgreiche Rückrunde?

Diese Entwicklung musste mal kommen. Wir hatten ja sehr lange Zeit diese eine Stammelf, mit der wir sehr viel erreicht haben. Dann aber gab es sehr unterschiedliche Zielsetzungen – und das parallel zu einem sagenhaften Angebot (Gustavo) sowie einem akzeptablen “Kollateralschaden” (Rangnick). Denn so gut war sein Standing bei den Fans auch nicht wirklich.

Das mit Ba ist ärgerlich, denn er hat viele Sympathien. Ich halte ihn für einen klasse Fußballer, aber herrjeh, er ist nicht der erste und er wird nicht der letzte sein, der den Versprechungen seines Beraters erliegt.

Aber diese Unruhen haben natürlich auch was Gutes: den Aschenputtel-Faktor. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten weg. Die, die da sind, können gerade dank dieser Unruhen als Mannschaft auftreten, da dies den Zusammenhalt der neuen Gemeinschaft stärken kann.

Mit Marco Pezzaiuoli habt ihr einen neuen Trainer, der schon einige Erfolge mit DFB-Jugendauswahlmannschaften hatte. In der Bundesliga ist er aber noch recht unbekannt. Wie schätzt du ihn ein? Ist er der richtige Trainer für Hoffenheim?

Habe ihn erst einmal erlebt – und ich finde, er hat was Tucheliges, was er gewiss ebenso ungern hören dürfte wie “Jogi-Zwilling”. Wie dem auch sei, er ist gewiss ein glaubwürdigerer Vertreter der Ursprungsphilosophie von Hoffenheim als es sein Vorgänger war.

Dein Tipp?

Ich glaube, wir gewinnen auch das Rückspiel, weil ihr einfach keine Mannschaft habt. Das macht einen wirklich traurig als Fan des Fußballs. Als Fan von Hoffenheim freue ich mich natürlich über das 1:2. :-)

Vor dem Hinspiel: 3 Fragen zu 1899 Hoffenheim

18. Spieltag: Und jährlich grüßt das Murmeltier

Frankfurt – Werder 1:0

Und jährlich grüßt das Murmeltier. Ein großes, schläfriges Murmeltier namens Werder Bremen. Zum dritten Mal in Folge vergeigt es den Rückrundenauftakt mit einer katastrophal schlechten Vorstellung gegen einen bestenfalls mittelmäßigen Gegner.

Gegen Frankfurt kann man mal verlieren. Man sollte nicht – gegen eine Mannschaft, in der Maik Franz spielt, sollte man nie verlieren – aber man kann. Aber doch bitte nicht zweimal in einer Saison! Zweimal auf diese Weise! Werder zeigte kaum Gegenwehr, kaum ein Aufbäumen, kaum Laufbereitschaft. Das Spiel war wahrlich nicht schnell und das lag in erster Linie daran, dass Werder es nicht schnell machte. Den Frankfurtern spielte das natürlich in die Hände, die konnten hinten relativ leicht die Räume eng machen und in der Mitte waren sie bis zu Pizarros Einwechslung keinerlei Gefahr ausgesetzt. Ein Sturmduo Marin/Rosenberg kann Erfolg haben, wenn man gegen einen offensiven Gegner spielt, aber nicht gegen einen Gegner, der bestens damit leben kann, Werder den Ball zu überlassen und dann mit Kontern den Garaus zu machen. Rosenberg spielt nun seit einem guten Jahr völlig unter Form und darf trotzdem von Anfang an ran? Der Handlungsbedarf im Angriff hätte nicht deutlicher gemacht werden können. Es hatte fast etwas anklagendes, so als wollte Thomas Schaaf sagen: Schau her, Klaus, das ist das beste, was ich aufbieten kann.

Ist gestern jemandem aufgefallen, wie sich Werders Spielweise geändert hat, als Pizarro ins Spiel kam? Auf einmal wagte man direkte und hohe Anspiele an den Strafraum, aus dem ersten wäre beinahe das 1:1 gefallen. Diese Abhängigkeit von einem einzigen Spieler ist gefährlich, Pizarro nicht mehr der jüngste. Verletzungspausen muss man also einkalkulieren und dann zeigt sich, dass Klasse wichtiger ist als Masse. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest Moreno und Vranjes noch abgegeben werden können und das Geld in einen Mittelstürmer investiert wird. Die Verpflichtung Abdennours halte ich aus heutiger Sicht für richtig. Es bestand definitiv Bedarf auf der linken Seite und gute Ansätze waren trotz einer durchwachsenen Leistung erkennbar.

Es wäre jedoch falsch, die Bremer Niederlage nur an einem nicht vorhandenen Stürmer festzumachen. Die Leistung der Mannschaft war insgesamt völlig inakzeptabel. Allen voran wirkte Mesut Özil, als wäre er mit dem Kopf überall, nur nicht auf dem Platz. In dieser Form wäre er nicht mal für Arminia Bielefeld interessant. Solche Spieler sind besonders wertvoll für ein Team: Unter der Woche groß von den eigenen Ansprüchen auf die Champions League sprechen und dann so eine Leistung? Große Klasse, Mesut. Wenn es unter deinem Niveau ist, den Verein, der dich zum Nationalspieler gemacht hat, in die Champions League zu schießen, dann halt bitte einfach die Klappe und geh im Sommer wohin du auch immer möchtest!

Was bleibt zu hoffen? Bitte kein Wort mehr von Meisterschaft und Champions League! Eine Woche lang konzentrieren und dann mit vollem Einsatz gegen die Bayern. In der Hinrunde hat man nach der Niederlage gegen Frankfurt die Kurve gekriegt. In dieser Rückrunde mag ich daran nicht glauben, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.