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19. Spieltag: Dünne Luft

FC Augsburg – Werder Bremen 3:1 (1:1)

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Werder konnte trotz früher Führung nie das Spiel des Gegners kontrollieren und geriet schon in der Anfangsphase schnell unter Druck. Dutt hatte vor dem Spiel völlig zurecht Daniel Baier als Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Augsburger ausgemacht. Die Offensivabteilung um Petersen, Junuzovic, Di Santo und Elia versuchte daher, das gegnerische Spiel schon im Aufbau zu stören, das eher halbherzige Pressing bereitete dem FCA aber keine großen Probleme. Sobald die vier überspielt waren, geriet Werder in große Bedrängnis. Auf den Außenbahnen waren Selassie und Garcia auf sich gestellt und die beiden Sechser Kroos und Makiadi sahen sich in schöner Regelmäßigkeit in Unterzahl gegen das Augsburger Mittelfeld. In der Folge kam Werder meistens zu spät in die Zweikämpfe, wodurch von Anfang an zahlreiche Fouls Werders Spiel prägten. Dies führte schon nach kurzer Zeit zu guten Augsburger Chancen, zunächst ein Freistoß an den Pfosten, dann ein fast identischer Freistoß ins Tor. Beide Male bot Werders Mauer die gleichen Lücken an, die Tobias Werner dankend ausnutzte.

Offensiv fand Werder in Abwesenheit von Aaron Hunt schlicht und einfach nicht statt. Zur Pause war Augsburg deshalb klarer Punktsieger, auch wenn Werder in den letzten 15 Minuten den Druck etwas herausnehmen konnte. Dann kam Garcia. Viele lasten Dutt den Platzverweis (mit) an – ich nicht. Zum einen weil Dutt schon einige Male mit frühen Auswechslungen auf drohende gelb-rote Karten reagiert hat, sich der Problematik also durchaus bewusst ist. Ich glaube, dass Garcia in der Halbzeit in der Kabine geblieben wäre. Zum anderen weil man einem Fußballprofi ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung abverlangen muss. Mit Kroos und Garcia begaben sich schon früh zwei Spieler auf sehr dünnes Eis. Ein Doppelwechsel nach 30 Minuten ist für einen Trainer mehr als bitter, daher verständlich, dass Dutt zumindest bis zum Pausenpfiff warten wollte. Garcia ist nicht vom Platz geflogen, weil er sich gelbvorbelastet in einen brenzligen Zweikampf schmeißen musste, sondern weil er völlig übermotiviert im gegnerischen Strafraum ein überflüssiges Tackling ansetzte. Dass er seinen Gegenspieler dabei nicht traf, spielt für die Entscheidung des Schiedsrichters keine Rolle. Gelb ist für Garcias gefährliches Spiel in jedem Fall vertretbar. Somit bekam jeder was ihm zustand: Garcia den Platzverweis und Ostrzolek die Goldene Himbeere als schlechtester Nebendarsteller.

Die zweite Halbzeit ging Werder dann so an, wie ich es schon in der ersten Halbzeit – erst recht nach dem Führungstor – erwartet hätte: Mit zwei tiefen Viererketten, die das Zentrum dicht machten. Augsburgs Spiel wurde so auf die Außenbahnen gelenkt, wo nun gezielt auf die gegnerischen Flügelspieler gepresst werden konnte, um diese zu isolieren oder zu frühen Flanken zu zwingen – zumindest in der Theorie. Denn als die Taktik zu greifen anfing, war das Spiel für Werder bereits verloren. Zuerst unterschätzte Selassie eine Flanke, dann leisteten sich Schmitz und Wolf eine Slapstick-Einlage. Mit solchen individuellen Aussetzern nützt kein Defensivkonzept etwas. Augsburg konnte in der Folge die eigene Ballsicherheit zur Schau stellen und Werder kam kaum noch in Ballbesitz.

Nachdem ich in der letzten Woche schrieb, dass Eintracht Braunschweig der denkbar unpassendste Gegner zu Werders proklamierten Zielen für die Wintervorbereitung war, muss ich sagen, dass Augsburg nun der ideale Gegner war. Inzwischen haben die meisten gemerkt, dass Augsburg guten Fußball spielt und Werder dort keineswegs als Favorit ins Spiel geht und schon gar nicht das Spiel machen muss. Man hätte jede noch so dreckige Defensivtaktik als Mittel zum Zweck rechtfertigen können, und das ohne ungeduldige Fans im Nacken. Andererseits ist Augsburg nicht so stark, dass man allein aufgrund der individuellen Qualität des Gegners trotzdem verliert. Man hätte in diesem Spiel ein Zeichen setzen können, den Weg für die nächsten Spiele vorzeichnen können. Diese Chance hat man völlig vergeigt. Selbst wenn man die individuellen Aussetzer von Garcia, Selassie, Schmitz und Wolf ausblendet, war Werders Leistung vor allem in der ersten Halbzeit eines Erstligisten nicht würdig. Dass man sich beim Stand von 1:3 bei völligem Verzicht auf eigenes Offensivspiel einigermaßen Stabilisieren kann, ist nun wirklich kein Trost.

Langsam wird die Luft damit auch für Robin Dutt dünn. Von den vor der Saison angekündigten Zielen ist bislang keines erreicht oder auch nur in Sicht. Der Weg dahin ist ebenfalls nur mit viel gutem Willen in Ansätzen zu erkennen. Mit dem schwachen Pass- und Aufbauspiel könnte ich noch leben; ich hatte mich auf eine Saison mit reaktivem und eher unansehnlichem Fußball eingestellt. Zu Torchancen kann man auch mit gutem Umschaltspiel, starkem Angriffspressing und/oder intelligenten Laufwegen im Angriff kommen. Doch davon ist bei Werder ebenfalls nicht viel zu sehen. Sich nur auf zweite Bälle und leicht chaotisches Gegenpressing zu verlassen, ist etwas arg wenig. Zumal sich diese Offensivtaktik allem Anschein nach nicht richtig mit der defensiven Stabilität verträgt. Zwischen dem 10. und 16. Spieltag, als man vermehrt darauf setzte, kassierte man zwei Drittel aller bisherigen Gegentore. Deshalb sind die sechs Spiele ohne Gegentor auch nur ein schwacher Trost. Zur Wahl stehen allem Anschein nach nur die totale Defensive und ein Offensivkonzept, bei dem hinten sämtliche Schleusen geöffnet werden. Das ist, mit Verlaub, eine miserable Zwischenbilanz.

Bislang war ich mit Dutt relativ geduldig. Er hat eine schwierige Aufgabe übernommen und dabei von Anfang an sehr viel Demut gezeigt, sich nicht über den Zustand des Kaders beklagt, den er übernommen hat, von seinem Vorgänger nur in höchsten Tönen gesprochen, nicht öffentlich Verstärkungen gefordert, etc.. Was auch immer man Dutt alles vorwerfen mag, er hat nicht nach billigen Ausreden gesucht, um seine Arbeit zu verteidigen. Vor allem deshalb hatte er bei mir einen gewissen Vertrauensvorschuss, auch wenn in der Hinrunde nur sporadisch eine Entwicklung in Werders Spiel zu Erkennen war.

Mittlerweile ist dieser Vorschuss mehr als aufgebraucht. Die für die ersten 2-3 Monate angekündigte defensive Stabilisierung ist nur vorübergehend eingetreten. Mit nunmehr 40 Gegentoren gehört Werder weiterhin zu den defensivschwächsten Mannschaften der Liga. Offensiv hat Dutt ein Jahr Zeit eingefordert, um seine Spielidee umzusetzen. Auch wenn solche Entwicklungen selten linear sind, sollten so langsam zumindest Ansätze davon erkennbar werden. Bleibt die spielerische und taktische Entwicklung weiterhin aus, könnte die Ära Dutt allen Beteuerungen zum Trotz ein vorzeitiges Ende finden.

Das grünweiße Theaterensemble

Hamburger SV – Werder Bremen 3:2

Werder verliert auch das zweite Spiel der Rückrunde. Das 2:3 beim größten Rivalen HSV schmerzt trotz des letztlich knappen Ergebnisses wie erwartet mehr, als die Niederlage gegen den BVB. Zeit für einen alternativen Blick auf die Dinge™.

Tragödie

Das Nordderby war sehr unterhaltsam. Diesen Schluss zog jedenfalls Thomas Schaaf aus dem Spiel. Vielleicht haben wir Werders Entwicklung in den letzten Jahren völlig falsch interpretiert. Geht es am Ende gar nicht um Leistung, Punkte und Siege? Entzieht sich Werder Bremen dem neoliberalen Diktat oder gar der Leistungsgesellschaft an sich? Sollen wir uns mehr mit dem künstlerischen Wert der Aufführungen beschäftigen? Dann müssen wir – wie Will Ferrel in Stranger Than Fiction – zunächst klären, ob wir uns in einer Tragödie oder in einer Komödie befinden.

Vieles spricht für eine Tragödie: Thomas Schaaf, Aufstieg und Fall eines Fußballlehrers. Von seinem einstigen Kompagnon Klaus Allofs verlassen, gerät der einstige Meistertrainer immer mehr in die Schusslinie der Kritik. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens wurde er von allen bewundert. Nun lebt er zurückgezogen im letzten verbliebenen Biotop der Bundesliga und wartet darauf, dass sein persönlicher Alptraum mit dem SVW endlich zu Ende geht. Der HSV nimmt dabei die Rolle des Antagonisten ein. Vor Jahren in einer epischen Schlacht vernichtend geschlagen, wittert er nun seine Chance und nimmt Rache an seinem Erzfeind.

Der alte Recke Schaaf hat noch einmal sein gesamtes Repertoire eingesetzt: Taktikumstellungen, Personalwechsel, wildes Gestikulieren – doch nichts will mehr helfen. Sein Heer muss herbe personelle Verluste einstecken und wird in die Flucht geschlagen. Keine neue Erfahrung für den Protagonisten. Jährlich grüßt das Murmeltier kurz nach der Winterpause und will sich nicht vertreiben lassen. Und jedes Jahr wird es schwieriger, die Wende zum Guten zu schaffen und die Getreuen bei Laune zu halten. Die Spirale scheint unaufhaltsam zu sein.

Wie wird diese Geschichte ausgehen? Wird der Held am Ende, dem Wahnsinn verfallen, weiter auf die Auflösung, das glückliche Ende warten, wie Jack Nickolson in der Dürrenmatt-Verfilmung Das Versprechen? Wird er im Kampf gegen die übermächtigen Gegner untergehen, wie Al Pacino in Scarface? Gibt es gar einen Königsmord à la Shakespeare (wir sollten Thomas Eichin im Auge behalten)? Oder dreht sich der Plot noch einmal auf spektakuläre Weise und entpuppt sich am Ende doch als Komödie?

Komödie

Es fällt nicht schwer, komödiantische Elemente in Werders Aufführungen zu finden. Die lustigsten Stellen sind hierbei auf eine unfreiwillige Komik zurückzuführen, die dem Fußball zugrunde liegt. Die Ernsthaftigkeit des siegen Wollens wird konterkariert durch Slapstick-artige Fehlleistungen, welche sich durch alle Bremer Mannschaftsteile ziehen.  Dem SV Werder droht jedoch die Fallhöhe abhanden zu kommen, die man für echte Komik benötigt.

Wenn der Roadrunner den von Wile E. Coyote gestellten Fallen ein ums andere Mal entkommt, dann rührt die Komik eben auch daher, dass hier der David dem Goliath ein Schnippchen schlägt. Beim Roadrunner ist es die unglaubliche Geschwindigkeit, die ihm stets das Leben rettet. Bei anderen Figuren, etwa Wickie oder MacGyver, sind es Intelligenz und Erfindungsreichtum. Wiederum andere haben einfach Glück, gepaart mit einer gewissen Bauernschläue, wie Homer Simpson und die Bluth-Familie. Nun sticht der HSV nicht durch besonders herausragende Fähigkeiten hervor, die man dem Bundesliga-Dino qua äußerlicher Erscheinung nicht zutrauen würde, doch ist auch Werder Bremen schon lange kein Wile E. Coyote mehr. Die Rückschläge werden vorhersehbar und verlieren deshalb ihre Komik.

Vielleicht wird hier auch nur ein Rollentausch vorbereitet und Werder nutzt seinerseits irgendwann die Position des Underdogs für einen Überraschungscoup. Lange wird es nicht mehr dauern, bis man in Werder nur noch eine Pippi Langstrumpf erkennt, der man ihre fast übermenschlichen Kräfte nicht ansieht. Man sollte mit der Entwicklung letzterer also besser schleunigst beginnen.

Alternativ bleibt dem SV Werder noch die Rolle des Clowns, bei dem man schon vorher weiß, dass er kein Fettnäpfchen auslassen wird. Der Zuschauer hat dabei einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten, sieht er die Fallstricke doch schon lange vor diesem. Es hat etwas beruhigendes, schon vorher zu wissen, in wessen Gesicht die Torte am Ende wieder landen wird. Somit könnte es egal sein, ob Thomas Schaaf Sonnen- oder Regenlieder singt – am Ende steht Werder sowieso im Regen. Wenn man sich schon weiterhin der Lächerlichkeit preisgibt, kann man es dank diesem Wissen zumindest mit Würde tun.

Wie viel Veränderung vor dem Nordderby?

Wer dachte, dass man bei Werder nach dem 0:5 gegen Borussia Dortmund wie sonst üblich zur Tagesordnung übergehen würde, sieht sich dieser Tage getäuscht. Vor dem Nordderby am Sonntag in Hamburg steht noch so manches Fragezeichen über Werders Aufstellung wie taktischer Ausrichtung.

Drohende Ausfälle und Wackelkandidaten

Mit Aaron Hunt und Marko Arnautovic drohten zwei gesetzte Spieler für die Partie gegen den HSV auszufallen. Zwar stehen beide letztlich im Kader, aber ob es für die Startelf reicht bleibt abzuwarten. Eine Wiederholung des 4-2-4-0-Experiments ist dennoch sehr unwahrscheinlich, wurde es doch nach dem Spiel in den Medien für die Niederlage gegen den BVB verantwortlich gemacht. Im Training wurden unter der Woche verschiedene Formationen mit unterschiedlichen Aufstellungen getestet, darunter auch ein 4-4-2 mit einer Doppelspitze Akpala/Petersen. Eine Rückkehr zum 4-1-4-1 halte ich dennoch für wahrscheinlich. Veränderungen sind eher in personeller Hinsicht zu erwarten.

Neben dem oben erwähnten angeschlagenen Duo gibt es noch einige weitere Wackelkandidaten. Da wäre zum einen Sebastian Prödl, im Dortmund-Spiel nach dem 0:3 ausgewechselt und schon in der Hinrunde keineswegs unumstritten. Lukimya war bereits einige Mal dicht dran, ihn aus der Startelf zu verdrängen. In Hamburg könnte er eine Chance von Anfang an erhalten. Ebenfalls auf der Kippe steht Eljero Elia, mit dem Schaaf langsam die Geduld verliert. Zumindest wurde dies durch die Blume so an die Öffentlichkeit kommuniziert (“Er bringt auf dem Platz nicht zu Ende, was er vorbereitet” = fehlende Effektivität). Es ist allerdings kaum denkbar, dass drei der fünf etatmäßigen Offensivkräfte am Sonntag nicht in der Startelf stehen. Somit dürfte Elias Aufstellung auch von Hunt und Arnautovic abhängen. Zu den heißesten Ersatzkandidaten zählt (neben Özkan Yildirim) plötzlich auch wieder Mehmet Ekici, der in der Hinrunde kaum eine Rolle spielte, im Training aber zuletzt in der A-Mannschaft stand.

Ein dritter Wackelkandidat ist etwas überraschend Theodor Gebre Selassie, der gegen Dortmund nicht gut aussah, jedoch in der Sollbruchstelle des asymmetrischen 4-2-4-0-Systems agierte, wo er wenig Unterstützung bekam. Da es auf seiner Position keinen direkten Ersatz gibt, könnte Allrounder Aleksandar Ignjovski für ihn auflaufen. Nicht zur Diskussion steht offenbar Kapitän Clemens Fritz, obwohl er bislang eine enttäuschende Saison spielt. Er könnte gegen den HSV auf seine vor der Saison vorgesehene Position im defensiven Mittelfeld zurückkehren, falls Junuzovic weiter vorne benötigt wird.

Got a little Captain in you?

Es ist interessant zu sehen, dass Schaaf bereits nach einem absolvierten Rückrundenspiel personelle Konsequenzen zieht. Er will offenbar nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, als er allzu oft so lange wie möglich an formschwachen Spielern festhielt, in der Hoffnung sie mögen sein Vertrauen später belohnen. Die alte Rehhagel-Schule. Seinen Kapitän lässt er dabei jedoch noch außen vor, was einerseits verständlich ist, zumal die Alternativen im Mittelfeld durch die möglichen Ausfälle rar sind. Andererseits wiederholt er damit vielleicht einen anderen Fehler, der ihm in der Vergangenheit vorgeworfen wurde, nämlich zu lange an seinen Führungsspielern festzuhalten, wenn sie ihren Zenit überschritten haben.

Nun ist Fritz weder uralt, noch sollte man seine wichtige integrative Rolle in der jungen Mannschaft herunterspielen. Doch er zeigte sich auf dem Platz in dieser Saison bislang nur selten als ein Spieler, an dem sich die Mitspieler aufrichten können. Zu wenige Impulse konnte er Werders Spiel geben, zu viele Probleme hatte er in seinem eigenen Spiel. Auch wenn seine Qualitäten als Mittelfeldspieler häufig unterschätzt wurden, steht Fritz derzeit an einem Punkt, an dem man darüber diskutieren muss, ob seine Präsenz auf dem Platz der Mannschaft mehr schadet als hilft. Er scheint mir nicht der Spielertyp zu sein, der bei einem Verlust seines Stammplatzes die Stimmung in der Mannschaft runterziehen würde. Hoffentlich zahlt sich Schaafs Vertrauen aus und er steigert sich in der Rückrunde noch einmal zu der Form, die er in der Hinrunde der vergangenen Saison hatte.

Der HSV – vom Abstiegskandidaten zur Mittelklassemannschaft

Mit dem HSV trifft Werder auf einen Gegner, der eigentlich mit genügend eigenen Problemen zu kämpfen hat. Vor der Saison musste man sich in Hamburg ernsthafte Sorgen darum machen, in diesem Jahr die Klasse halten zu können. Der Kader wirkte unausgeglichen, der Saisonauftakt ging daneben und auch der Trainer strahlte eine gewisse Ratlosigkeit aus. Mit ein paar Last-Minute-Einkäufen verstärkte man sich kurz vor Ende der Transferperiode noch einmal und was zunächst wie ein Panikkauf wirkte, hat dem HSV wohl die Saison gerettet. Besonders der Kauf von Milan Badelj ist hier hervorzuheben. Der Kroate spielt einen mehr als soliden Part im defensiven Mittelfeld und sorgt für die nötige Balance im Team. Somit konnte man sich früh aller Abstiegssorgen entledigen und darf mit einem Auge vorsichtig in Richtung internationalem Wettbewerb schauen.

Eigentlich wäre der HSV damit genau das, was man Werder gerne vorwirft: Eine graue Maus. Oder etwas positiver formuliert: Eine Mittelklassemannschaft mit Luft nach oben, die sich gerade in der Phase eines Umbruchs befindet. Eigentlich. Wäre da nicht Rafael van der Vaart, der außerhalb des Spielfelds wie gewohnt für Schlagzeilen in der Hamburger Medienlandschaft sorgt und auf dem Platz für gelegentliche Geniestreiche verantwortlich ist. Ich glaube nicht, dass van der Vaart dem HSV langfristig weiterhelfen wird, seine Verpflichtung war mindestens ebenso PR-Gag eines Hamburger Unternehmers wie eine sportlich sinnvolle Entscheidung. Seine Qualitäten will ich dem Holländer nicht absprechen, er machte in der Hinrunde in einigen Spielen den Unterschied, aber er passt meiner Ansicht nach nicht mehr so richtig in das Gesamtgefüge.

Trainer Thorsten Fink hat in dieser Saison hingegen eine Entwicklung genommen, die ihm viele nicht mehr zugetraut hätten. Lange Zeit sah es so aus, als wolle er sein präferiertes System bis zum Ende durchziehen, auch wenn es immer weniger Ertrag brachte und seiner Mannschaft nicht ganz zu behagen schien. Inzwischen hat er sein System den vorhandenen Spielern angepasst. Das Spiel des HSV wirkt seitdem viel harmonischer vom Aufbau bis zum Abschluss. Ich würde die Hamburger derzeit genau in die Kategorie der Mannschaften einordnen, die auf Werders Augenhöhe sind und an denen man sich messen sollte. Von daher ist das Ergebnis heute – Derby hin oder her – für mich wichtiger, als das gegen Dortmund.

Nachtrag zum “spanischen System”

Was mich in der Nachbetrachtung immer noch ärgert, ist dieser ständige Vergleich von Werders Taktik mit der Spaniens bei der Europameisterschaft. Nicht nur weil sie ziemlich sinnlos ist (es gibt kaum Parallelen zwischen den Teams und ihrer Ausrichtung), sondern weil sie den Eindruck erweckt, als müsse eine Mannschaft zwingend spielerisch überlegen sein, um ein System ohne Mittelstürmer spielen zu können. Dabei war der Gedanke hinter der stürmerlosen Spielweise zunächst ein anderer und das spanische System 2012 keineswegs dessen Erfindung.

Interessanterweise wurde das System beim AS Rom eher aus der Not heraus geboren, weil alle Mittelstürmer ausgefallen sind. Die Vorteile des Systems in der sich ändernden Fußballwelt führten aber schnell dazu, dass andere Trainer das System übernahmen oder in Erwägung zogen. Der Grund ohne Mittelstürmer zu spielen, lag in erster Linie darin, aus dem Mittelfeld überfallartig angreifen zu können und den Innenverteidigern dabei den Zugriff zu nehmen. Bei Manchester Uniteds Champions League Sieg 2008 standen mit Ronaldo, Rooney und Teves zwar drei Spieler auf dem Platz, die als Spitze agieren können, von denen sich jedoch keiner konstant im Sturmzentrum aufhielt. Daher ist es vielleicht – wie bei Werder am letzten Samstag – falsch, von einem “stürmerlosen System” zu sprechen. Mit Petersen stand ein Stürmer auf dem Platz, wenn auch in einer ungewöhnlichen Rolle. Bei den Spaniern hingegen war bei der EM oftmals kein echter Stürmer auf dem Feld, obwohl es in der Formation eine Mittelstürmerposition gab. Das beste Spiel machte Spanien im Finale, als Fabregas (siehe Zitat unten) mehr wie ein klassischer Mittelstürmer agierte.

Ein paar Lesetipps zum Thema:

AS Roms 4-6-0-System von 2007, vorgestellt bei Zonal Marking

Blick in die Zukunft des 4-6-0 von Jonathan Wilson (2008)

Daran angelehnt: Ein Text von Christoph Biermann zur EM 2008 im Spiegel

Spielbericht zum EM-Finale 2012 bei Zonal Marking, Money Quote: “[Fabregas is] clearly not a natural forward, but it might actually be inappropriate to label him a false nine here – his positioning was that of a classic centre-forward, his runs were that of a classic centre-forward, and he rarely dropped deep into the midfield zone.”

Schuldner

1. FC Köln – Werder Bremen 3:0

Das Zarte Pflänzchen Hoffnung ist nach nur einem Spiel komplett zertrampelt, entwurzelt und entsorgt worden. Mit einer spielerisch und kämpferisch desolaten Vorstellung setzt sich Werder im Abstiegskampf fest und hinterlässt nachhaltig den Eindruck, diesem nicht gewachsen zu sein.

Keine Aussicht auf Rückzahlung

Der Kredit ist aufgebraucht, nicht erst seit gestern. Die Erfolge der letzten Jahre und all die schönen Momente, die Thomas Schaafs Werder den Fans gegeben hat, täuschen nicht mehr über den desaströsen Zustand dieser Mannschaft hinweg. Inzwischen ist nicht nur der Kredit verspielt, sondern bereits ein hübsches Sümmchen neuer Schulden hinzugekommen. Wie diese Schulden abgegolten werden sollen, ist ähnlich unklar wie bei Vater Staat. Werder bräuchte dringend einen Bailout.

Mehr als das Minimalziel Klassenerhalt kann und will man von dieser Mannschaft nicht mehr erwarten. Ob sie dieses Minimalziel erreichen wird, scheint derzeit fraglicher denn je. Nachdem man vor einer Woche noch die katastrophalen Eindrücke aus dem Trainingslager in Belek etwas beiseite wischen konnte, folgte gegen erstaunlich mutige Kölner ein Rückschritt, der in dieser Form überraschend und erschütternd zugleich war. Von der ersten bis zur letzten Minute fand die Mannschaft keinen Weg ins Spiel und so war das 0:3 am Ende noch ein recht schmeichelhaftes Ergebnis für Werder. Eine Fehleranalyse erübrigt sich fast, wenn ein Team so kollektiv die individuellen Aufgaben jedes einzelnen Spielers vernachlässigt. Individualtaktische Fehler und nicht vorhandene Einsatzbereitschaft können weder durch die taktische Ausrichtung, noch durch eine vermeintlich höhere individuelle Klasse der Spieler ausgeglichen werden.

Drei Fragen an den Gegner statt Fehlersuche

Ich bin nicht bereit, mich mit diesem Spiel darüber hinaus auseinander zu setzen. Mit dem Wort Arbeitsverweigerung bin ich vorsichtig, aber gestern hatte ich nicht den Eindruck, dass sich die Spieler ihrem Verein und den Fans gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet fühlten, eine wie auch immer geartete Leistung abzuliefern. Es war eine Nicht-Leistung. Wo keine Leistung ist, braucht man auch nichts zu bewerten.

Ich habe stattdessen ein kurzes Interview mit dem Spielebeobachter geführt und ihm drei Fragen zum Spiel seiner Kölner gestellt:

Ich nehme an du bist genauso schockiert wie ich über das Ergebnis. Gab es vor dem Spiel Grund zur Annahme, dass Köln das Spiel so klar gewinnen könnte?

Sagen wir mal so: Wäre dies das erste Spiel der Rückrunde gewesen, wäre der “Schock” kleiner. Die Wintereinkäufe des Effzeh lesen sich gut, es scheint ein Zusammenrücken der Mannschaft gegeben zu haben, Frank Schaefers Arbeit trägt langsam Früchte. Allerdings war der Rückrundenauftakt gegen Kaiserslautern wieder ein Rückschritt und liess befürchten, dass es wohl doch nichts mit dem neuen Gesicht der Mannschaft werden würde. Dazu noch die vielen Ausfälle – ein solch klarer Sieg war wahrlich nicht zu erwarten.

Was hat dich mehr überrascht: Dass der Effzeh von Anfang an so konzentriert und mutig gespielt hat, oder dass Werder nach dem Sieg gegen Hoffenheim über 90 Minuten so harmlos agieren würde?

Ich habe leider nur Ausschnitte des Spiels sehen können, dies vorweg. Dass der Effzeh zu Hause versuchen würde, die von Schaefer eingeforderte höhere Aktivität besser auf den Platz zu bringen als gegen den FCK, überraschte nicht. Dass dies über 90 Minuten gelang (jedenfalls nachdem was ich sah und las), schon eher, häufig gab es in der 2. Halbzeit einen mentalen Einbruch. Die vollkommende Harmlosigkeit Werders hab ich so sicher nicht erwartet. So jedenfalls schlittert Werder dem Abstieg entgegen.

Köln hat nun einen guten und wichtigen Schritt nach vorne gemacht. War das ein Strohfeuer oder glaubst du, dass es eine richtige Entwicklung gibt und die Mannschaft auf der Leistung aufbaut und sich unten herauskämpft?

Irgendwo dazwischen vermutlich: Es gibt eine positive Entwicklung und dieser Sieg wird sicher helfen, sich spielerisch weiter zu entwickeln. Aber die Wintereinkäufe könnten in der Tat der Mannschaft zu mehr Stabilität im Defensivbereich und mehr Kreativität im Offensivbereich verhelfen. Aber niemand kann erwarten, dass das jetzt so weitergeht, Rückschläge werden sicher kommen. Ob es am Ende reicht – knappe Geschichte das.

Vor dem Hinspiel: 3 Fragen zum 1. FC Köln

19. Spieltag: Konjunktiv

Werder Bremen – Bayern München 2:3

Niederlagen gegen die Bayern sind schon per Definition immer unglücklich und unverdient. Diesmal war es jedoch anders. Eine offensiv bärenstarke Mannschaft aus München fegte durch das Weserstadion, nahm die drei Punkte mit nach Hause und hinterher konnte niemand behaupten, dieser Sieg wäre nicht verdient gewesen. Werder stand von der dritten Minute an defensiv völlig neben der Spur und wurde vornehmlich über die Außenbahnen eiskalt ausgekontert.

Es muss sich wohl zu Louis van Gaal herumgesprochen haben, dass Werders Viererkette meist sehr hoch steht. So gut, wie die Bayern am Samstag, hat es aber selten ein Gegner verstanden, dies für sich auszunutzen. Robben ließ Neuzugang Abdennour auf der linken Abwehrseite trotz einer couragierten Defensivleistung ein ums andere Mal stehen und in der Mitte hatten Naldo und Mertesacker keinen sonderlich guten Tag erwischt. Lediglich Clemens Fritz hatte seine Seite fest im Griff, auch nachdem Franck Ribery eingewechselt wurde. Es fällt mir immer noch schwer zu beurteilen, ob Bayern wirklich so gut war, wie es mir während des Spiels vorkam, oder ob es doch eher an Werders Schwäche lag. Mit dem Juve-Spiel im Hinterkopf neige ich jedoch eher zur ersten Version. Das Bayernspiel wirkte brachial und manchmal ein wenig unkontrolliert, doch verfehlte seine Wirkung selten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Überraschungsmomente im Spiel der Bayern gesehen zu haben. Vielleicht ging es auch den Spielern selbst so. Das würde jedenfalls die schlechte Chancenverwertung des Rekordmeisters erklären. Es schien fast so, als wären sie selber überrascht über die Einfachkeit, mit der sie durch Werders Hälfte kombinieren konnten.

Damit soll es aber genug sein der Lobhudelei. Defensiv stellten sich die Bayern nämlich nicht viel besser an als die Bremer. Deshalb fragt man sich schon so ein bisschen, was wohl möglich gewesen wäre, mit einem Pizarro in der Starelf, einem Mesut Özil, der wieder konstant so spielt, wie in den letzten 15 Minuten und einem, sagen wir, Sack Reis anstelle von Tim Borowski. Natürlich hätte es auch eine viel herbere Klatsche geben können, wenn nicht Aaron Hunt gleich die erste Bremer Chance mit einem strammen Linksschuss genutzt hätte. Natürlich hätte Bayern den Sack längst zumachen können, bevor Hugo Almeida das 2:2 auf eine Art erzielte, wie es nur wenige Spieler können. Natürlich hätte Werder das Spiel nach Tim Wieses missglücktem Tackling gut und gerne zu Zehnt beenden können. Doch – ich sag es immer wieder ungerne – wer wüsste besser, dass ein überlegen geführtes Spiel mit einer Vielzahl an Torchancen noch lange nicht den Sieg bedeuten muss, als ein leidgeprüfter Werderfan? Was wäre beispielsweise gewesen, wenn Schiedsrichter Kircher das Foul an Markus Rosenberg geahndet und Elfmeter für Werder gepfiffen hätte? Oder wenn er den Pass auf den sich in einer Abseitsposition befindenden Marko Marin kurz vor Schluss dem Fuß des Bayernverteidigers zugeordnet hätte? Werder hätte dieses Spiel mit 0:6 verlieren können, aber es hätte ebenso zu einem – sehr glücklichen – Unentschieden oder sogar einem Sieg reichen können. Verrückte Fußballwelt!

Es lässt sich schwer sagen, ob das Spiel für Werder ein Fortschritt war oder nicht. Die Mannschaft wirkte sehr unausgewogen. Während einige Spieler überzeugen konnten (Hunt, Fritz, Almeida, Özil in der Schlussphase) hatten andere einen wirklich schlechten Tag erwischt (Mertesacker, Naldo, Borowski, Özil in der ersten Halbzeit). Irgendwo dazwischen bewegte sich Torsten Frings, dessen Leistung sowohl seinen Befürwortern als auch seinen Gegnern genug Nährstoff zur Bestätigung ihrer jeweiligen Positionen lieferte. Was nimmt man aus diesem Spiel mit? Wer vier Spiele in Folge verliert, der muss erstmal kleine Fischbrötchen backen. Die personelle Situation ist nicht rosig, Schaaf mangelte es am Samstag in allen Mannschaftsteilen an Alternativen und Geld für Neuverpflichtungen scheint auch nicht da zu sein. Doch Werder wäre nicht Werder, wenn daraus nicht trotzdem noch etwas Gutes entstehen könnte. Es gibt noch zwei Pokalwettbewerbe und auch in der Liga ist der Zug zu den internationalen Plätzen noch nicht abgefahren. So langsam sollte man sich jedoch auf den Weg machen, wenn man noch aufspringen möchte. Drei Punkte aus Gladbach wären ein guter Anfang.

19. Spieltag: Spielbericht

(Spielbericht erstellt aus meinem Live-Blog bei Twitter.)

Vor dem Anpfiff:

Vorstandsvorsitzender
und Aufsichtsratsvorsitzender des Marktführers als "Experten" bei
Premiere. DAS wär doch mal ein Fall fürs Kartellam.
Man stelle sich
vor, beim Spiel der Bayern morgen säße Willi Lemke als Experte im
Premiere-Studio. Welche Farbe hätte wohl Höneß' Gesicht?


Daniel Jensen steht nicht im Kader. Eigentlich sollte er wieder fit sein. Gibt‘s da vom Verein ne offizielle Erklärung zu? Dafür ist Perthel dabei, der sonst bei der U23 in der dritten Liga kickt. Steht vermutlich sogar in der Startelf. Bei bundesliga.de steht allerdings Baumann in der Startaufstellung. LINKS in der Raute?!? Da habe ich meine Zweifel.

Aufstellung:

Werder: Wiese-Fritz,Merte,Naldo,Boenisch-Baumann,Frings,Tziolis,Özil-Rosenberg,Almeida

S04: Neuer-Rafinha,Höwedes,Bordon,Westermann-Jones,Rakitic,Kobiashvili-Asamoah,Altintop,Farfan

Das Spiel:

1' Hat Ribery
eigentlich auch unseren Mannschaftsbus verschrottet oder warum ist
d.Team mit dem Zug nach Gelsenkirchen gefahren? Anpfiff.

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