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Mutmacher

Chemnitzer FC – Werder Bremen 0:2 (0:1)

Nach neun Spielen ohne Sieg schlägt Werder den Drittligisten aus Chemnitz und sorgt für ein wenig Erleichterung an der Weser. Viktor Skripniks kleinen, aber effizienten Maßnahmen gaben dem Team genügend Sicherheit für einen am Ende verdienten Auswärtssieg.

Nur zwei Tage hatte Skripnik zur Verfügung, um den am Boden liegenden Tabellenletzten der Bundesliga wieder aufzubauen. Die begrenzte Zeit wurde wohl vor allem dafür genutzt, den Spielern etwas Mut zu machen. Selbstvertrauen, das sagte Skripnik nach dem Spiel richtigerweise, bekommt man im Fußball nur durch Siege. Dem Trainer blieb daher nur die Möglichkeit, seine Spieler zu ermutigen, wirklich Fußball zu spielen und an ihre eigene Stärke zu glauben. Manchmal kann es im Fußball so einfach sein. Es war definitiv eine andere Mannschaft, die am Dienstag auf dem Rasen stand, als noch am Freitag gegen Köln, und das lag nicht (primär) an der Aufstellung.

Personell hielten sich Skripniks Umstellungen in Grenzen. Außer dem erkrankten Marnon Busch wurde nur Cedric Makiadi aus dem 18er-Kader des letzten Spiels gestrichen. Dafür rückten die beiden von Dutt verschmähten Zehner Ludovic Obraniak und Levent Aycicek nach. Wer sich vom neuen Coach Tabula Rasa im Team erwartet hat, sah sich getäuscht. Stattdessen stellte Skripnik punktuell um, zog Galvez auf seine angestammte Position in die Innenverteidigung zurück, ließ stattdessen Kroos als Sechser von Beginn an ran und tauschte etwas überraschend die Positionen von Fritz und Gebre Selassie. Das große Thema war jedoch das Startelfdebüt von Aycicek, der den Vorzug gegenüber Obraniak bekam.

Ich war besonders gespannt darauf, wie das Team das “System Skripnik” ohne echte Vorlaufzeit umsetzen würde. Die Vermutung lag schließlich nahe, dass die Mannschaft spielerisch schlicht nicht in der Lage sein würde, quasi auf Knopfdruck vom System der hohen Bälle auf ein gepflegtes Kurzpassspiel umzuschalten. Wie sich herausstellte gelang ihr das – wohlgemerkt gegen einen Drittligisten – recht passabel. Es wirkte fast so, als hätte man einen großen Ballast von den Schultern der Spieler genommen. Die unter Dutt obligatorischen langen Bälle aus der Abwehr und das Überladen der linke Seite waren nicht mehr zu sehen – jedenfalls nicht als geplantes Stilmittel. Stattdessen bildeten sich einige recht ansehnliche, wenn auch improvisierte Flachpassstaffetten im Mittelfeld heraus. Am auffälligsten war ein Spielzug, bei dem zunächst mit 2-3 Pässen die erste gegnerische Pressinglinie im Mittelfeld überspielt wurde und dann ein vertikaler Pass ins Zentrum direkt auf den Flügel abgelegt wurde, wo der jeweilige Außenverteidiger mit Tempo aufrückte.

Auch wenn über die genaue Bewertung der Leistung Ayciceks keine Einigkeit herrschte, hat sich dessen Aufstellung schon alleine deshalb gelohnt, weil er mit seiner guten Ballverarbeitung und Handlungsschnelligkeit das Tempo des Spiels variieren konnte. Nach langen Jahren, in denen man technisch hoch veranlagten Tempoverschleppern und limitierten Außenbahndribblern zuschauen musste, ist es eine wahre Wohltat, Aycicek endlich bei den Profis zu sehen. Er wird in der Bundesliga seine Eingewöhnungszeit brauchen, aber er bringt alles mit, um dort schnell seine Spuren zu hinterlassen. An der Entstehung der beiden Tore gegen Chemnitz war er jedenfalls schon einmal beteiligt (Bonuspunkte für das bogenförmige Anlaufen des gegnerischen Torwarts, bevor dieser den Fehlpass auf Fritz spielte).

Es soll an dieser Stelle nicht der Eindruck entstehen, Werder hätte in Chemnitz ein tolles Spiel hingelegt. Die Defensive wackelte in der starken Anfangsphase der Gäste einige Male und insgesamt wurden noch zu viele einfache Fehlpässe in gefährlichen Zonen gespielt. Auffällig war jedoch, dass die Mannschaft insgesamt kohärenter wirkte und Gefallen daran zu finden schien, dass die Suche nach einer spielerischen Lösung zumindest gewünscht ist. Ob dies in der Bundesliga auch auf Anhieb so funktioniert, wird sich gegen Mainz zeigen. Letztlich erzielte Werder die Tore in wichtigen Phasen (kurz nach dem Chemnitzer Pfostentreffer und nachdem Werder in Halbzeit zwei nicht so richtig ins Spiel fand) und profitierte dann von den entstehenden Dynamiken.

Was bleibt, ist ein gelungenes Debüt des neuen Trainerteams, ein dringend benötigtes Erfolgserlebnis für die Mannschaft und das Überwintern im DFB-Pokal. Das ist doch schon mal was. Ob aus dem Beckham der Ukraine zeitnah der Lobanowskyj von der Weser wird, bleibt hingegen abzuwarten.

Aufwind oder Gladiolen

DFB-Pokal, 2. Runde: Bayern München – Werder Bremen 2:1

Das Wie ist im Pokal nicht entscheidend, schrieb ich gestern noch vor dem Spiel gegen die Bayern. Getreu diesem Motto ist Bayern ins Achtelfinale eingezogen, in einem Spiel, in dem Werder die bessere Mannschaft war, sich jedoch für eine weitgehend überzeugende Leistung nicht belohnte.

Schaaf setzt ein Ausrufezeichen

Beim Start in diese Saison machte Thomas Schaaf nicht immer den glücklichsten Eindruck, sowohl was seine Zufriedenheit mit der Mannschaft, als auch seine taktischen Vorgaben anging. Gestern Abend setzte er in München ein Ausrufezeichen. Auf dem Papier gab es mit der Berufung von Bargfrede für Hunt nur eine Veränderung in der Startformation. Auf dem Platz zeigte sich jedoch etwas anderes: Statt mit einer hängenden Spitze spielte Werder ein echtes 4-2-3-1 mit dem vielseitigen Wesley auf der 10er-Position und Pizarro im Sturmzentrum. Marko Arnautovic rutschte dafür auf die linke Seite und Marin wechselte nach rechts. Noch bevor die Bayern diese Formation richtig erkannt hatten, erzielte Pizarro schon das Bremer Führungstor, weil Arnautovic vom verdutzten Lahm zu viel Zeit und Raum zum Flanken bekam. Ein schönes Tor, das in seiner Entstehung genau Werders Offensivplan entsprach: Nach Ballgewinn schnell umschalten und schnell über die Außen vors Tor kommen. Bei Ballbesitz der Bayern zog man sich zurück, brachte häufig neun Spieler hinter den Ball und rückte nur vereinzelt aus, um die bayerische Hintermannschaft beim Aufbauspiel unter Druck zu setzen.

In den ersten 25 Minuten ging diese Taktik gut auf. Die Bayern hatten zwar mehr Ballbesitz, aber insgesamt wenige gefährliche Aktionen, weil Gomez nicht die Bälle bekam, die er braucht, und Werder die Außenbahnen dicht hielt. Als Schweinsteiger Mitte der ersten Halbzeit den Ausgleich erzielte, war dieser äußerst glücklich für den Rekordmeister. Kurz zuvor verpasste Prödl nach einer Ecke völlig frei aus fünf Metern das Tor. Ein Paradebeispiel für die Anfälligkeit der Münchner Hintermannschaft an diesem Abend. Etwas überraschend trat Silvestre die Ecke und zog sie in schönem Bogen weg vom Tor an den langen Pfosten. Keiner der Bayern hatte damit gerechnet und so hatte Prödl bei seinem Kopfball derart viel Raum, dass man nur wenig Verständnis für die vergebene Chance aufbringen kann. Was dann passierte war ein Vorgeschmack auf das Motto des Abends: Wenn du ihn vorne nicht machst…

Eine halbe Stunde zu mutlos

Wesley hob bei Kroos halbem Luftloch das Abseits auf und der Ball trudelte Schweinsteiger vor die Füße, der aus kurzer Distanz vollstrecken durfte. Auch wenn es bei Sky bis nach Abpfiff Silvestre angekreidet wurde – es war Wesley, der reklamierend den Arm hob, statt zwei Schritte nach vorne zu machen. Leider nicht sein erster Konflikt mit der Abseitsregel. Nach dem Gegentor machte Werder bis zum Halbzeitpfiff zwar nicht viel falsch, aber zu wenig richtig. Man gab die Spielkontrolle nach und nach ab und ließ den Ball zu lange in den Reihen des Gegners zirkulieren. Bei Ballgewinn wurde nicht mehr schnell genug umgeschaltet und die Konter verebbten zu häufig schon kurz nach der Mittellinie. Die Bayern verdienten sich das Unentschieden in dieser Phase, in der sie – zwar umständlich, aber beständig – auf ein weiteres Tor hinarbeiteten.

Auch zu Beginn der zweiten Hälfte wirkten die Bayern zunächst frischer und entfachten mehr Druck auf den Bremer Strafraum, während Werder erstaunlich abwartend agierte. Es schien fast so, als ob man der Fragilität des Gegners nicht ganz trauen wollte und sich deshalb lieber zurückhielt. Dies war jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm. Aus dem Nichts erspielte sich Werder plötzlich Chance um Chance und hätte die Bayern innerhalb kurzer Zeit aus dem Wettbewerb schießen können. Vor allem Marko Arnautovic hatte gleich drei große Torgelegenheiten. Sein Freistoßhammer aus 30 Metern landete jedoch an der Latte und allein vor dem Tor verhinderten zunächst Butt und dann fehlende Präzision das Führungstor. Dazu kamen ein gefährlicher, weil abgefälschter Schuss von Wesley und ein schönes Kopfballtor von Prödl, dem Schiedsrichter Weiner die Anerkennung verweigerte.

Lucky Punch durch Schweinsteiger

Als Werder gerade an der eigenen Chancenverwertung zu verzweifeln begann, setzte Schweinsteiger den Todesstoß. Sein Schuss aus 30 Metern war für Mielitz unhaltbar und traf im Gegensatz zu Arnautovics Schuss genau ins Schwarze. Allerdings hatte er ähnlich viel Zeit, sich den Ball vorzulegen und musste keine gegnerische Mauer überwinden. Es mag ein Sonntagsschuss gewesen sein, doch einem Spieler so viel Zeit beim Abschluss zu lassen, ist nicht die beste Idee, zumal Werders Defensive während der Entstehung einigermaßen sortiert stand. Außerdem sollte eigentlich bekannt sein, dass der Schweini gerne mal aus der Distanz gegen uns trifft, wenn auch sonst eher per abgefälschtem Schuss. Das Tor stellte den Spielverlauf der zweiten Hälfte auf den Kopf, und wie es in solchen Situationen so oft ist, kam Werder danach nicht mehr auf die Beine. Schaaf versuchte es mit drei offensiven Wechseln (Almeida für Marin, Hunt für Bargfrede, Wagner für Silvestre), doch die Brechstangentaktik mit drei Kopfballstarken Mittelstürmern ging nicht auf. Van Gaal brachte mit Van Buyten einen Turm ins Abwehrzentrum und damit war die Partie entschieden.

Die besseren Chancen in der Schlussphase hatten sogar die Bayern, die ihre Konter jedoch insgesamt ziemlich kläglich zu Ende spielten und mit einer Aktion von Olic und Timoschtschuk noch für etwas Slapstick sorgten. Am Boden hatten die Münchner Abwehr sich zuvor anfälliger gezeigt. Vielleicht wäre dort auch gegen tief stehende Bayern etwas möglich gewesen. Werders hohe Verzweiflungsbälle von der Mittellinie in den Strafraum blieben jedenfalls ohne Effekt, da man im Rückraum nun in Unterzahl war und die zweiten Bälle somit fast ausschließlich beim Gegner landeten. Es war etwas enttäuschend, dass Werder nach dem 1:2 keine Antwort mehr hatte und deshalb muss man sich am Ende auch mit dieser Niederlage abfinden. Kein übermächtiger Gegner war für das Ausscheiden verantwortlich, sondern die eigene Chancenverwertung.

Gladiolen für die Bayern, Aufwind für Werder

Ein Grund zum Verzweifeln ist dies für Werder jedoch nicht. Die Chancenverwertung eines Spiels hat immer auch mit dem Kopf und nicht zuletzt mit statistischen Zufällen zu tun. Wenn man so will haben wir das Gegenstück zum 5:2 vor zwei Jahren erlebt. Damals gab es ein ähnliches Spiel, in dem Werder vor dem Tor eiskalt war und die Bayern so nach einer Stunde zur Verzweiflung gebracht hatte. Die Chancen wird Werder in der Zukunft wieder nutzen, wenn man weiterhin so zielstrebig auf das gegnerische Tor spielt. Nicht umsonst wird die Metapher vom geplatzten Knoten so gerne verwendet. Marko Arnautovic ist derzeit ein Paradebeispiel dafür.

Man kann sich darüber ärgern, sich selbst nicht belohnt zu haben, gegen diese Bayern nicht gewonnen zu haben. Wenn der erste Ärger verflogen ist, kann man jedoch auf die Entwicklung der letzten Wochen schauen und sieht einen weiteren Schritt nach vorne. Nach dem Trauerspiel gegen Freiburg hat man wieder Struktur ins Spiel gebracht und schafft es dabei nun auch, durch gutes und durchdachtes Offensivspiel Chancen zu kreieren. Ich bin guter Dinge, dass Werder in den nächsten Wochen endlich die Stabilität und mannschaftliche Ausgewogenheit erreicht, die sie zu einer doch noch erfolgreichen Saison braucht.

Ein Wort noch an das Umfeld der Bayern: Hört mit dem Genöle auf! Die Verletztenmisere ist wirklich übel, aber dieses Selbstmitleid wird langsam unerträglich. Es standen gestern sieben (!) deutsche Nationalspieler in eurer Startelf, dazu ein kroatischer, ein ukrainischer und ein türkischer. Lediglich Ottl fällt aus dem Rahmen. Aber wenn Ottl das schwächste Glied eurer B-Elf ist, dann erwartet bitte kein Mitleid von irgendwem. Mit der aktuellen Mannschaft kann man vielleicht nicht die Champions League gewinnen, aber in der Bundesliga oben mitspielen kann man schon. Mit dem Engagement aus dem gestrigen Spiel könnt ihr in der Liga gegen jeden gewinnen. Es sind eben nicht nur die anderen Teams, die nur gegen bestimmte Gegner ihre Topleistungen bringen.

Bayern München – Werder Bremen (live)

A dish served cold

Die Statistik lügt: Werder hat im DFB-Pokal noch nie gegen die Bayern gewonnen. Der goldene Pokal in unserer Vitrine sieht das anders. Der Sieg im Finale 1999 kam jedoch im Elfmeterschießen zustande und wird daher offiziell als Unentschieden geführt.

Nach fünf Monaten die Chance zur Revanche

Mit einem solchen Unentschieden könnte ich heute Abend gut leben. Im Pokal ging es schon immer weniger um das wie, als um das dass. Wie man die Bayern ausschaltet ist nicht entscheidend – wichtig ist nur, dass man sie ausschaltet. Bislang hat es nur Mourinhos Inter geschafft, van Gaals Bayern auszuschalten. Das war im Finale der Champions League vor gut fünf Monaten. Zu jenem Zeitpunkt schienen die Bayern unaufhaltsam und waren im Pokalfinale für Werder mindestens eine Nummer zu groß. Der Stachel dieser Niederlage sitzt immer noch tief. So chancenlos war man in den letzten Jahren selten, wenn es gegen den großen Rivalen aus dem Süden ging.

Seitdem hat sich einiges getan. Beide Teams stolperten in diese Saison und begegneten sich bereits am 3. Spieltag auf Augenhöhe, wo bei zwei potenzielle Spitzenmannschaften eigentlich ein anderer Körperteil sitzen sollte. Das Spiel endete fast zwangsläufig 0:0, was beide Mannschaften aufgrund ihrer Personalsituation als Teilerfolg verbuchen konnten. Inzwischen haben sich beide Mannschaften etwas Luft verschafft: Werder in der Liga und die Bayern in der Champions League. Ein wirkliches Spitzenduell ist es trotzdem noch nicht. Zwei Mannschaften aus dem Mittelfeld der Liga werden versuchen, durch einen großen Sieg (das wäre es momentan für beide) weiteres Selbstvertrauen zurückzugewinnen und den Schwung mit in die Liga zu nehmen.

Keine Erholung für die Bayern

Werders Ausgangsposition ist dabei eindeutig die schlechtere – zumindest, wenn man Philipp Lahms Logik folgen möchte. Der hatte sich nach dem 0:0 in Hamburg darüber beschwert, nach dem CL-Spiel am Dienstag schon am Freitag wieder ran zu müssen. Etwas erstaunlich, da bei den von Lahm behaupteten “drei Spielen pro Woche” eine Pause von zwei Tagen schon das höchste der Gefühle wäre. Werder hatte zwischen dem CL-Spiel in Enschede und dem Spiel in Gladbach ebenfalls nur zwei Tage Pause und muss nun nach weiteren zwei Tagen Pause in München ran. Doppelte Belastung also im Vergleich zu den doch schon so arg belasteten Bayern. Einigen wir uns einfach darauf, dass Lahms Aussagen völliger Unsinn sind und es sich bei zwei Spielen pro Woche mangels zusätzlicher Wochentage gar nicht vermeiden lässt, nach jedem zweiten Spiel nur zwei Tage Pause zu haben. Schwamm drüber, Fußballer sollen schließlich nicht rechnen, sondern Werbung für die BILD machen Fußball spielen.

Auf die leichte Schulter sollte man die Bayern trotz bisher magerer Ergebnisse und Leistungen nicht nehmen. Zum einen, weil sich Werder trotz ansteigender Formkurve auch noch nicht mit Ruhm bekleckert hat. Zum anderen, weil es eine Sache ist, den Bayern in einem Ligaspiel Punkte abzuknöpfen, jedoch eine völlig andere, sie aus einem Wettbewerb zu schmeißen. Es ist ein Hop-oder-Top-Spiel und in jenen sind die Bayern traditionell besonders stark. Eliminiert wurden sie zuletzt nur von Mannschaften, die entweder taktisch (Inter) oder spielerisch (Barcelona) klar besser waren als die Bayern. Den Unterschied zugunsten der Bayern machte in der Vergangenheit häufig genug Arjen Robben, der am Dienstag ebenso fehlen wird, wie eine ganze Reihe weiterer Spieler. Während sich Werders Lazarett langsam leert, muss der Titelverteidiger auf einigen Positionen weiterhin improvisieren. Dabei kam in den letzten Wochen schon erstaunliches zum Vorschein: Anatoli Timoschtschuck ist ein mehr als nur passabler Innenverteidiger und Andreas Ottl kann Bastian Schweinsteiger derzeit das Wasser reichen. Mario Gomez Tore waren bei einem Blick auf seine Statistiken weit weniger überraschend.

Van Gaals Taktikpuzzle

Dennoch ist van Gaals Team noch weit davon entfernt in den einzelnen Mannschaftsteilen perfekt zu harmonieren. Die linke Verteidigerposition ist seit Contentos Verletzung eine Problemzone. Auch auf der rechten Seite ist Lahm in einer kleinen Schaffenskrise, die das Team erstaunlich anfällig über die Außen werden lässt. Das größere Problem liegt jedoch in der Offensive und auch hier spielen die Außenverteidiger eine Rolle. Ohne Robben und Ribery fehlt die Torgefahr über die Flügel, die die Mannschaft letztes Jahr so stark werden ließ. Das Zusammenspiel zwischen Robben und Lahm, der durch sein Hinterlaufen für die nötige Breite im Spiel sorgte, war in der letzten Saison Bayerns größter Trumpf. Diese Spielweise funktioniert jedoch nur mit einem Linksfuß auf Rechtsaußen. Zuletzt ließ van Gaal mit Altintop jedoch einen Rechtsfuß auf der Position ran, mit dem Ziel, den Mittelstürmer Gomez mit Flanken zu füttern. Dadurch fehlt jedoch das Überraschungsmoment im Spiel der Bayern.

Eine weitere Veränderung ist die Besetzung der 10er-Position. In der letzten Saison spielte Thomas Müller als eine Art hängende Spitze hinter Olic. Er ist zwar kein Spielmacher, doch er hat durch sein hervorragendes Spiel ohne Ball und seine Torgefahr viel dazu beigetragen, dass den Bayern die Probleme eines rigiden 4-4-2 Systems erspart blieben. Mit Toni Kroos ist nun ein Typ Spielmacher im Kader, den Louis van Gaal sich für Team gewünscht hat. Mit Kroos spielen die Bayern ein klar definiertes 4-2-3-1 System, während man es mit Müller auch als 4-4-1-1 auslegen konnte. Bisher konnte Kroos seiner Aufgabe als Spielgestalter noch nicht gerecht werden, weshalb das Spiel auch in der Mitte krankt. Die Problem der bayerischen Offensive zeigen sich im Torverhältnis: Erst acht Tore hat man in neun Spielen geschossen.

Schaafs Entscheidung: Vorsicht oder Courage?

Heute Abend wird sich zeigen, wie viel Thomas Schaaf seiner Mannschaft nach den letzten Erfolgen schon wieder zutraut. Wird er sein flaches 4-4-2 mit Pizarro als hängender Spitze beibehalten? Mit dieser Formation konnte Werder im Pokal eine Halbzeit lang das Offensivspiel der Bayern nicht stoppen. Damals war es jedoch weniger das System, als die Besetzung (Borowski auf dem Flügel, Özil in der Spitze) und das zu langsame Umschalten, die für das schwache Spiel verantwortlich waren. In der aktuellen Besetzung sind Ähnlichkeiten zum Münchner Erfolgssystem der letzten Saison nicht zu übersehen: Die Flügelspieler, die ihren starken Fuß innen haben (gibt es eigentlich ein deutsches Wort für “inverted winger”?), der zweite Stürmer, der zum 10er wird (Pizarro) sowie die zunehmende Spielgestaltung durch einen defensiven Mittelfeldspieler (Wesley). Von der Spielweise ist Werder davon jedoch noch ein gutes Stück entfernt.

Es ist unwahrscheinlich, dass Schaaf vor einem solch wichtigen Spiel zur Raute zurückkehrt. Interessant wird schon eher, ob er die offensive Ausrichtung aus dem Gladbach-Spiel oder die abwartende Ausrichtung aus dem Twente-Spiel wählt. Setzt er vielleicht sogar Marin oder Hunt zunächst auf die Bank, bringt mit Bargfrede eine weitere Defensivkraft und zieht Wesley weiter nach vorne? Ansonsten sind die einzigen offenen Fragen im Sturmzentrum (Arnautovic oder Almeida?) und auf der linken Verteidigerposition (Silvestre oder Pasanen?) zu finden. So viel Klarheit herrschte in dieser Saison selten vor einem Spiel der Bremer.

Ich wünsche mir für heute Abend eine nicht zu abwartende Herangehensweise. Zwar sollte man keinesfalls naiv nach vorne laufen oder die gerade gefundene Ordnung im Mittelfeld wieder über den Haufen werfen. Doch Bayern ist momentan nicht voll auf der Höhe und könnte durch Werders Spielweise aus dem Twente-Spiel in Verbindung mit etwas mutiger vorgetragenen Gegenstößen zu knacken sein. Eine große Aufgabe kommt dabei auf Claudio Pizarro zu: Er muss die Münchner Mittelfeldspieler beim Spielaufbau stören, um eine Unterzahl in der Mitte des Spielfelds zu verhindern. Auf einen weiteren schlechten Tag von Schweinsteiger sollte man sich nicht verlassen.

Es wird in jedem Fall ein schwieriges Spiel, das die Messlatte ein gutes Stück höher legt. Wollen wir hoffen, dass wir sie dieses Mal überspringen können.

DFB-Pokal, 2. Runde: Meine Perle

Werder Bremen – FC St. Pauli 2:1

Werder steht verdient in der zweiten Runde des DFB-Pokals, siegt mit 2:1 gegen St. Pauli. So weit die Fakten. Und sonst? Mich hat dieses Spiel begeistert, teilweise vom Hocker gerissen. Vielleicht lag es noch an den Nachwirkungen des Spiels in Leverkusen, aber das Tempo kam mir ausgesprochen hoch vor. Beide Mannschaften taktierten nicht viel, oder sagen wir besser: suchten bei Ballbesitz sofort den Weg nach vorne. Bei St. Pauli kam dies in der ersten Halbzeit noch eher selten vor. In der zweiten Halbzeit ging man dann mehr Risiko ein und wurde fast dafür belohnt.

Werder wackelte einige Zeit, besonders in den Minuten nach dem 1:1, kam jedoch mit einem blauen Auge davon. Das 2:1 fiel zu einem glücklichen Zeitpunkt, war aber keinesfalls ein Glückstor. Boenisch erobert den Abpraller nach der Ecke, legt gut auf Hunt ab, der nimmt den Ball direkt und flankt ihn auf den langen Pfosten, wo Mertesacker seine Lufthoheit ausnutzt und per Kopf auf Naldo auflegt. Drei Pässe, die exakt dort landen, wo sie hin sollen. Dazu noch Marins und Rosenbergs Schüsse ans Aluminium und einige starke Offensivaktionen von Aaron Hunt. Der Sieg hätte auch deutlicher ausfallen können. Thomas Schaaf deshalb nach dem Spiel etwas angefressen. Stichwort: Klarheit in den Aktionen vor dem Tor.

Rosenbergs Comeback in der Startelf war solide. Wenn er so weitermacht, ist er (endlich!) wieder eine ernsthafte Option. Moreno hat noch Probleme sich gegen seine Gegenspieler durchzusetzen, doch er war sehr aktiv, versuchte viel, traute sich etwas zu. Viel mehr kann man momentan noch nicht erwarten, dafür fehlt dem Bolivianer einfach die Spielpraxis. Genau richtig, sie ihm in einem Pokalspiel gegen einen Zweitligisten zu gewähren.

A propos Zweitligist: St. Pauli wirkte keineswegs wie eine gewöhnliche Zweitligamannschaft. Werder musste bei den Hamburger Angriffen höllisch aufpassen. Offensiv hat St. Pauli mehr Optionen als die meisten Manschaften aus dem unteren Drittel der Bundesliga. Deshalb sollte man nicht den Fehler machen, diesen knappen Sieg als Schönheitsfehler anzusehen. Es ist eine gute Leistung, diese Mannschaft über lange Zeit so vom eigenen Tor wegzuhalten, wie Werder es tat. Hätte St. Pauli mehr aus dem Spiel herausgeholt, wäre dies schon etwas glücklich gewesen. Spielerisch war vor allem das, was aus dem Mittelfeld kam, sehr ansprechend. Hunt rechtfertigt endlich Schaafs Vertrauen und Frings nähert sich wieder seiner Bestform, machte erneut ein ganz starkes Spiel. So darf es gerne weitergehen. Mit Özil, Pizarro und Almeida sollten dann auch wieder mehr Tore herausspringen.