Schlagwort-Archiv: 2. Spieltag

Werder Bremen – TSG Hoffenheim 1:1

In einem Spiel, das viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zum Saisonauftakt gegen Hertha aufwies, holte Werder erneut einen Punkt. Musste man in Berlin noch von Glück sprechen, hätte Werder diesmal mehr als ein Unentschieden verdient gehabt.

Unterschiedliche Systeme, ähnliche Ausrichtung

Robin Dutt behielt das erfolgreiche System aus der zweiten Halbzeit gegen Hertha bei und ließ sein Team in einem flachen 4-4-2 mit zwei echten Stürmern spielen. Davie Selke rückte dabei in die Startelf, Alex Gàlvez übernahm den defensiven Part in der Doppelsechs. Etwas überraschend musste für Rückkehrer Sebastian Prödl Luca Caldirola weichen. Hajrovic hielt auf der rechten Seite überwiegend den Flügel besetzt, während Elia auf der anderen Seite etwas weiter einrückte. Hoffenheim trat wie erwartet im 4-2-3-1 an, mit Szalai als Zielspieler in der Spitze und der gefährlichen und flexiblen Dreierreihe Volland-Firmino-Elyounoussi dahinter.

Die grundsätzliche Ausrichtung beider Mannschaften war ähnlich: Beide Teams fokussierten sich jeweils stark auf die rechte Angriffsseite (bei Werder unter Dutt ein sehr ungewohnter Anblick). Bei Hoffenheim schob Rechtsverteidiger Strobl weit mit nach vorne, während sein Gegenüber Beck eher zurückhaltend agierte. Dafür rückte Volland häufig ein und zog Garcia recht weit mit ins Zentrum. Firmino und der offensive Sechser Rudy suchten ebenfalls häufig den Halbraum auf der rechten Seite. Offenbar wollte man so die noch fehlende Abstimmung zwischen Garcia und dem linken Innenverteidiger Lukimya ausnutzen. Ob Werders veränderte Ausrichtung eine Reaktion auf Hoffenheims Spielweise war, muss Robin Dutt beantworten. Jedenfalls hielt sich Garcia mit seinen Vorstößen merklich zurück und spielte insgesamt etwas tiefer als Clemens Fritz auf der anderen Seite. Selke und Di Santo suchten ebenfalls häufiger die rechte Angriffseite. Eine weitere Parallele zwischen den Teams war die klare Aufgabenteilung im Mittelfeld, wo jeweils ein absichernder (Gàlvez, Polanski) und ein vorstoßender (Junuzovic, Rudy) Sechser aktiv war.

Hoffenheim kontrolliert schwache erste Halbzeit

Anders als bei der Ausrichtung gab es in der Spielanlage doch sehr deutliche Unterschiede zwischen den Mannschaften. Hoffenheim wirkte hier ein ganzes Stück reifer und technisch versierter. Wenn es auch von Seiten der Gäste kein Kurzpassfestival war, lösten sie doch viele Situationen spielerisch, wohingegen Werder direkt auf den langen (und in der ersten Halbzeit oft unkontrollierten) Ball setzte. Gàlvez wurde häufig mit dem ersten Pass gesucht, doch diesem blieben meist nur lange Anspielstationen. Um die zweiten Bälle wurde umso intensiver gekämpft, sodass sich ein körperlich sehr intensives Spiel im Mittelfeld ergab, bei dem jeder dritte Pass nicht beim Mitspieler ankam. Schöner Fußball sieht anders aus.

Die Hoffenheimer Führung zur Pause war nicht unverdient, da die Spielzüge im Angriffsdrittel insgesamt strukturierter waren und insbesondere Firmino und Volland gut ins Spiel eingebunden werden konnten. Beim Hoffenheimer Führungstreffer sah Wolf erneut unglücklich aus, klebte für meinen Geschmack zu lange auf der Linie und kam erst heraus, als es schon zu spät war. Vielleicht ließ er sich jedoch auch von der Lethargie seiner Hintermannschaft anstecken. Insbesondere Fritz hatte einen seiner in diesem Spiel seltenen, in der Summe aber immer zahlreicheren Aussetzer und rückte zu weit ein (mehr noch als das stört mich jedoch sein Verhalten nach der Flanke, wo er teilnahmslos am Strafraum stehen blieb, ganz so als hätte es im Fußball noch nie einen Abpraller gegeben, den er eventuell noch klären könnte). Hajrovic schätzte die Situation ebenfalls falsch ein und lief nicht konsequent mit Firmino mit.

Werder dreht auf – aber vergibt den Sieg

Nach dem Seitenwechsel, den Dutt diesmal nicht für personelle Anpassungen nutzte, änderte sich der Spielverlauf. Werder kam nach und nach besser ins Spiel, während Hoffenheim die Spielkontrolle entglitt. Wie schon gegen Hertha kam Werder erst in der letzten halben Stunde richtig ins Rollen. Nach dem Ausgleichstreffer durch Gàlvez brachte Dutt Bartels, der auf dem rechten Flügel deutlich besser zurecht kam, als zuletzt auf der Halbposition in der Raute. Kurz darauf wurde er zu einem weiteren Wechsel gezwungen, da Selke nur knapp einem Platzverweis entgangen war. Petersen brachte ebenfalls Schwung in die Partie, hatte die größten Chancen das Spiel für Werder zu drehen. Die Chancenverwertung war jedoch mangelhaft. Über 90 Minuten kamen beide Teams nur zu je einem Schuss aufs Tor, von daher kann sich keiner von beiden über das Ergebnis beschweren.

Entscheidend für Werder war jedoch, wie man gegen einen spielerisch hoch eingeschätzten Gegner ins Spiel zurück gefunden hat. War die erste Halbzeit noch fußballerische Magerkost, zeigte Werder in der zweiten Hälfte viele Qualitäten, die man in der Schlussphase der letzten Saison gesehen hat. Junuzovic und Fritz kurbelten das Offensivspiel an, Di Santo war sehr präsent in der Offensive und man schaffte es mit einfachen, aber effektiven Spielzügen, die (trotz des starken Süle) noch keineswegs sattelfeste Hoffenheimer Abwehr von einer Verlegenheit in die nächste zu stürzen. Werders rustikale Innenverteidigung wird keinen Ästhetik-Preis gewinnen und ist für Freunde moderner Abwehrspieler eine Zumutung, erfüllt aber weitgehend ihren Zweck. Sorgen machen die technischen Schwächen von Selke und Petersen sowie die erneut sehr schwache Leistung von Garcia, zumal Lukimya nicht das taktische Verständnis von Caldirola hat und weniger seiner Lücken zustellt.

Bis zum nächsten Spiel bleiben nun zwei Wochen Zeit, in denen Werder nur auf wenige Nationalspieler verzichten muss. Gegen die formstarken Leverkusener wird nochmal eine Leistungssteigerung und vor allem eine bessere erste Halbzeit nötig sein, um Punkte mit nach Hause zu nehmen.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe D

Frankreich lässt die Ukraine nach der Regenunterbrechung ziemlich hilflos aussehen. England liefert sich mit Schweden ein spannendes und offenes Spiel.

Ukraine – Frankreich 0:2

Dem Gewitter sei dank, bekam ich doch noch etwas mit von diesem Spiel, wenn auch nur die letzten 40 Minuten. Zwei Erkenntnisse gab es dabei für mich: Frankreich gehört doch zu den Mitfavoriten des Turniers, auch wenn sie die englische Mauer in der Schlussphase des Eröffnungsspiels nicht knacken konnten. Das fluide Spiel im Angriff gefällt mir gut und erinnert mich ein wenig an Werder 09/10 mit vier ständig rochierenden Offensivkräften. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich damit gegen die Topmannschaften schlagen werden.

Die Ukraine wirkte nach dem gedrehten Spiel gegen Schweden und dem Doppelpack von Shevchenko so, als hätte sie ihr Ziel im Turnier schon erreicht. Vielleicht ist mein Eindruck etwas verzerrt, weil ich die erste Halbzeit nicht gesehen habe, aber in der zweiten waren sie völlig chancenlos und hatten auch kein erkennbares Konzept, wie sie Frankreich in ernsthafte Probleme bringen könnten. Jetzt gibt es ein Endspiel gegen England, das die Ukraine in jedem Fall gewinnen muss. Für mich sind sie dabei klarer Außenseiter und viel zu abhängig von ihren alten Stars. Aber vielleicht beschert uns das Turnier ja noch einen zweiten Abend wie beim Spiel gegen die Schweden.

England – Schweden 3:2

Nicht jedes Spiel mit vielen Toren ist unterhaltsam. Das muntere Hin und Her zwischen England und Schweden würde ich aber schon dazuzählen, auch wenn es fußballerisch eher mittelmäßig war. Die Tore waren weniger Produkte durchdachter Angriffszüge, als das Resultat aus Einzelaktionen. Die schiere Gewalt bei Carrolls Kopfballtor war beeindruckend und ein Beweis, dass eine Halbfeldflanke effektiv sein kann, wenn die gegnerische Abwehr nicht fünf Sekunden Zeit hat, sich darauf einzustellen. Danach war es vor allem der Spielverlauf, der dieses Spiel so packend machte. Erst drehte Schweden das Spiel, dann die Engländer. Dazwischen gab es viele Ungenauigkeiten, aber auch durchaus hohes Tempo.

Schwedens Abhängigkeit von Ibrahimovic ist ein hausgemachtes Problem. Die Mitspieler verlassen sich zu sehr auf ihn, bürden ihm zu viel Verantwortung auf. Ibrahimovics arrogante Körpersprache deutet darauf hin, dass er seine Mitspieler als minderwertig betrachtet. So hat man bei jedem Pass zu ihm den Eindruck, dass die Botschaft mitschwingt: Du kannst doch alles besser, also mach mal. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die Teams, die um einen Superstar gebaut sind, bei dieser EM so schwer tun (Schweden, Portugal, teilweise auch die Ukraine). Um bei der im Fußball so beliebten Militärsprache zu bleiben: Ibrahimovic ist eine Waffe, kein General. Ähnlich ist es mit Theo Walcott bei den Engländern. Der kam in der Schlussphase und brachte mit seiner Schnelligkeit den Odonkor-Effekt ins Spiel, der England zum Sieg führte.

Schweden ist damit raus und England hat gute Chancen, mit einem Unentschieden gegen den Co-Gastgeber ins Viertelfinale einzuziehen.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe C

Italien – Kroatien 1:1

Vor einigen Tagen war Italien noch die Überraschungsmannschaft des Turniers und 45 Minuten lang knüpfte man auch gegen Kroatien an die Leistung aus dem Spanien-Spiel an. Die Kroaten hatten große Probleme gegen die beweglichen Cassano und Balotelli im Sturmzentrum. Vor allem Balotelli zeigte sich nach dem schwachen Auftaktspiel deutlich verbessert. Insgesamt dominierten die Italiener das Zentrum mit ihrem 3-5-2: In der Abwehr hatten sie gegen die beiden kroatischen Spitzen genauso eine 3 vs 2 Überzahl, wie im zentralen Mittelfeld. Diese spielten sie gut aus, während Kroatien die 2 vs 1 Überzahl auf den Flügeln nicht gut nutzen konnte. Das 1:0 erzielte Pirlo zwar durch einen Freistoß, aber es entsprach auch dem Spielverlauf.

Dann geschah jedoch etwas unerwartetes: Kroatien stellte zur Pause um auf ein 4-2-3-1, zog Mandzukic auf den Flügel und Rakitic ins Zentrum. Dadurch bekamen sie die Dominanz der Italiener besser in den Griff, ohne ihre Überzahl auf dem Flügel aufzugeben. Mit zunehmender Spieldauer gelang es immer besser, die italienischen Wingbacks unter Druck zu setzen und letztlich fiel dadurch auch der Ausgleich, wenn auch mit freundlicher Unterstützung von Chiellini, der sich bei einer Flanke gewaltig verschätzte (bei aller taktischen Klasse sind die italienischen Verteidiger immer mal für einen individuellen Patzer gut).

Ich muss sagen, dass ich positiv überrascht bin von Bilic. Während der ansonsten taktisch so flexible Prandelli das Spiel aussaß und nur personell reagierte, am 3-5-2 aber festhielt, stellte Bilic taktisch um und brachte Kroatien damit zurück ins Spiel. Am Ende war sein Team sogar näher am Sieg als die Italiener. Auch wenn Kroatien noch längst nicht im Viertelfinale steht, muss ich zugeben, dass ich sie unterschätzt habe. Ich hätte eher den komplett reaktiven und körperlich starken Iren in dieser Gruppe etwas zugetraut, als den doch recht ausrechenbaren Kroaten. Wie es scheint, habe nicht nur ich mich verrechnet.

Spanien – Irland 4:0

Wieder ein frühes Gegentor für die Iren, das Trapattonis Matchplan nach 4 Minuten über den Haufen warf. Eigentlich könnte ich jetzt auf das erste Spiel der Iren verweisen und es dabei belassen. Spanien spielte seinen Stiefel runter und ließ Irland nicht den Hauch einer Chance. Viele Erkenntnisse konnte man aus dem Spiel nicht ziehen. Irland stand nicht so tief, wie es von vielen hinterher behauptet wurde. Sie versuchten durchaus frühes Pressing zu spielen und sich nicht zu weit zurückdrängen zu lassen, doch gegen Spaniens Ballsicherheit fanden sie keine Mittel. Somit mussten sie zwangsläufig immer weiter zurückweichen und die Mitte dicht machen. Das gelang in der ersten Halbzeit gut, in der zweiten weniger.

Dennoch fanden die Spanier ihre Lücken. Es machte sich bezahlt, mit Torres wieder einen richtigen Stürmer auf dem Platz zu haben, der auf Höhe der Abseitslinie agiert und auf den Pass in die Lücke wartet. Diesmal verwertete er auch seine Chancen besser als gegen Italien. Irlands Spiel mit Ball ist nicht wettbewerbsfähig. Nach Ballgewinn geriet man ob des spanischen Pressings in Panik. Flach und kurz ging es nur nach hinten: Vom Sechser zum Innenverteidiger zum Torwart (der die meisten Ballkontakte des Teams hatte). Nach spätestens drei Pässen war der Ball entweder weg oder wurde lang und hoch nach vorne gedroschen. Um mit dieser Art Fußball zu bestehen, muss man unbedingt lange die Null halten. Irland gelang dies in beiden Spielen insgesamt sieben Minuten lang und fährt deshalb zurecht nach Hause.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe B

Portugal holt in einem schwachen, aber unterhaltsamen Spiel drei Punkte gegen Dänemark, Deutschland gewinnt das Prestigeduell gegen die Niederlande, ohne dabei vollständig zu überzeugen.

Portugal – Dänemark 3:2

Nach der Niederlage gegen Deutschland war Portugal unter Zugzwang. Gegen Dänemark setzte man auf Spielkontrolle und die Offensivpower über die Außen. Dabei zeigte man die Probleme, die man ihnen schon vor Turnierbeginn zuschrieb: Keinen starken offensiven Mittelfeldspieler und eine große Abhängigkeit von Ronaldo und Nani auf den Flügeln. Dänemark machte es im Rahmen der Möglichkeiten gut und hatte etwas Pech, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

Portugals Spielaufbau ist grauenvoll. Pepe und Bruno Alves sind eines der holzfüßigsten Innenverteidigerduos dieses Turniers. Von der gesamten Spielanlage her wirkte Dänemark reifer und besser aufeinander abgestimmt. Allerdings merkt man schon, dass die “Olsen-Bande” fußballerisch limitierter ist, als der Gegner. Dazu machte Veloso wie schon gegen Özil auch gegen Eriksen einen guten Job und nahm ihn weitgehend aus der Partie. Portugals höhere individuelle Klasse machte zumindest in der ersten Halbzeit den Unterschied aus. Das Loch, das Ronaldo durch seine Nicht-Teilnahme am Defensivspiel hinterließ, wäre den Portugiesen dann fast zum Verhängnis geworden. Dazu ließ Ronaldo zwei Riesenchancen ungenutzt. So kam es, wie es kommen musste: Dänemark schaffte den Ausgleich und Portugal musste in der Schlussphase noch einmal anrennen.

Wie schon gegen Deutschland sorgte Varela nach seiner Einwechslung für eine Belebung des portugiesischen Offensivspiels. Umso schöner, dass er es dann auch war, der das Siegtor erzielte. Insgesamt ging der Sieg in Ordnung, denn Dänemark war defensiv längst nicht so stabil, wie man es nach dem 1:0 gegen die Niederlande gedacht hätte. Portugal geht nun mit den besten Chancen auf Platz 2 ins letzte Spiel, während Dänemark gegen Deutschland einen schweren Stand haben dürfte.

Deutschland – Niederlande 2:1

Ich bin etwas zwiegespalten, was dieses Spiel angeht. Einerseits war es eine in weiten Teilen überzeugende und taktisch wie spielerisch gute Leistung der deutschen Mannschaft. Andererseits ließ man nach 60 Minuten deutlich nach und musste noch einmal zittern, obwohl man mit der Überlegenheit eigentlich einen klaren Sieg einfahren muss.

Das deutsche Mittelfeld war dem niederländischen eine gute Stunde lang deutlich überlegen. Özil riss mit seinen cleveren Laufwegen Lücken (vor allem de Jong ließ sich oft aus dem Zentrum ziehen) und Schweinsteiger und Khedira nutzten den Platz für Vorstöße. Sie spielten dabei mutig und ging auch immer wieder beide mit nach vorne, wodurch van Bommel auf völlig verlorenem Posten stand. Das 1:0 fiel auf diese Weise, wobei auch die Ballverarbeitung von Gomez großartig war. Hummels spielte erneut stark, muss aber etwas aufpassen, dass er nicht überdreht. In der Schlussphase wirkte er etwas unkonzentriert, während Badstuber den Fels in der Brandung gab. Lahm machte defensiv ein sehr starkes Spiel gegen Robben, offensiv würde ich mir etwas mehr Mut zum schnellen Pass wünschen.

Die Niederlande wirkten über das gesamte Spiel ziemlich unrund. Aus dem zentralen Mittelfeld kam fast keine Kreativität und nur selten rückte van Bommel auf. Die vier Offensivspieler agieren nicht wie ein Kollektiv, jeder kocht mehr oder weniger sein eigenes Süppchen. Kombiniert wird nur mit dem Mitspieler in unmittelbarer Nähe. Dank der individuellen Klasse hatte man in der Anfangsphase ein paar Chancen, doch das deutsche Spiel wirkte vom Anpfiff an besser und reifer. Mit van der Vaart wurde das Spiel im Zentrum etwas stärker, besonders nachdem van Persie hinter Huntelaar als hängende Spitze agierte und Sneijder auf den Flügel ging.

Löw muss ob der Zitterpartie zwischen der 70. und 85. Minute seine Wechselstrategie hinterfragen. Statt frühzeitig auf die niederländischen Umstellungen und verlorene Spielkontrolle zu reagieren, wartete er erneut sehr lange. Gerade auf den Flügeln hätte eine Auswechslung sicher gut getan (wobei Müller und Podolski sehr diszipliniert mit nach hinten gearbeitet haben). Mit Reus oder Schürrle hätte man zudem einen konterstarken Spieler bringen können. Wenn man die Effizienz in der ersten Halbzeit loben will, muss man auch sagen, dass man am Ende nur mit einem Tor Vorsprung gewinnt, obwohl man die klar bessere Mannschaft war. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, aber wenn man einen Gegner wie Holland am Boden hat, darf man ihn nicht wieder aufstehen lassen und auf den Schlusspfiff warten.

Die öffentliche Diskussion um Gomez dürfte nun vorerst vorbei sein. Dabei hat das Spiel keinerlei neue Erkenntnisse geliefert. Dass Gomez ein weltklasse Strafraumstürmer ist wusste man vorher schon. Ein mitspielender Stürmer ist er auch nach seinen beiden Toren nicht. Vor allem Özil und Müller würden davon profitieren, wenn Klose zurück ins Team kommt. Für Gomez spricht dessen eigene Torgefährlichkeit, doch man macht sich gleichzeitig ein gutes Stück weit von ihr abhängig. Wenn er seine Chancen dann effizient nutzt (wie gestern), gibt es wenig Probleme. Wenn nicht (wie im Champions League Finale), könnte es Deutschland teuer zu stehen kommen.

Gefühlt war das für Deutschland schon die Qualifikation fürs Viertelfinale. Allerdings könnte man schon mit einem 0:1 gegen Dänemark noch rausfliegen. Zeit zum Durchschnaufen hat man daher nicht. Die Niederlande sind nun auf deutsche Schützenhilfe angewiesen, haben aber eigentlich ganz andere Sorgen. Van Marwijk hat sich zu sehr auf die individuelle Qualität seiner Offensivleute verlassen und wollte mit sechs Defensivspielern hinten dicht machen. Beides rächt sich nun und die Niederlande geben mehr und mehr das Bild einer zerstrittenen Mannschaft ab. Bisher sind sie für mich die größte Enttäuschung des Turniers. Den benötigten 2:0 Sieg gegen Portugal traue ich ihnen nicht mehr zu.

Meine EM: 2. Spieltag, Gruppe A

Griechenland lässt bei der Niederlage gegen Tschechien spielerische Qualität vermissen. Russland holt in einem packenden Spiel einen etwas glücklichen Punkt gegen Polen, die das letzte Spiel unbedingt gewinnen müssen.

Griechenland – Tschechien 1:2

Schon im ersten Spiel hatten die Griechen Probleme ins Spiel zu finden und brauchten recht lange, bis sie Polens rechte Seite in den Griff bekamen. Auch gegen Tschechien waren sie gegen die schnellen Angriffe zu Beginn des Spiels vor allem über ihre linke Abwehrseite wehrlos. Diesmal gerieten sich mächtig unter die Räder und lagen nach sechs Minuten schon 0:2 zurück. Ohne die beiden etatmäßigen Innenverteidiger musste Santos umstellen und Katsouranis in die Viererkette stellen (wie schon nach dem Platzverweis im Spiel gegen Polen). Das griechische Mittelfeld ist ohnehin dünn besetzt und mit einem unfitten Karagounis liegt zu viel Verantwortung bei Maniatis. Die Angriffsreihe war besetzt wie in der Schlussphase gegen Polen, mit Salpingidis und Fortunis auf Außen und Samaras in der Mitte. Die drei blieben jedoch lange voneinander und vom Rest des Teams isoliert.

Es dauerte erneut rund eine halbe Stunde, bis Griechenland sich einigermaßen fing. Tschechien spielte nach der Führung die technische Überlegenheit im Mittelfeld gut aus und kam sporadisch gefährlich vors Tor, ohne großes Risiko gehen zu müssen. Griechenland kam erneut über den Kampf zurück ins Spiel, hatte aber große Probleme, das eigene Angriffsspiel aufzuziehen. Die Rolle von Fotakis war mir nicht ganz klar, denn er spielte als Zehner weder einen Ballverteiler noch stieß er in die Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld. Nach dem Seitenwechsel wurde es besser, wenn auch auf überschaubarem Niveau. Santos behob mit seinen beiden Wechseln die gröbsten Problemstellen, mehr nicht. Tschechien begnügte sich damit, das Spiel aus dem eigenen Drittel fern zu halten und Griechenland baute trotz zunehmender Dominanz im Mittelfeld keine echte Torgefahr auf. Ein Fehler von Cech brachte sie dann noch einmal heran, doch insgesamt war die Leistung zu dürftig, um sich einen Punkt zu verdienen. Tschechien zeigte sich nach dem Schock gegen Russland verbessert. Man hielt gegen Griechenland die Räume zwischen den Linien enger und spielte besser über die Flügel, doch wegen der frühen 2:0 Führung sind die Spiele schwer miteinander vergleichbar. Die Lethargie in der zweiten Halbzeit hätten sie sich gegen einen stärkeren Gegner nicht erlauben können.

Polen – Russland 1:1

Mehr als ein Fußballspiel, dabei hätte das Geschehen auf dem Platz für meinen Geschmack voll und ganz ausgereicht. Es war eins der besseren Spiele dieser EM, obwohl mich die Russen über weite Strecken etwas enttäuschten (bzw. das bestätigten, was ich vor dem Turnier erwartet habe). Polen ging die Partie etwas gemächlicher an als das Auftaktspiel, wollte nicht überdrehen. Dennoch erspielten sie sich in der ersten Halbzeit ein leichtes Übergewicht. Russland zeigte nur selten die einstudiert wirkenden Spielzüge, mit denen man gegen Tschechien begeistert hatte. Torchancen entstanden hier eher zufällig. Ein Standard brachte dann die etwas glückliche russische Führung.

Polens Rechtslastigkeit macht die Mannschaft leicht ausrechenbar und ist dennoch schwer zu verteidigen. Auch Shirkov hatte arge Probleme mit Kuba und Piszcek. Ansonsten wartete Smuda erstaunlich lange, bis er seiner Mannschaft etwas mehr Offensivpower verlieh und ließ sein Team bis in die Schlussphase recht vorsichtig agieren. Die Angst vor dem Nackenschlag durch einen russischen Konter war deutlich spürbar. Dann kam Kuba und erzielte ein Traumtor. Der Antritt, der Pass in die Schnittstelle, die Mitnahme bei höchstem Tempo und der Abschluss waren großartig und machen den Treffer in ihrer Kombination zu einem der schönsten bei diesem Turnier. Nach dem Ausgleich zeigte Polen dann, dass man sich offensiv vorher etwas unter Wert verkauft hat. Der Sieg wäre am Ende nicht unverdient gewesen.

Mit dem Ergebnis können beide Mannschaften leben. Dank der besonderen Konstellation können alle vier Teams der Gruppe noch aus eigener Kraft ins Viertelfinale kommen – auch Griechenland. Mit einem Sieg gegen Russland wäre man sicher weiter (auch im Fall, dass Tschechien unentschieden spielt und drei Teams je vier Punkte haben, da Tschechien aus dem direkten Vergleich dann mit 3 Punkten und -2 Toren hinter Griechenland mit 3 Punkten und minimal +-0 Toren liegen würde).

Vermeidbar, aber verschmerzbar

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 1:0

Die Ernüchterung kam schnell für diejenigen, die voreilig Werder schon wieder in der Bundesligaspitze gesehen hatten. Für alle anderen war es eine ärgerliche (weil unglückliche), aber erträgliche Niederlage in Leverkusen. Das Spiel an sich war nicht gut, aber es gibt für Werder mehr positive als negative Dinge mitzunehmen.

Neue Defensivstärke

Dass Werder die letzte Bundesligamannschaft in dieser Saison war, die ein Gegentor kassiert hat, ist vor allem dem Spielplan zu verdanken. Es war jedoch schon gegen Kaiserslautern und besonders am Sonntag in Leverkusen ersichtlich, dass die Bremer Defensive einen Sprung gemacht hat. Die Viererkette harmoniert zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison schon sehr gut, was angesichts der personellen Probleme wie ein kleines Wunder wirkt. Mertesacker und Prödl waren bei ihren Comebacks stark wie lange nicht mehr. Schmitz scheint sich stabilisiert zu haben und spielt einen soliden Part. Über Sokratis möchte ich nicht schon wieder schwärmen, aber er gefällt mir einfach unglaublich gut. Er macht keine außerordentlich guten Sachen, aber er macht fast alles außerordentlich gut. Auch als Rechtsverteidiger ist er eine klare Bereicherung, zumal Fritz im Mittelfeld derzeit unabdingbar ist.

Die größte Überraschung der Saison ist für mich aber Tim Wiese. Vielleicht spürt er Sebastian Mielitz Atem im Nacken. In jedem Fall ruft er bislang Topleistungen ab und das nicht nur einen seinen Paradedisziplinen (die beiden Flugparaden gegen Leverkusen waren klasse). Er wirkt auch deutlich konzentrierter, bringt sich mehr ins Spiel ein, fängt Flanken und Eckbälle ab, ist beweglich. Momentan gibt es wenig zu kritisieren und wenn er so weitermacht, hat er sich den Status als Nummer 1 auch (wieder) verdient. Auch wenn ich mich in den letzten Monaten häufig für Mielitz ausgesprochen habe, freut es mich ungemein für Wiese.

Alle Fehlpässe von Werders Viererkette

Alle Fehlpässe von Werders Viererkette - (fast) nur außen und in der gegnerischen Hälfte

Warum stockt der Offensivmotor?

Das große Rätsel im Leverkusenspiel war für mich jedoch, warum das Offensivspiel so schlecht funktionierte. In der Anlage sah das alles gut aus, die Mannschaft hat gut umgeschaltet, und das in beide Richtungen – alles andere als selbstverständlich bei Werder. In den ersten 15 Minuten nach der Pause schien man Leverkusen den Zahn gezogen zu haben. Es ging kaum noch etwas nach vorne und Werder wurde etwas mutiger. Pizarro und Marin kamen, doch trotzdem fehlte im Spiel nach vorne irgendwas. Nur was?

In der ersten Halbzeit wirkten die Halbpositionen der Raute auf mich etwas unausgeglichen. Hunt sucht fast immer den direkten Weg nach vorne (zumindest im Mittelfeld, im vorderen Drittel stoppt er häufig ab, wenn es eng wird, um das 1 gegen 1 zu vermeiden), Wesley hingegen nur selten. Das macht es für die Stürmer nicht leicht, die richtigen Laufwege zu finden. Dazu kam, dass Ekici fast komplett aus dem Spiel genommen wurde. In der zweiten Halbzeit sah das jedoch besser aus und es wirkte so, als könne Werder mit ein paar Prozentpunkten mehr Courage die Leverkusener Defensive knacken. Vielleicht werden die nächsten Spiele mehr Aufschluss darüber geben, woran es gehapert hat.

Werderangriff 38. Minute

Werders bester Angriff in der 38. Minute: Eingeleitet von Hunt, Ekici mit gutem Doppelpass, intelligente Laufwege der Stürmer

Wohin geht die Reise?

Letztlich hat Bayer das Spiel durch einen Lucky Punch gewonnen. Spielerisch bin ich von meinem Meisterschaftstipp aber enttäuscht. Das war viel individuelle Klasse mit wenig strukturierten Angriffen. Es sieht so aus, als ob Dutt doch mehr Zeit braucht, als ich dachte. Ob das noch reicht, um um die Meisterschaft mitzuspielen? Im Fußball kann es schnell gehen.

Für Werder kommt nun eine Pflichtaufgabe gegen Freiburg, danach geht es nach Hoffenheim. Zwei Spiele, in denen man richtig in diese Saison finden kann. Die bisherigen Leistungen der Defensive machen Mut, heute gibt auch noch Naldo sein Comeback. Spielerisch muss es noch eine Steigerung geben, die ich Werder in den nächsten Wochen durchaus zutraue. Mit Pizarro kommt neue (bzw. alte) Qualität zurück in den Angriff und Ekici wird sich auch besser einfinden. Vor allem macht mir aber dieser eine Spielzug aus der ersten Halbzeit Mut, der zu Thys kläglich vergebener Torchance führte. Einen solch guten Angriff habe ich (trotz Sokratis Abseitsstellung) noch von wenigen Teams in dieser Bundesligasaison gesehen. Das ist der richtige Weg.

Bislang ist mein Eindruck, dass Werder zumindest in Sachen Abstiegsgefahr eine sorgenfreie Saison bevorsteht. Das ist die wichtigste Erkenntnis bislang, denn für den Neuaufbau (der noch eine ganze Weile dauern wird) brauchen Mannschaft und Verein vor allem eines: Zeit.

Bayer Leverkusen – Werder Bremen (live)

Zwischen Kaiserslautern und Leverkusen

Gegen Kaiserslautern hat Werder kämpferisch und in Ansätzen auch spielerisch das gezeigt, was ich mir in der frühen Phase dieser Saison erhofft habe. Fritz im Mittelfeld gefällt, genau wie Sokratis als Rechtsverteidiger (wobei er mir wohl auf jeder Position gefallen würde). Wolf hat sich im Spielaufbau gesteigert und die Fehlerquote gering gehalten. Im Mittelfeld passierte das Gegenteil von dem, was erwartet wurde: Hunt stabilisierte sich und spielte selbstbewusst, Marin wurde mit zunehmender Spieldauer zappeliger und ließ sich von seinen falschen Entscheidungen im Spiel herunterziehen.

Schaafs Wechsel trugen ihren Teil dazu bei, das Spiel in Werders Richtung zu entscheiden. Es war sowohl richtig, Fritz nach Bargfredes Verletzung auf die Sechserposition zu verschieben, als auch Wesley für Marin einzuwechseln, als sich das Mittelfeld eine Zeit lang destabilisiert zeigte. Bei einem Sieg lässt sich hinterher immer leicht sagen, dass der Trainer alles richtig gemacht hat. In jedem Fall war Schaafs Aufstellung mutig und nicht geleitet von irgendwelchen populären Forderungen.

In Leverkusen bekommt man es nun mit einem Gegner anderer Güte zu tun. Bayer ist spielerisch stark genug, um Werders Defizite gnadenlos offenzulegen. Die erste Halbzeit aus dem Pokalspiel gegen Dresden sollte Schaaf eine Warnung sein. Allerdings wirkt Dutts Team mental schwer angeschlagen und längst noch nicht so weit, wie ich es vor dem 1. Spieltag erwartet habe. Gegen Mainz kam spielerisch wenig, das war schon fast ein Armutszeugnis. Mainz hat exzessives Pressing gespielt, das ich in dieser Form von Werder in den letzten Jahren kaum mal gesehen habe. Sehr viel wird von der Laufarbeit abhängen. Wenn es gelingt, Leverkusen in deren Hälfte so unter Druck zu setzen, wie Mainz es geschafft hat, kann man die Verunsicherung ausnutzen und vielleicht noch verstärken. Ein Sturmduo Rosenberg/Thy scheint mir dafür gut geeignet, Pizarro kann man später bringen, wenn sich die beiden müde gelaufen haben.

Fragezeichen gibt es im Mittelfeld und in der Viererkette. Vertraut Schaaf nach Wolfs Verletzung schon wieder auf Prödl oder zieht er Sokratis ins Zentrum? Im letzteren Fall müsste Fritz wieder auf die Außenbahn wechseln und im defensiven Mittelfeld wäre ein Platz frei. Eine Raute aus Wesley, Ekici, Hunt und Marin wäre jedoch sehr offensiv und so könnte Ignjovski direkt zu seinem Bundesligadebut kommen. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, Wesley als Rechtsverteidiger einzusetzen, doch das könnte angesichts der Sprunghaftigkeit des Brasilianers gegen Schürrle auch nach hinten losgehen.

Es ist in jedem Fall ein kleines Puzzle, das Schaaf vor dem Spiel lösen muss. Er wirkt dabei nicht annähernd so ratlos wie vor einem Jahr. Wer siegt hat eben Recht.

Zur Einstimmung aufs Spiel ein großartiger Text (gefunden im Blog von @anna_rosemary):

“Weil ich manchmal ein Esel bin und manchmal ein Hahn.”

Und morgen, morgen schrei ich mit.

Ein fragiles Gebilde namens Werder

Champions League, 2. Spieltag: Inter Mailand – Werder Bremen 4:0

Wir haben vier zu null gegen Inter Mailand verloren. Wenn ich die Mechanismen des Fußballs richtig verstanden habe, müssen wir nun den Trainer entlassen, 5-6 Spieler aus dem Kader verbannen (nicht alle, die schlecht spielen, sondern nur die, die bei den Fans unbeliebt sind) und auf “die Jugend” setzen. Spieler nachkaufen geht schließlich momentan nicht, trotz der 20 bis 50 Millionen, die Klaus Allofs in seiner Matratze versteckt hat. Zum Glück “greifen” die Mechanismen des Fußballs in Bremen etwas anders.

Die Niederlage gestern war bitter, ihr Zustandekommen fast noch bitterer. Werder hat 10 Minuten lang richtig gut mitgespielt, hätte sogar in Führung gehen können, aber war in den folgenden 80 Minuten hoffnungslos unterlegen. Angesichts der bisherigen Leistungen in dieser Saison musste man das befürchten. Vor einer Woche hat man 1:4 in Hannover verloren. Dennoch gab es nach dem Erfolg im Nordderby die Hoffnung, dass man sich an einem solchen Spiel hochziehen kann. Dass man eine Leistung abrufen kann, die wieder an das erinnert, was wir von Werder in den letzten Jahren gewohnt sind.

Es kam anders. Werder ließ sich nicht mit Pauken und Trompeten auskontern. Man stand auch nicht wie das Kaninchen vor der Schlange, wie im Pokalfinale gegen die Bayern. Man hatte eigentlich eine gute Taktik, stand nicht zu hoch, spielte schnell nach vorne und kam zu Torchancen ohne dabei die Abwehr zu entblößen. Eigentlich. Denn Inter fand trotzdem die Lücken, die sie brauchten, um immer wieder gefährlich vors Tor zu kommen. Es war ein deutlicher Klassenunterschied, den man nicht nur auf die verletzten Spieler schieben sollte.

Inter in allen Belangen überlegen

Es gab natürlich einen Unterschied in der individuellen Klasse der Spieler. Die Fehler von Jensen vor dem 0:1 und Bargfrede vor dem 0:4 sprechen Bände. Der eine hat jahrelang immer wieder verletzt gefehlt und nur wenige Spiele auf Topniveau absolviert, der andere hat nach einer tollen Premierensaison die erste Krise seiner Profikarriere. Man kann ihnen eigentlich nicht verübeln, dass Sneijder und Eto’o zwei Nummern zu groß für sie waren. Wäre es mit Frings anders gewesen? Hätte er so tief gestanden, dass er Eto’o den Raum genommen hätte? Die Rolle der “falschen Neun”, die Eto’o gestern Abend in Inters Spitze spielte, erinnerte stark an seine Zeit in Barcelona. Werder bekam das gesamte Spiel über keinen Zugriff auf ihn. Hier ist vor allem der Trainer gefragt. Thomas Schaaf sagte nach dem Spiel im Interview, dass man diese Spielweise vor der Partie immer wieder angesprochen habe. Es scheiterte also an der Umsetzung.

So kam es, dass Werder auch strukturell das Nachsehen hatte. Die Raumaufteilung in der Defensive war teilweise hanebüchen. Man konnte den Spieler dabei zusehen, wie sie angesichts der immer größer werdenden Dominanz Inters immer mehr in Panik gerieten. Eigentlich hätte dieser Spielverlauf allen klar sein müssen, denn dass der Titelverteidiger nach Werders exzellenter Anfangsphase die Partie mit der Zeit an sich reißen würde, kam nicht überraschend. Nun hätte man sich hinten einigeln müssen, dem Gegner keine Räume bieten und dann nach der Balleroberung blitzschnell nach vorne spielen. Leider setzte Werder nur den letzten dieser Punkte um. Warum lernt Werder diese Spielweise nicht? Woran hapert es?

Es war klar, dass Inter sich irgendwann auf die schnellen Gegenstöße einstellen würde, nur leider war das Spiel zu diesem Zeitpunkt schon entschieden. In der zweiten Halbzeit mühte man sich zwar gegen ein nun aufs Verwalten bedachtes Inter, doch es fiel der Mannschaft immer schwerer, gefährlich vors Tor zu kommen. Am Ende kam es wie es kommen musste, aber das war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr wirklich wichtig. Das Spiel ging in der ersten Halbzeit verloren, als man gegen Eto’o und Sneijder in der Mitte machtlos war und auf den Außen die schnellen Biabiany und Coutinho nicht in den Griff bekam.

Das Prinzip Hoffnung für die Bundesliga

Das Ergebnis ist letztlich das kleinere Übel. Viel problematischer ist der psychologische Aspekt. Nach dem Hoffnungsschimmer am Samstag wieder so dermaßen auf die Nase zu fallen, wird nicht spurlos an der Mannschaft vorbeigehen. Wie sollte es auch? Jede Niederlage nagt am Selbstbewusstsein, erst recht wenn viele Spieler noch gar nicht richtig in der Saison drin sind. Es wird wieder von Einstellung gesprochen werden, von Laufbereitschaft, doch allein damit gewinnt man im Profibereich keine Spiele. Werder ist gestern mehr gelaufen als Inter, weil Inter den Ball und den Raum kontrollierte und Werder ständig ausbügeln musste. Viel mehr geht es um Raumaufteilung, um kollektives Denken und Handeln der Mannschaft. Dazu braucht es ein geschlossenes Team, das Werder derzeit meistens abgeht. Gegen den HSV gab es in dieser Hinsicht gute Ansätze. Gestern waren diese nach dem Rückstand schnell wieder verschwunden, was zeigt, wie fragil das Gebilde noch ist.

Leider sind zu viele Spieler mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, als dass sie der Mannschaft wirklich helfen können. Arnautovic hat gestern sein vielleicht schlechtestes Spiel für Werder gemacht und war mehr auf persönliche Revanche gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber aus. Marin ist leider immer noch sehr eindimensional und kann wenig zum Spiel beitragen, wenn er mit seinen Dribblings nicht erfolgreich ist. Silvestre hat aus dem Stand innerhalb von 19 Tagen 6 Spiele absolviert und zu große Defizite, um von seiner Routine auf diesem Niveau profitieren zu können. Selbst Prödl, der in den letzten Wochen deutliche Fortschritte gemacht hat, war gestern völlig überfordert. In der Summe mit den Verletzungsproblemen und Formschwankungen einiger Spieler ist es für Werder momentan einfach zu viel, um damit fertig zu werden. Am Sonntag geht es nach Leverkusen, wo man ohnehin nicht unbedingt Favorit ist. In der momentanen Situation ist man sogar deutlicher Außenseiter. Es bleibt das Prinzip Hoffnung. Es gab schon bessere Zeiten in Bremen.

Inter Mailand – Werder Bremen (live)