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20. Spieltag: Zweckpessimismus

Werder Bremen – Bayer Leverkusen 2:1 (2:1)

Eine Halbzeit toller Fußball, eine Halbzeit großer Kampf – am Ende steht ein recht glückliches 2:1 über Bayer Leverkusen, das den vierten Sieg in Folge für Werder bedeutet. Ist das Kapitel Abstiegskampf damit beendet?

Gefühlter Elfmeter: Zlatko Junuzovic beim Freistoß

Neue Gewohnheit: Starke erste Halbzeit

Zu den größten Unterschieden zwischen Werder unter Skripnik und Werder unter Dutt zählt für mich, dass Werder deutlich bessere erste Halbzeiten spielt. Dutt hatte eine seiner Stärken darin, das laufende Spiel zu analysieren und gute Anpassungen vorzunehmen. Dafür startete sein Team häufig schwach und war vor der Anpassung deutlich unterlegen. Bei Skripnik schien es bislang eher andersrum zu sein. Gegen Hamburg und Hannover wurde ihm von Teilen der Experten schwaches In-Game-Coaching vorgeworfen. Gegen Hertha und Hoffenheim wurden seine Anpassungen hingegen weitgehend gelobt. Der Grundstein für den Erfolg wurde aber stets in der ersten Halbzeit gelegt.

Im dritten Rückrundenspiel kam Werder zum dritten Mal besser ins Spiel als der Gegner. Zwar hatte Leverkusen schnell eine strategische Schwachstelle (den zweikampfschwachen Sternberg hinten links) ausgemacht, konnte diese aber trotz eines starken Rechtsfokus im Angriff zu wenig nutzen. Kroos, Junuzovic und Vestergaard unterstützten Sternberg immer wieder auf seiner Seite gegen Bellarabi und Hilbert. Kroos gab statt eines Halbraumspielers fast einen klassischen linken Mittelfeldspieler. Durch Junuzovics Einrücken wurde die Raute in tiefen Zonen häufig zu einer flachen Vier. Im Angriffsspiel setzte Werder – anders als im Heimspiel gegen Hertha – nicht auf ruhiges Aufbauspiel und Überladungen, was gegen Leverkusen auch nur schwerlich möglich bzw. sehr riskant gewesen wäre. Stattdessen suchte Werder den Erfolg mit direktem Spiel über das Offensivtrio Junuzovic, Bartels und Selke. Hinzu kam die inzwischen gewohnte Stärke nach Standards.

Leverkusen zieht an, Werder hält dagegen

Das Gegentor kurz vor der Pause war ärgerlich, weil Werder die Partie zu diesem Zeitpunkt im Griff zu haben schien. Letztlich war es dann doch ein verlorener Zweikampf zu viel auf der linken Abwehrseite. Ob dies der Hauptgrund für das veränderte Momentum nach dem Seitenwechsel war, ist schwer auszumachen. Die Einwechslung Sons balancierte Leverkusens Spiel jedenfalls etwas und Bellarabi konnte nun auf dem gesamten Platz mit seiner individuellen Klasse Lücken in Werders Defensive reißen. Etwas überraschend ließ Skripnik Sternberg auf dem Feld, musste dann aber ungewollt in der Viererkette umstellen, da Gálvez verletzt raus musste. Nach vorne gelang Werder in dieser Phase überhaupt nichts mehr. Die Passquote sank von 57% auf 44%, auch weil die Mittelfeldspieler kein übermäßiges Risiko eingingen und das Sturmduo wenig unterstützten. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Leverkusen aus der Überlegenheit den Ausgleich machen würde.

Wie schon gegen Hoffenheim schaffte es Werder jedoch, in den letzten 20 Minuten des Spiels die Luft aus den Angriffen des Gegners zu lassen. Hier spielt auch die Fitness eine Rolle, die bei Werder zu stimmen scheint. Sobald der Gegner körperlich etwas nachlässt, kann Werder die Gefahr in unmittelbarer Tornähe auf ein Minimum reduzieren. So konnte die Zahl der gegnerischen Abschlüsse insgesamt gering gehalten werden. Zwar hatte Werder nach Junuzovics Freistoßtor nur noch einen einzigen Torschuss, doch auch Leverkusen wurde nach Kießlings Pfostentreffer kaum noch richtig gefährlich. Mit seinen Wechseln (Öztunali für Selke, Garcia für Junuzovic) lag Skripnik ebenfalls richtig. So kann man den Sieg zwar als glücklich, in der Gesamtbetrachtung der 90 Minuten aber nicht als unverdient bezeichnen.

Zwischen Europacup und Abstiegskampf

Innerhalb von vier Spieltagen hat Werder den Sprung von Platz 18 in die obere Tabellenhälfte geschafft. So schnell hätte ich dem Team diese Entwicklung nicht zugetraut und ich sehe sie immer noch mit einem letzten Rest Skepsis. Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass das Thema Europapokal langsam auch ohne vorgehaltene Hand diskutiert wird. Einerseits ist es nur zu verständlich, die momentane Euphorie bis ins letzte auszukosten, schließlich gab es in den letzten Jahren nur wenig Grund dazu. Andererseits steckt die Abstiegsangst noch in den Knochen und Werders Spiel hat auch in der Rückrunde noch genügend Schwachpunkte offenbart, um einen weiteren Durchmarsch zumindest anzuzweifeln. Wenn von den nächsten fünf Spielen (gegen Augsburg, Schalke, Wolfsburg, Freiburg und Bayern) drei verloren gingen, wäre das keine große Überraschung und für die Entwicklung der Mannschaft – im Gegensatz zu etwaigen Ambitionen auf Platz 6 – auch nicht hinderlich.

Anders sieht es mit dem Thema Abstiegskampf aus. Mit 26 Punkten ist Werder natürlich noch nicht gerettet, doch scheinen einige Teams so große Probleme zu haben, dass Werder schon einen richtig herben Einbruch erleben müsste, um wirklich noch abzusteigen. (Dass man dies nach dem 20. Spieltag bereits schreiben kann, ist schon ein so großer Verdienst des neuen Trainerteams, dass mir der Europapokal erstmal völlig egal ist.) Paderborn und Freiburg haben erhebliche spielerische Probleme, Stuttgart tritt auf der Stelle und Hertha scheint mir ebenfalls zu schwach zu sein, um Werder zu gefährden – wobei man bei einem Trainerwechsel mit anschließendem Auswärtssieg in Mainz ja weiß, wohin das führen kann. Realistisch gesehen braucht Werder noch drei Siege und vielleicht ein bis zwei Unentschieden, um sicher die Klasse zu halten. Bei noch 14 ausstehenden Spielen sollte das machbar sein, solange im Team niemand abhebt und denkt, dass es nun ganz von selbst läuft. Es kann der entspannteste Werder-Frühling seit fünf Jahren werden.

Aufbau Nord mit Schwierigkeiten

SC Freiburg – Werder Bremen 2:2

Auch im dritten Pflichtspiel des Jahres gab es wieder nur ein Unentschieden. Das 2:2 beim SC Freiburg bringt Werder tabellarisch nicht weiter, zeigte jedoch einige interessante Entwicklungen im Team.

Zögerliche Bremer gegen Freiburger Pressing

Erneut war die sehr passive Grundhaltung zu sehen, die auch schon im Spiel in Kaiserslautern an den Tag gelegt wurde (beim Heimspiel gegen Leverkusen war es nur geringfügig anders). Die Raute stand flach gegen den Ball und insgesamt agierte man sehr tief, mit Pizarro und Rosenberg an vorderster Verteidigungslinie knapp über der Mittellinie. Vorwärtspressing betrieb man nur direkt nach Ballverlusten, wenn man weit in die Freiburger Hälfte aufgerückt war. Ansonsten stellte man schnell die Grundformation wieder her und wartete auf die Freiburger Angriffe.

Das eigene Aufbauspiel bekam man gegen das Freiburger Pressing nie richtig in den Griff. Die drei Passoptionen aus der Innenverteidigung ins (defensive) Mittelfeld wurden konsequent dichtgestellt, so dass häufig der Umweg über die Außenverteidiger gegangen werden musste. Gelangte der Ball dann wieder ins Zentrum, verstanden es die Freiburger gut, mit ihrem Pressing die Spieler so unter Druck zu setzen, dass sie kaum einmal mit direkten Vertikalpässen das Angriffsspiel in Schwung bringen konnten.

Neue Problemzone: Standardsituationen

Zum ersten Mal gelang dies dann Tom Trybull, als er kurzzeitig auf die linke Seite gewechselt war. Sein Pass auf Rosenberg sorgte für die erste Torchance, doch Pizarro verpasste im Strafraum die Hereingabe. Beim zweiten Versuch war man erfolgreicher, Junuzovic spielte den Ball halbhoch an den langen Pfosten auf Pizarro, der ihn per Direktabnahme verwertete. Diese beiden Szenen zeigten, dass Werders Angriffsspiel durchaus in der Lage war, die nicht immer sichere Freiburger Hintermannschaft in Gefahr zu bringen. Leider sprangen zu selten ähnliche Szenen heraus, da Werder es versäumte, die Offensivspieler im Angriffsdrittel in Szene zu setzen – zu hoch die Fehlerquote im Passspiel, zu umständlich das Aufbauspiel.

Die Antwort der Freiburger kam dann auch postwendend. Der Ausgleich zum 1:1 fiel – wie schon gegen Leverkusen – nach einer Ecke. Die weiteren Standardsituationen des Sportclubs legen nahe, dass es sich dabei nicht um Zufall handelte. Ohne den Freiburgern die Anerkennung für den Variantenreichtum bei ihren Ecken vorzuenthalten, muss man feststellen: Werder hat ein Problem mit Standards. Nun sind durch den Weggang von Mertesacker und die Ausfälle von Naldo und Prödl deutlich weniger große Spieler auf dem Platz. Das einstmalige “größte Team Europas” hat jedoch nicht nur die Lufthoheit verloren (zumal die Freiburger körperlich sicher nicht überlegen waren), sondern vor allem Probleme bei der Zuordnung. Eine kurze Ecke auf Makiadi reichte, um den Ausgleich herzustellen.

Fazit: Zu schwach für 3 Punkte

Die zweite Halbzeit gehörte überwiegend den Freiburgern, die, gezwungen vom erneuten Rückstand, noch mutiger nach vorne agierten und in puncto Ballbesitz und Torschüssen klar im Vorteil waren. Werder konnte nur sporadisch zeigen, dass man auch selbst gefährlich nach vorne spielen kann. Das zweite Tor von Pizarro verdeutlichte sehr gut, wie ein eingespieltes Team die Schaaf’schen Vorstellungen umsetzen könnte. Von Junuzovics Kopfball, über Trybulls clevere Ballmitnahme, Ekicis gut getimten Pass bis zu Pizarros Abschluss war das fast perfekt gespielt. Die Laufwege stimmten und der Angriff glitt wie ein Messer durch die weiche Freiburger Abwehrbutter. Das erinnerte an gute, alte Werder-Zeiten.

Wie weit man ansonsten davon noch entfernt ist, lässt sich schwer abschätzen (mal ganz davon abgesehen, dass man in der stark verbesserten Bundesliga wohl nie wieder die spielerische Dominanz der Jahre 2003-2007 erreichen wird). Die jungen Spieler zeigen ihr Potenzial, doch es gibt noch zu viele Unwägbarkeiten. Die Besserung im Aufbauspiel, die ich letzte Woche gesehen habe, war gegen Freiburg wieder verschwunden, da man keinen echten Plan B hat, wenn der Gegner die Passwege ins Mittelfeld zustellt. Es kommt praktisch nie vor, dass sich der Sechser oder einer der Achter zurückfallen lässt, um von hinten das Spiel aufzuziehen. So bleibt nur die Notlösung über die Außenverteidiger, die eigentlich auch Schaaf nicht gefallen kann. Mit der Anfälligkeit nach gegnerischen Standards hat sich das nächste Problemfeld aufgetan. Wie schnell gelingt es, die Defizite aufzuarbeiten?

Gemessen am Spielverlauf hat Werder einen glücklichen Punkt geholt. Selbst gegen Abstiegskandidaten agiert man auswärts zu passiv, um dem Gegner das eigene Spiel aufzudrängen. Andererseits hat man nicht genug Sicherheit im Defensivspiel, um hinten häufiger die Null zu halten. So bleibt es ein schwieriges Abwägen zwischen Abwarten, Sicherheitsfußball und Kurzpassspiel, mit Pizarro als Lebensversicherung. Wenn die verletzten Spieler zurückkommen und sich die Neulinge eingespielt haben, wird man sehen, wie sehr man in der Rückrunde noch zulegen kann. Für Platz 4 dürfte es dann zu spät sein, aber auch Platz 6 scheint derzeit alles andere als gesichert.

Junges Team gegen alten Lieblingsgegner

Es geht mal wieder gegen Freiburg, den erklärten Lieblingsgegner der letzten Jahre. Die rein punktemäßig makellose Bilanz kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Werder in den letzten Spielen gegen Freiburg nicht sonderlich gut aussah. Ein Selbstläufer ist dieses Duell schon lange nicht mehr.

Vom Trainingsspiel zur Härteprüfung

Sieben Spiele in Folge hat Werder gegen den SC Freiburg gewonnen und dabei 30:6 Tore geschossen. Rein von den Zahlen her scheint die Partie gegen den Tabellenletzten eine klare Sache zu sein. Klare Sachen gibt es bei Werder aber schon länger nicht mehr. War das 6:0 im Herbst 2009 noch eine Sternstunde des vermeintlichen neuen Bremer Offensivfußballs mit dem Dreigestirn Özil, Hunt und Marin, ging es in den letzten Spielen schon deutlich knapper zu. In Erinnerung blieb dabei besonders das Heimspiel aus der letzten Saison, das Werder zwar gewinnen konnte, das allerdings gleichzeitig die spielerische Armut des Teams unterstrich. Auch das 5:3 aus der Hinrunde war nicht gerade souverän erspielt. Man gewann letztlich durch einen späten Elfmeter von Hunt und ein Kontertor von Wesley.

Bei allen Problemen, die die Breisgauer ob ihrer Tabellenposition haben, sollte man sie spielerisch nicht unterschätzen. Auch nach dem Weggang von Robin Dutt versteht sich die Mannschaft auf gepflegtes Pressing und schönen Fußball. Doch auch in den Jahren zuvor war Freiburgs Fußball meist schön anzusehen, wobei es Werder glänzend verstand, daraus Kapital zu schlagen. Nun ist man selbst spielerisch nicht mehr auf dem Niveau der 00er Jahre und kann auch bei einem Abstiegskandidaten nicht mehr automatisch die Favoritenrolle für sich beanspruchen.

Wer setzt die spielerischen Impulse?

Hoffnung auf eine positive Entwicklung im spielerischem Bereich machte zuletzt der Auftritt des mit Nachwuchsspielern gespickten Teams gegen Bayer Leverkusen. Endlich wurden die lange vermissten Anzeichen auf Besserung ersichtlich. Neuzugang Affolter zeigte neben dem überragenden Sokratis starke Anlagen in der Spieleröffnung, Florian Hartherz spielte eine mutige Partie als Linksverteidiger und Tom Trybull wirkte in seinem zweiten Bundesligaspiel schon wie ein alter Hase. Gepaart mit einer defensiveren Grundausrichtung, die dem jungen Team Sicherheit verlieh, konnte man Leverkusen lange Zeit den Schneid abkaufen. Das Umschaltspiel, das bei dieser Ausrichtung noch wichtiger wird, funktionierte jedoch nur eine Halbzeit lang gut.

Gerade deshalb ist der Ruf nach einem Spielmacher, der Werders Angriffsspiel befeuern soll, auch weiterhin nicht zu überhören, was den Druck auf Mehmet Ekici erhöht, der bei allem Bemühen noch immer Probleme hat, sich mit seiner Rolle als 10er anzufreunden. Die eher defensiv ausgerichtete Raute erfordert noch mehr Genauigkeit im Spiel nach vorne, da man dort nur selten in Überzahl gerät. In Freiburg dürfte es nun wieder ein Stück offensiver werden. Neuzugang Zlatko Junuzovic soll von Anfang an ran und Ekici ein Stück von der Last befreien und die Lücke schließen, die der Ausfall von Aaron Hunt in Werders Mittelfeld gerissen hat. Die Rolle des gesperrten Bargfrede übernimmt voraussichtlich Ignjovski – Trybull scheint man sie noch nicht zumuten zu wollen.

Ruhige Testrunde oder Wettrennen?

Wie viele Rückschlüsse lassen sich aus einem Spiel gegen den – durch die Abgänge von Cisse und Bastians sowie diverse Verletzungen dezimierten – Tabellenletzten ziehen? Für Werder geht es derzeit in erster Linie um Sicherheit und Fortschritte in der Spielanlage. Eine überzeugende Leistung in Freiburg wäre ein weiterer Schritt dorthin. Drei Punkte kann man nach Hannovers Sieg in Berlin auch gut brauchen. Nur wenn man die Pflichtaufgaben so zuverlässig löst wie in der Hinrunde, kann man im Fahrwasser der Top 4 eine ruhige Testrunde schwimmen. Ansonsten droht ein Wettrennen um Platz 6, bei dem am Ende kurzfristige Ergebnisse vor langfristige Entwicklung gehen – wie so oft in den letzten Jahren.

3 Fragen zum FC Bayern

Wie angekündigt möchte ich in der Rückrunde wieder vor jedem Bundesligaspiel ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners führen. Vor dem Spiel gegen die Bayern hat mir probek drei Fragen zu seinem Lieblingsverein beantwortet:

Transfers in der Winterpause sind nichts besonderes. Den Kapitän zwischen dem 19. und dem 20. Spieltag zum AC Milan zu verkaufen ist dagegen sehr außergewöhnlich. Wie stehst du zu van Bommels Wechsel und welche Auswirkungen hat er deiner Meinung nach auf das Mannschaftsgefüge?

Wie ich dazu stehe? Ich hätte Mark einen besseren Abschied gewünscht, der in einer perfekteren Welt erst zum Ende der Saison (oder gar noch später) gekommen wäre. Aber: so läuft’s Business, wenn dein Vertrag ausläuft, die komplette Vereinsführung seit längerem die Zukunft offensichtlich ohne dich plant und dir mit den Transfers von Tymoschtschuk und später Gustavo auch sehr deutlich zu verstehen gibt, dass sie nach Alternativen bzw. Nachfolgern sucht. Dann gehste halt mal ein halbes Jahr eher, zu einem auch nicht so schlechten Verein. Dass jetzt allein van Gaal derjenige gewesen sein soll, der ihn in die Flucht getrieben hat, halte ich insofern auch für wenig glaubwürdig. Hätte der Trainer ihm einen neuen Vertrag anbieten sollen? Oder auch nur dürfen?

Trotzdem bedaure ich seinen Abschied, ist doch klar. Ich habe ihn für einen vorbildlichen Kapitän gehalten, für einen auch von manchen Bayernfans (zu) wenig besungenen, wichtigen Faktor in engen Spielen gegen Gegner hoher und höchster Klasse. Es ist aber auch eine hohe Kunst, sich als Verein und als Fußballprofi zum genau richtigen Zeitpunkt und in beiderseitigem Einvernehmen zu trennen, das klappt beileibe nicht immer problemlos (an dieser Stelle mal unvermittelte und rein zufällige Grüße an tätowierte Bremer Mittelfeldspieler). Und ginge es nach mir, hätte Bayern eh noch Luca Toni, Lucio, Hummels, Zé Roberto, Roy Makaay und Giovane Elber im Kader. Zwar reizvoll, aber vielleicht keine allzu realistische Alternative.

Das Mannschaftsgefüge? Da entsteht sicher eine Lücke, die schwer zu füllen sein wird. Ist mir aber ziemlich egal, wichtiger wäre mir, dass die Truppe mal konstanter spielt. Nur: wem sage ich das (sorry; vielleicht sollte ich dann doch mal versuchen, nicht von unseren eigenen Problemen abzulenken).

Bei den Bayern läuft es derzeit wieder rund, während Werder um den Klassenerhalt kämpft. Eigentlich spricht alles für einen klaren Auswärtssieg. Wann vervollständigt Mario Gomez gegen Werder seinen Hattrick – over/under 30. Minute? Etwas ernsthafter: Wirkliche Sorgen müsst ihr euch vor dem Spiel nicht machen, oder?

Bei uns läuft’s rund? Da sagst du was, vor allem: sag das mal weiter. Denn die Bayern wären nicht die Bayern, wenn nicht jeder Furz, den irgendeiner (sei es ein Ex-, ein anderer Ex- oder ein Ex-Ex; konkreter will ich gar nicht werden) zu irgendwas ablässt mit unglaublich viel Aufmerksamkeit registriert würde und Unruhe verbreitet. Oder als Indiz für den unmittelbar bevorstehenden Abschied von van Gaal und die Inthronisierung von Matthias Sammer als Nachfolger dienen könnte. Nein, wirkliche Sorgen müssen wir uns — vor allem im Vergleich zu euch (sorry!) — nicht machen, aber: wir machen sie uns trotzdem immer und immer wieder gerne mal selbst.

Mario Gomez’ Hattricks sind mir ansonsten und unter uns, ziemlich wumpe. Wichtige Spiele gewinnen ist mir ungleich wichtiger — wer die Dinger dann macht, ist sekundär.

Auch wenn das Thema Meisterschaft abgehakt sein dürfte, gibt es in dieser Rückrunde für die Bayern noch einiges zu gewinnen. Auch letzte Saison seid ihr spät auf Touren gekommen, dafür dann aber richtig. Traust du van Gaal und dem Team dieses Jahr eine ähnlich furiose Rückrunde zu?

Ja.

Dein Tipp?

Hm, schwierig. Wie bei diesem Gastspiel wird’s wohl nicht laufen, fürchte ich. Was tippen … ach, ich sage mal: 3:0 für Bayern. Durch drei Gomez-Tore (7., 41. und 76. Minute). Sorry!!!

Vor dem Hinspiel: Drei Fragen zum FC Bayern

20. Spieltag: Never change a losing team

Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen 4:3

Vorab: Ich habe keine einzige Sekunde des Spiels gesehen. Statt Fußball stand für mich Go-Kart-Fahren auf dem Programm (ja, richtig gelesen). Dabei sprang immerhin ein zweiter Platz heraus. Für Werder ist dieser inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass es nicht einmal mehr ein Wunschtraum ist, vielleicht doch noch den Anschluss an die Spitzenplätze wiederherzustellen. Dabei ist es ganze 5 (in Worten: fünf) Spieltage her, dass man noch von der Meisterschaft sprechen durfte. Eine konstant spielende Spitzenmannschaft präsentierte sich da im Bremer Weserstadion Woche für Woche. Welch eine Illusion, denn eine Spitzenmannschaft verliert keine fünf Spiele in Folge. 15 Punkte hat man seitdem auf Bayern München und Bayer Leverkusen verloren, 13 auf Schalke, 12 auf Dortmund. Wie kann es zu einer solchen Entwicklung kommen? Ein scheinbar übergangsloser Umbruch vom Meisterschaftskandidaten zur grauen Maus im Winter.

So ganz übergangslos war er dann doch nicht. Einige glückliche Unentschieden waren im Herbst schon dabei, die Werder die schöne Serie retteten. Das ist das Gute an Unentschieden: Sie retten Serien, positive wie Negative. Die Punkteteilungen gegen Wolfsburg und Köln sind nun eben Teil einer sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg in der Bundesliga. Die Interpretation dieser Spiele hat sich ebenfalls geändert: Nun sind sie nicht mehr Ausdruck des Selbstbewusstseins und der Stärke, auch aus Gurkenspielen zumindest einen Punkt mitzunehmen, sondern Vorboten der “Krise”*, die Werder nun Fest im Griff hat. Im Moment wäre man ja schon froh, wenn wenigstens wieder einmal ein Unentschieden herausspringen würde für die Grün-Weißen. Das Schema, nach dem Werders Niederlagen zustande kommen, ist dem langjährigen Fan nur allzu bekannt. Es sind immer die gleichen Dinge, die schief laufen und Werder auf die Verliererstraße bringen: Eine hoch aufgerückte Viererkette, die das Spielfeld möglichst klein halten und so dem Gegner den Platz rauben soll, wird überrumpelt mit langen Pässen auf die Außenbahnen. An diesem Punkt ist es meist schon zu spät. Die Außenverteidiger kommen nicht mehr hinterher, egal wie schnell sie sind (in Abdennour hat man in den Krawallmedien ja schon einen neuen Sündenbock gefunden) und in der Mitte wird die läuferische Schwäche von Naldo und Mertesacker offengelegt. Werder sieht in diesen Situationen aus, wie eine Schülermannschaft!

Es ist der Makel der Ära Schaaf, dass Werder unter seiner Regie diese Schwachstelle nie endgültig abstellen konnte. Man kann sich deshalb ein gutes Bild von Werders Spiel in Gladbach machen, auch ohne die Partie gesehen zu haben. Das Problem liegt im Mittelfeld: Die langen Bälle der Gladbacher müssen verhindert werden. Hier müssen die Gegenspieler aggressiv unter Druck gesetzt werden, damit sie nicht genügend Zeit haben, diese langen Bälle präzise zu spielen. Wenn Werder nicht schleunigst den Weg zurück zu den Grundlagen des Fußballs findet (laufen, Zweikämpfe suchen), ist in dieser Saison kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Gerade mit diesem System wird man dann wieder so viele Gegentore fangen, dass selbst unsere nach wie vor hochklassige Offensive das nicht ausbügeln kann. Es ist so ärgerlich, weil wir im Herbst tatsächlich geglaubt haben, die Mannschaft hätte diese Lektion nun nicht nur gelernt, sondern wirklich verstanden.

Vielleicht wird es Zeit für einen Paradigmenwechsel, den manche frustrierte Werderfans schon seit Jahren fordern. Ein Sturmduo Pizarro – Almeida ist immer für ein Tor gut. Ein Mittelfeld mit Özil, Hunt und/oder Marin ebenfalls. Warum nicht mit zwei echten Stürmern agieren, Frings einen defensiven Partner (den er mit dem leider verletzten Bargfrede lange hatte) zur Seite stellen (warum nicht Niemeyer, wenn Borowski sich zu schade dafür ist?) und dann etwas tiefer stehen? Schaafs Sturheit in dieser Angelegenheit hat sich in der Vergangenheit häufig ausgezahlt. Ich hoffe für ihn und für Werder, dass es das auch diesmal tut und sich der Verein nicht von den Kettenhunden der Bildzeitung beeinflussen lässt. Wir sind immer noch Werder Bremen und wir kommen da auch wieder raus!

Noch ein paar Gedanken zu den Wechseln dieser Transferperiode: Tosic, Moreno und Vranjes verlassen den Verein, Kevin Schindler wird erneut ausgeliehen und Ex-Bayer Sandro Wagner kommt vom MSV Dusiburg. Ich weiß nicht so ganz, was ich von letzterem halten soll, aber es ist sicher gut, sich von den Tribünengästen zu trennen. Im Fall von Juri Vranjes ist schon ein bisschen Wehmut dabei, er hat für Werder einiges geleistet, was von den Fans nur selten gewürdigt wurde (von der Ostkurve abgesehen). Deshalb: Danke Juri, für 4 1/2 Jahre bei Werder! Was aber das Nachtreten gegen Werder angeht, bin ich schon ziemlich enttäuscht. Juri, ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem neuen Arbeitgeber in der von dir so geliebten türkischen Liga, aber nun halt bitte einfach die Klappe und beweise wenigstens ein bisschen der Größe, die du Thomas Schaaf absprichst! Ob im Laufe des Tages noch etwas passiert? Ich denke nicht. Allofs wird dafür Prügel in den Fanforen beziehen, aber glaubt denn jemand ernsthaft, dass er auf Transfers verzichten würde, wenn das Geld da wäre? Es sieht um Werders Finanzen nicht so gut aus, wie viele glauben mögen – mehr sage ich zu dem Thema nicht…

* Wir gehen viel zu leichtfertig mit diesem Wort um. Wir haben eine Krise, weil elf junge Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen, ihren Beruf nicht ganz so gut ausüben, wie elf andere Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen? Da haben die Haitianer ja noch mal Glück gehabt!

20. Spieltag: Paules Rückkehr – Ein Herz für Außenverteidiger

Werder – Gladbach 1:1

Wie sehr sich die Wahrnehmung doch mit der Zeit ändert…

In seiner Zeit bei Werder spielte Paul Stalteri auf so ziemlich jeder Position. Obwohl er Jahr für Jahr vor Saisonbeginn von Fans und Experten abgeschrieben wurde, schaffte er es fast immer in die erste Elf. Egal, wen Werder für Stalteris Position auch verpflichtete, er ließ keinen an sich vorbei ziehen. Und wenn doch mal jemand kam, der ihm den Posten streitig machte, dann stellte ihn Thomas Schaaf halt auf eine andere Position. So wanderte er vom Sturm übers Mittelfeld bis hin zur Abwehr durch alle Mannschaftsteile. Den Großteil seiner Spiele machte er jedoch auf der Außenverteidigerposition.

Die Zahl seiner Befürworter war klein. Der Kanadier galt mehr als Notnagel, denn als ernsthafter Stammspieler. Zu beschränkt seien seine technischen Fähigkeiten, zu unsicher sein Passspiel, zu schwach seine Flanken. Erst gegen Ende seiner Werderjahre bekam Stalteri die Anerkennung der Bremer Fans. Seine Verabschiedung im Mai 2005 war emotional. Viele Fans in der Ostkurve hielten kleine Plakate hoch mit der Aufschrift "Danke Paul".

Heute gilt Paul Stalteri vielen in Bremen als das Musterbeispiel an Beharrlichkeit. Ein Spieler, der sich vorbehaltlos in den Dienst der Mannschaft und des Vereins stellte. Der nicht das Rampenlicht für sich beanspruchte. Der auch wegen seines großen taktischen Verständnisses zu Johan Micouds engsten Vertrauten zählte. Der auf fast jeder Position spielen konnte. Auf den immer Verlass war. Wie gut täte unserer Mannschaft dieser Tage ein solcher Spieler

Doch wie wäre es wirklich, wenn Paul Stalteri diese Saison in Bremen spielen würde? Würde es kein verständnisloses Raunen mehr geben, wenn er den Ball hinters Tor flankt? Würden ein missratener Steilpass oder ein Fehler in der Ballannahme nicht mehr zu Tobsuchtanfällen auf der Haupttribüne führen? Könnte er in der sehr zentralistisch ausgelegten Werderoffensive für die ersehnten Akzente von der Außenbahn sorgen?

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