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Werders Hinrunde in Zahlen

Das Fußballjahr 2012 war Werders schlechtestes unter Thomas Schaaf. Diese Erkenntnis kommt nicht sehr überraschend, hätte man nach der schlechten Rückrunde 2011/12 in der ersten Saisonhälfte 2012/13 doch 30 Punkte benötigt, um das bisher punktemäßig schlechteste Jahr 2000 wenigstens zu egalisieren. Schon allein deshalb sollte man die zurückliegende Hinrunde isoliert von der ersten Jahreshälfte betrachten, zumal im Sommer ein großer Umbruch stattgefunden hat. Dennoch zeigt die Jahresübersicht gut Werders Aufstieg zum Spitzenteam Mitte des letzten Jahrzehnts (2001, 2006 und 2007 war man jeweils “Jahresmeister”) sowie den Niedergang der letzten Jahre. Letzterer ist kein kurzfristiger “Knick”: Die Jahre 2009 – 2012 waren allesamt schlechter als die Jahre 2001 bis 2008.

Punkte pro Kalenderjahr

Doch nun zur Betrachtung der Hinrunde. Werder holte 22 Punkte, was diese Hinrunde zur drittschlechtesten seit Schaafs Amtsantritt macht. Interessant ist hier, dass Werder in den sieben Jahren zwischen 2001 und 2007 sechs mal mindestens 33 Punkte holte. In den Jahren danach ist diese beeindruckende Konstanz verloren gegangen. Die 30-Punkte-Marke wurde seit 2007 nicht mehr überschritten.

Punkte Werder Bremen Hinrunde

Auf die traditionell starken Hinrunden folgte auch in den besten Jahren zumeist ein Einbruch nach der Winterpause. In diesem Winter sollte dies jedoch nicht passieren, wenn man ohne Abstiegsgefahr durch die Saison kommen will. Die Hoffnung auf eine Steigerung in der Rückrunde ist allerdings beim jüngsten Kader der Bundesliga nicht gänzlich unbegründet. Der Schlüssel dazu liegt in der Heimstärke.

Auswärts hingegen hat Werder seit längerer Zeit schon Probleme. Zwei Auswärtssiege holte man immerhin in Freiburg und Hoffenheim und liegt mit 8 Auswärtspunkten (0,89 pro Spiel) in etwa auf dem gleichen Kurs wie in den beiden Vorjahren. Nicht nur in der Doublesaison 2003/04 zeichnete sich Werder durch eine beeindruckende Auswärtsstärke aus. Auch in den Jahren danach holte man jeweils die Mehrzahl der möglichen Auswärtspunkte (über 1,5 pro Spiel). Die Saison 2008/09 sah hier zunächst wie ein Ausreißer aus: Zu den beiden einzigen Auswärtssiegen zählte das 5:2 in München, zudem wurde das Pokalfinale damals ausschließlich mit Auswärtssiegen erreicht. Im Nachhinein wirkt nun jedoch eher die Saison 2009/10, in der Werder noch einmal beste Auswärtsmannschaft der Liga war, wie ein Ausreißer. Von der einstiegen Auswärtsstärke ist Werder jedenfalls weiterhin deutlich entfernt.

Auswärtspunkte Werder

Dabei hat sich Werder gerade auswärts durchaus verbessert gezeigt und häufig lange Zeit dem Gegner Paroli geboten. Anders als in früheren Jahren tritt Werder auswärts nicht mehr mit der gleichen Angriffslust an, wie im Weserstadion. Mit guter Organisation und schnellem Konterspiel will man (gerade den stärkeren) Gegnern nun beikommen. Dennoch konnte die Zahl der Gegentore nicht merklich gesenkt werden. Im Schnitt klingelte es 1,71 mal pro Spiel im Bremer Tor, was genau dem Wert der Vorsaison entspricht und nur unwesentlich unter jenem der Saison 2010/11 liegt. Häufig wird argumentiert, dass Werder auch in besten Zeiten unter Schaaf viele Gegentore kassiert habe und das Problem eher darin liegt, dass nicht mehr so viele Tore geschossen werden. Die Zahlen belegen indes, dass es seit dem Jahr 2006 einen beinahe kontinuierlichen Anstieg der Gegentore zu beobachten gab und dass Werder heute im Schnitt 0,6 Gegentore mehr pro Spiel (etwa 20 mehr pro Saison) kassiert, als zwischen 2003 und 2006. Auch in Schaafs Anfangsjahren war die Gegentorquote nie so schlecht, wie in den letzten drei Spielzeiten.

Tore und Gegentore Werder

Immerhin bei den geschossenen Toren ist wieder ein leichter Anstieg erkennbar. Trotzdem bleibt das Torverhältnis zum dritten Mal in Folge negativ, wohingegen es in den ersten elf Jahren unter Schaaf immer positiv war. Dennoch: Wenn sich in den Zahlen der abgelaufenen Hinrunde ein Fortschritt erkennen lässt, dann am ehesten hier.

Man kann nun einwenden, dass ein Vergleich der Zahlen mit den Champions League Jahren nicht unbedingt zielführend ist, um die jüngsten Veränderungen sinnvoll zu bewerten. Betrachten wir also zusätzlich die Entwicklung einiger anderer Kennzahlen im Vergleich zur Vorsaison.

Für den auffälligsten Unterschied zur Vorsaison, das verbesserte Pressing, fehlen mir die nötigen Daten (bzw. ich müsste sie mir selbst zusammen sammeln und dafür fehlen mir Zeit und Lust). Es lässt sich jedoch erkennen, dass trotz der oben erwähnten, häufiger eingesetzten Kontertaktik der Ballbesitz leicht gesteigert wurde. Letzte Saison hatte Werder 50,75% Ballbesitz, in dieser Saison waren es durchschnittlich 52,12%. Bei der Passquote ist hingegen kein Unterschied zu erkennen, sie liegt weiterhin bei 81,7%, womit Werder (wie auch beim Ballbesitz) in der Bundesligaspitze anzusiedeln ist. Die Bedeutung dieser Zahlen darf man allerdings durchaus anzweifeln.

Häufig wird behauptet, Werder sei nur wegen der schlechten Chancenverwertung nicht auf den internationalen Plätzen zu finden. Für einzelne Spiele mag diese Behauptung zutreffen, über die gesamte Hinrunde gesehen jedoch – rein quantitativ – nicht. Werders Chancenverwertung liegt mit 11,48% im Mittelfeld der Liga. Mit den Effizienzkönigen aus Hannover (15,69%) kann Werder zwar nicht mithalten, doch neun Teams weisen eine noch schlechtere Quote auf. Im Vergleich zum Vorjahr (9,59%) ist sogar eine Verbesserung zu erkennen. Im Gedächtnis bleiben jedoch die zehn Aluminiumtreffer, die einen Ligahöchstwert bedeuten und somit eine gewisse Tragik in diese Statistik bringen: Werders Chancenverwertung ist nicht schlecht, sie könnte aber noch ein ganzes Stück besser sein.

Ein interessanter Aspekt ist auch die Chancenverwertung von Werders Gegnern. Nur zwei Teams haben mehr Gegentore kassiert als Werder, doch nur vier Mannschaften ließen weniger gegnerische Chancen zu. Hieraus kann man entweder schließen, dass die Gegner in den Spielen gegen Werder vor dem Tor besonders viel Glück hatten, oder dass Werder verhältnismäßig viele qualitativ hochwertige Chancen zulässt.

Letztlich waren die “weichen” Faktoren für Schaaf und Werder in dieser Hinrunde vermutlich wichtiger, als die doch eher ernüchternden Zahlen. Die junge Mannschaft hat es zu Saisonbeginn geschafft, die allgemein schlechte Stimmung in Zuversicht zu verwandeln und der Systemwechsel nahm ein Stück weit den Druck von Thomas Schaaf. Neben dem verbesserten Pressing war das Flügelspiel ein belebendes Element in Werders Spiel. Warum dies (noch?) nicht zu einem besseren Ergebnis geführt hat, werde ich versuchen in den nächsten beiden Beiträgen zu ergründen.

Die Hinrundenbilanz:

Teil 1: Werders Hinrunde in Zahlen
Teil 2: Mit neuem System zu neuen Höhen?
Teil 3: Zeugnisausgabe – Die Einzelkritik