Schlagwort-Archiv: 21. Spieltag

21. Spieltag: Der Guardiola der Ukraine

Werder Bremen – FC Augsburg 3:2 (3:1)

Vor nicht allzu langer Zeit wäre Werder selbst zuhause als Außenseiter in das Spiel gegen den FC Augsburg gegangen. Nach der jüngsten Erfolgsserie durfte sich Werder aber auch gegen das Überraschungsteam (kann man es überhaupt noch so nennen?) der Saison gute Chancen ausrechnen.

Pressing und Umschaltspiel auf hohem Niveau

 

Augsburg spielte zwar auf dem Papier ein 4-1-4-1, das durch Hojbergs tiefe und Altintops hohe Positionierung im Aufbau jedoch eher zum 4-2-3-1 wurde. Werder presste im inzwischen bekannten 4-3-3, wobei sich die beiden Stürmer auf Augsburgs Innenverteidiger und Bartels auf den einrückenden Sechser konzentrierten. Anders als etwa gegen Hertha und Hoffenheim wurde der gegnerische Torwart nicht angelaufen. Manninger wurden lediglich alle Anspielstationen genommen. Die zweite Dreierreihe postierte sich erst ein gutes Stück dahinter auf Höhe der Mittellinie, sodass es zwar einen recht großen Raum hinter zwischen den beiden Linien gab, in den der Torwart jedoch selten per Flachpass kam, sondern lange Bälle schlagen musste, die im Seitenaus oder auf Vestergaards Kopf landeten. So zogen sich die Augsburger Innenverteidiger nach einer Viertelstunde im Aufbau extrem weit zurück und standen nur noch fünf Meter vor der Torauslinie, um Anspielstationen für den sichtlich überforderten Manninger zu schaffen, was nur selten gelang.

Viktor Skripnik wird nicht zuletzt dafür gelobt, dass Werder unter seiner Führung spielerisch enorme Fortschritte gemacht hat. Doch auch im Umschaltspiel hat sein Team in den letzten Monaten eine gute Entwicklung genommen. Nach der Balleroberung geht es häufig mit geradlinigem Passspiel direkt nach vorne. Die vorderen drei Spieler harmonieren dabei enorm gut, unabhängig von der Zusammensetzung. Bartels ist im Aufspüren von Räumen zwischen den Linien herausragend. Mit Selke und Di Santo hatte Werder zudem auch häufig Abnehmer für lange Vertikalpässe in die Schnittstellen der Viererkette. Leider wurden die Konter diesmal nicht so konsequent zu Ende gespielt, wie in den Spielen zuvor, sodass Werder zu weniger klaren Torchancen kam, als im Spielverlauf möglich gewesen wären.

Schwache Augsburger, gute Standards

Der Erfolg kam somit wieder einmal über die eigenen Standardsituationen. Zwei Kopfballtore nach Freistößen von Junuzovic sowie ein Elfmetertor von Di Santo reichten letztlich für den Sieg. Eine Schwächephase der Augsburger nach dem Seitenwechsel nutzte Werder leider nicht zur vorzeitigen Entscheidung, sodass es am Ende sogar noch einmal eng wurde. Aufgrund der Chancenverteilung war dies unnötig. Augsburg brachte offensiv wenig zustande, kam in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus nur zu einem Fernschuss durch Bobadilla. Werder war spielerisch und auch taktisch überlegen, überzeugte auch jenseits der ersten Pressinglinie in der Arbeit gegen den Ball. Eröffnete Augsburg über die Außen, schob der Spieler auf der ballnahen Halbposition sofort auf den Flügel und das Team rückte konsequent nach. Versuchte es Augsburg durchs Zentrum auf die zurückfallenden Ji oder Altintop, rückten Werders Innenverteidger aggressiv heraus. Dies war zwar etwas riskant, wurde aber selten gefährlich, da Augsburg den Ball nicht in den Raum dahinter bekam – nicht zuletzt, weil Vestergaard und Lukimya mit ihrem Herausrücken häufig den Ball gewannen.

Werder Bremens Pressing im 4-3-3 gegen den FC Augsburg

Kam der Ball tatsächlich einmal in die markierte Zone, spielten Werders Stürmer gutes Rückwärtspressing

So gut Werder taktisch auf den Gegner eingestellt war, so schwach präsentierte sich Augsburg im Weserstadion. Daniel Baier mühte sich in der Zentrale darum, das Spiel seines Teams zu ordnen, doch letztlich war Augsburg auf allen Offensivpositionen unterlegen. Selassie hatte Werner gut im Griff und Garcia war gegen das Kraftpaket Bobadilla die passende Wahl hinten links. Auch sonst erwiesen sich Skripniks Personalentscheidungen als richtig. Gálvez-Vertreter Lukimya machte ein weitgehend fehlerfreies Spiel, brachte seine Stärken gut ein und traf zum 1:0. Felix Kroos lieferte als Sechser ebenfalls eine starke Partie ab, vielleicht sogar seine beste der Saison.

Momentaufnahme mit Potential

Mit dem Sieg gegen Augsburg ist das Thema Klassenerhalt endgültig abgeschlossen. Die Europa League ist nicht mehr nur ein Hirngespinst irgendwelcher Überoptimisten, sondern ein durchaus realistisches – wenn auch nicht das wahrscheinlichste – Szenario. Skripnik und seinem Team gelingt es immer besser, Werders Spieler auf den Gegner einzustellen, Schwachpunkte und Schwächephasen auszunutzen und eigene Spielfreude mit taktischer Disziplin zu verbinden. Die aktuelle Serie von fünf Siegen in Folge muss man zwar realistisch einschätzen (vier Heimspiele, teils formschwache Gegner), doch ist sie kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis akribischer und durchdachter Arbeit.

“Wir haben als Trainerteam nicht so viel Erfahrung gehabt in der Bundesliga, aber jetzt wissen wir, wo es langgeht.”

- Viktor Skripnik, nach der Niederlage in Gladbach, vor fünf Siegen in Folge

In den nächsten Wochen warten nun noch härtere Brocken auf Werder. Auf Schalke hat man die Gelegenheit, ganz dicht an die internationalen Plätze heranzurücken. Die Schalker sind unter Di Matteo nicht unbedingt durch attraktiven oder spielerisch hochwertigen Fußball aufgefallen. In der Defensivorganisation hat die Mannschaft jedoch große Fortschritte gemacht und ist, bis auf die unglückliche Niederlage in Frankfurt, erfolgreich in die Rückrunde gestartet. Für Werder könnte es ungeachtet der phänomenalen Heimbilanz unter Skripnik ein Vorteil sein, gegen Schalke auswärts anzutreten. Zum einen muss Werder nicht das Spiel machen und kann das Risiko minimieren, in Schalker Gegenstöße zu laufen. Zum anderen liegt Schalke die Spielgestaltung nicht unbedingt. Je nach Ausgang des Champions League Spiels gegen Real Madrid könnten auch die nicht für ihre große Geduld bekannten Schalker Fans ein Faktor werden, wenn Werder lange das 0:0 hält oder in Führung geht.

21. Spieltag: Gerechter Obraniak

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 1:1 (0:1)

“Das ist doch nur ein Spiel!” gehört (…) zum Verlogensten, was man im Stadion hören kann. Nur “Möge die bessere Mannschaft gewinnen” ist noch schlimmer. Wer so etwas sagt, will sich vernünftig verlieben, geschützt vor der Möglichkeit der Enttäuschung. Das ist die Angst davor, sich dem Schicksal auszuliefern, und der Irrglaube, dass man das vermeiden kann, und natürlich ist das falsch, ganz falsch! Denn es muss heißen: Möge meine Mannschaft gewinnen! Und spiele sie noch so schlecht. Sei sie noch so unfähig und hölzern, inkompetent und von allen guten Geistern verlassen. Bitte, wenn es da oben einen gerechten Gott gibt, lass mein Team in diesem Kampf des Guten gegen das Böse gewinnen.

- Christoph Biermann, “Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen”

Das Buch, aus dem dieses Zitat stammt, ist nun fast 20 Jahre alt. Das Werder Bremen der Saison 2013/14 im Allgemeinen und Assani Lukimya im Speziellen kann Biermann also nicht im Sinn gehabt haben. Doch selten schien mir diese universelle Fußballweisheit so passend, wie in der aktuellen Situation.

Ich habe das Spiel gegen Gladbach nicht gesehen, aber nichts, was ich in diesen 90 Minuten Bundesligafußball verpasst habe, hätte den Moment relativieren können, als mir Ludovic Obraniaks Ausgleichstor auf dem Handy angezeigt wurde. Ein Punkt gegen Gladbach, ein gefühlter Sieg, egal wie verdient oder unverdient er gewesen sein mag. Ein Moment, der einen Wendepunkt in dieser Rückrunde bedeuten kann. Der dem gebeutelten Team und seinem Trainer einen entscheidenden Schub für die Moral geben kann. Für die folgenden direkten Duelle um den Klassenerhalt.

Wir haben noch nichts erreicht, aber wir sind wieder dabei.

 

Wenigstens Pizarro

FSV Mainz 05 – Werder Bremen 1:1

Ok, fassen wir die positiven Dinge mal zusammen: Werder hat bei einer Spitzenmannschaft einen Auswärtspunkt geholt. Werder hat nach einer halben Ewigkeit mal wieder ein Auswärtstor geschossen. Durch den späten Zeitpunkt ist das 1:1 in Mainz ein gefühlter Sieg, der dem Team moralischen Auftrieb geben kann.

Glücklicher Punkt, überlegener Gegner

Da hört es bei mir aber schon auf. Hatten wir das nicht erst gerade? Gegen Hoffenheim? Ein Last-Minute-Tor der Hoffnung? Es folgte die Nicht-Leistung gegen Köln. Nehmen wir trotzdem mal an, dass Werder ein wenig optimistischer und selbstbewusster an die nächsten Spiele (allesamt gegen Kandidaten fürs internationale Geschäft… oh, und gegen den HSV) herangeht. Was kann das Team aus dem Spiel überhaupt mitnehmen? Dass man über 75 Minuten keinen Weg gefunden hat, sich eine Torchance zu erspielen? Dass der eigene Gameplan nach 15 Minuten nicht mehr funktionierte und man nicht in der Lage war zu reagieren? Dass die Standards wieder so aussahen, als ob sie seit 1987 nicht mehr geübt wurden?

Auch zwei Tage nach dem Spiel fällt es mir schwer, dem Spiel in Mainz etwas Positives abzugewinnen. Direkt nach dem Abpfiff habe ich mich noch über den unverdienten Punkt gefreut, doch dieses Gefühl ließ schnell nach. Seien wir ehrlich, in neun von zehn Fällen verliert Werder dieses Spiel. Den Kampfgeist, den das Team in der Schlussphase gezeigt hat, sehe ich durchaus positiv. Was mich viel mehr beunruhigt ist die Tatsache, dass Werder es trotzdem nicht geschafft hat, auch nur einen nennenswerten Angriff aufzuziehen. Das Tor haben wir einer guten Portion Glück und schließlich einer genialen Aktion von Claudio Pizarro zu verdanken.

Spielerisches Armutszeugnis

Auswärts ist Werder dieses Jahr nicht in der Lage, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen. Wie das Kaninchen vor der Schlange wartet man in der eigenen Hälfte und hofft, den Raum dort für den Gegner einigermaßen eng zu machen und Fehler zu vermeiden, was selten genug gelingt. Auf Pressing wird außerhalb des Weserstadions inzwischen ganz verzichtet. Einerseits habe ich Verständnis für diese Herangehensweise, doch andererseits muss man dann anders mit Ballgewinnen umgehen. Hier kann man sich gerne mal bei unserem nächsten Gegner Hannover 96 ein bisschen was abschauen. Werder hatte gegen Mainz eine Strategie, die 15 Minuten lang ganz gut aufging: Den Ball nach dessen Eroberung schnell auf Hunt und von dort in die Spitze spielen. Was erfolgsversprechend aussah, erkannten die Mainzer recht schnell und stellten sich nach einer Viertelstunde darauf ein und die Passwege auf Hunt zu.

Darauf fiel den Bremern keine Antwort ein. Sie hielten das Mittelfeld schmal und so neutralisierten sich beide Rauten im Zentrum über weite Strecken, was den Mainzern sehr recht war, weil sie a) wesentlich ballsicherer waren und b) von den Bremer Außenverteidigern Pasanen und Silvestre wenig Gefahr über die Flügel ausging. Fritz und Bargfrede auf den Halbpositionen, die mir gegen die Bayern beide gut gefallen haben, empfand ich gegen Mainz als viel zu passiv. Schnelles Spiel in die Spitze fand nicht mehr statt, weil Werder genügend Probleme hatte, den Ball überhaupt mal kontrolliert in den eigenen Reihen zu halten. Der Spielaufbau krankt inzwischen ganz gewaltig.

Sinnvolle Umstellungen, wenig Veränderung

Thomas Schaaf reagierte in der Pause, brachte mit Arnautovic für Pasanen einen weiteren Stürmer, zog Fritz auf die Rechtsverteidigerposition und Hunt ins linke Mittelfeld. Marin übernahm dafür die Position hinter den Spitzen. Auch wenn ich Marin nicht für einen Spielmacher halte, fand ich alle Umstellungen nachvollziehbar, nur: sie blieben wirkungslos. Werder spielte ähnlich pomadig weiter und kam nur durch die erste gelungene Einzelaktion von Marin seit (gefühlt) Monaten zu einem Torabschluss. Ich empfand es als positiv, dass Schaaf nicht die erwarteten Wechsel (mit Avdic und Wagner das Sturmzentrum voll packen) vollzogen hat, sondern der Jugend eine Chance gab und Frings aus dem Spiel nahm. Den erhofften spielerischen Aufschwung brachten zwar auch dieser Doppelwechsel nicht, doch immerhin schien es mir ein richtiges Zeichen zu sein.

Zeichen setzte auch wieder Sebastian Mielitz, der eine insgesamt gute Leistung ablieferte. Zwei Punkte gab es auch in diesem Spiel, die mich in meiner Meinung bestätigten, dass er unsere Nummer 1 sein sollte: Bei einem Mainzer Angriff in der 2. Halbzeit verschätzte er sich beim Herauslaufen und kam nicht vor dem Stürmer an den Ball. Im letzten Moment zog er jedoch zurück und vermied den Kontakt. Zwar war diese Aktion nicht ohne Risiko, doch der Mainzer (Allagui?) hatte einen spitzen Winkel und in der Mitte konnte ein Verteidiger retten. Wer wettet dagegen, dass Wiese in dieser Situation entweder voll durchgezogen hätte (=Elfmeter) oder gleich auf der Linie geblieben wäre und dann eine Superreflex benötigt hätte, um den Schuss des freien Spielers zu halten? Der zweite Punkt war das Ausgleichstor, das Mielitz mit einem langen Ball einleitete. Ok, den langen Hafer beherrscht Wiese auch, aber ein fußballerisch weniger limitierter Torhüter erhöht doch die Wahrscheinlichkeit, dass solche Bälle auch tatsächlich bei einem Mitspieler landen und nicht (wie so häufig bei Wiese) in der Pampa. Zwei kleine Punkte, zugegeben, aber sie schärfen das Bild.

Was mich etwas irritierte war das Verhalten unserer Innenverteidiger, die sehr häufig ihre Position verließen und mit ihren Gegenspielern mitliefen. Auffällig war besonders, dass Mertesacker auch immer wieder den Mainzer Spielmacher Holtby bei der Ballannahme unter Druck setzte und dafür 10-15 Meter nach vorne sprintete. War das die Folge einer mangelnden Absicherung durch Frings (der Holtbys direkter Gegenspieler war) oder eine angeordnete taktische Variation? Hochriskant in jedem Fall, wie man unter anderem beim Gegentor bewundern konnte. Da Pasanen erst nicht auf Abseits spielte und dann einfach stehen blieb, konnten die Mainzer das Loch in der Bremer Innenverteidigung zum 1:0 ausnutzen.

Fazit

Das Spiel verdeutlichte die neuen Kräfteverhältnisse in der Bundesliga und es dürfte nicht das letzte Spiel gegen eine Mannschaft gewesen sein, deren Höhenflug wir noch im Herbst etwas belächelten, die sich jedoch über die gesamte Saison als spielerisch überlegen erwiesen hat. Im Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag kann sich der von Werder gezeigte Kampfgeist noch als nützlich erweisen. Mit etwas mehr spielerischer Klasse könnte man ihn jedoch gleich ganz vermeiden.

21. Spieltag: Jinx

Werder Bremen – Hertha BSC 2:1

Vor gut 2 1/2 Monaten schrieb ich euphorisiert von Werders 6:0 in Freiburg folgendes:

“Ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!”

Wie dumm von mir! Als Fan lernt man über die Jahre, dass solch eine Aussage einfach nicht unbestraft bleibt. Außer man ist Fan des FC Bayern. Ich fühle mich daher schon mehr als nur ein wenig mitschuldig, dass Werders tolle Serie aus dem Herbst so jäh beendet wurde und es stattdessen bis zum Freitag gedauert hat, bis Werder den nächsten Sieg einfahren konnte. Im Baseball gibt es dafür sogar eine eigene Bezeichnung: jinx. Ein jinx ist ist eine Art Fluch, der durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden kann. Es gibt inzwischen ein ganzes Regelwerk für Spieler, die einen jinx vermeiden wollen. Die wichtigste Regel dabei ist: Spreche niemals über die Serie! Im Baseball ist damit die Serie eines Pitchers an No-Hittern gemeint, aber es lässt sich relativ leicht auf andere Sportarten übertragen. Wäre ich Amerikaner hätte es nach meiner Aussage vermutlich keine drei Sekunden gedauert, bis mir jemand zugerufen hätte: “Don’t jinx it!”

Auch in Deutschland hat mir jemand etwas ähnliches zugerufen, nämlich meine Freundin. Dummerweise habe ich nicht auf sie gehört und den schlimmsten Fehler begangen, den man in meiner Situation machen kann: Ich habe meine Aussage nicht etwa zurückgenommen oder relativiert, sondern ihren Einwand als Quatsch abgetan. Ich habe die Existenz des jinx verneint! Wenn es etwas gibt, das den Fluch sogar noch verstärkt, dann ist es, die Existenz des jinx zu leugnen! “There is no such thing as a jinx”, ist daher die dümmste Äußerung, die ein Sportfan in den USA von sich geben kann. Ein absoluter rookie mistake, den sich bestenfalls sportuninteressierte Nerds leisten, die zum ersten Mal eine Sports Bar besuchen und dann von allen Seiten beschimpft werden. Wenn es also einen Schuldigen für Werders elfwöchige Serie ohne Bundesligasieg gibt, dann ist es nicht der Trainer, dann ist es nicht die Mannschaft, sondern dann bin ich es!

Nun stellt sich aber die Frage, wer “Schuld” daran trägt, das Werder am Freitag zumindest vorübergehend zurück in die Erfolgsspur gefunden hat. Andersherum funktioniert der jinx nämlich nicht, auch wenn eine pessimistische Grundeinstellung bis zum sicheren Sieg die Gefahr eines jinx minimiert. Es muss sich also tatsächlich etwas verändert haben in Werders Mannschaft. Bloß was? Häufig sind die Änderungen nicht von außen erkennbar. Es werden vermeintliche Kleinigkeiten geändert, die auf dem Platz eine große Wirkung erzielen. Manchmal sind es aber auch ganz offensichtliche Dinge. Am Freitag waren die personellen Umstellungen in der Mannschaft deutlich: Für den in Gladbach überforderten Abdennour kam Perti Pasanen in die Startelf und im Mittelfeld ersetzte Peter Niemeyer Tim Borowski. Es blieb jedoch nicht nur bei den personellen Umstellungen, auch die Formation auf dem Platz war eine andere. Wer Thomas Schaaf auf die “Raute” im Mittelfeld anspricht, erntet zumeist nur ein müdes Lächeln, ihm sind diese Standardfloskeln ein Dorn im Auge. Viel wichtiger als die Grundformation sind ohnehin die Bewegungen der Spieler in unterschiedlichen Spielsituationen. Gegen die Hertha waren aber deutliche Umstellungen erkennbar, wie ein Blick auf die Durschnittspositionen während des Spiels zeigt.

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Hertha (Durchschnittliche Positionen)

Auf dem oberen Bild ist Werders Mannschaft im Spiel gegen Gladbach zu sehen, auf dem unteren im Spiel gegen Hertha. Was fällt auf? Die Abwehrkette stand beim Heimspiel gegen den Tabellenletzten deutlich tiefer als noch eine Woche zuvor. Am auffälligsten zeigt sich dies bei Per Mertesacker – der gegen Berlin in der ersten Halbzeit fast einen Libero abgab – und bei Petri Pasanen. Eine tiefer stehende Viererkette bedeutet aber auch mehr Raum für den Gegner im Mittelfeld. Während im oberen Bild eine deutliche Raute erkennbar ist (das ist bei Werder längst nicht immer so, weil die Spieler ihre Positionen immer wieder tauschen), sieht man im unteren Bild zwei defensive Mittelfeldspieler im Zentrum. Niemeyer fiel weder durch große Passgenauigkeit, noch durch außergewöhnliche Zweikampfstärke auf, doch er machte in taktischer Hinsicht vieles richtig. Bei Ballverlusten dauerte es keine zwei Sekunden, bis er sich neben Frings eingefunden hatte. Zusammen machten die beiden viele Gegenangriffe der Hertha zunichte, bevor sie auf die sichtlich bemühte, aber verunsichert wirkende Abwehrkette zurollen konnten. Borowski hatte in den Wochen zuvor als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive immer wieder enttäuscht, konnte weder Frings im Zentrum wirklich unterstützen, noch für Impulse im Angriffsspiel sorgen. Die Variante mit Niemeyer scheint bis auf weiteres die stabilere zu sein.

Während man defensiv deutlich mehr Augenmerk auf das Verhindern von Kontergelegenheiten legte, blieb in der Offensive alles beim Alten. Hunt mit ungeheuer viel Laufarbeit, Marin wirbelt und Pizarro sorgt für die entscheidenden Tore (wenn man denn hinten die Bude nicht voll bekommt). Man konnte auch ganz deutlich sehen, wie sehr man sich an Pizarros Torriecher gewöhnt hat. Als er die ersten drei dicken Torchancen gegen den Berliner Schlussmann Drobny liegenließ, wollte man es gar nicht so recht glauben. Der Sieg ging deshalb völlig in Ordnung. Hertha hatte trotz ordentlichen Spiels über die gesamten 90 Minuten kaum Torchancen, benötigte für den zwischenzeitlichen Ausgleich die Mithilfe von Tim Wiese. Den Ärger über die wohl ungerechtfertigte Abseitsentscheidung in der ersten Hälfte kann ich zwar verstehen, aber als spielentscheidende Szene kann man es wohl kaum bezeichnen. Das Sorgenkind auf Bremer Seite heißt leider weiterhin Mesut Özil. Er scheint so sehr mit dem Kampf gegen sein Phlegma beschäftigt, dass er der Mannschaft nicht so richtig weiterhelfen kann. Ich glaube aber erkannt zu haben, dass er diesen Kampf endlich annimmt und ihn auch gewinnen wird.

Ist etwa doch noch etwas drin in dieser Bundesligasaison? Dortmund und unsere Freunde aus Stellingen sind uns freundlicherweise etwas entgegen gekommen. Wenn nun noch Frings die einfachen Fehlpässe im Aufbau abstellen kann, die Abwehrkette ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt und auch noch Özil zurück zu seiner Form findet, dann, ja dann! I don’t wanna jinx it, but… aber so fangen eigentlich auch nur ziemlich dumme Sätze an.

21. Spieltag: Fußball am Morgen schafft Kummer und Sorgen

Cottbus – Werder 2:1

Ich bin derzeit in den USA, wie aufmerksame Leser wahrscheinlich bereits festgestellt haben. In Minnesota genauer gesagt. Neben 7 Stunden Zeitunterschied bedeutet das auch, dass ich die Spieler unserer kriselnden Lieblingsmannschaft nicht live im Fernsehen sehen kann, sondern nur über Live-Streams im Internet. Das Problem dabei ist, neben der teils schlechten Bild- und Tonqualität, vor allem die Unzuverlässigkeit. Es lässt sich nie mit Sicherheit im Voraus sagen, ob man ein Spiel nun sehen kann oder nicht.

Dank der Zeitverschiebung finden die Samstagsspiele für mich nun um 8:30 morgens statt. Im Moment kommt mir mein Jetlag noch zugute, aber bald schon wird es wieder eine Qual sein, samstags um 7:30 aufzustehen und dann mit Frühstücksmüsli in der Hand und Schlaf in den Augen auf einen 10×10 cm großen Bildausschnitt zu starren, in der Hoffnung, dass sich die Pixel zu einer flüssigen Bilderfolge zusammentun mögen. 15 Minuten nach Anpfiff hatte ich gestern endlich einen funktionierenden Stream, der leider (oder Gott sei dank!) den Ton aus dem Cottbuser "Stadion der Freundschaft" (ein Treppenwitz der Fußballgeschichte) nicht mittransportierte.

Vorher konnte ich über einen anderen Stream wenigstens die Bundesligakonferenz sehen, bei der Cottbus – Werder erwartungsgemäß keine große Rolle spielte. Viel verpasst habe ich dabei wohl nicht. Es klappt momentan einfach gar nichts, die Verunsicherung  der Mannschaft ist so tiefgreifend, dass kleine Erfolgserlebnisse, wie etwa eine glückliche Führung gegen Cottbus, nicht mehr stabilisierend wirken. Wie gegen Gladbach war die Führung schon nach wenigen Minuten wieder verspielt und nur durch etwas Glück lag Werder eine Minute später nicht schon im Rückstand. Auch wenn Werder danach durchaus noch Chancen hatte, das Spiel zu gewinnen, war das 1:2 in der letzten Minute ein Nackenschlag mit Ansage.

Man kann der Mannschaft ja nicht vorwerfen, dass sie nicht will. Das war höchstens gegen Bielefeld so. Ansonsten stimmte bei den Spielen zumindest der Einsatz. Gegen Gladbach und Milan betrieb man extrem viel Aufwand und wurde dafür nicht belohnt. In der jetztigen Situation scheint es keine Rolle mehr zu spielen, ob Werder ein Offensivfeuerwerk abbrennt, wie gegen Gladbach, mit Kampf dagegenhält, wie auf Schalke oder uninspiriert lange Bälle nach vorne schlägt, wie gegen Cottbus. Am Ende sieht das Ergebnis immer gleich aus. Gegen Gladbach hätte es einen Kantersieg geben können, gegen Milan eine gloreiche Europapokalnacht, gegen Cottbus wenigstens einen "Arbeitssieg". Gab es aber nicht.

Die altbekannten Probleme (Disziplinlosigkeit, Führungslosigkeit auf dem Platz) taugen nur bedingt als Erklärung. Es sollte für Bundesligaspieler möglich sein, ihre Aktionen zumindest halbwegs mit denen ihrer Nebenleute abzustimmen. Bei Werder fehlt diese Koordination gerade völlig. Bei Standards werden die Zuordnungen nicht eingehalten, bei Ballverlusten dauert es zu lange, bis sich die Mannschaft verschiebt um die Gefahr zu unterbinden. Im Angriff passen die Laufwege oft nicht. Man spricht immer von den "Mechanismen", die in einer Krise greifen. "Wenn man hinten drin steht, will der Ball eben nicht ins Tor." Oder auch: "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß" (nicht wahr, Herr Fritz?). Alles schon tausendmal gehört und gesehen. Genaso wie Mannschaften, die eine solche Krise überwinden und plötzlich wieder befreit aufspielen. Die Frage ist, ob Werder es schafft, sich irgendwie selbst aus dem Dreck zu ziehen, bevor plötzlich die Bielefelds, Bochums und Cottbusse von hinten anklopfen.

Mein Live-Stream hat letztendlich bis zum Abpfiff durchgehalten. Eigentlich ist nach so einem Ergebnis der ganze Tag für mich gelaufen. Dummerweise hatte ich nach Spielende noch den ganzen Samstag vor mir. Fußball am Morgen ist einfach nicht mein Ding.