Schlagwort-Archiv: 26. Spieltag

Bestraft

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 1:1

Durch Unaufmerksamkeiten und schlechte Chancenverwertung hat Werder in den letzten zehn Minuten einen schon sicher geglaubten Sieg gegen Gladbach noch aus der Hand gegeben. Dantes Ausgleich in der Nachspielzeit war zugleich gerechte Strafe für die Bremer Überheblichkeit und ein weiterer Beweis für die Unberechenbarkeit des Fußballs.

Starke erste Hälfte, zu geringer Ertrag

Werder erwischte einen guten Start, kam zu klaren Torchancen durch Wagner, Bargfrede und Borowski. Gladbach stand wie erwartet tief und kam lediglich durch hohe lange Bälle in die Nähe des Bremer Strafraums, wo Idrissou meist auf verlorenem Posten stand. Werder zeigte sich kombinationsstärker als in den letzten Wochen. Der Ball lief gut durchs Mittelfeld, Wagner gewinnt langsam an Ballsicherheit dazu und Pizarros großer Aktionsradius machte den Gästen sichtlich zu schaffen. Es dauerte dennoch bis zur 39. Minute bis Werders Überlegenheit belohnt wurde. Sandro Wagner traf zum zweiten Mal in Folge und das durchaus sehenswert. Pizarros Flanke erwischte er mit dem Kopf und nickte den Ball präzise neben den Pfosten. Der ansonsten starke Bailly im Gladbacher Tor war chancenlos.

Kurz vor der Pause knallte Borowskis Schuss an die Unterkante der Latte und von dort knapp vor die Torlinie, so dass es mit einer hochverdienten, aber zu geringen Führung für Werder in die Kabine ging. Gladbach hatte bis dahin keine einzige Torchance. Die beste Gelegenheit machte man sich selbst zunichte, als man einen ambitionierten Freistoßtrick versuchte, statt den Ball aus etwa 20 Metern direkt auf Tim Wieses Tor zu bringen.

Werders Wechsel kippen das Spiel

Werders Mittelfeldraute läuft so langsam wieder zu guter Form auf. Hier machte es sich bezahlt, dass Schaaf an seinem bewährten Personal festhielt. Borowski und Bargfrede können das Spiel von den Halbpositionen schnell machen und auch selbst mit in die Spitze aufrücken. Trinks ist noch kein echter Spielmacher, aber er erfüllt seine taktischen Aufgaben exzellent. Bei Ballbesitz Werder ließ er sich häufig ein Stück zurückfallen, um Lücken in Gladbachs Dreiermittelfeld zu reißen, in die Borowski und Bargfrede dann vorstoßen konnten. In der zweiten Halbzeit schaltete Werder jedoch früh in den Verwaltungsmodus und drängte nicht mehr konsequent auf das zweite Tor. Thomas Schaaf reagierte, indem er Marin und Arnautovic für Trinks und Wagner brachte.

Dieser Doppelwechsel veränderte Werders Spielweise deutlich. Über die beiden Neuen liefen einige gefährliche Konter, mit denen Werder das Spiel hätte entscheiden können. Erst lenkte Bailly einen guten Schuss von Marin von der Strafraumgrenze noch übers Tor, dann scheiterte Arnautovic frei vor dem Gladbacher Torwart am Außenpofsten. Der Spielfluss im Mittelfeld ging ab der 60. Minute jedoch weitgehend verloren, was auch an Marins wenig diszipliniertem Positionsspiel lag. Gladbach erhöhte langsam aber sicher den Druck, ohne jedoch zu echten Torchancen zu kommen. Erst in den letzten zehn Minuten des Spiels wurde es für Werder wirklich gefährlich. Die Ballsicherheit war weg, dem Mittelfeld fehlte die taktische Disziplin (Wesley wirkte nach seiner Verletzung noch nicht wieder auf der Höhe) und Gladbach zeigte endlich den Mut der Verzweiflung, der dem Team 80 Minuten lang gefehlt hatte. Hermann, Reus und Stranzl scheiterten noch an Wiese und ihren Nerven, doch nachdem Wesley erst den Ball vertändelte und sich dann nur mit einem Foul behelfen konnte, nutzte der Tabellenletzte die letzte Chance der Partie und traf noch zum nicht wirklich verdienten, aber aufgrund der Schlussphase folgerichtigen Ausgleich.

Trotz kalter Dusche: Positive Entwicklung überwiegt

Beschweren können sich die Bremer nach dem ärgerlichen Punktverlust nicht. Die Chancenverwertung war mangelhaft und das nachlassende Bemühen um Spielkontrolle trug dazu bei, den Gegner in der Schlussphase doch noch ins Spiel finden zu lassen. Nachdem man zuletzt einige Male selbst in den letzten Minuten noch getroffen und sich wichtige Punkte gesichert hatte, ist es diesmal andersherum gelaufen. Fast so, als wollte dieses Spiel alle Klischees noch einmal bestätigen.

Den großen Befreiungsschlag hat Werder trotz des Sprungs auf Platz 12 erst einmal verpasst. Nächste Woche geht es gegen den 1. FC Nürnberg, das Team der Stunde. Vor ein paar Wochen wären wir dort noch chancenlos gewesen, doch die neue Stabilität im Mittelfeld macht Hoffnung, dass auch in Nürnberg etwas drin ist. Einen Grund etwas an der Startaufstellung zu verändern gibt es nach dem Spiel gestern nicht. Werder und Schaaf scheinen endlich eine Grundformation für das letzte Saisondrittel gefunden zu haben. Allein das ist schon viel wert.

Lebenszeichen

Da ich seit nunmehr zehn Tagen mein Wohnzimmer renoviere (morgen dürfte es dann fertig werden), war es in der letzten Zeit sehr ruhig hier. Von Werders Spiel in Freiburg habe ich bis auf ein paar Höhepunkte noch immer nichts gesehen und konnte so auch nicht viel sinnvolles dazu schreiben. In der aktuellen Situation wird jedes Positivereignis gerne mitgenommen, auch der traditionelle Sieg in Freiburg. Für mich war dies das letzte Spiel in dieser Saison, in dem man nicht unbedingt punkten musste. Sieben der bisherigen acht Spiele der Rückrunde waren gegen Mannschaften der oberen Tabellenhälfte. Köln ist mit seiner neuen Heimstärke auf bestem Wege aus der Abstiegsgefahr.

Nun geht es noch gegen sieben direkte Konkurrenten um den Klassenerhalt, darunter auch alle vier Teams, die derzeit hinter Werder stehen. Gegen Gladbach hat man zum ersten Mal die Möglichkeit, sich im direkten Duell ein Stück weit abzusetzen. Gleiches gilt auch für die kommenden Heimspiele gegen Stuttgart, Schalke und Wolfsburg sowie die Auswärtsspiele in Frankfurt und St. Pauli. Wenn man den leichten Aufwärtstrend bestätigen kann, können die Punktgewinne gegen Leverkusen, Hannover und Mainz noch Gold wert sein und Werder muss doch nicht bis zum letzten Spiel in Kaiserslautern zittern.

Doch nun geht’s erst mal gegen den Tabellenletzten Gladbach. Auf Einladung von ZEIT ONLINE darf ich heute mal wieder ins Stadion und meine Gedanken zum Spiel live auf @zeitonlinesport twittern. Falls ihr Lust habt mir dort zu folgen – ich würde mich freuen!

Der ganz normale Wahnsinn

Valencia C.F. – Werder Bremen 1:1

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 0:1

Werder Bremen – Valencia C.F. 4:4

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Was haben sich die feinen Herren eigentlich dabei gedacht, als sie am 4. Februar 1899 diesen Wahnsinnsverein gründeten? Schlaflose Nächte, graue Haare, Bluthochdruck, Herzrasen, unkontrolliertes Muskelzucken, Heiserkeit – ich hätte mich wirklich vorher über die Nebenwirkungen informieren sollen, bevor ich Werderfan wurde. Was ich in den letzten Tagen durchgemacht habe, lässt sich nur noch mit football in a nutshell beschreieben. Die Nussschale ist dabei das Weserstadion, das mal wieder Zeuge eines Fußballspiels wurde, das nur am entfernt mit diesem Sport verwandt zu sein schien.

Los ging es eine Woche vorher in Valencia. Ein Wahnsinnsspiel. Werder bekommt einen Elfmeter geschenkt und steuert auf ein gutes Auswärtsergebnis zu. Valencia fährt wütende Angriffe, Werder kontert mitunter gefährlich. Dann gibt es eine rote Karte für eine Tätlichkeit abseits der Kameras. In der Folge spielt Werder in Überzahl und Valencia mit der Leidenschaft eines verliebten Teenagers und der Vehemenz eines angriffslustigen Stiers. Die Bremer verlieren die Bälle nach spätestens drei Stationen wieder, bekommen den Ball nur durch hohe Bälle aus der eigenen Hälfte. Die Kontergelegenheiten werden so hilflos hergeschenkt, als wüsste man nicht über die eigenen Defensivschwächen. In dieser Phase servierte man Valencia das Weiterkommen auf dem Silbertablett, doch die Spanier griffen nicht zu. Am Ende kam Werder ohne blaues Auge davon, hatte ein sehr akzeptables 1:1 im Gepäck, das man zuhause verteidigen durfte. “Verteidigen” – man hätte es da schon wissen müssen.

Am Wochenende zwischen Valencia spielte Werder gegen die ebenfalls 1899 gegründete, aber erst ein Jahrhundert später entdeckte TSG Hoffenheim. Eigentlich konnte man es sich nicht leisten, hier Kräfte zu schonen und Punkte herzuschenken. Ersteres tat man trotzdem, während man letzteres vermeiden konnte. Ein biederes, von Taktik geprägtes Spiel. Völlig untypisch für Werder. Es erinnerte ein wenig an die letzte Rückrunde, als man diese Spiele ähnlich anging, dann aber meistens nichts entgegenzusetzen hatte, wenn der Gegner ernst machte. Zum Glück machte Hoffenheim nicht ernst, spielte nur eine Handvoll Chancen heraus, die allesamt das Ziel verfehlten. So musste Tim Wiese keinen einzigen Schuss abwehren und durfte beobachten, wie Werder es in der Schlussphase besser machte. Claudio Pizarro. Wer sonst?

1:0 gewonnen, beste Auswärtsmannschaft der Liga, nun also volle Konzentration auf Valencia. Musste ja kein Spektakel werden. Auf ein 0:0 durfte man kaum hoffen (“auf ein 0:0 hoffen” ist ein Gedankengang, der den meisten Nicht-Werderfans wohl ohnehin völlig fremd sein dürfte), aber vielleicht ein schönes 2:1. Bloß nicht zu viel riskieren am Anfang. Lieber nur mit einem Stürmer auflaufen, Almeida dann als Joker rein und hoffen, dass Frings und Borowski mal ein gutes Spiel zusammen vor der Abwehr abliefern. Und bevor der Gedankengang zu Ende geführt wurde, stand es auch schon 0:1. In den folgenden 20 Minuten suchte ich unser zentrales Mittelfeld vergeblich. Der Raum vor der Abwehr war völlig verwaist, 6 Spieler ständig in des Gegners Hälfte, die anderen 4 formierten sich bei Bedarf zur Viererkette, über deren Wirkungslosigkeit man die Spieler ruhig mal aufklären dürfte, wenn eben jenes besagte defensive Mittelfeld fehlt. Hunt, Marin und Özil sind tolle Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, allerdings auch mit außergewöhnlichen Schwächen. Sobald der Ball nicht mehr in den eigenen Reihen ist, stellen sie den Spielbetrieb komplett ein, folgen Laufwegen, die so beliebig wirken, dass man Angst haben muss, sie könnten sich auf dem Spielfeld verlaufen und den Weg zurück in die Kabine nicht finden. Wie sollen die defensiven Mittelfeldspieler ihren Aufgaben im Spielaufbau nachkommen, wenn sich keiner der genannten genötigt sieht, mal ein paar Sekunden für sie abzusichern? Werder überspielte diese Fehler eine Zeit lang mit guten, aber erfolglosen Angriffen. Sah doch eigentlich ganz gut aus und noch war auch nichts verloren. Und schon stand es 0:2.

Es dauerte nur 20 Minuten bis Schaaf einsehen musste, dass mit dieser Formation heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Doch was tun? Bargfrede gesperrt, Niemeyer verletzt und eigentlich auch schon viel zu spät, um defensiv noch etwas zu retten. Nein, der Trainer ging lieber zum totalen Angriff über. Wenn schon untergehen, dann richtig! Lieber 3:6 als 0:3! Almeida kam für den bedienten Borowski, der somit gleich zweimal in diesem Spiel zum Opfer der Bremer Taktik wurde. Es dauerte keine 5 Minuten bis sich der Wechsel im Ergebnis bemerkbar machte und Almeida auf 1:2 verkürzte. Den Chancen nach war dieses Ergebnis schon zu diesem Zeitpunkt ein Hohn, doch das interessierte den Ball nicht, der bekanntermaßen nur dann ins Tor fliegt, wenn von einem der Sportskameraden dorthin befördert wird. Ein wahrer Experte in dieser Disziplin ist David Villa, der von Werder kurz vor dem Pausenbier erneut eingeladen wurde, seine Künste zu präsentieren. Den besten Platz hatte sich Mesut Özil gesichert, der aus nächster Nähe gebannt zuschaute, wie Villa Silvas Hereingabe verwertete. Überhaupt David Silva. Hatte den Bremern niemand erzählt, dass dieser kleine Mann gut mit dem Ball umgehen kann und ihn auch gerne mal seinen Mitspielern in den Lauf passt? Im Nachhinein betrachtet war es keine tolle Idee, ihn da in der Zone zwischen Mittellinie und Strafraum einfach mal machen zu lassen was er wollte. So bändigt man keinen spanischen Nationalspieler.

Der Bremer Weg schien direkt in den Untergang zu führen. Nach der Pause zeigte Werder jedoch, dass man dorthin wenigstens mit fliegenden Fahnen reiten laufen wollte. Das Bremer Stehaufmännchen kennen wir aus den entscheidenden Spielen dieser und der letzten Saison zur Genüge. Meistens wurde es belohnt. Viel fehlte dazu auch gegen Valencia nicht. Die zweite Hälfte war eine Orgie des bedingungslosen Angriffsfußballs – also eine nahtlose Fortsetzung der ersten Hälfte. Auf die 60 Meter in der Mitte des Spielfelds hätte man bei der Verlegung des neuen Rasens vor diesem Spiel getrost verzichten dürfen. Das Resultat waren wieder Torchancen im Minutentakt, doch nun fast nur noch für Werder. Im Gegensatz zur ersten Hälfte belohnte sich Werder dafür. 2:3 durch einen von Frings verwandelten Elfmeter. 3:3 durch eine Bauernfinte von Özil und Marin. Wieder einmal einen doppelten Rückstand aufgeholt, wie schon in der Liga gegen Nürnberg, Wolfsburg, Leverkusen und Stuttgart. Doch erstens reichte das an diesem Tag nicht und zweitens wartete man diesmal nicht bis in die Schlussminuten, sodass Villa aus Abseitsposition einen aus einer Bremer Ecke resultierenden Konter zum 3:4 vollenden durfte. Das durfte doch nicht wahr sein! Da hatten sich Valencias Spieler ab der 46. Minute darauf beschränkt, den Ball möglichst lange aus dem Spiel zu halten und nun das. Das war so ungerecht, so… typisch Werder!

Wer zuhause vier Tore kassiert, kann einfach nicht weiterkommen. Das geht eben nicht! Doch Werder weigerte sich beharrlich, diese bittere Wahrheit einzusehen. Die Einstellung dieser Mannschaft ist schon Wahnsinn. Was man in der Rückwärtsbewegung nicht an Metern zu laufen bereit ist, macht man in der Vorwärtsbewegung um das Dreifache wieder gut. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Sollen doch die anderen den starren Regeln der Fußballlehre folgen, wir machen lieber Spektakel. Allen voran Marko Marin, der in dieser Rückrunde der bessere Özil ist und immer effektiver wird. Unglaublich, was der Junge am Ball alles kann! Unermüdlich kurbelte er Werders Angriffe an, verlor kaum Bälle, obwohl er volles Risiko ging. Es zahlt sich nun aus, dass Schaaf ihn in der Hinrunde behutsam aufbaute und ihn selten länger als 70 Minuten spielen ließ. Bei Mesut Özil ist das Gegenteil der Fall. Ihm muss man einfach zugestehen, dass er seit 1 1/2 Jahren quasi ohne Pause in drei Wettbewerben plus A- und U21-Nationalmannschaft spielt und momentan kräftemäßig nicht mehr drin ist. Sonst wäre er womöglich der Spieler gewesen, der nach Pizarros erneutem Ausgleich den Unterschied ausgemacht hätte. Verzwiefelt rannte Werder an, den unerschütterlichen Glauben an das Fußballwunder im Gepäck. Das erlösende 5:4 wollte gegen die spanischen Bodenturner aber einfach nicht gelingen. So schied diese Mannschaft, die sich bis in die 5. Minute der Nachspielzeit nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollte, aus dem Wettbewerb aus und ließ trotzdem ein Stadion voller stolzer und glücklicher Menschen zurück.

Dieses Spiel will erstmal verdaut werden. Offensiv ist das europäische Spitzenklasse, defensiv Amateurklasse, doch diese beiden Tatsachen lassen sich nicht trennen, sie bedingen einander. Und auf Dauer gesehen verzichtet man als Fan (als Spieler sowieso) lieber auf einen Teil des Spektakels, wenn man dafür nicht immer wieder aussichtslosen Rückständen hinterher laufen muss. Die Mannschaft hat sich Respekt verdient, die Fans in Ekstase versetzt und  für einen weiteren besonderen Abend im Weserstadion gesorgt. Doch obwohl ich wirklich stolz auf diese Mannschaft bin, die mit besserer Chancenverwertung auch 5-8 Tore hätte schießen können, würde ich doch gegen ein langweiliges 0:0 und das damit verbundene Weiterkommen tauschen. Zwei Herzen schlagen uswusf.

Es dauerte nur zwei Tage, bis Werder demonstrierte, dass man wenig bis gar nichts aus dem Spiel gegen Valencia gelernt hatte und ich einsehen musste, dass mir das eigentlich ganz recht ist. Mit einer stark veränderten Mannschaft spielte Werder 45 Minuten lang Fußball zum Abgewöhnen. Der VfL Bochum war zu Gast und war nicht gewillt, den Bremern Spalier zu stehen. Prokoph nutzte eine der vielen Unachtsamkeiten in der Defensive zu einem perfekt getimeten Pass auf Werderschreck Sestak, der Wiese keine Chance ließ und das 0:1 erzielte. Eingeladen hatten zu diesem Pass Naldo und Prödl, die so schlecht sortiert standen, dass Prokoph den sich bietenden Raum einfach nutzen musste. Hinten also alles wie gewohnt. Nach vorne ging ohne Özil, Hunt und Pizarro wenig bis gar nichts. Rosenberg ist momentan einer der schlechtesten Stürmer der Bundesliga und tat auch gestern wieder einiges dafür, diesen Ruf zu untermauern. Es tut mir wirklich Leid für ihn, denn eigentlich kann er es ja viel besser, aber bei Werder hat er nun genügend Chancen verstreichen lassen und sollte zum Saisonende woanders sein Glück suchen. Auch sonst lief wenig zusammen und so gab es zur Halbzeit Pfiffe, wo die Fans zwei Tage zuvor noch elektrisiert waren.

Es war die zweite Halbzeit in der Werder dann endlich sein ganzes Repertoire zeigte. Naldo mit hohem Ball in den Strafraum, den Pizarro volley so sicher vollstreckte, wie er es bei hundertprozentigen Einschussmöglichkeiten nur selten vermag. Dann das obligatorische Einreißen des Erreichten mit dem Hintern, als man einen Konter der Bochumer in drei Zweikämpfen nicht entscheidend behindern konnte und Dedic frei vor Wiese die erneute Führung erzielte. Wir kennen das: 0:1 und 1:2 gegen Wolfsburg und Leverkusen hinten, 0:2 gegen Nürnberg und Stuttgart hinten und jedesmal am Ende noch 2:2 gespielt. Diesmal dauerte es nur zwei Minuten, bis Werder den Fehler ausbügelte. Marin mit einer großartigen Einzelaktion. Perfektes Timing, technisch eine Augenweide und endlich auch mit dem unbedingten Zug zum Tor. Wieder mal 2:2. Und diesmal sollte es endlich auch gelingen, mehr als einen Punkt aus so einem Spiel mitzunehmen. “Joker” Torsten Frings, der für den stark blutendenen Tim Borowski spät ins Spiel gekommen war, fasste sich ein Herz, knallte den Ball aus 30 Metern volley aufs Tor und profitierte von einem Bochumer Abwehrspieler, der den Schuss unhaltbar ins eigene Tor abfälschte. Richtigerweise spielte Werder die Führung dann nicht souverän über die Zeit, sondern gab Tim Wiese noch zwei Gelegenheiten, sich in höchster Not auszuzeichnen. Am Ende war es Rückkehrer Sebastian Boenisch, der den letzten Bochumer Angriff auf der Torlinie abblockte und Werder den Sieg rettete.

So schön diese unwahrscheinlichen Comebacks auch sind, so sehr sie einen an diesen Verein fesseln und so wenig ich mit dem erfolgreichen 1:0-Fußball der Schalker tauschen möchte – würde man einfach auf die katastrophalen Aussetzer verzichten, stünde Werder nun im Viertelfinale der Europa League und wäre auch in der Bundesliga noch im Kampf um die Meisterschaft vertreten. Aber man kann eben nicht alles haben. Und so bleibt das bekannte Gefühl, dieses Mittelding aus Ärger und Freude über unseren so außergewöhnlichen Verein, der mit unseren Gefühlen in einem Spiel mehr Karussel fährt, als andere Vereine mit denen ihrer Fans in einer ganzen Saison. Und mit etwas Distanz betrachtet könnte genau dies der Grund dafür sein, dass es so unglaublich geil ist, ein Werderfan zu sein.

26. Spieltag: Jimmy Hogan und ein gutes Buch

Werder – Hannover 96 4:1

Mit einem erneuten hohen Sieg im "kleinen" Nordderby hat Werder den 10. Platz in der Bundesliga gefestigt und kann am Donnerstag mit Selbstvertrauen ins Spiel gegen Udinese Calcio gehen. Zum Spiel selbst gibt es wenig zu sagen. Die erste Halbzeit war grottig, die zweite etwas besser und vor allem sehr unterhaltsam. Werder kam in der Schlussphase zu einem deutlichen Sieg, den man so 15 Minuten vor Abpfiff nicht erwarten konnte. Alles andere hab ich gestern im Live-Blog schon abgehandelt. Den restlichen Platz in diesem Post nutze ich heute lieber für eine Geschichte, die ich schon seit einigen Wochen loswerden wollte:

Ich lese gerade Inverting the Pyramid – A History of Football Tactics von Jonathan Wilson, ein wirklich sehr gutes Buch, das vor allem auch die kulturellen Zusammenhänge und Hintergründe der fußballerischen Entwicklungen beleuchtet. Da es um die "Evolution" der taktischen Aufstellung im Weltfußball geht, wird der deutsche Fußball vor den 1950ern kaum erwähnt. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht besonders viel über die Zeit vor dem "Wunder von Bern". Deutschlands Fußballgeschichte begann auch für mich mit den Worten "aus dem Hintegrund müsste Rahn schießen…", mit Sepp Herberger und Fritz Walter.

Deshalb hatte ich auch nie von Jimmy Hogan gehört. Dabei hat dieser Mann den europäischen Fußball geprägt, wie kaum ein anderer. Nachdem der irisch-stämmige gebürtige Engländer mit seiner auf Technik fokussierten Trainingsarbeit in der Heimat keine Anerkennung fand, zog es ihn um 1910 auf das europäische Festland. Zur Einordnung muss erst einmal betont werden, dass Training mit dem Ball zu jener Zeit als völlig überflüssig angesehen wurde. Die Engländer erwiesen sich als beratungsresistent und so profitierte von seinem Fachwissen neben den Österreichern, Ungarn*, Holländern und Schweizern auch die Deutschen.

Es ist nun nicht so, dass Hogan im Deutschland der 1920er mit offenen Armen empfangen wurde:

"He was initially greeted with suspicion and, when various local coaches complained about his lack of fluency in German, the German FA asked Hogan to prove himself by delivering a lecture without a translator. It began badly, as Hogan inadvertently presented himself as 'a professor of languages, not a master of football", and it got steadily worse. Attempting to stress the importance of the mind in football, he told his bemused audience that it was a game not merely of the body, but of the committee.

Faced with laughter and derision, Hogan called for a ten-minute intermission and left the stage. When he returned, he was wearing his Bolton Wanderers kit. He removed his boots and his socks and, telling his audience that three-quarters of German players could not kick the ball properly, smashed a right-footed shot barefoot into a wooden panel 15 yards away. As the ball bounced back to him he noted the value of being two-footed and let fly with another shot, this time with his left foot. This time the panel split in two."

Ich könnte wetten, im Publikum saß Peter Neururer und rief: "Das haben wir doch vor 20 Jahren schon alles gemacht." Und heute, mehr als 80 Jahre später, wird ein Podolski-Schuss übers Stadiondach noch immer damit entschuldigt, dass er nunmal kein Rechtsfuß sei.

Zu Hogans Schülern gehörte ein gewisser Helmut Schön, der 1954 Assistent von Sepp Herberger war und 1974 selbst als Bundestrainer Weltmeister wurde. In jenem Jahr starb auch Jimmy Hogan. Der damalige DFB-Präsident Hans Passlack schrieb in einem Brief an Hogans Sohn Frank, dass sein Vater der "Gründer des modernen Fußballs in Deutschland" gewesen sei. Eigentlich schade, dass dieser Gründer des modernen Fußballs nur so wenigen Fußballfans bekannt ist.

Im oben erwähnten Buch finden sich reichlich solche Anekdoten und ich kann es wirklich jedem Fußballfan empfehlen, der der englischen Sprache einigermaßen mächtig ist!

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* Von Gusztáv Sebes, Trainer der ungarischen Elf von 1954, stammt das Zitat: "Jimmy Hogan brachte uns alles bei, was wir über Fußball wissen."

26. Spieltag: Live-Blog

Da Twitter leider während des Werderspiels Wartungsarbeiten durchführt und ab 19 Uhr für eine Stunde down sein wird, gibt es heute statt Live-Tweets ein Live-Blog. Ist mir lieber als mitten in der Übertragung abzubrechen. Mit dem Hashtag #svwx könnt ihr direkt von Twitter Kommentare schreiben.

Ab ca. 16:30 geht es los.

Liga abschenken?

In letzter Zeit wurden die Werderverantwortlichen nicht müde zu betonen, dass die restlichen Ligaspiele keinesfalls abgeschenkt werden dürften. Auch wenn man mit 12 Punkten Rückstand auf Platz 5 und 10 Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz vor dem Spiel gegen Hannover im absoluten Niemandsland der Tabelle steht, sollte es mehr als ein Lippenbekenntnis sein, sich auch in den kommenden Spielen nicht hängenzulassen.

Schaut man sich Werders bisherige Punkteausbeute an, ist das Thema Abstieg – das eigentlich keines ist und auch nicht werden soll – nämlich noch nicht gegessen. In 25 Spielen holte Werder bislang 32 Punkte. Dieser Schnitt von 1,28 Punkten pro Spiel würde hochgerechnet auf 34 Spieltage zwar 43-44 Punkte und damit den sicheren Klassenerhalt bedeuten, doch der Trend der Rückrunde spricht eine andere Sprache: Nur 6 Punkte aus 8 Spielen. Wenn es so weiterläuft, hätte man nach 33 Spieltagen lediglich 38 Punkte auf dem Konto und ich möchte nur ungern sehen, dass Werder am letzten Spieltag in akuter Abstiegsgefahr zum VfL Wolfsburg fahren muss.

Ich glaube zwar nicht wirklich daran, dass dies passieren wird, doch mir wäre wirklich wohler dabei, wenn die 40 Punkte noch in diesem Monat unter Dach und Fach gebracht würden. Ein Heimspiel gegen Hannover bietet eine gute Möglichkeit, den ersten Schritt dazu zu tun. Danach kann man sich dann von mir aus voll auf die Pokalwettbewerbe konzentrieren und muss sich über leblose Auftritte wie in Dortmund vor zwei Wochen nicht mehr ärgern.