Schlagwort-Archiv: 27. Spieltag

Ein Punkt für den Klassenerhalt

FSV Mainz 05 – Werder Bremen 1:1

Werder holt einen verdienten Punkt in Mainz. Nach dem schlechtestmöglichen Start und einer zähen ersten Halbzeit waren Keeper Mielitz und ein kluger Wechsel von Schaaf die Hauptgründe dafür, dass Werder noch zum Unentschieden kam.

Spiel mit Handicap

Ein Spiel, das quasi beim Stand von 0:1 beginnt, muss anders bewertet werden, als ein normales Fußballspiel. Unter üblichen Gesichtspunkten hätte Werder mit der ersten Halbzeit durchaus zufrieden sein können: Als Schießbude der Liga auswärts beim Tabellensechsten gut gestanden und kaum Torchancen zugelassen. Wäre man mit einem 0:0 in die Pause gegangen, hätte man eine gute Basis gelegt und den Gegner unter Zugzwang gesetzt. Durch den schlimmen Fehler von Lukimya direkt nach dem Anstoß war es aber eigentlich Werder, das eine Reaktion zeigen und das Heft in die Hand nehmen musste. Daher kann man die restliche erste Halbzeit bestenfalls als solide bezeichnen und sich darüber freuen, dass Werder nach dem Rückstand nicht auseinander brach.

Beide Teams neutralisierten sich auf taktisch gutem, spielerisch eher mäßigem Niveau. Werders Doppelsechs, in der Bargfrede sein Comeback gab, spielte relativ diszipliniert vor der Viererkette und ließ nur selten das altbekannte “Bremer Loch” entstehen. Davor spielte eine Dreierreihe aus Hunt, Ekici und De Bruyne, die eher schmal agierte und weit zur ballnahen Seite einschob – ein deutlicher Unterschied zum System der Hinrunde mit den breiten Flügelstürmern. Werder wollte offensichtlich Präsenz im Zentrum zeigen und sich nicht gänzlich auf die Außenbahnen pressen lassen, wie im Hinspiel. Mainz begnügte sich nach der frühen Führung damit, Werder vom eigenen Tor fernzuhalten und spielte kaum hohes Pressing. Der Spielentwurf der beiden Mannschaften war dennoch sehr unterschiedlich. Während Werder sich mit Kurzpässen durchs Mittelfeld kombinieren wollte, spielte Mainz viele lange Bälle, die nur selten zu gefährlichen Situationen führten. Immerhin nahm man Werder so die Chance auf hohe Ballgewinne. Tuchel schien durchaus Respekt vor dem Bremer Pressing zu haben.

Bis zur Pause gab es aus dem Spiel heraus keine echten Torchancen. Die gefährlichste Aktion hatte Ekici mit einem etwas überraschenden Freistoß. Ansonsten waren auch Werders Standards nicht sonderlich gefährlich. Acht Freistöße in der eigenen Hälfte ließen die Mainzer in der ersten Halbzeit zu, doch die Bremer Ausbeute war spärlich. Gerade in einem so chancenarmen Spiel wäre es wichtig gewesen, die Standardsituationen etwas effektiver zu nutzen. So ging es mit einem 0:1 in die Pause, von dem man nicht sagen konnte, dass es unverdient war. Werder hatte Mainz die Führung auf dem Silbertablett serviert und danach zu wenig getan, um sich den Ausgleich zu verdienen.

A Game of Two Halves

Nach der Pause änderte sich das Spiel komplett. Wo kurz zuvor noch die Vorsicht regiert hatte, gingen nun beiden Teams ein höheres Risiko. Pressing und Gegenpressing wurden intensiviert und es waren die Gastgeber, die zunächst einen Vorteil daraus erlangen. Sebastian Mielitz musste einige Male in höchster Not retten, blieb im Eins-gegen-Eins jedoch stets der Sieger. Mit seiner stärksten Rückrundenleistung war er einer der Garanten für den Punktgewinn auf Bremer Seite. Nach seinen zuletzt immer schwächeren Auftritten wird ihm das Spiel hoffentlich Auftrieb geben für die restliche Saison. Im Trainerduell war es Schaaf, der die erste (und seine einzige) Umstellung vornahm. Er brachte Arnautovic für Bargfrede und ließ Hunt als offensivorientierten Sechser neben Trybull spielen. Über den rechten Flügel kam bis dahin kaum Gefahr, weil Hunt sich offensiv eher in Richtung Mitte orientierte und bei Flügelläufen versuchte, den Ball auf seinen starken linken Fuß zu legen, was ihn für den Gegner leicht ausrechenbar machte. Bis zu Arnautovics Einwechslung gab es keine einzige Bremer Flanke von der rechten Seite.

Thomas Tuchel reagierte sofort, brachte mit Kirchhoff für Zimling einen weiteren Sechser und stellte auf eine Raute um. Es war dennoch Schaafs Team, das zunächst von dieser Umstellung profitierte. Nach einer starken Einzelaktion von Sokratis (diesen unbedingten Willen würde ich gerne bei mehr Spielern sehen) und einer Spielverlagerung auf den rechten Flügel waren es die angesprochenen Arnautovic und Hunt, die für den Ausgleich sorgten. Eine flache Hereingabe des Außenstürmers und ein Abschluss des vorrückenden Sechsers, der Petersen im Strafraum unterstützt – ziemlich genau so dürfte sich das der Trainer bei seiner Umstellung vorgestellt haben.

Fehlendes Vertrauen in die Bank

In der Folge war das Spiel offen, doch je näher der Schlusspfiff rückte, desto vorsichtiger wurden die Mannschaften. Thomas Tuchel wechselte mit Yunus Malli und Shawn Parker noch zwei Offensivleute ein, was dem Spiel jedoch keine Wendung mehr gab. Thomas Schaaf beließ es bei dem einem Wechsel. So durfte auch Mehmet Ekici durchspielen, der zuletzt nach seinem Zwischenhoch wieder auf die Bank verbannt wurde und in seinem Spiel noch immer die gleichen Schwächen durchblicken ließ, die ihm seit seiner Ankunft in Bremen vor knapp zwei Jahren das Leben schwermachen.

Schaafs Wechselpolitik ist in den letzten Wochen nicht einfach zu durchschauen. Einerseits wirkt es oft so, als fehle ihm das Vertrauen in seine Bank. Spieler wie Elia, Ekici, Yildirim und Selassie wandeln zwischen Startelf und kompletter Nichtberücksichtigung, während Ignjovski von einer Position auf die andere geschoben wird. Mag sein, dass dies direkte Reaktionen auf die Trainingsleistungen unter der Woche sind. Andererseits weiß Schaaf seine Wechseloptionen durchaus gut zu nutzen, wie er mit der Einwechslung von Arnautovic für Bargfrede unter Beweis stellte.

Da die Konkurrenz aus Augsburg, Düsseldorf und Stuttgart verlor, war es für Werder ein gewonnener Punkt. Auch wenn man nun seit fünf Spielen ohne Sieg ist, scheint die Mannschaft das tiefste Tal langsam durchschritten zu haben. Zwar ist man weiterhin für den einen oder anderen Totalaussetzer gut, doch moralisch wirkt das Team etwas gefestigter als noch vor ein paar Wochen, holte im dritten Spiel in Folge einen Rückstand auf. Thomas Schaaf darf sich dank seines Wechsels im Trainerduell als knapper Sieger fühlen, auch wenn Werder den Eindruck nicht korrigieren konnte, dass man die richtige Mischung aus Offensive und Defensive noch nicht gefunden hat.

Mutig nach Mainz?

Gegen Mainz sah Werder in den letzten Jahren selten gut aus. Tuchels Truppe schaffte es ein ums andere Mal, sich gut auf Werders Spiel einzustellen und unsere taktischen Schwachstellen aufzudecken. Das verwundert kaum, denn Mainz gehört seit dem Wiederaufstieg zu den flexibelsten Teams der Liga. Trainer Tuchel kann seine Mannschaft unglaublich gut an gegnerische Taktiken anpassen. In der Hinrunde gab es einen schmeichelhaften 2:1-Sieg für Werder, der vor allem auf Aaron Hunts Klasse zurückzuführen war (man erinnere sich an das wunderschöne Freistoßtor zum 2:1). Mainz hatte jedoch einen klar ersichtlichen Matchplan, der über weite Strecken aufging: Mit einer Raute positionierte man sich sehr zentral, stellte die Passwinkel auf Werders Dreiermittelfeld zu und lenkte das Spiel der Hausherren gezielt auf die Außenbahnen. Da Werder ohnehin meist über die Außenverteidiger eröffnet, gab es viele vertikale Pässe die Seitenlinie herunter. Auch Werders Außenstürmer wurden so gepresst, dass sie möglichst wenig Pässe ins Mittelfeld spielen sollten. Als Resultat spielte sich Werder häufig am Flügel entlang und versuchte es dann mit Flanken auf Petersen, die Mainz insgesamt recht wenig Probleme bereiteten. Wenn man von der Anzahl qualitativ hochwertiger Chancen ausgeht, hätte Mainz das Spiel gewinnen, zumindest aber einen Punkt holen müssen.

Duell der Ex-Rauten

Siebzehn Spieltage später hat sich Werders Ausrichtung leicht geändert. Man spielt insgesamt vorsichtiger, hält vorne weniger schematisch die Positionen an der Außenlinie. Was in der Hinrunde in Stein gemeißelt schien, wird nun von Woche zu Woche durcheinander geworfen: Elia, Arnautovic, Petersen, Yildirim, Ekici, De Bruyne, Junuzovic, Ignjovski – die Liste der Spieler, die sich in der Rückrunde schon als Außenstürmer versuchen durften, ist lang. Zuletzt setzte Schaaf in seiner Startaufstellung zwei mal auf eine defensive Variante mit Junuzovic und Ignjovski, die neben einer Doppelsechs zum Einsatz kamen. Hunt, Ekici, Elia und Arnautovic fanden sich auf der Bank wieder. Das Ergebnis war eine verbesserte defensive Stabilität, die auf Kosten der offensiven Durchschlagskraft ging. Was auswärts gegen Gladbach gut funktionierte, war zuhause gegen ein reaktives Greuther Fürth weitaus weniger brauchbar. In der Halbzeit stellte Schaaf daraufhin um, setzte auf mehr Offensive und direkt waren wieder die alten Defensivprobleme erkennbar. Einen gesunden Mittelweg, die viel besungene “richtige Balance”, sucht Werder weiterhin vergeblich. Das 2:2 war am Ende eher für Werder glücklich, als für die Gäste.

Mainz ist in letzter Zeit wieder von der Mittelfeldraute als Default-Formation abgewichen und agiert häufig in einem 4-2-3-1 oder flachen 4-4-2. Trotzdem ist zu erwarten, dass Mainz wieder versuchen wird, Werders Spiel früh auf die Außenbahnen zu lenken, wie sie es in dieser Saison auch wiederholt gegen andere Teams praktiziert haben. Die äußeren Mittelfeldspieler Müller und vor allem der von Werder umworbene Ivanschitz orientieren sich ohnehin eher in Richtung Zentrum und stehen gegen den Ball recht eng. Im Spielaufbau setzt Mainz auf Andreas Baumgartlinger als einrückenden Sechser und schiebt die Außenverteidiger vor, wenn auch nicht so aggressiv, wie beispielsweise Freiburg und Leverkusen. Interessant wird die Frage, ob Mainz es gegen Werders anfällige Viererkette mit einer Doppelspitze aus Parker und Szalai versuchen wird oder hinter Szalai auf einen eher gestaltenden Mittelfeldspieler (Zimling?) setzt. Gegen Werders Dreiermittelfeld würde sich eher letzteres anbieten, aber Tuchel ist für mutige Entscheidungen bekannt.

Schwierige Entscheidungen

Für Werder geht es in erster Linie darum, den richtigen Mittelweg aus den taktischen Ausrichtungen der vergangenen Wochen zu finden. In Mainz könnte man zur Not mit einem Punkt leben, kann dementsprechend zunächst auf eine Kontertaktik setzen. Zu tief sollte man sich gegen Mainz jedoch nicht hinten reinstellen. Zum einen steht bei Mainz mit Adam Szalai ein Mittelstürmer auf dem Platz, den Werder im Strafraum kaum über 90 Minuten in den Griff bekommen dürfte. Zum anderen würde man so die Möglichkeit auf hohe Ballgewinne herschenken, denn Mainz verfügt noch immer nicht über den besten Spielaufbau aus der Innenverteidigung. Ein situatives Angriffspressing sollte Werder daher im Gepäck haben. Der gegenwärtige (mentale) Zustand der Mannschaft legt einen vorsichtigen Beginn nahe, um zunächst etwas Selbstvertrauen zu sammeln und ein frühes Gegentor zu vermeiden.

Die Personalentscheidungen werden für Schaaf nicht leicht zu treffen sein. Geht er den Weg der letzten beiden Spiele weiter und setzt seine Stars weiterhin auf die Bank? Wie reagiert er auf die Ausfälle im Mittelfeld? Sokratis hat sich als Sechser gegen Fürth nicht bewährt, da ihm die Qualitäten als Ballverteiler sowie die Positionstreue im Mittelfeld abgehen. In einem Auswärtsspiel, in dem Werder nicht das Spiel machen muss, könnte dies jedoch anders aussehen. Als Kettenhund neben Trybull könnte er sich um die Läufe von Ivanschitz ins Zentrum kümmern. Durch die Verletzungen von Junuzovic, Fritz und Ignjovski sowie den langen Ausfall von Bargfrede gibt es dazu nicht viele Alternativen. Der Schlüssel zur Torgefahr dürfte dagegen mal wieder Kevin De Bruyne sein, der in den letzten Spielen als alleinige (Um-)Schaltzentrale agierte und dabei an fast allen gefährlichen Aktionen beteiligt war. Ihm kommt die verbesserte Absicherung durch die beiden Sechser zwar entgegen, doch fehlt ihm mit einer sehr defensiv-orientierten Aufstellung oft die Unterstützung bei Kontern. Auch hier wird die richtige Mischung noch gesucht.

Wegweiser für den Saisonendspurt

Nachdem man den Befreiungsschlag gegen Fürth verpasst hat, gilt es gegen Mainz und im darauffolgenden Heimspiel gegen die wiedererstarkten Schalker, nicht noch weiter in Richtung Relegationsplatz abzurutschen, bevor die Spiele gegen Düsseldorf, Wolfsburg und Hoffenheim wohl über den Bremer Saisonausgang entscheiden. Auf einen nachhaltigen Umschwung mag ich in dieser Saison nicht mehr hoffen. Es geht nur noch darum, über kleine Erfolgserlebnisse genug Selbstvertrauen zu sammeln, um nicht in eine noch tiefere, akute Krise gestürzt zu werden. Die tiefer gehende, strukturelle Krise droht sich jedoch auch über die Saison hinweg fortzusetzen.

Der ganz normale Wahnsinn

Valencia C.F. – Werder Bremen 1:1

1899 Hoffenheim – Werder Bremen 0:1

Werder Bremen – Valencia C.F. 4:4

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Was haben sich die feinen Herren eigentlich dabei gedacht, als sie am 4. Februar 1899 diesen Wahnsinnsverein gründeten? Schlaflose Nächte, graue Haare, Bluthochdruck, Herzrasen, unkontrolliertes Muskelzucken, Heiserkeit – ich hätte mich wirklich vorher über die Nebenwirkungen informieren sollen, bevor ich Werderfan wurde. Was ich in den letzten Tagen durchgemacht habe, lässt sich nur noch mit football in a nutshell beschreieben. Die Nussschale ist dabei das Weserstadion, das mal wieder Zeuge eines Fußballspiels wurde, das nur am entfernt mit diesem Sport verwandt zu sein schien.

Los ging es eine Woche vorher in Valencia. Ein Wahnsinnsspiel. Werder bekommt einen Elfmeter geschenkt und steuert auf ein gutes Auswärtsergebnis zu. Valencia fährt wütende Angriffe, Werder kontert mitunter gefährlich. Dann gibt es eine rote Karte für eine Tätlichkeit abseits der Kameras. In der Folge spielt Werder in Überzahl und Valencia mit der Leidenschaft eines verliebten Teenagers und der Vehemenz eines angriffslustigen Stiers. Die Bremer verlieren die Bälle nach spätestens drei Stationen wieder, bekommen den Ball nur durch hohe Bälle aus der eigenen Hälfte. Die Kontergelegenheiten werden so hilflos hergeschenkt, als wüsste man nicht über die eigenen Defensivschwächen. In dieser Phase servierte man Valencia das Weiterkommen auf dem Silbertablett, doch die Spanier griffen nicht zu. Am Ende kam Werder ohne blaues Auge davon, hatte ein sehr akzeptables 1:1 im Gepäck, das man zuhause verteidigen durfte. “Verteidigen” – man hätte es da schon wissen müssen.

Am Wochenende zwischen Valencia spielte Werder gegen die ebenfalls 1899 gegründete, aber erst ein Jahrhundert später entdeckte TSG Hoffenheim. Eigentlich konnte man es sich nicht leisten, hier Kräfte zu schonen und Punkte herzuschenken. Ersteres tat man trotzdem, während man letzteres vermeiden konnte. Ein biederes, von Taktik geprägtes Spiel. Völlig untypisch für Werder. Es erinnerte ein wenig an die letzte Rückrunde, als man diese Spiele ähnlich anging, dann aber meistens nichts entgegenzusetzen hatte, wenn der Gegner ernst machte. Zum Glück machte Hoffenheim nicht ernst, spielte nur eine Handvoll Chancen heraus, die allesamt das Ziel verfehlten. So musste Tim Wiese keinen einzigen Schuss abwehren und durfte beobachten, wie Werder es in der Schlussphase besser machte. Claudio Pizarro. Wer sonst?

1:0 gewonnen, beste Auswärtsmannschaft der Liga, nun also volle Konzentration auf Valencia. Musste ja kein Spektakel werden. Auf ein 0:0 durfte man kaum hoffen (“auf ein 0:0 hoffen” ist ein Gedankengang, der den meisten Nicht-Werderfans wohl ohnehin völlig fremd sein dürfte), aber vielleicht ein schönes 2:1. Bloß nicht zu viel riskieren am Anfang. Lieber nur mit einem Stürmer auflaufen, Almeida dann als Joker rein und hoffen, dass Frings und Borowski mal ein gutes Spiel zusammen vor der Abwehr abliefern. Und bevor der Gedankengang zu Ende geführt wurde, stand es auch schon 0:1. In den folgenden 20 Minuten suchte ich unser zentrales Mittelfeld vergeblich. Der Raum vor der Abwehr war völlig verwaist, 6 Spieler ständig in des Gegners Hälfte, die anderen 4 formierten sich bei Bedarf zur Viererkette, über deren Wirkungslosigkeit man die Spieler ruhig mal aufklären dürfte, wenn eben jenes besagte defensive Mittelfeld fehlt. Hunt, Marin und Özil sind tolle Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, allerdings auch mit außergewöhnlichen Schwächen. Sobald der Ball nicht mehr in den eigenen Reihen ist, stellen sie den Spielbetrieb komplett ein, folgen Laufwegen, die so beliebig wirken, dass man Angst haben muss, sie könnten sich auf dem Spielfeld verlaufen und den Weg zurück in die Kabine nicht finden. Wie sollen die defensiven Mittelfeldspieler ihren Aufgaben im Spielaufbau nachkommen, wenn sich keiner der genannten genötigt sieht, mal ein paar Sekunden für sie abzusichern? Werder überspielte diese Fehler eine Zeit lang mit guten, aber erfolglosen Angriffen. Sah doch eigentlich ganz gut aus und noch war auch nichts verloren. Und schon stand es 0:2.

Es dauerte nur 20 Minuten bis Schaaf einsehen musste, dass mit dieser Formation heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Doch was tun? Bargfrede gesperrt, Niemeyer verletzt und eigentlich auch schon viel zu spät, um defensiv noch etwas zu retten. Nein, der Trainer ging lieber zum totalen Angriff über. Wenn schon untergehen, dann richtig! Lieber 3:6 als 0:3! Almeida kam für den bedienten Borowski, der somit gleich zweimal in diesem Spiel zum Opfer der Bremer Taktik wurde. Es dauerte keine 5 Minuten bis sich der Wechsel im Ergebnis bemerkbar machte und Almeida auf 1:2 verkürzte. Den Chancen nach war dieses Ergebnis schon zu diesem Zeitpunkt ein Hohn, doch das interessierte den Ball nicht, der bekanntermaßen nur dann ins Tor fliegt, wenn von einem der Sportskameraden dorthin befördert wird. Ein wahrer Experte in dieser Disziplin ist David Villa, der von Werder kurz vor dem Pausenbier erneut eingeladen wurde, seine Künste zu präsentieren. Den besten Platz hatte sich Mesut Özil gesichert, der aus nächster Nähe gebannt zuschaute, wie Villa Silvas Hereingabe verwertete. Überhaupt David Silva. Hatte den Bremern niemand erzählt, dass dieser kleine Mann gut mit dem Ball umgehen kann und ihn auch gerne mal seinen Mitspielern in den Lauf passt? Im Nachhinein betrachtet war es keine tolle Idee, ihn da in der Zone zwischen Mittellinie und Strafraum einfach mal machen zu lassen was er wollte. So bändigt man keinen spanischen Nationalspieler.

Der Bremer Weg schien direkt in den Untergang zu führen. Nach der Pause zeigte Werder jedoch, dass man dorthin wenigstens mit fliegenden Fahnen reiten laufen wollte. Das Bremer Stehaufmännchen kennen wir aus den entscheidenden Spielen dieser und der letzten Saison zur Genüge. Meistens wurde es belohnt. Viel fehlte dazu auch gegen Valencia nicht. Die zweite Hälfte war eine Orgie des bedingungslosen Angriffsfußballs – also eine nahtlose Fortsetzung der ersten Hälfte. Auf die 60 Meter in der Mitte des Spielfelds hätte man bei der Verlegung des neuen Rasens vor diesem Spiel getrost verzichten dürfen. Das Resultat waren wieder Torchancen im Minutentakt, doch nun fast nur noch für Werder. Im Gegensatz zur ersten Hälfte belohnte sich Werder dafür. 2:3 durch einen von Frings verwandelten Elfmeter. 3:3 durch eine Bauernfinte von Özil und Marin. Wieder einmal einen doppelten Rückstand aufgeholt, wie schon in der Liga gegen Nürnberg, Wolfsburg, Leverkusen und Stuttgart. Doch erstens reichte das an diesem Tag nicht und zweitens wartete man diesmal nicht bis in die Schlussminuten, sodass Villa aus Abseitsposition einen aus einer Bremer Ecke resultierenden Konter zum 3:4 vollenden durfte. Das durfte doch nicht wahr sein! Da hatten sich Valencias Spieler ab der 46. Minute darauf beschränkt, den Ball möglichst lange aus dem Spiel zu halten und nun das. Das war so ungerecht, so… typisch Werder!

Wer zuhause vier Tore kassiert, kann einfach nicht weiterkommen. Das geht eben nicht! Doch Werder weigerte sich beharrlich, diese bittere Wahrheit einzusehen. Die Einstellung dieser Mannschaft ist schon Wahnsinn. Was man in der Rückwärtsbewegung nicht an Metern zu laufen bereit ist, macht man in der Vorwärtsbewegung um das Dreifache wieder gut. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Sollen doch die anderen den starren Regeln der Fußballlehre folgen, wir machen lieber Spektakel. Allen voran Marko Marin, der in dieser Rückrunde der bessere Özil ist und immer effektiver wird. Unglaublich, was der Junge am Ball alles kann! Unermüdlich kurbelte er Werders Angriffe an, verlor kaum Bälle, obwohl er volles Risiko ging. Es zahlt sich nun aus, dass Schaaf ihn in der Hinrunde behutsam aufbaute und ihn selten länger als 70 Minuten spielen ließ. Bei Mesut Özil ist das Gegenteil der Fall. Ihm muss man einfach zugestehen, dass er seit 1 1/2 Jahren quasi ohne Pause in drei Wettbewerben plus A- und U21-Nationalmannschaft spielt und momentan kräftemäßig nicht mehr drin ist. Sonst wäre er womöglich der Spieler gewesen, der nach Pizarros erneutem Ausgleich den Unterschied ausgemacht hätte. Verzwiefelt rannte Werder an, den unerschütterlichen Glauben an das Fußballwunder im Gepäck. Das erlösende 5:4 wollte gegen die spanischen Bodenturner aber einfach nicht gelingen. So schied diese Mannschaft, die sich bis in die 5. Minute der Nachspielzeit nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollte, aus dem Wettbewerb aus und ließ trotzdem ein Stadion voller stolzer und glücklicher Menschen zurück.

Dieses Spiel will erstmal verdaut werden. Offensiv ist das europäische Spitzenklasse, defensiv Amateurklasse, doch diese beiden Tatsachen lassen sich nicht trennen, sie bedingen einander. Und auf Dauer gesehen verzichtet man als Fan (als Spieler sowieso) lieber auf einen Teil des Spektakels, wenn man dafür nicht immer wieder aussichtslosen Rückständen hinterher laufen muss. Die Mannschaft hat sich Respekt verdient, die Fans in Ekstase versetzt und  für einen weiteren besonderen Abend im Weserstadion gesorgt. Doch obwohl ich wirklich stolz auf diese Mannschaft bin, die mit besserer Chancenverwertung auch 5-8 Tore hätte schießen können, würde ich doch gegen ein langweiliges 0:0 und das damit verbundene Weiterkommen tauschen. Zwei Herzen schlagen uswusf.

Es dauerte nur zwei Tage, bis Werder demonstrierte, dass man wenig bis gar nichts aus dem Spiel gegen Valencia gelernt hatte und ich einsehen musste, dass mir das eigentlich ganz recht ist. Mit einer stark veränderten Mannschaft spielte Werder 45 Minuten lang Fußball zum Abgewöhnen. Der VfL Bochum war zu Gast und war nicht gewillt, den Bremern Spalier zu stehen. Prokoph nutzte eine der vielen Unachtsamkeiten in der Defensive zu einem perfekt getimeten Pass auf Werderschreck Sestak, der Wiese keine Chance ließ und das 0:1 erzielte. Eingeladen hatten zu diesem Pass Naldo und Prödl, die so schlecht sortiert standen, dass Prokoph den sich bietenden Raum einfach nutzen musste. Hinten also alles wie gewohnt. Nach vorne ging ohne Özil, Hunt und Pizarro wenig bis gar nichts. Rosenberg ist momentan einer der schlechtesten Stürmer der Bundesliga und tat auch gestern wieder einiges dafür, diesen Ruf zu untermauern. Es tut mir wirklich Leid für ihn, denn eigentlich kann er es ja viel besser, aber bei Werder hat er nun genügend Chancen verstreichen lassen und sollte zum Saisonende woanders sein Glück suchen. Auch sonst lief wenig zusammen und so gab es zur Halbzeit Pfiffe, wo die Fans zwei Tage zuvor noch elektrisiert waren.

Es war die zweite Halbzeit in der Werder dann endlich sein ganzes Repertoire zeigte. Naldo mit hohem Ball in den Strafraum, den Pizarro volley so sicher vollstreckte, wie er es bei hundertprozentigen Einschussmöglichkeiten nur selten vermag. Dann das obligatorische Einreißen des Erreichten mit dem Hintern, als man einen Konter der Bochumer in drei Zweikämpfen nicht entscheidend behindern konnte und Dedic frei vor Wiese die erneute Führung erzielte. Wir kennen das: 0:1 und 1:2 gegen Wolfsburg und Leverkusen hinten, 0:2 gegen Nürnberg und Stuttgart hinten und jedesmal am Ende noch 2:2 gespielt. Diesmal dauerte es nur zwei Minuten, bis Werder den Fehler ausbügelte. Marin mit einer großartigen Einzelaktion. Perfektes Timing, technisch eine Augenweide und endlich auch mit dem unbedingten Zug zum Tor. Wieder mal 2:2. Und diesmal sollte es endlich auch gelingen, mehr als einen Punkt aus so einem Spiel mitzunehmen. “Joker” Torsten Frings, der für den stark blutendenen Tim Borowski spät ins Spiel gekommen war, fasste sich ein Herz, knallte den Ball aus 30 Metern volley aufs Tor und profitierte von einem Bochumer Abwehrspieler, der den Schuss unhaltbar ins eigene Tor abfälschte. Richtigerweise spielte Werder die Führung dann nicht souverän über die Zeit, sondern gab Tim Wiese noch zwei Gelegenheiten, sich in höchster Not auszuzeichnen. Am Ende war es Rückkehrer Sebastian Boenisch, der den letzten Bochumer Angriff auf der Torlinie abblockte und Werder den Sieg rettete.

So schön diese unwahrscheinlichen Comebacks auch sind, so sehr sie einen an diesen Verein fesseln und so wenig ich mit dem erfolgreichen 1:0-Fußball der Schalker tauschen möchte – würde man einfach auf die katastrophalen Aussetzer verzichten, stünde Werder nun im Viertelfinale der Europa League und wäre auch in der Bundesliga noch im Kampf um die Meisterschaft vertreten. Aber man kann eben nicht alles haben. Und so bleibt das bekannte Gefühl, dieses Mittelding aus Ärger und Freude über unseren so außergewöhnlichen Verein, der mit unseren Gefühlen in einem Spiel mehr Karussel fährt, als andere Vereine mit denen ihrer Fans in einer ganzen Saison. Und mit etwas Distanz betrachtet könnte genau dies der Grund dafür sein, dass es so unglaublich geil ist, ein Werderfan zu sein.

27. Spieltag: Spielbericht

Bayer Leverkusen – Werder Bremen

(Erstellt aus meinem Live-Blog bei Twitter.)

Vor dem Anpfiff:

Zurück aus Hamburg.
Fühle mich weder körperlich noch geistig in der Verfassung für ein
Fußballspiel, werde aber trotzdem live Twittern.

So, denn woll' mer mal. Werder spielt heute in Leverkusen um Punkte und einen möglichen zweiten Saisonauswärtssieg. Diegos Ausfall
dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. "Muskuläre Probleme"
klingt sehr nach Vorsichtsmaßnahme, obwohl Schaaf das verneint.
So geht es mit
den jungen Özil und Hunt im offensiven, sowie den alten Baumann und
Frings im defensiven Mittelfeld los. Sonst keine Wechsel.
Mal sehen welche
Serie stärker ist: Leverkusens Fremdeln in Düsseldorf oder Werders
notorische Auswärtsschwäche in der Bundesliga.

Wer auch an der Sicht der Gegenseite interessiert ist, sollte im Liveblog von @grupetto bei catenaccio vorbeischauen http://tr.im/iFxK

Aufstellungen:

Leverkusen: Adler – Henrique, Friedrich, Sinkiewicz, Kadlec – Rolfes – Kroos, Zdebel, Barnetta – Helmes, Kießling

Werder: Wiese – Fritz, Merte, Naldo, Boenisch – Baumann, Frings, Hunt, Özil – Pizarro, Almeida

Das Spiel:

1' Und los geht es.

2' Riesenchance
als Zufallsprodukt: Pizarro blockt einen Klärungsversuch der
Bayer-Abwehr und zwingt Adler zu einer guten Parade. Aston Villa und Everton trennen sich übrigens 3:3. Damit dürfte das Rennen um Platz 4 in der Premier League entschieden sein.

6' Werder beginnt stark, kann Leverkusens Angriffe früh unterbinden und spielt schnell nach vorne.

8' Wasserziehr redet Unsinn: Rolfes stand nicht in Frings Schatten, weil die beiden nie zusammen gespielt haben!

11' Leverkusen – Werder 1:0, Barnetta. Leverkusen wird besser, kombiniert jetzt stärker und macht das 1:0! Klassetor des Schweizers! Trockener und unhaltbarer Schuss in den linken oberen Winkel.

15' Ausgangspunkt für das Tor war Naldos kurze Kopfballabwehr vor die Füße von Kroos. Der mit feiner Ablage auf Barnetta.

17' Werder jetzt
nicht mehr so konzentriert wie in der Anfangsphase. Die Viererkette
verliert zu schnell die Ordnung, wenn Bayer angreift.

19' Toller Pass von Hunt auf Pizarro, der jedoch im Abseits steht.

21' Özil wirkt
bislang sehr zögerlich in seinen Aktionen. Hunt ist aktiver und tut
mehr fürs Offensivspiel. War so nicht zu erwarten.

27' Freistoß aus vielversprechender Position. Özil flankt von links in den Strafraum, aber der Ball wird geklärt.

29' Sehr gute
Kontergelegenheit leider nicht erkannt: Ball wird blind nach vorn
gedroschen, obwohl Werder vorne 2:1 in Überzahl war.

30' Almeida an den Pfosten! Kopfballvorlage von Özil und Hugo knallt den Ball aus spitzem Winkel an den kurzen Pfosten.

32' Werder bietet
zu viele Angriffspunkte. Mit einer einfachen Körpertäuschung von
Kießling ist die halbe Abwehr ausgehebelt. Merte klärt.

32' Leverkusen –
Werder 1:1, Pizarro.
TOOOOOOOOOOORRRRRRR!!!!!!!!! Fritz legt zurück auf Hunt. Dessen Flanke findet
Pizarros Kopf und der köpft aus 6 Metern ein.

34' Mir ist auch
nach 3 Zeitlupen immer noch nicht klar, wie diese Flanke zu Pizarro
kommen konnte. Eigentlich war die leicht zu klären.

40' Alter Schwede
Kießling! Bekommt den Ball von Rolfes, spielt Wiese aus und schiebt den
Ball an den Pfosten. Den muss er machen!

42' Pizarro
versucht das Stuttgart-Revival: Tolle Ballannahme, Drehung und Schuss
aus 25 Metern. Klar drüber, aber trotzdem nett.

Halbzeit: Leverkusen – Werder 1:1. Leistungsgerechtes Unentschieden zur Pause in einem hübschen, aber nicht hochklassigen Spiel. Leverkusens 1:0 kann man Frings (mit)ankreiden. Baumann geht auf Kroos, dann auf Barnetta, während Frings nicht eingreift. Positiv überrascht bin ich von Hunts guter Leistung. Kommt viel über rechts und sorgt für Belebung im Offensivspiel.

46' Weiter geht es. Keine Wechsel.

48' Kroos und Kießling ganz frei im Werder-Strafraum, die jedoch zu überhastet agieren und die Chance verspielen.

51' Leverkusen
nun eindeutig die aktivere Mannschaft, die versucht, auf das erneute
Führungstor zu drängen. Werder wartet noch etwas ab.

59' Naldo mit einem Freistoß aus 35 Metern in die Mauer. Geht nicht viel nach vorne bei Werder im Moment.

60' Boenisch
läuft Helmes ab und klärt den Ball zum Einwurf. Wenigstens hat er nicht
wieder versucht, seinen Gegenspieler anzuschießen…

65' Ich hab so
ein bisschen den Eindruck, dass einige Spieler nicht ganz glücklich
sind, diesen schönen Tag mit Fußball verbringen zu müssen.
Wiese verschätzt sich bei einem Freistoß. Offenbart wie schon Adler kurz vor der Pause Mängel bei der Strafraumbeherrschung.

69' Und plötzlich eine Riesenchance für Mertesacker nach Ecke Özil. Erst per Kopf, dann per Fuß. Aber geklärt von Adler.

71' Wie verspiele
ich den Ball so schnell wie möglich? Pass Wiese auf Boenisch, Rückpass
auf Wiese, planloser Schuss in die Mitte. Toll!

72' Tolle Chance für Hunt nach feinem Doppelpass mit Özil. Schuss mit rechts aber nicht gut genug, um Adler zu überwinden.

75' Fritz an den Pfosten! Nach guter Ballstaffette von rechts aufs kurze Eck. Im Gegenzug rettet Wiese klasse gegen Kroos!

76' Erster Wechsel Werder: Tziolis für Baumann. Waren die letzten Minuten der Start einer packenden Schlussphase?

80' Fehlpass
Naldo, den Renato Augusto super auf Helmes spielt. Dieser mit
schlechter Ballmitnahme und dann kommt Wiese raus und rettet.

85' Das Tempo ist nach wie vor nicht wirklich hoch in Halbzeit 2. So richtig drängt keine der beiden Mannschaften auf den Sieg.

86' Renato
Augusto setzt sich über rechts toll durch, zieht in die Mitte, lässt
Frings und Hunt stehen und schießt knapp rechts daneben.

90' Jetzt wird
das Spiel richtig hektisch. Erst muss sich Hunt zusammenreißen und dann
wird Wiese im 5er gefoult. Nachspielzeit läuft.

Endstand:
Leverkusen – Werder 1:1.
Nach einer guten ersten und schwächeren
zweiten Halbzeit endet das Spiel mit einem Unentschieden.
Leverkusen in der zweiten Halbzeit stärker als Werder, nahm das Heft in die Hand, doch trotzdem geht das 1:1 in Ordnung. Werder nur noch
sporadisch gefährlich, jedoch trotzdem mit guten Chancen (Mertesacker,
Hunt, Fritz). Nicht genug getan für einen Sieg.
Almeida spielte in der 2. Halbzeit so lustlos, dass ich nicht ganz sicher bin, ob Schaaf ihn zur Strafe durchspielen ließ. Gomez schießt in
der letzten Minute noch das Siegtor für Stuttgart. Damit ist der
UEFA-Cup Zug in der Liga für Werder endgültig abgefahren.


27. Spieltag: Viva la Revolución?

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 1:1

Es war das Thema nach dem 1:1 gegen Bayer Leverkusen: Thomas Schaaf hat die "flache 4" im Mittelfeld für sich entdeckt. Wie Werder nach Diegos Ausfall in Leverkusen auflief, deuteten viele Beobachter als richtungsweisend für die nächste Saison. Sollte Diego uns verlassen, woran wohl kaum jemand zweifelt, könne Werder die Chance nutzen, und sich endlich vom altmodischen Rautensystem trennen.

Ich habe schon mehrfach betont, dass ich das Rautensystem absolut nicht für altmodisch halte. Die Mehrzahl der Vereine hat heutzutage keinen klassischen Spielmacher mehr, was als Argument gegen die Raute angesehen wird. Wenn man ehrlich ist, dann ist auch Diego kein klassischer Spielmacher. Im Gegensatz zu etwa Johan Micoud ist er 25 Meter vor dem Tor am gefährlichsten. Diego ist kein Stratege, der das Spiel aus der Tiefe des Raums steuert. Wann immer er in diese Rolle gedrängt wird, verhaspelt sich Diego in uneffektive Dribblings und kraftraubende Zweikämpfe mit dem gegnerischen Mittelfeld. Deshalb hängt Diegos Leistung nicht unwesentlich von der Unterstützung seiner direkten Hintermänner ab.

Torsten Frings war lange Werders Mittelfeldmotor, der Diego von diesen ungeliebten Aufgaben den Rücken freihielt. Letzte Saison, während Frings langer Verletzung, übernahm Daniel Jensen diese Rolle. In dieser Saison hat es hieran lange gehakt. In der Rückrunde zeigte sich nun, wie es gehen kann: Frings spielt nun meistens zentral vor der Abwehr, wo er aufräumen kann. Dadurch ist er im Offensivspiel jedoch weniger präsent als früher. Auf Frings ehemaliger Position, rechts in der Raute, wechseln sich Tzilois und Niemeyer ab. Beide füllen diese Position als solide Arbeiter aus, ohne spielerisch die großen Impulse zu geben, wie etwa Özil auf der Gegenseite.

So hat sich die Raute seit Saisonbeginn deutlich verschoben: Özil spielt links auf einer Höhe mit Diego, während Tziolis/Niemeyer fast auf einer Höhe mit Frings spielen. Eine schiefe Raute, sozusagen. Der Schritt zum Sonntag angewandten System war gleich aus mehreren Gründen naheliegend: Erstens ist Özil noch weniger ein klassischer Spielmacher als Diego. Zweitens ist mit Jensen der Spieler verletzt, der Özil wirklich dabei unterstützen könnte. Drittens fühlen sich sowohl Hunt als auch Özil auf den Außenpositionen besser aufgehoben als in der Mitte. Und viertens tendieren beide eher nach links, so dass Werders Spiel sehr ausrechenbar wäre.

Obwohl ich die Umstellung also richtig fand, muss ich dennoch zwei Dinge betonen: Weder die "flache Vier" noch die "Doppelsechs" sind Erfindungen der letzten Jahre. Besonders in Italien wird schon seit den 80ern so gespielt. Wirklich moderner ist das System also nicht, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Und die Aufregung über die geglückte Jungfernfahrt dieses Systems kann ich auch nicht ganz nachvollziehen. Ein schnödes 4-4-2 ist das kleine Einmaleins im Fußball, das nun wirklich jeder A-Jugendliche draufhaben sollte. Es ist ja nicht so, dass Werder mit der Raute gespielt hat, weil man nichts anderes konnte.

Ob es wirklich eine "Taktikrevolution" gibt, wird sich erst in der nächsten Saison zeigen. Es hängt vor allem davon ab, wen Werder nach Diegos Weggang für das Mittelfeld verpflichtet – oder Diego am Ende doch noch bleibt. Es ist sicher gut, verschiedene Systeme zur Auswahl zu haben. In der letzten Sommerpause experimentierte man auch fleißig mit einem 4-3-3. Wichtig ist für Werder in erster Linie, dass die Flexibilität im Angriffsspiel nicht verloren geht. Ein statisches 4-4-2 kann die Kreativspieler auf den Außenpositionen leicht isolieren. Doch ich hoffe und glaube, dass Thomas Schaaf das zu verhindern wissen wird.