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UEFA-Cup Achtelfinale, Hinspiel: Profis vs. Amateure

Werder – AS St. Etienne 1:0

Werder U23 – Bayern München II 0:0

Die Überschrift könnte darauf hindeuten, dass ich Werders UEFA-Cup Gegner St. Etienne als Amateurmannschaft einstufe. Auch wenn l'ASSE am Donnerstag nicht viel gezeigt hat, was sie von einer solchen abheben würde, will ich sie nicht schlechter machen, als sie waren. Man hat deutlich gesehen, warum diese Mannschaft in Frankreich ums Überleben kämpft. Allerdings kann man davon ausgehen, dass dies nicht die beste Leistung war, die das Team in dieser Saison abrufen kann, sonst hätten sie es kaum ins Achtelfinale geschafft. Der Auftritt gestern erinnerte stark an Famagusta. Verängstigt, ohne größere Offensivambitionen, lieber hinten gut stehen und bloß nicht zu früh draufgehen.

Falls die Taktik der Franzosen so ausgelegt war, kann man sie trotz der Niederlage als geglückt bezeichnen. Werder tat sich trotz ansprechendem Beginn sichtlich schwer, gute Torchancen herauszuspielen. Auch wenn die Stürmer nach dem Spiel in der Kritik stehen – sooo viele wirkliche Torchancen hatte Werder gar nicht. Dabei begann es doch verheißungsvoll. Nach Naldos frühem Führungstor erwarteten nicht wenige Zuschauer eine magische Pokalnacht, in der die Gastmannschaft mit 4-5 Toren Minimum nach Hause geschickt würde. Es kam anders. Vom Ergebnis her: Die Mannschaft hielt das 1:0, schaffte also das, was man ihr eigentlich nicht zutraut, nämlich so ein Schweinespiel einfach mal ohne Gegentor zu gewinnen. Bei allem Frust über vergebene Chancen ist ein 1:0 Heimsieg ein gutes Ergebnis im Europapokal. Vom Spiel her: Werder verkrampfte mit zunehmender Spieldauer immer mehr. Die Offensivaktionen verloren jegliche Präzision und man musste mit dem unguten Gefühl nach Hause gehen, heute eine gute Chance versäumt zu haben, das Viertelfinale schon einzutüten.

Einen Tag später trafen dann die Amateure des SV Werder – die Amateure, die im Titel angesprochen sind, die aber eigentlich längst nicht mehr Amateure heißen, sondern U23 bzw. offiziell Werder Bremen II – auf ihre Pendants aus der bayerischen Hauptstadt. Kontrastprogramm zur Europapokalnacht: Abstiegskampf in der 3. Liga. Hier trifft sich der harte Kern (wobei ich mich nicht dazu zähle, meine Besuche auf Platz 11 halten sich stark in Grenzen). Hier riecht es nach Fußballplatz, nach Rasen, Bier und Rauch. Hier kann man Hermann Gerland aus 5 Metern über die Schulter schauen und hört, wie sich seine Stimme vor Erregung überschlägt, wenn die Mannschaft die Formation nicht einhält. Hier bekommt man ein Gefühl für die Geschwindigkeit des Spiels, das im Fernsehen und in den großen Stadien oft verloren geht.

Das Spiel war keine Augenweide. Die Bayern verstanden sich vorzüglich auf die passive Spielkontrolle: Sie ließen Werder weitestgehend den Ballbesitz und machten ihnen durch gute Defensivarbeit das Leben schwer. Werder spielte mit viel Einsatz und Willen, doch kam nur selten zu guten Tormöglichkeiten. Ikeng und der zur Halbzeit eingewechselte Kruse waren für mich die herausragenden Spieler bei unseren Amas. Den möglichen Sieg vergab Werder in den wenigen Situationen, als die Bayernabwehr nicht dichthielt. Doch dann scheiterte man am Pfosten, am starken Torwart (der sich nach dem Spiel als Jörg Butt zu erkennen gab) und an den eigenen Nerven. Die Bayern hatten im ganzen Spiel nur eine gute Chance. So bringt man jungen Spielern früh bei, auf 0:0 zu spielen.

Insgesamt hat es mir gestern auf Platz 11 wesentlich besser gefallen, als am Donnerstag im Weserstadion, wo man das Gefühl hatte, dass für viele Fans ein mageres 1:0 gegen Frankreichs Rekordmeister schlicht unterhalb des eigenen Niveaus lag. Lediglich die Treuen in der Ostkurve versuchten immer wieder, die Stimmung im Stadion zu verbessern. Das Spiel taugte dazu in der zweiten Halbzeit wahrlich nicht mehr. Doch bei allem Verständnis für Ärger und Enttäuschung verstehe ich die zahlreichen Pfiffe während des Spiels nicht. Zwei Tore mehr und die selben Zuschauer hätten zur Welle angesetzt…

Aber vielleicht bin ich auch etwas überempfindlich. Ich fühle mich außerhalb der Ostkurve im Stadion einfach nicht mehr richtig wohl. Und in der Ostkurve bekomme ich viel zu wenig vom Spiel mit. So bin ich wohl endgültig zur Couch Potato vor dem eigenen Fernseher mutiert, womit sich jegliche Kritik an den Fans im Stadion von selbst verbietet. Außer an dem Pärchen, das 10 Minuten vor der Pause wegging, um Bratwurst zu holen, dann rechtzeitig zur Pause wieder zurück war, in der 65. Minute nochmal Bratwurst holte, um sich dann nach 85 Minuten endgültig zu verabschieden. Dann lieber Platz 11, da schmeckt die Bratwurst auch besser.