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3. Spieltag: Das alte Werder

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 2:1 (1:1)

Am dritten Spieltag besinnt sich Werder auf die Stärken der letzten Rückrunde und gewinnt verdient gegen Gladbach. Die Borussia hatte große Probleme im eigenen Spiel, die Werder mit einer passenden Taktik und verbesserten Abläufen ausnutzen konnte.

Das Mittelfeld verflacht

Wie im Vorfeld aufgrund der drei nominierten Linksverteidiger im Kader schon spekuliert worden war, setzte Viktor Skripnik auf der linken Seite auf beide Garcias und stellte sein System auf ein flaches 4-4-2 um. Schon gegen Schalke hatte Werder es ähnlich versucht, diesmal war die Abkehr von der Raute jedoch noch deutlicher, auch wenn in Ballbesitz weiterhin Rautenstrukturen zu sehen waren. Junuzovic rückte neben Bargfrede auf die zweite Sechserposition, besetzte offensiv teilweise aber auch den Zehnerraum.

Gladbach spielte wie gewohnt ebenfalls im 4-4-2, wobei das System deutliche Unterschiede zu Werders aufwies. Während Werder im Mittelfeld recht statisch die Positionen hielt und insbesondere Garcia und Fritz auf ihren Außenpositionen klebten, rückten Hazard und Herrmann häufiger ein und gaben im Ballbesitz eher Außenstürmer. Mit der Hereinnahme von Nordtveit und damit der Trennung des Sechsergespanns Xhaka / Stindl ging Favre zudem eine der Problemzonen der letzten Spiele an.

Mehr Disziplin, mehr Kompaktheit, mehr Mannorientierungen

Die Ausrichtung gestaltete sich im Spiel so, wie es zu erwarten war. Gladbach versuchte mit viel Ballbesitz das Spiel geordnet aufzubauen, während Werder eher auf Pressing und Umschaltspiel setzte. Es ergaben sich sehr eindeutige Mannorientierungen, wie es bei einem Spiel zweier 4-4-2 Formationen nicht unüblich ist. Ulisses Garcia und Clemens Fritz agierten als eine Art zweite Außenverteidiger, deren Hauptaufgabe es war, Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger einzudämmen und gegen die Außenstürmer zu doppeln. Diese Aufgabe erledigten sie sehr diszipliniert. Auch Bargfrede (gegen Xhaka) und Junuzovic (gegen Nordtveit) hatten ihre Hauptaufgabe im Bewachen ihrer Gegenspieler.

Werder Bremen vs Borussia Mönchengladbach Aufstellungen

Im Defensivspiel zeigten sich klare Mannorientierungen für die gesamte Werdermannschaft.

So defensiv und destruktiv wie auf dem Papier war Werders Taktik in der Praxis allerdings nicht. Werder schob häufig weit heraus und hatte eine deutlich verbesserte Kompaktheit zwischen den Mannschaftsteilen im Vergleich zum Schalke-Spiel. Die Abstände wurden nach vorne gering gehalten, was nicht immer ohne Risiko war, da Bargfrede im Mittelfeld und Lukimya in der Abwehr des öfteren sehr weit herausrückten und somit Räume hinter sich öffneten. Dies konnte mannschaftlich jedoch kompensiert werden und hatte den gewünschten Effekt, dass die Gladbacher wenig Zeit am Ball hatten. Auf den Außen sicherten sich die beiden Flügelpärchen sehr diszipliniert gegenseitig ab.

Gladbacher Probleme und Bremer Standards

Es zeigte sich schnell, dass Gladbach derzeit weit weg ist von der Souveränität und Spielkultur der letzten Rückrunde. Mit der aggressiven Bremer Spielweise kamen sie nicht gut zurecht. Immer wieder konnte Werder Ballverluste im Gladbacher Aufbau provozieren und mit den beiden Sturmspitzen direkt Offensivdruck aufbauen. So gelang es, das Spiel häufig in Gladbachs Hälfte zu verlagern und trotz des Gladbacher Plus an Ballbesitz die wichtigen Räume zu kontrollieren.

Auffällig war außerdem, dass einige Bremer Spieler deutliche Leistungssteigerungen verzeichnen konnten. Philipp Bargfrede nähert sich seiner Bestform und konnte seine Stärken im direkten Duell gegen Xhaka gut ausspielen. Junuzovics tiefere Positionierung kam ihm ebenfalls zu Gute. Hinzu kamen gute Ideen im Spielaufbau (selten so viele sinnvolle Verlagerungen von ihm gesehen), auch wenn in der einen oder anderen Situation deutlich wurde, dass es ihm an Übersicht im Zentrum mangelt. Auch Neuzugang Jóhannsson zeigte sich verbessert, bzw. konnte zum ersten Mal überhaupt seine Bundesligatauglichkeit unter Beweis stellen. Sein cool verwandelter Elfmeter ragte heraus, doch wichtiger waren seine Zweikampfpräsenz und seine Laufwege. Auch das Zusammenspiel mit Ujah sah besser aus als gegen Hertha.

Mehr geht derzeit nicht

Entscheidend waren aber wieder einmal die Standardsituationen, da sich Werder weiterhin schwer tut, aus dem offenen Spiel heraus gute Abschlussmöglichkeiten zu erspielen. Umso wichtiger, dass man mit Ujah einen Spieler hat, der in jeder Situation die Möglichkeit zum Abschluss sucht. Gegen Gladbach hatte Werder mit Verstergaard, Lukimya, Santi Garcia und den beiden Stürmern die Lufthoheit, was sich nicht nur bei eigenen sondern auch gegnerischen Ecken und Freitstößen zeigte. Gladbach führte Freistöße bis 30 Meter vor dem Bremer Tor meistens kurz aus.

Obwohl Werder ein gutes Spiel zeigte und verdient die drei Punkte holte, wurde wieder einmal offensichtlich, wo die Limitierungen des Teams liegen. Das war (noch) nicht der neue Jugendstil, sondern ein Revival der letzten Rückrunde, mit einer Startelf, in der nur zwei Spieler unter 24 Jahren standen. Gegen die verunsicherte Gladbacher Mannschaft wäre mit etwas mehr Ruhe im Passspiel sicher noch mehr möglich gewesen. Die phasenweise Dominanz war jedoch mit enorm viel Laufarbeit und Zweikämpfen verbunden. Sobald diese ein wenig nachließen, bekam Werder sofort Probleme in der Defensive.

Daran wird sich in den nächsten Wochen und vielleicht auch in der gesamten Hinrunde nicht viel ändern. Kleine Verbesserungen im Ballbesitzspiel sind zwar zu erkennen, doch es wird auch in der nächsten Zeit vor allem darum gehen, die Stärken gegen den Ball und die Gefährlichkeit nach Standards ins Spiel zu bringen. Solange die Achse des Teams Junuzovic-Bargfrede-Fritz heißt, muss Werder deren Stärken so gut es geht zur Geltung bringen. Für die fußballerische Entwicklung, die sich viele erhoffen, werden zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Sprung schaffen müssen. Wie das Spiel gegen Gladbach aber gezeigt hat, ist man mit der aktuellen Spielweise durchaus konkurrenzfähig und kann begeisternde Spiele absolvieren.

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 3:3

Fußball ist ein äußerst merkwürdiges Spiel. Nach 44 Minuten hätte kaum jemand auf einen Bremer Punktgewinn getippt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt nur 1:0 für die Gastgeber stand. Zu drückend war die Überlegenheit der Werkself, die Werder kaum Raum und Zeit zum Durchatmen lief. Am Ende dieses ungewöhnlichen und spektakulären Fußballspiels stand dennoch ein nicht unverdientes 3:3 (freilich sehen die Leverkusener das anders).

Gegenpressing und extreme Kompaktheit

Werder ging personell nur mit einer Änderung ins Spiel, die nach dem Spiel gegen Hoffenheim auch zu erwarten war: Fin Bartels gab sein Startelfdebut, während Hajrovic auf die Bank musste. Die taktische Ausrichtung passte Dutt ein wenig an. Die Grundformation blieb zwar ein 4-4-2, doch die beiden Stürmer positionierten sich sehr breit und rückten zeitweise beide auf die Außenbahn, sodass die Neunerposition unbesetzt blieb. Durch Junuzovics gelegentliches Aufrücken ergab sich teilweise eine 4-1-3-2(-0) Stellung. Im Gegensatz zum breit angelegten Offensivspiel zog man sich in der Defensive jedoch horizontal und vertikal sehr kompakt zusammen – bzw. man wurde dazu gezwungen, da Leverkusen seinerseits enorm kompakt und aggressiv verschob. Nicht selten fanden sich alle Feldspieler auf einer Seite des Feldes wieder.

In diesen enorm engen Zonen war an Ballbesitzfußball und ruhiges Aufbauspiel nicht zu denken, was für Werder keine große Umstellung bedeutete, sind dies derzeit doch keine wichtigen Elemente im eigenen Offensivspiel. Das enorm aggressive Gegenpressing der Leverkusener sorgte dennoch für Probleme, denn Werder schaffte es phasenweise überhaupt nicht, sich daraus zu befreien (ich kann mich nicht daran erinnern, dass Werder in der Bundesliga mal eine schlechtere Passquote hatte, als die 51% vom Freitag).

Flügelverlagerungen sorgen für die Tore

Auch wenn Werders erste Halbzeit über weite Strecken schwach war und Leverkusen das Spiel scheinbar nach Belieben dominierte, war schon in der Anfangsphase der offensive Matchplan der Bremer zu erkennen: Die auf die Flügel gezogenen Stürmer sollten gegen den weit eingerückten Gegner durch schnelle Diagonalbälle ins Spiel gebracht werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Leverkusens Führungstreffer auf ähnliche Weise fiel. Beide Teams waren fast komplett auf die rechte Bremer Abwehrseite gerückt. Die einzige Ausnahme war Leverkusens Rechtsverteidiger Jedvaj, der mit einem Querpass bedient wurde und von Garcia nicht mehr am Schuss gehindert werden konnte. Kompaktheit hat eben auch ihre Tücken.

Das 1:1 fiel nach einem schnellen Zuspiel auf den linken Bremer Flügel, von wo Garcia den Ball (mit etwas Glück) auf den durchstartenden Bartels auf die andere Seite herüberlegte. Es waren zwei Tore, die zu den generellen Ausrichtungen beider Mannschaften passten, auch wenn sie den Spielverlauf auf den Kopf stellten. Leverkusen hatte bis zum Bremer Ausgleichstreffer genügend Chancen, um das Spiel bereits vor dem Pausenpfiff zu entscheiden.

Werder befreit sich, Dutt wechselt gut

Nach dem Seitenwechsel wurde Werder etwas stärker und konnte sich häufiger aus Bayers Umklammerung befreien. Dies hatte vielleicht auch mit nachlassenden Kräften auf Seiten der Gastgeber zu tun, die trotz eines Plus an Ballbesitz mehr gelaufen waren als ihr Gegner. Auch wenn Leverkusen die spielbestimmende Mannschaft blieb, wurden Werders Gegenstöße zahlreicher und gefährlicher. Dabei nutzten sie die immer wieder auftretenden Räume im Rücken der Leverkusener Gegenpressing-Maschine aus. Vor dem Führungstreffer befreien sich Elia und Bartels aus der Umklammerung und verlagern das Spiel auf den linken Flügel. Bayers verbliebene Abwehr muss weit einrücken, um Selke und Junuzovic den Weg abzuschneiden, und so steht Di Santo rechts völlig blank und kann (trotz suboptimaler Ballmitnahme) frei vor Leno das Tor erzielen.

Bayer drehte das Spiel dank der überlegenen individuellen Klasse jedoch erneut. Calhanoglus Freistoßtor war ein Kunstwerk, perfekt über die Mauer gehoben und unmöglich abzuwehren. Beim Tor von Son reicht eine simple, aber geschickte Drehung, um Lukimya auf dem falschen Fuß zu erwischen. Das Spiel war inzwischen jedoch ziemlich offen und so bekam auch Werder genügend Chancen, um noch einmal zurückzuschlagen. Dutt trug mit guten Auswechslungen erneut dazu bei, dass Werder in der Schlussphase noch einmal zulegen konnte. Selke scheiterte zunächst noch an seiner Übersicht und/oder seinen Nerven. Besser machte es Prödl nach einer von Petersen verlängerten Flanke von Marnon Busch. Völlig frei am zweiten Pfosten verwandelte per Direktabnahme. In der Schlussphase wäre sogar noch ein Sieg möglich gewesen, wenn Hajrovic den Ball besser verarbeitet und dann quer gelegt hätte (das Dribbling, das ihm viele vorwerfen, war dann fast unausweichlich, weil Di Santo in der Zwischenzeit ins Abseits gelaufen war).

Die Gefahren des Rauschs

Am Ende war der Punktgewinn daher nicht mehr ganz unverdient, weil Leverkusen sich den Vorwurf gefallen lassen muss, aus den 30 Minuten drückender Überlegenheit in der ersten Halbzeit zu wenig gemacht zu haben. Defensiv war Bayer anfällig, wenn es Werder gelang, nach Ballgewinn die ersten zwei Wellen des Gegenpressings zu überstehen. Die Räume, die Leverkusen dahinter anbot, werden vermutlich noch mehrere Mannschaften in dieser Saison auszunutzen wissen. Ob Leverkusen dies durch den immensen Offensivdruck nach den hohen Ballgewinnen ausgleichen kann, wird die Zeit zeigen.

Für Werder ist hingegen wichtig, dass Dutt Wort gehalten und die Leverkusener Schwächen richtig gedeutet hat. Der (offensive) Matchplan war diesmal von Beginn an zu erkennen – nicht erst nach Umstellungen, wie in den ersten beiden Spielen – begann jedoch erst in der zweiten Halbzeit zu greifen. Davor legte Bayer die Bremer Schwächen unbarmherzig offen, was angesichts des unerwarteten Punktgewinns nicht vergessen werden sollte. Es könnte gefährlich sein, sich zu sehr an der eigenen Stehaufmännchen-Mentalität zu berauschen, denn es war dem fehlenden Glück bzw. der Abschlussschwäche der Leverkusener zu verdanken, dass Werder überhaupt eine Chance zum Comeback hatte. Unterm Strich ist Werder bislang in jedem Saisonspiel verdient in Rückstand geraten und man wird nicht Woche für Woche einen solchen Kraftakt vollbringen können, um aus diesen Spielen noch Punkte mitzunehmen (man vergleiche etwa die Hinrunde der vorletzten Saison).

3. Spieltag: Grundlagenarbeit

Borussia Dortmund – Werder Bremen 1:0 (0:0)

Die erwartete Niederlage in Dortmund brachte sowohl die Schwächen, als auch die unter Dutt erarbeiteten Fortschritte zum Vorschein. Obwohl das Ergebnis für Werder glücklich ist, hielt man lange das 0:0 und hatte kurz vor Schluss sogar noch die Chance zum Ausgleich. Am Ende gab man sich dennoch selbstkritisch.

Dutts Plan: Hummels und Dortmunder Halbräume ausschalten

Es war schnell zu erkennen, dass sich Werders Matchplan an den beiden letzten Spielen der Borussia orientierte. In einem 4-4-1-1 mit Hunt und Arnautovic vor zwei Viererketten wollte Werder die Räume vor dem Strafraum eng machen. Nominell stellte Dutt dabei offensiv auf: Ekici und Yildirim spielten auf den Außenbahnen, Junuzovic und Makiadi in zentralen Mittelfeld. Der Plan war es dabei, Dortmund schon bei der Spieleröffnung zu stören und hoch zu pressen. Arnautovic stellte Hummels zu, nahm ihn fast in eine Art Manndeckung und Hunt eröffnete das Pressing indem er den Ballführenden Spieler anlief. Die Abläufe funktionierten recht gut, so dass bei Dortmund nicht nur Sahin “abkippte” sondern auch Kehl sich immer wieder weit nach hinten fallenlassen musste, um für Überzahl im Spielaufbau zu sorgen.

Dortmunds Passspiel ist allerdings auf sehr hohem Niveau, weshalb es der Borussia immer wieder gelang, das Bremer Pressing zu überwinden und das Spiel in Werders Hälfte zu verlagern. Dort zog sich Werder schnell zurück, stand sehr kompakt und versuchte, die Lücken zwischen den Linien gering zu halten. Die äußeren Mittelfeldspieler rückten dabei weit mit ein, um die gefürchteten Pässe in die Halbräume zu unterbinden, eine der größten Stärken des BVB. Unterstützt wurde die Mittelfeldkette dabei von Hunt, der sich zeitweise mit einreihte und dem Mittelfeld so mehr Breite gab.

Gegenpressing als Erfolgsgarant beim BVB

Trotz dieser guten Ansätze bei Werder konnte Dortmund sich ein deutliches Übergewicht erspielen. In den ersten 30 Minuten hielt Werder dabei den Druck noch weitgehend vom eigenen Tor weg, oftmals durch rustikale Abwehraktionen in höchster Not. Nach Bremer Ballgewinn spielte Dortmund sofort aggressives Gegenpressing und legte damit Werders Probleme im Umschaltspiel und in der Offensivkoordination allgemein offen, was Dutt später im Interview zurecht bemängelte.

Spätestens in der Schlussphase der ersten Halbzeit fand der BVB den Schlüssel zu Werders Strafraum. Wenig überraschend kam die erste richtige Großchance durch einen Konter, nachdem Werder mal etwas mehr Offensive gewagt hatte und das Mittelfeld aufgerückt war. Lukimyas katastrophaler Laufweg in der Rückwärtsbewegung öffnete Kuba den Weg zum Tor und Werder hatte Glück, dass sein Schuss an die Latte ging. Es folgte ein halbes Dutzend weiterer guter Chancen, bis der Halbzeitpfiff Werder erlöste.

Am Ende (fast) chancenlos

Auch nach dem Seitenwechsel fand Werder keinen Weg, die Angriffe des BVB zu stoppen. Die bewegliche Dreierreihe hinter Lewandowski fand auch in der kompakten Defensive immer wieder Lücken und Passwege. Ich bin von Makiadi als defensivstem Sechser noch nicht wirklich überzeugt. Instinktiv verteidigt er meistens nach vorne, antizipiert dabei gut, geht aber auch ins Risiko und nimmt sich damit im Zweifel selbst aus dem Spiel. Auch deshalb ist mir derzeit wohler, wenn Felix Kroos auf dem Platz steht und ihn absichert, auch wenn er nicht über die individuelle Klasse eines Ekici oder Junuzovic verfügt.

Nach dem Gegentor und Dutts Doppelwechsel fing sich Werder allmählich und konnte das Spiel häufiger in Dortmunds Hälfte verlagern. Offensiv war noch viel Stückwerk im Spiel und es waren eher Einzelaktionen, die Werder in Strafraumnähe brachten. Die beste Chance entsprang einer solchen von Neuzugang Franco Di Santo, der nach einer Körpertäuschung den schnellen Abschluss suchte und Weidenfeller zu einer guten Parade zwang. Ein Bremer Ausgleichstreffer hätte vermutlich das unverdienteste Unentschieden seit dem Champions League Finale 2012 bedeutet.

Letztlich war es ein Spiel, dass man in drei etwa halbstündige Phasen einteilen kann. In den ersten 30 Minuten bekam Werder spielerisch kein Bein auf dem Boden und konnte sich nie aus Dortmunds Druck befreien, ließ jedoch kaum ernsthafte Torchancen zu. Zwischen der 30. und 70. Minute durchbrach der BVB immer wieder den Bremer Abwehrriegel und kam zu besten Torchancen. In den letzten 20 Minuten kam Werder nach Dutts Wechseln besser ins Spiel, zeigte einige gute Angriffszüge und hatte durch Di Santo sogar noch die Chance zum Ausgleich.

Unterm Strich steht eine verdiente (und aus Dortmunds Sicht viel zu knappe) Niederlage gegen einen Gegner, der sich momentan außerhalb Werders Reichweite befindet. Die Leidenschaft und die verbesserte Ordnung in der Defensive machen Hoffnung für die nahe Zukunft und die Äußerungen von Dutt und Makiadi nach dem Spiel zeigen, dass man sich der eigenen Schwächen bewusst ist und an ihnen arbeitet, statt sich für eine ordentliche Leistung beim Champions-League-Finalisten übermäßig selbst auf die Schulter zu klopfen.

Grundlagenarbeit ist hart, ermüdend und die Zwischenergebnisse sind nicht schön anzusehen. Der Weg, davon bin ich inzwischen überzeugt, ist aber der Richtige. Wenn es Dutt gelingt, in der Hinrunde ein stabiles, defensives Fundament aufzubauen und in der Rückrunde eine Entwicklung der Offensivabläufe erkennbar wird, kann man die Saison – Klassenerhalt vorausgesetzt – als Erfolg betrachten.

Gesuchte Entscheidung

Hannover 96 – Werder Bremen 3:2

Thomas Schaafs Weg wird immer ein etwas anderer sein. Das kann man gut oder schlecht finden. Eines seiner Prinzipien lautet, dass Unentschieden unerwünscht sind. Eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung ist ihm lieber. Von daher kann er mit dem Spiel in Hannover sehr zufrieden sein.

Andere Trainer hätten sich mit einem Unentschieden zufrieden gegeben – auswärts, nach einem 0:2 Rückstand, gegen einen Gegner, der in dieser Saison zu den Champions League Aspiranten gezählt wird. Sie hätten die beiden Konter von 96 in der Schlussphase als Warnung verstanden. Sie hätten versucht, beruhigend in das Spiel einzugreifen, vielleicht einen zweiten Sechser (Ignjovski?) eingewechselt. Zumindest hätten sie an die Achter Hunt und de Bruyne die Devise ausgegeben, dass sie in der Schlussphase nicht beide nach vorne stürmen sollen.

Alles oder nichts

Werders Plan war ein anderer. Bis zur letzten Sekunde wurde die Entscheidung gesucht. Ein letzter Angriff sollte den Siegtreffer bringen, den Schiedsrichter Aytekin zuvor noch mit einem umstrittenen Pfiff gegen Sokratis verhindert hatte. Ein Ballgewinn im Mittelfeld, ein letzter Konter. Hunt lässt einen Hannoveraner aussteigen, verzögert geschickt, bis de Bruyne in Position gelaufen ist. Dabei übersieht er jedoch, dass Huszti mit zurückgesprintet ist und den Ball für Hannover abfängt. Hunt und de Bruyne bleiben stehen, können nicht mehr auf Defensive umschalten. Hannover hingegen kann auch in letzter Minute noch in hohem Tempo auf Offensive umschalten und startet einen letzten Angriff.

Zunächst ist Hannover in Unterzahl (vier gegen fünf), doch in Ballnähe sind zwei Hannoveraner in Überzahl gegen den Einsamen Sechser Junuzovic. Die beiden Stürmer binden die Viererkette. Hannover wartet, bis Außenverteidiger Rausch aufgerückt ist und spielt dann den Ball auf den Flügel. Huszti kommt im Rücken der Verteidiger an den Ball und trifft zum 3:2. Eine sinnbildliche Situation: Huszti, der in der letzten Minute den Konter des Gegners verhindert, wird belohnt. Werder, das die letzte Kraft in eine Offensivaktion steckt, wird bestraft.

Es wäre jedoch unfair, die Schaaf’sche Taktik nur anhand dieser Szene zu bewerten. Wenn die Chancen wirklich 50:50 stehen, fährt man – dank der 3-Punkte-Regel  – damit besser, als Unentschieden zu sammeln. Und in der Tat lässt sich dies auch statistisch belegen, wenn man sich die 10-Jahres-Tabelle der Bundesliga anschaut. Werder spielte seltener Unentschieden als Schalke, Dortmund und Stuttgart, verlor häufiger, gewann aber auch häufiger und holte damit insgesamt mehr Punkte. Dennoch muss man festhalten, dass Werder in den letzten beiden Jahren nicht mehr zur Bundesligaspitze zählte und die Wirksamkeit der Alles-oder-Nichts-Taktik zumindest in der derzeitigen Situation hinterfragt werden sollte.

Das Bremer Loch

Dass es überhaupt zu dieser dramatischen Schlussphase kam, hatte Werder einer bemerkenswerten Leistung in der zweiten Halbzeit zu verdanken. Nach 10 Minuten hatte man bereits mit 0:2 zurückgelegen und tat sich sehr schwer überhaupt ins Spiel zu kommen. Hannover kontrollierte die Anfangsphase ohne viel Druck zu machen. Dabei bestätigten die Roten wieder einmal, dass sie sich nicht viele Chancen herausspielen müssen, um Tore zu schießen. Huszti nutzte gleich die erste Gelegenheit mit einem direkt verwandelten Freistoß, bevor Andreasen seine Serie mit einem Kopfballtor nach einer Flanke des Ungarn fortsetzte. Das Spiel schien bereits entschieden zu sein.

Beim zweiten Tor wurde wieder einmal eines der größten Probleme in Werders Spiel ersichtlich. Der Ball befindet sich zunächst auf dem rechten Flügel und mit ihm das Bremer Mittelfeld. Bargfrede steht als alleiniger Sechser fast an der Außenlinie. Vor der Viererkette ist einen Raum von ca. 20 x 30 Metern völlig verwaist und ermöglicht so einen Pass vom rechten Außenverteidiger auf Sobiech, der sich fünf Meter zurückfallen lässt und den Ball in aller Ruhe auf den linken Flügel bringen kann. Danach ist der Angriff für Werder schwer zu verteidigen, da Hannover keinen Fehler macht. Leider gehört dieses Loch inzwischen zu Bremen, wie der Roland und die Stadtmusikanten.

Das Bremer Loch im Mittelfeld vor dem 0:2

Der Ball ist auf Werders linker Seite, Bargfrede steht weit auf dem Flügel, Hunt und de Bruyne sind in Hannovers Hälfte, vor der Abwehr klafft ein Loch, in das der Ball gespielt wird

Angriff im Rücken des Mittelfelds

Sobiech treibt den Ball vor der Viererkette in Richtung rechte Bremer Abwehrseite, Huszti läuft sich auf dem Flügel frei, Selassie muss einrücken, um den Pass durch die Schnittstelle zu verhindern

Huszti flankt auf Andreasen

Der Rest ist für Werder kaum zu verhindern: Selassie stellt Huszti, kann aber dessen präzise Flanke nicht unterbinden, im Strafraum zieht Andreasen zum kurzen Pfosten und kommt vor Sokratis an den Ball

Viele positive Ansätze

Zwischen der 10. und der 92. Minute gab es allerdings auch viele gute Spielzüge von Werder zu sehen. Vor allem in der Offensive agiert die Mannschaft sehr variabel und nutzt die Vorteile der doppelt besetzten Flügel gut aus. Ein Standard-Spielzug dieser Saison ist ein Rückpass vom Außenstürmer oder Achter auf den Außenverteidger, gefolgt von einem langen Pass die Linie entlang, den der Außenstürmer (oft nach einer Finte) erläuft. Mit ihrer Schnelligkeit können Elia und Arnautovic so häufig hinter de Außenverteidiger kommen und gefährliche Angriffe einleiten. Auch Diagonalpässe auf den Flügel sind inzwischen fester Bestandteil des Bremer Spiels. Das Kombinationsspiel im Zentrum war auf gutem Niveau und stellte Hannover vor allem nach der Einwechslung Junuzovics vor Probleme. Im Spielaufbau ließen sich Hunt und de Bruyne häufig (insbesondere für Bremer Verhältnisse) weit nach hinten fallen und entlasteten so die Innenverteidigung. Durch die größere Variabilität im Spiel fällt es dem Gegner schwerer, sich auf das Bremer Spiel einzustellen.

Auch gegen den Ball arbeitete Werder gut. Beim Pressing fand man eine gute Mischung aus Abwarten und Draufgehen. Wann immer Hannovers Aufbauspieler eine Schwäche zeigten, wurden sie von Werders Offensivabteilung unter Druck gesetzt. In der zweiten Halbzeit konnte man den gegnerischen Aufbau so weitgehend kalt stellen und das Spiel phasenweise komplett in Hannovers Hälfte verlagern. Die Raumaufteilung zwischen de Bruyne und Hunt stimmte meistens, so dass Hannover den Ball nur selten durch die Mitte in das oben beschriebene Loch spielen konnte. Insgesamt zeigte Hannover nach der Führung eine enttäuschende Leistung. Das Passspiel – von mir vor dem Spiel noch gelobt - war auf schwachem Niveau. Beeindruckend bleibt aber die derzeitige Effizienz in der Offensive. Allein darauf sollten sie sich im weiteren Saisonverlauf nicht verlassen und die Entwicklung des Passspiels vorantreiben, dann ist vieles drin für 96.

Im Hinblick auf den im Sommer begonnenen Umbruch zeigt Werder eine insgesamt gute Entwicklung. Zwar fehlt es dem Spiel noch in einigen Bereichen an Präzision und das System wirkt noch nicht an allen Stellen ausgereift. Dennoch scheint Thomas Schaaf die Mannschaft auf einen guten Weg gebracht zu haben. Es sind viele Zutaten vorhanden, die eine (zukünftige) Spitzenmannschaft braucht. Entscheidend für den Weg dahin wird es meiner Meinung nach sein, dass man das Loch im defensiven Mittelfeld schließt. Diese Baustelle hat Schaaf jahrelang nicht beachtet und ich bin sehr gespannt, ob sich das in dieser Saison ändert. Solche Spielsituationen wie vor dem 0:2 machen es dem Gegner einfach zu leicht, Werder vor Probleme zu stellen.

Bremer Scheuklappen

Kaum eine Mannschaft wird in Bremen so gerne unterschätzt, wie Hannover 96. Es ist bitter zu akzeptieren, dass der gefühlt immer noch kleine Nordrivale in den letzten beiden Jahren an Werder vorbeigezogen ist. Am Anfang konnte man Hannover noch wegen des wenig attraktiven Spielstils belächeln und die starke Saison 2010/11 als Ausreißer nach oben herunterspielen. Inzwischen hat sich Hannover jedoch in der erweiterten Bundesligaspitze etabliert und fußballerisch ungemein an Klasse hinzugewonnen.

Hannover auf dem Weg zur Spitzenmannschaft

Wer 96 heute immer noch als rein defensiv ausgerichtete Kontermannschaft ohne fußballerisches Können sieht, hat entweder lange kein Spiel mehr von ihnen gesehen oder eine grünweiße Brille mit Scheuklappen auf. Dennoch hört und liest man weiterhin viele Behauptungen von Werder-Fans, die in diese Richtung gehen. Es ist richtig, dass Hannovers größte Stärke noch immer im Umschaltspiel liegt. Zwischen Ballgewinn und Torabschluss liegen häufig nur wenige Sekunden. Mit reinem Konterfußball hat das jedoch nur noch wenig zu tun. Hannover hat das kompakte Spiel gegen den Ball sehr gut verinnerlicht und variiert geschickt zwischen abwartendem Verteidigen und Angriffspressing. Aber auch in Ballbesitz gehört Hannover mittlerweile zu den besseren Bundesligamannschaften. In den letzten zwei Jahren hat sich das Passspiel verbessert, der Spielaufbau ist variabler geworden und die Laufwege der Offensivspieler sind gut abgestimmt. Schlüsselspieler ist dabei Jan Schlaudraff, der den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners so gut ausnutzt, wie kaum ein anderer Bundesligaspieler.

Das mag für manchen Werderfan wie eine Liebeserklärung klingen, aber ich bin weit davon entfernt, Hannover 96 zu mögen oder auch nur sympathisch zu finden. Dennoch ist es bemerkenswert, was man dort seit Mirko Slomkas Amtsantritt aufgebaut hat. Zwar kann man als Bremer zu Recht darauf verweisen, dass 96 im Vergleich zu Werders Erfolgen der letzten 10 Jahre noch nicht viel erreicht hat, doch es wäre naiv zu glauben, dass sich die scheinbar natürliche Rangordnung im Norden automatisch wieder einstellen wird. Derzeit ist Werder in Hannover trotz des ansprechenden Saisonstarts jedenfalls nicht der Favorit. Zu gut ist die Form der Niedersachsen, zu gravierend noch die Mängel in Werders Spiel.

Werders Probleme mit der Kompaktheit

Nun mag man einwenden, dass Werder den letzten direkten Vergleich im Weserstadion mit 3:0 gewonnen hat, aber das Spiel taugt kaum als Beleg für eine spielerische Überlegenheit der Grünweißen, die mancher Fan noch immer sehen will. Es zeigte jedoch, dass Hannover trotz aller Stärken kein übermächtiger Gegner ist. Die individuelle Klasse der einzelnen Spieler ist bei Werder auch nach dem Umbruch noch etwas höher anzusiedeln. Ein Ausfall Schlaudraffs, schlechte Chancenverwertung und effiziente Bremer Standards können da schon ausreichen, um Hannover zu besiegen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Spielanlage auch in jenem Spiel deutlich für die Roten sprach und Hannover bis zur Halbzeit das Spiel bereits hätte entscheiden können.

Bei aller Freude über die positiven neuen Aspekte in Werders Spiel sollte man nicht übersehen, dass längst nicht alle Probleme der Vorjahre behoben sind. Die auffälligste (und gegen Hannover möglicherweise entscheidende) Schwachstelle war bislang die fehlende Kompaktheit, die vor allem zwischen Abwehrkette und Mittelfeld zu großen Lücken führte. Hannover wird genau diese Lücken suchen, um mit der zurückfallenden zweiten Spitze Schlaudraff und dem nach innen ziehenden Huszti hineinzustoßen. Thomas Schaafs Hauptsorge sollte vor dem Spiel also sein, wie er sein Team darauf einstellt. In der Vergangenheit hieß die Antwort häufig: überhaupt nicht. Der Glaube an die eigenen Stärken war so groß, dass man im Zweifel auch 2-3 Gegentore in Kauf nahm. Die Einladung nahm der Gegner dankend an. Allein aus den letzten beiden Duellen der Teams in Hannover hätte man ein Lehrvideo über modernes Umschaltspiel zusammenschneiden können.

Wie man Schlaudraff und Hannover stark macht

Jan Schlaudraff ist momentan wohl einer der besten “Lochspieler” der Liga. Er lässt sich aus seiner Position im Angriff immer wieder zurückfallen, weicht auf den Flügel aus und stößt dann in die Räume zwischen den Abwehrlinien. In seiner derzeitigen Form ist er sehr schwer zu verteidigen. In jedem Fall sollte man versuchen, die Räume zwischen den Linien gering zu halten und kompakt zu verschieben. Beides zählt nicht unbedingt zu Werders Stärken, aber die 4-1-4-1 Formation, die man in dieser Saison gegen den Ball einnimmt, eignet sich zumindest theoretisch gut dafür.

Hier ist Werders Formation aus dem Spiel gegen den HSV hypothetisch der Formation Hannovers aus dem Spiel gegen Wolfsburg gegenübergestellt:

Aufstellung Hannover 96 vs. Werder Bremen

Hannover im 4-4-2 mit Schlaudraff als hängender Spitze, Werder im 4-3-3 / 4-1-4-1

Auf dem Papier hat Werder eine 3-vs-2 Überzahl im Zentrum, die jedoch durch Schlaudraffs Bewegungsradius fast egalisiert wird.

Werders Pressingansatz aus dem Spiel gegen den HSV bestand darin, beide Achter mit nach vorne zu schieben, um die Aufbauspieler (inkl. des gelegentlich zurückfallenden Sechsers) unter Druck zu setzen und die Passwege in die Mitte zuzustellen. Die offensiven Flügelspieler agierten sehr mannorientiert und ließen sich gegen die aufrückenden Innenverteidiger weit mit nach hinten fallen. Im defensiven Zentrum klaffte deshalb ein Loch, das der HSV jedoch kaum ausnutzte:

Werders Pressing gegen den HSV

Ein Hamburger Sechser lässt sich nach hinten fallen (blauer Pfeil), beide Bremer Achter schieben nach vorne (weiße Pfeile), hinter ihnen klafft ein Loch (helle Fläche)

Gegen Hannover dürfte dieser Ansatz zu großen Problemen führen. Hannovers Spielaufbau ist darauf ausgelegt, diese Pressinglinie mit Hilfe von Dreiecken zu überspielen und den Ball zu einem der Sechser zu bringen. Dabei verschieben sie im Mittelfeld relativ weit auf die ballnahe Seite, um viele Passoptionen zu schaffen:

Hannovers Aufbauspiel gegen Werders Pressing

Hannovers Innenverteidiger, Außenverteidiger und Sechser bilden Dreiecke im Spielaufbau, um die gegnerische Pressinglinie zu umspielen

Wann immer der Ball hinter Werders Pressinglinie ins Zentrum kommt, steht der Sechser alleine in einem großen Raum. Er muss sich entscheiden, ob er den ballführenden Spieler unter Druck setzt und damit den Raum hinter sich öffnet oder riskiert, dass der Ball ungestört in die Schnittstelle gepasst wird. Schlaudraff und Huszti suchen gezielt diese Räume hinter dem gegnerischen Mittelfeld:

Angriff Hannover durchs Zentrum

Dilemma für Werders Sechser: Rückt er vor, lässt er Raum für die einrückenden Angreifer, hält er Kontakt zur Viererkette, kann der ballführende Spieler ungestört passen

Wie Werders Antwort aussehen könnte

Wie sollte Werders Defensivstrategie also aussehen? Mit einer kompakteren und etwas abwartenderen Spielweise könnte man es Hannover zumindest schwer machen, aus dem eigenen Aufbau zum Torabschluss zu kommen. Dazu müsste das Angriffspressing zurückgefahren werden und die beiden Achter müssten sich hauptsächlich darauf konzentrieren, Hannovers Mittelfeld keinen Raum zu geben. Die beiden Viererketten sollten dabei in geringem Abstand voneinander stehen, so dass der Sechser vornehmlich als Lochstopfer zwischen ihnen agieren kann. Die Flügelstürmer sollten nicht so sehr an den Außenlinien kleben und kompakt mitverschieben, wenn der Ball auf der gegenüberliegenden Seite ist:

Kompaktes Verschieben gegen den Ball

Vorsichtiges Angriffspressing erschwert es Hannover den Ball ins Mittelfeld zu einem der Sechser zu spielen, maximal einer der Achter geht ins Pressing

Werder mit kompaktem Zentrum

Durch geringere Abstände zwischen den Linien und kompakteres Verschieben (auch) der Flügelspieler wird der Raum im Zentrum eng gemacht

Gegen Hannovers größte Stärke, das schnelle Umschalten nach Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte, hilft dies allerdings nicht. Individuelle Fehler im Spielaufbau, wie beispielsweise von Josué vor dem 0:2 am letzten Spieltag, bestraft Hannover konsequent. Deshalb ist es wichtig, dass Werder im Spielaufbau variabel agiert, das schnelle Spiel über die Außen sucht und auch im Ballbesitz das Zentrum kompakt hält. Die Qualität in Werders Umschaltspiel sollte inzwischen ausreichen, um auch mit dieser Spielweise ein Tor zu erzielen.

Leider befürchte ich, dass man es dem Gegner wieder zu leicht machen wird und sich mit viel Kampf und Aufwand gegen eine erneute Niederlage im nicht mehr ganz so kleinen Nordderby stemmen muss.

Meine EM: 3. Spieltag: Showdown ums Viertelfinale

Gruppe A

Polen – Tschechien 0:1

Die beiden Außenseiter sind weitergekommen und ich muss zugeben, dass ich nur die beiden unterlegenen Favoriten vor dem Turnier richtig eingeschätzt habe. Polen ist letztlich vor allem an seinem zu schwachen Kader gescheitert. Über Rechts war man gefährlich und mit viel Einsatz und Motivation spielte man phasenweise gut auf. Viel mehr hatte das Team aber nicht zu bieten. Je länger die Spiele dauerten, desto einfallsloser wirkte das, was Smudas Spieler ablieferten. Dazu kam der größer werdende Druck und wohl auch die Versagensangst. Zwei Punkte sind für einen Gastgeber ein Armutszeugnis und so kann sich niemand über das Ausscheiden beschweren. Tschechien war sicher kein übermächtiger Gegner, hat aber eine technisch starke Mannschaft und konnte sich trotz taktischem Blackout gegen Russland am Ende sogar als Gruppensieger durchsetzen. Ich sehe das eher als Schwäche der Gegner, denn als Zeichen, dass Tschechien auf dem Weg zurück in die europäische Spitze ist. Im Prinzip reichte ihnen eine gute halbe Stunde gegen Griechenland und ein konzentriertes, solides Spiel gegen Polen zum Weiterkommen. Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass sie es packen.

Griechenland – Russland 1:0

Russland ist im Nachhinein dann doch eine große Enttäuschung, auch wenn sie im Prinzip nur das wahr gemacht haben, was ich vor dem Turnier vermutet habe: Als Kontermannschaft sind sie mitunter weltklasse, aber gegen einen defensiven Gegner und mit viel Zeit am Ball gehen ihnen die Ideen aus. Die offensiven Spielzüge gegen Tschechien waren großartig und sicher ein Highlight der Vorrunde. Gebracht hat es ihnen nichts außer Vorschusslorbeeren. Gegen Polen spielten sie lange auf Sparflamme und versäumten es, den Vorrundensack zuzumachen. Gegen die defensiven Griechen gerieten sie dann in Panik und fanden keine geeigneten Mittel. Da kann die Torschussstatistik noch so gut aussehen, viele echte Torchancen waren nicht dabei. Deshalb ist der Sieg der Griechen zwar etwas glücklich, beschweren können sich die Russen hingegen nicht. Damit wären wir auch schon bei der Freak-Mannschaft des Turniers. Schlechter als Griechenland kann man nicht in ein Turnier starten: Vom Gegner überrannt, 0:1 hinten, unberechtigter Platzverweis für den einen, Kreuzbandriss für den anderen Innenverteidiger. Im zweiten Spiel sah es noch schlimmer aus. Von Tschechien ließ man sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Dinger einschenken und kam trotz deutlichen Einbruch beim Gegner kaum zu eigenen Torchancen. Und dennoch steht Griechenland im Viertelfinale, weil man eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legt und im letzten Spiel gegen Russland sehr stark verteidigt hat. Ich hätte Griechenland spielerisch etwas stärker erwartet, aber Deutschland wird an der griechischen Defensive zu knabbern haben.

Gruppe B

Deutschland – Dänemark 2:1

Am Ende musste Deutschland noch mal zittern. Portugal führte gegen Holland, Deutschland brauchte einen Punkt und beim Stande von 1:1 unterzog man Bendtners Trikot im deutschen Strafraum einem gründlichen Reißtest. Über einen Elfmeter hätte man sich nicht beschweren können, aber zum Glück blieb die Pfeife stumm und wenig später entledigte Lars Bender das Team von allen unmittelbaren Sorgen. Am Ende stehen neun Punkte auf Deutschlands Konto und das in der schwersten Gruppe des Turniers. Ohne Kritikpunkte kommt man auch im dritten Spiel nicht aus, doch das sollte eher Hoffnung machen als Angst. Eine bessere Mannschaft habe ich im Turnier bislang nicht gesehen und wenn dann sogar noch Steigerungspotenzial und eine starke Bank vorhanden sind, ist das eine glänzende Ausgangslage. Aber Turniere laufen in der K.O.-Runde ja bekanntlich nur selten so ab, wie man nach der Vorrunde denkt. Um Dänemark tut es mir etwas leid, denn sie haben ein tolles Turnier gespielt und sich gut verkauft in der Gruppe. Man merkt dem Team an, dass es Olsens System verinnerlicht hat. So konnte man auch in der “Todesgruppe” mithalten. Lediglich Christian Eriksen hat mich etwas enttäuscht.

Niederlande – Portugal 1:2

Portugal ist gegen Dänemark mit einem blauen Auge davon gekommen, hat sich im letzten Spiel gegen die Niederlande jedoch rehabilitiert. Vor allem Ronaldo zeigte, dass er Portugal mit seiner individuellen Klasse auf ein anderes Niveau heben kann. Aber genau deshalb sehe ich immer noch nicht, wie sie sich mit dieser starken Abhängigkeit von den Flügeln und Ronaldos Geniestreichen sowie dessen weitgehendem Verzicht auf Defensivarbeit auf höchstem Niveau durchsetzen wollen. Gegen Tschechien sollte es aber noch reichen. Für die Niederlande fallen mir hingegen kaum noch Worte ein. Da lief von A bis Z so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann in solch einem Turnier. Zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen (schwacher Spielaufbau, kein Ineinandergreifen von Offensive und Defensive, Egoismen einzelner Spieler) ließen die Holländer immer mehr auch jeglichen Mannschaftsgeist vermissen und scheiden so völlig zurecht als Gruppenletzter aus. Zweifellos die Enttäuschung des Turniers.

Gruppe C

Italien – Irland 2:0

Vom Spiel habe ich nur die Tore gesehen. Das 2:0 von Balotelli war überaus sehenswert und verdeutlicht den Zwiespalt, in dem Prandelli steht. Das schlampige Genie spielen lassen oder nicht? Man will auf seine Klasse nicht verzichten, aber das Risiko eines Blackouts ist immer mit im Spiel. Ansonsten bleibt nur festzuhalten, dass Italien die Pflichtaufgabe gelöst hat und diesmal nicht Opfer eines 2:2 im Parallelspiel wurde.

Spanien – Kroatien 1:0

Der Tenor war eindeutig: Langweiliges Spiel der Spanier. Überhaupt scheinen viele vom endlosen Tiki Taka inzwischen eher genervt zu sein. Aber man kann es auch umdrehen: Vielleicht ist Spanien einfach vom Rest der Fußballwelt genervt – oder schlimmer noch: gelangweilt. Als Welt- und Europameister müssen sie nichts mehr beweisen. Da kann so eine Gruppenphase gegen Gegner, die die letzten Monate damit verbracht haben, sich die perfekte Taktik gegen die Spanier zu überlegen, schon ziemlich ermüdend sein. Bei allen Zweifeln, die man ob der vermeintlichen Ineffektivität und der fehlenden Breite im Spiel haben kann und bei allem Lob, das sich Kroatien und vor allem Italien verdient haben: Geschlagen haben sie die Spanier nicht. Spanien ist das “Team to beat”, sie sind der Titelverteidiger, sie sind der Maßstab. Die Herausforderer müssen sich an ihnen abarbeiten und da ist es schon beachtlich, dass mit einiger Luft nach oben “mal eben” sieben Punkte eingefahren wurden. Spanien hat ein wenig gewankt, mehr als Deutschland sogar, aber mehr war es letztlich nicht. Ein klarer Elfmeter wurde den Kroaten verweigert, aber später hätte auch Spanien einen bekommen müssen und am Siegtor gab es regeltechnisch auch nichts auszusetzen. Kroatien fehlte am Ende ein Tor, sonst hätten sie Italien noch verdrängt. Für mich waren sie eine der positiven Überraschungen des Turniers und es ist schade, dass sie in dieser starken Gruppe nicht weitergekommen sind.

Gruppe D

Ukraine – England 0:1

Was für ein schräges Fußballspiel. Das mäßige Niveau in Gruppe A hat wohl niemanden überrascht, aber Gruppe D war keinen Deut besser. Die Ukraine wirkte wie ein ziellos zusammengeschusterter Haufen, der irgendwie den Ball zum nächsten Mann schob und hoffte, dass dabei so etwas wie ein Spielaufbau herauskommt. Jenseits der Mittellinie wurde dann der Turbo gezündet und es ging in hohem Tempo nach vorne. Die Engländer brauchten eine Weile, bis sie sich darauf eingestellt hatten. So kam die Ukraine zu einigen guten Torgelegenheiten. Mit der Zeit biss man sich am englischen Abwehrbollwerk jedoch die Zähne aus. Die Engländer erfüllten zumindest die Erwartungen, die man vor dem Turnier an sie hatten. Das sieht nicht schön aus, ist spielerisch meilenweit von Spanien oder Deutschland entfernt, aber es ist effizient und holt derzeit das beste aus den Spielern heraus. Ich bin gespannt, wie weit sie mit diesem geradlinigen und britischen Fußball kommen können. Der zweite Gastgeber ist hingegen ausgeschieden und auch hier kann man (Torrichter hin oder her) wenig Argumente finden, warum es anders sein sollte.

Frankreich – Schweden 0:2

Verkam anscheinend zu einer Art Freundschaftskick. Schweden stand schon vorher als Gruppenletzter fest und spielte befreit auf. Eigentlich habe ich zu ihnen im letzten Beitrag alles geschrieben und an meiner Meinung ändert auch der Sieg gegen Frankreich nichts. Die Franzosen verstehe ich nicht so recht, sie machen immer das Gegenteil von dem, was ich erwarte. Ihren Ansatz in der Offensive finde ich interessant, aber es scheint eine recht breite Streuung zu geben, was die möglichen Ergebnisse angeht. An einem guten Tag Spanien schlagen? Vielleicht. Aber warum dann nicht an einem mittelmäßigen Tag Schweden besiegen und Gruppensieger werden? Ob das wirklich nur das Gefühl der Sicherheit war, dass beim anderen Spiel eh nichts mehr anbrennt? Oder das Fehlen von Cabaye? Ich weiß nicht.

7 Gedanken zu Werder – Freiburg

Werder Bremen – SC Freiburg 5:3

1. Die gute, alte Zeit

Achterbahnfahrten ist man in Bremen gewohnt. Unter der Woche ein 5:4 im Testspiel gegen St. Pauli und nun 5:3 gegen Freiburg. Kein Wunder, dass man sich als Werderfan in die gute, alte Zeit zurückversetzt fühlte, als fünf eigene Tore genauso zum guten Ton gehörten, wie drei Gegentore. Man muss allerdings sagen, dass in der wirklich guten Zeit, die drei Gegentore weit weniger häufig anzutreffen waren, als die fünf eigenen Tore. Auch wenn Werder selten ein Defensivbollwerk war, in der Meistersaison 2003/04 musste man in der Rückrunde bis zum Feststehen der Meisterschaft nur 9 Gegentore hinnehmen (genau so viele, wie in den verbleibenden beiden Spielen gegen Leverkusen und Rostock). In der Saison 2004/05 kassierte man nur in einem von 34 Bundesligaspielen mehr als zwei Gegentreffer. In der Rückrunde der Saison 2005/06 hatte Werder die beste Defensive der Bundesliga mit nur 16 Gegentoren. Es gab natürlich auch andere Zeiten, aber es ist nicht so, dass Bremer Offensivfußball immer nur mit löchriger Defensive möglich war.

2. Lieblingsgegner

Es war Werders siebter Sieg in Folge gegen den SC Freiburg, wobei Werder nur zwei Mal weniger als vier Tore erzielte. Man kann Freiburg also mit Fug und Recht als Lieblingsgegner der letzten Jahre bezeichnen. Gestern hatte Werder jedoch einige Probleme mit den Freiburgern, die mich insgesamt aber nicht überzeugt haben. Wann immer Werder schnell kombiniert hat, konnte Freiburg wenig dagegen ausrichten und es kam zu gefährlichen Szenen. Trotz 4-1-4-1 bekamen sie keinen Zugriff auf den immer stärker werdenden Marin und die Viererkette ließ sich häufig auseinander reißen. Einzig die Effizienz vor dem Tor war beeindruckend. Mit Ausnahme des etwas glücklichen dritten Tores waren die (wenigen richtigen) Angriffszüge stark kombiniert und gut zu Ende gespielt. Mit etwas mehr Glück wäre so ein Unentschieden drin gewesen, was angesichts der Bremer Dominanz über 70 Minuten sehr schmeichelhaft gewesen wäre.

3. Auswechslungen

Schon wieder ein Spiel, in dem Schaafs Wechsel entscheidenden Einfluss nehmen. Letzte Saison war dies mangels Alternativen auf der Bank nur selten zu sehen. Nun hat er genügend Optionen und weiß sie auch zu nutzen: Arnautovic eingewechselt und getroffen, Wesley eingewechselte und getroffen, Ekici eingewechselt und einen Elfmeter herausgeholt. Der Konkurrenzkampf wird größer werden und noch dürfen sich nur wenige Spieler mit einem Stammplatz sicher fühlen. Endlich muss die Bank nicht mehr mit Notlösungen aufgefüllt werden. Dies hat außerdem den Vorteil, Spieler wie Naldo oder Ignjovski ohne Druck an die Mannschaft heranführen zu können.

4. Hunt

Ein Spieler, den viele Werderfans am liebsten nicht mal in der Nähe der Startelf sehen möchten, ist Aaron Hunt. Die Anfeindungen gegenüber dem Spieler werden mir immer unbegreiflicher. Dass er aufgrund seiner schwachen Leistungen letzte Saison keinen Kredit bei den Fans hat, ist verständlich. Dass er nach wie vor bei jedem Fehler von den eigenen Fans beschimpft wird, kann ich jedoch nicht nachvollziehen. Hunt stand bislang drei mal in der Startelf und hat drei mal ordentlich bis gut gespielt. Kein Grund für Euphorie, aber warum kann man nicht wenigstens anerkennen, dass er sich jetzt reinhängt und seine Chance nutzen will? Hunt ist einer der wenigen Spieler, die fast immer den direkten Passweg suchen. Als solcher ist er schon von Natur aus mehr von seinen Mitspielern und deren Laufwegen abhängig, als etwa Marin oder Ekici. Zu seinem Ruf als Mitläufer trägt das natürlich ebenso bei, wie seine (Zitat Schaaf) schreckliche Körpersprache. Man sollte sich über seine Erfolgserlebnisse, wie den souverän verwandelten Elfmeter, das clevere Verzögern vor dem Pass auf Schmitz vor dem 1:1 oder die Einleitung von Thys Großchance gegen Leverkusen, freuen – wie bei jedem anderen Werderspieler auch!

5. Pizarro

Muss man eigentlich noch erwähnen, wie wichtig Pizarro für Werders Angriffsspiel ist? Mit ihm ist Werders Offensive eine Klasse besser. Angesichts seiner Verletzungsanfälligkeit in der letzten Saison mag man gar nicht darüber nachdenken, aber ein fitter Pizarro, der >25 Spiele in dieser Saison macht, kann den Unterschied zwischen europäischem Wettbewerb und Mittelmaß ausmachen. Wie er vor dem 2:1 die Situation erkennt, den Ball nur leicht touchiert, um an seinem Gegenspieler vorbei zu gehen… absolutely top drawer!

6. Wesley

Wesley wird für mich immer mehr zum Mysterium. Wie kann ein Spieler einerseits so grundlegende Dinge immer wieder falsch machen, aber auf der anderen Seite so ein großartiger Fußballer sein? Wesley ist eine der größten Aufgaben für Schaaf in dieser Saison. Gelingt es ihm, aus Wesley einen großen Spieler zu formen? Momentan ist er trotz seiner entscheidenden Aktionen gegen Kaiserslautern und Freiburg für mich kein Kandidat für die Startelf. Stellt er die haarsträubenden Fehler in seinen Laufwegen ab und lernt das Spiel auch ohne Ball am Fuß schnell zu machen, wäre er wegen seiner sonstigen Qualitäten hingegen zwingend ein Spieler für die Startelf. Bis dahin halte ich es wie bei Hunt und freue mich über seine Erfolgserlebnisse.

7. Balance

Das Spiel gegen Freiburg war das komplette Gegenstück zum 0:1 in Leverkusen. Das Team hat gezeigt, dass es sowohl zu konzentrierten und disziplinierten Defensivleistungen als auch zu Offensivwirbel fähig ist – jedoch nicht beides zur gleichen Zeit. Diese Balance hat Werder in den letzten fünf Jahren häufig vermissen lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies weder verwunderlich noch (angesichts der Zielsetzung) ein großes Problem. Gegen starke Gegner kann man ruhig abwartend agieren, wie in Leverkusen. Der eine oder andere Punkt wird dabei herausspringen. Gegen die schwächeren Teams, gerade bei den Heimspielen, dürften wir noch die eine oder andere Achterbahnfahrt zu sehen bekommen. Solange man hierbei am Ende häufiger oben als unten stehenbleibt, sollte es reichen, um sich in der Hinrunde in der oberen Tabellenhälfte zu etablieren. Bis zur Rückrunde ist man dann hoffentlich so gefestigt, dass man den internationalen Wettbewerb angreifen kann. Es ist zwar reichlich unromantisch, aber mit dieser Politik der kleinen Schritte könnte ich angesichts der letzten Saison ganz gut leben.

FC Twente – Werder Bremen (live)

Bremer Seriosität zum richtigen Zeitpunkt

Bundesliga, 3. Spieltag: Bayern München – Werder Bremen 0:0

Beginnen wir mit einem Haiku:

Niemand hat gesiegt.
So ein Unentschieden ist
doch ziemlich ätzend.

Das 0:0 war ein gerechtes, zumindest jedoch folgerichtiges Ergebnis eines Spiels, in dem sich beide Mannschaften über einen Großteil der 90 Minuten neutralisierten. Werders neuformierte Viererkette stand zumeist sicher und hatte nur dann Probleme, wenn Ribery einen Geistesblitz hatte. Im Mittelfeld wurden Frings und Bargfrede im Zentrum abwechselnd von Hunt und Wesley unterstützt, was Bayerns Offensivbemühungen in der ersten Hälfte entschärfte. Das Positionsspiel der Bayern funktionierte nur in der Nähe der Mittellinie. Sobald der Ball in Richtung Spitze gespielt wurde, hatten Klose, Olic und Müller große Probleme mit der Verarbeitung. Ribery hatte einen guten Start, ist aber noch ein Stück von seiner Topform entfernt. Ohne Robben fehlte der Impulsgeber, der ein totes Spiel mit einer Einzelaktion entscheiden kann.

Werder fehlte für ein besseres Ergebnis die Genauigkeit in den Kontern. Wenn es nach vorne ging, dann wurde schnell gespielt. Auf geduldiges Aufbauspiel verzichteten die Bremer fast vollständig. Nach der hervorragenden Anfangsoffensive, die durch Prödls Kopfball fast belohnt worden wäre, stellte sich Werder langsam auf die Dominanz der Bayern in Ballbesitz ein. Die Räume wurden eng gemacht und bei Ballgewinn schnell umgeschaltet. Das Zusammenspiel zwischen den vier Offensivspielern zeigte viele gute Ansätze, doch zu oft kam der entscheidende Ball nicht beim Mitspieler an. Gegen diese Bayern wäre mit einer eingespielten Offensive eindeutig mehr möglich gewesen. Arnautovic hat viele Qualitäten, aber eine echte Sturmspitze ist er nicht. Ihm fehlte für sein raumgreifendes Spiel ein Fixpunkt in der Mitte. Marin brauchte lange, um über die linke Seite den Weg zur Grundlinie zu finden. Bei seinen Hereingaben fehlten im Strafraum teilweise die Anspielstationen.

Trotzdem war es richtig, den zweiten Stürmer zugunsten größerer Stabilität im Mittelfeld zu opfern. Es war nicht der richtige Zeitpunkt für Spektakel und offenen Schlagabtausch gegen die Bayern. So darf man zwar ein bisschen wehmütig sein, ob der verpassten drei Punkte, aber in erster Linie sollte man sich über das Unentschieden unter diesen schlechten Vorzeichen freuen. Ab und zu muss eben auch Werder klarstellen, dass hier kein reiner Spaßbetrieb am Werk ist, sondern eine seriöse (© Marcel Reif) Fußballmannschaft.

In der Summe habe ich gestern eine Menge von dem gesehen, was ich mir von Werder erhoffe. Wenn dieses Team richtig eingespielt ist, sollte es wieder reichen, um in der Spitzengruppe der Bundesliga mitzuhalten.