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Ein großer Schritt in Richtung Klassenerhalt?

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 0:3

Dank der Schützenhilfe aus Gladbach, Leverkusen und Hamburg bleibt Werders 5-Punkte-Vorsprung auf den Relegationsplatz nach dem 30. Spieltag erhalten. Dabei lieferte man selbst im Heimspiel gegen Wolfsburg eine der schlechtesten Saisonleistungen ab und verlor folgerichtig mit 0:3. Auf dem Papier ist die Abstiegsgefahr für Werder zwar gesunken (gleicher Vorsprung bei weniger verbleibenden Spielen), doch darüber sprach in Bremen nach dem Spiel zu Recht niemand.

Umstellungen und Korrekturen

Das Team wurde im Vergleich zu den letzten Spielen erneut durcheinander gewürfelt. Petersen blieb auf der Bank, dafür durfte sich Arnautovic in der Spitze versuchen. Kapitän Clemens Fritz verdrängte nach überstandener Verletzung Felix Kroos wieder auf die Bank und lief neben Bargfrede als Sechser auf. Auch in der Viererkette gab es eine Veränderung: Statt Innenverteidiger Pavlovic spielte Innenverteidiger Sokratis als Linksverteidiger, nachdem er zuletzt noch als Rechtsverteidiger aushelfen musste.

Werders Offensivtaktik ging nicht auf, das wurde recht schnell deutlich. Arnautovic wich viel auf seinen gewohnten rechten Flügel aus. Die nachrückenden De Bruyne und Junzovic wurden im Strafraum mit hohen Bällen gefüttert – gegen die Wolfsburger Innenverteidigung um Naldo keine vielversprechende Tatik. Es krankte wie so oft jedoch schon im Aufbauspiel, was auch ein Verdienst der Wolfsburger war, deren Pressing die Handschrift von Dieter Hecking langsam erkennen lässt. Werder leitete die Bälle wie gewohnt meistens auf die Außenverteidiger, denen die aufrückenden Wolfsburger konsequent die Passwege zustellten. Werder Passquote war zudem mit 75% nicht gut genug, um das Kurzpassspiel durch die Mitte erfolgreich durch zu bringen. So konnte Wolfsburg mit relativ wenig Risiko Werder vom eigenen Tor fernhalten. Auf der anderen Seite freute sich Wolfsburg über die üblichen Lücken in Werders System. Beim 0:1 reichen ein Vertikalpass von Kjaer und eine schnelle Drehung von Arnold, um in das Loch vor Werders Viererkette zu kommen. Zudem stehen die Innenverteidiger in der Situation zu weit auseinander, so dass dem Wolfsburger viel Platz für den Torabschluss bleibt. Beim 0:2 spielt Prödl in einer 3 gegen 2 Situation auf Abseits, während Lukimya versucht abzusichern. Olic startet im richtigen Moment, um dies auszunutzen.

Nach einer halben Stunde korrigierte Schaaf seine Aufstellung, brachte Petersen für Prödl und schob Sokratis und Arnautovic auf ihre gewohnten Positionen. Da war das Spiel aber schon fast entschieden, die Bremer Moral erst einmal gebrochen. Torchancen blieben Mangelware. In der zweiten Halbzeit konnte man Werder ansehen, dass man sich nicht aufgeben wollte und den VfL nun noch aggressiver und höher pressen wollte. Die Kompaktheit fehlte dabei jedoch weiterhin, was zu einem gestreckten Spiel mit vielen Räumen im Mittelfeld führte. In dieser Phase konnte man sehen, dass Wolfsburg noch lange keine Spitzenmannschaft ist, denn sie kamen kaum einmal zu guten Kontergelegenheiten. Defensiv gerieten die Wölfe jedoch kaum in Bedrängnis. Die einzige echte Chance für Werder hatte Arnautovic, der jedoch einen Meter vor dem Tor spektakulär den Ball verfehlte. Spätestens als kurz darauf der eingewechselte Yildirim Vierinha im Strafraum foulte und Diego den fälligen Elfmeter verwandelte, war Werders Widerstand gebrochen.

Bewegung in der Trainerfrage

Was bleibt festzuhalten? Werder spielt eine der schlechtesten Saisons der eigenen Bundesligageschichte. Seit Gründung der Bundesliga 1963 hatte man lediglich 1998/99 nach 30 Spielen noch weniger Punkte. Ironischerweise war das der Zeitpunkt, zu dem Thomas Schaaf verpflichtet wurde. Selbst in der Abstiegssaison 1979/80 hatte Werder nach 30 Spieltagen (auf die 3-Punkte-Regel umgerechnet) 4 Punkte mehr auf dem Konto, als heute. Damals verlor man die restlichen vier Spiele. Nach dem Spiel gegen Wolfsburg muss man befürchten, dass dies auch in dieser Saison im Bereich des Möglichen liegt. Am Wochenende hat sich zu den allgemeinen Problemen nun auch noch die befürchtete akute Krise eingestellt.

Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ein sofortiger Trainerwechsel weiterhelfen würde. Ohne einen geeigneten Nachfolger in der Hinterhand wäre dies wohl reiner Aktionismus. Eine Interimslösung aus den eigenen Reihen halte ich für unwahrscheinlich. Am ehesten käme wohl Viktor Skripnik in Frage, für den der Sprung aber sehr groß wäre. Soll man für die restlichen vier Spiele einen Trainer vom Typ “Retter” von außen verpflichten? Wer käme da überhaupt in Frage? Die Gerüchte, Thomas Schaaf könnte noch vor dem Spiel in Leverkusen entlassen werden, wurden denn auch schnell entkräftigt. Wie es nach einem erneuten desolaten Auftritt am kommenden Wochenende aussehen würde, ist jedoch eine andere Frage. Die Tabellenkonstellation erfordert eine sofortige Stabilisierung. Es wäre fahrlässig, den Klassenerhalt für einen einigermaßen versöhnlichen Abschied zum Saisonende aufs Spiel zu setzen. Dass dieser Abschied kommen wird, dürfte inzwischen sehr wahrscheinlich sein. Die Aussagen seitens der Geschäftsführung haben sich in den letzten Wochen deutlich geändert. Inzwischen vermeidet man es tunlichst, von der nächsten Saison zu sprechen. Man spricht Schaaf noch immer das Vertrauen aus, aber nur noch auf die Gegenwart bezogen. Alle weiteren Fragen werden abgewiegelt.

Wie auch immer die Saison 2012/13 am Ende ausgeht, sie wird als das Jahr des Wandels und des Umbruchs bei Werder in die Geschichtsbücher eingehen. Wenn auch vermutlich nicht so, wie man sich das vor der Saison erhofft hat.

A Night at the Opera: Werder vs. Gladbach

Bremen, Weserstadion, Ostkurve. Hinterm Tor, Flacher Blickwinkel, Eingeschränktes Sichtfeld – kein Ort für Analysen. Hier wird gehüpft, gebrüllt, gesungen. Und ich bin mittendrin.

Wir sind spät dran. Ausgerechnet heute, wo wir in der Ostkurve stehen. Ohne feste Plätze, auf die man sich auch fünf Minuten nach Anpfiff noch setzen kann, ohne dabei groß negativ aufzufallen. Eine Dreiviertelstunde noch bis zum Anpfiff. Wir gehen los. An der Ampel merkt sie, dass sie ihr Portemonnaie vergessen hat. Zurück nach Hause. Wildes Suchen. In jeder Ecke mehrfach. Die Zeit verrinnt unerbittlich. Ich tappe mit dem Fuß unruhig auf den Fliesen, während sie wie ein Derwisch durch die Zimmer fegt und ihr Portemonnaie nicht findet. Ich überlege, ob ich ihr helfen soll. Es würde nicht helfen, ich würde ihr höchstens in die Quere kommen und im schlimmsten Fall am Ende vielleicht sogar daran Schuld sein, dass das Portemonnaie weg ist. Wann sie es zuletzt gesehen hat, frage ich etwas kleinlaut. Vorhin. Eben gerade. Also vor einiger, eigentlich sogar ziemlich kurzer, keinesfalls aber sehr langer Zeit. Ich schaue nervös auf mein Handy. Noch fünfunddreißig Minuten. Sie rennt mit dem Portemonnaie in der Hand an mir vorbei aus der Haustür und ich hinterher.

Schnellen Schrittes zur Bushaltestelle. Es sind nur vier Stationen, doch der Bus fährt schon ab, bevor wir die Kreuzung erreichen. Der nächste kommt in sieben Minuten. Dann sind es noch zwanzig Minuten bis zum Anstoß. Zehn Minuten Fußweg kommen auch noch dazu. Den Osterdeich entlang, vorbei an den wartenden Bussen auf der Straße, dann vorbei an den anderen wartenden Bussen auf dem Parkplatz. Mit etwas Glück kommen wir vor Anpfiff durch die Kontrolle und haben noch eine Minute um uns einen Platz zu suchen. Ich schaue auf die Uhr, als wir die Treppen zur Ostkurve hochgehen. Noch drei Minuten. Genügend Zeit um schnell auf die Toilette zu gehen. Jetzt, wo alles leer ist und meine Blase voll. Ich schaffe das, sage ich mir und ihr und verschwinde auf dem Männerklo. Eine Minute später komme ich wieder heraus und sie ist weg.

Suchen. Rufen. Aufs Handy schauen. Ist sie schon voraus gegangen? Und wenn ja wohin? Abwechselnd schaue ich auf die Uhr und versuche sie anzurufen. Es baut sich keine Verbindung auf. Wie immer im Weserstadion. Das einzige, was hier Netz hat, sind die Tore. Und nun? Ich finde sie nicht. Ich laufe nervös zum ganzen linken Tribüneneingang. Beim letzten Mal standen wir dort. Gefühlt sind 10 Minuten vergangen, doch meine Uhr zeigt genau Acht. Die Mannschaften kommen aufs Feld und ich stolpere vorbei an Ordnern und anderen wartenden Fans nach unten. Ich sehe sie nicht. Hätte sie nicht eine Minute auf mich warten können? Ich zwänge mich in eine der Reihen, bis es nicht mehr weitergeht. Hinter mir ein grimmiger älterer Mann, der die Arme verschränkt hält. Von ihr keine Spur. Anpfiff.

Dem Spiel fehlt die Tiefe. Von meinem Platz aus. Es hat nur eineinhalb Dimensionen: Horizontal und hoher Ball. Vertikal lässt sich spätestens ab der Mittellinie keine Entfernung mehr einschätzen. Wann immer ein Werderspieler in der gegnerischen Hälfte in zentraler Position an den Ball kommt, fordert die Menge den Torschuss. Naldo auf der Sechs, Boenisch als Rechtsverteidiger. Die jungen Wilden auf der Bank. Es hupt. Eine SMS: Wo bist du? Ich? Ich bin hier. Wo bist DU? Bin am Eingang. Werder macht Tempo, versucht es jedenfalls. Mit dieser ewigen Raute mit dem ewigen Kurzpassspiel und den ewigen schnellen Ballverlusten, weil schon ewig die Ruhe im Aufbau fehlt. Nimm den Ball doch an. Den Fritz, den kannst du doch in der Pfeife rauchen. Was macht ihr da für eine Scheiße? Arrango, du bist hässlich! Sprüche, wie am Alt-Herren-Stammtisch. Das ist Fußball. Auch.

Es hupt wieder: Rechter Gang, 8. Reihe. Rechte Reihe? Warum bist du da? Und warum steht der Herrmann da? So frei! Aber er vergibt. Glück gehabt. Überhaupt diese Gladbacher. Haben die bessere Raumaufteilung und die bessere Spielanlage. Der Favre, das wäre doch einer für uns! Da weiß jeder was er zu tun hat, in jeder Situation. Bei Werder weiß Rosenberg, dass Pizarro den Ball durch Dante hindurch passt und sprintet hinterher. Läuft immer weiter. Schieß doch endlich! Läuft immer noch. Dann ein Schuss, dessen Flugbahn gen Anzeigetafel zu verlaufen scheint. Wieder so eine Chance vertan. Plötzlich und unerwartet senkt sich der Ball. Ist er schon hinter dem Tor? Das Netz zappelt und Sekundenbruchteile später zappelt auch die Ostkurve. Rosi, du abgekochtes Schlitzohr. Ich hab es immer gewusst, dass du ein Goalgetter bist! Und Gladbach hat hier sowieso noch nie gewonnen. Ich brülle meine Freude heraus und schaue aufs Handy. Meine letzte SMS wurde nicht versendet: Lass uns in der Halbzeit treffen. Ich will das Telefon gerade wegstecken, da hupt es: Sehen uns in der Hz. Gedankenübertragung. Und 1:0. Was kann man mehr erwarten.

DAS WAR KEIN FOUL! Lass die rote Karte gefälligst stecken! Er lässt nicht. Boenisch muss duschen gehen und Werder ist nur noch zu Zehnt. Wolfgang Rolff kommt an der Kurve vorbeigelaufen und holt Ignjovski zur Trainerbank. Iggy zieht die Trainingsklamotten aus und macht sich bereit für seinen Einsatz. Dann trabt er plötzlich wieder hinterm Tor mit den anderen Auswechselspielern. Einmal nicht hingeschaut und schon alles verpasst. So wie Werders Spieler. Gladbach passt sich so schnell durchs gelichtete Bremer Mittelfeld, dass einem Angst und Bange wird. Warum sieht das so einfach aus? Ist es vielleicht einfach so einfach? Und wer spielt da im rechten Mittelfeld? Niemand. Nun gut, wird schon seine Gründe haben. Oder auch nicht. Es geht jedenfalls gut bis zur Halbzeit. Irgendwie. Ein Pfiff. Viele Pfiffe, als das Schiedsrichtergespann in den Tunnel geht. Ich zwänge mich wieder zurück durch die Reihe zum Aufgang, die Treppen hoch, durch den Innenbereich, vorbei an wartenden Toilette-Müssern und Bier-Gernhättern, auf der anderen Seite wieder nach draußen, wo ist denn Reihe 8? Zu ihr. Wir fallen uns um den Hals. 1:0.

Wo sie denn auf einmal war? Na, am Eingang, das hatte sie mir doch geschrieben, als ich auf der Toilette war. Nein. Oh Gott, ist die Nachricht etwa nicht angekommen? Das Funkloch, größer als jenes im rechten Mittelfeld. Sie entschuldigt sich mit einem langen Kuss. Auch mein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht weiter gesucht habe, redet sie mir aus. Werder geht immer vor. Ich mag ihr nicht ganz zustimmen, bin aber dennoch erleichtert.

Es geht weiter und es sieht gar nicht mal so schlecht aus. Die Löcher werden weniger, Gladbach wirkt nicht mehr ganz so übermächtig. Auf geht’s Werder, kämpfen und siegen! Die zehn verbliebenen Bremer wetzen hinter jedem Ball her und das Stadion geht begeistert mit. Dann gibt es einen Einwurf für Werder auf der linken Seite. Schmitz wirft. An den Kopf eines Gladbachers, der zehn Meter vor ihm steht. Was machst du denn da für einen Mist, denke ich und zähle in Gedanken schon die Sekunden bis zum Gegentor. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Die Pässe zerschneiden die Bremer Abwehr wie Butter, auf der Seite des Spielfelds, auf der es nur die Horizonale gibt. Siebenundzwanzig. Zack, zack, zack. Dann Hanke. 1:1.

Die folgenden Minuten vergehen wie im Zeitraffer. Oder wie in Zeitlupe? Nicht mal da bin ich mir sicher. Wie in Watte gepackt fühlt sich mein Kopf im weiteren Verlauf des Spiels an. Weh tut es schon lange nicht mehr. Ist Gladbach gerade besser? Fangen wir uns wieder? Vergehen zwischen dem Ausgleich und dem Gladbacher Führungstor fünf, zehn oder fünfundzwanzig Minuten? Ich weiß es nicht. Selbst die Euphorie bei den Bremer Gegenstößen erlebe ich wie hinter einer Milchglasscheibe. Regnet es? Oder ist es ein schöner Frühlingstag? Ist Werder gerade torgefährlich? Die Reaktionen der umstehenden Fans deuten darauf hin. Neben mir hippelt sie unruhig hin und her. Meine Hände klatschen rhythmisch, während mein Kopf unwillkürliche Ellipsen dreht. Oder bewegt er sich gar nicht? Ich weiß nicht, ob ich nichts weiß. Dann bläst Hanke die Watte weg. 1:2.

Das Spiel fühlt sich jetzt wieder schrecklich real an. Ich greife nach ihrer Hand und halte sie fest. Das war es dann wohl. Das muss es sein. Die Gladbacher Überlegenheit scheint plötzlich wieder unerträglich deutlich und unabänderlich. Die Luft wird bald raus sein und wenn wir Pech haben, wird es noch ein richtig schmerzhaftes Ergebnis. Wie lange ist noch zu spielen? Zu lange. Nicht lange genug. Werder wehrt sich weiterhin. Gibt nicht auf. Iggy kommt für Marin. Warum erst jetzt? Nicht so viel fragen. Hoffen. Glauben! Ich verbiete mir bis zum Schlusspfiff jede weitere Frage und jeden Versuch, etwas zu analysieren. Einfach alles aufsaugen, pure Emotion. Freistoß Junuzovic. Er zeigt mit Zeige- und Mittelfinger eine Zwei an. Vielleicht auch eine römische Fünf oder ein Victory-Zeichen. Sokratis am langen Pfosten klopft sich auf die Brust. Der Ball kommt mit Schnitt und Tempo in den Strafraum geflogen. Sokratis nimmt Anlauf, springt und wuchtet den Ball in die Maschen. Während mein Gehirn ein griechisches Heldenepos spinnt, feiert das Stadion Naldo als Torschützen. Aber trotzdem. Dieser Wille. Diese pure Entschlossenheit. Hätte Naldo nicht im Weg gestanden, hätte Sokratis den Ball durchs Tornetz gejagt. Da bin ich mir sicher. Ausgleich, da bin ich mir auch sicher. 2:2.

Nicht so sicher bin ich mir, wie wir die Schlussphase überstehen. Gladbach trifft die Latte, Pizarro das Gladbacher Bein und der Schiedsrichter die Entscheidung, dass eine knappe Minute Nachspielzeit reicht. Unterm Strich steht ein Punkt. Überm Strich stehen wir. In der Tabelle. Dem Strich, der die internationalen Plätze vom Mittelfeld trennt. Noch. Das Publikum goutiert die Aufführung in der Bremer Fußballoper mit stehenden Ovationen. Das Ensemble applaudiert brav zurück und irgendwie scheinen alle ein bisschen zufrieden zu sein. Auch ich. Auch sie. Wir gehen Hand in Hand hinaus in die Nacht.

Morgen werde ich merken, dass dieses Spiel kein Fortschritt war. Werde mich fragen, wie Gladbach uns innerhalb so kurzer Zeit nicht nur taktisch sondern auch spielerisch überholen und abhängen konnte. Werde mir die gleichen Sorgen um Werder machen, wie in den letzten Wochen und Monaten. Werde einen Verriss schreiben, über das Stück, das im Weserstadion aufgeführt wurde.

Aber heute, heute lasse ich die Musik in meinem Kopf verklingen und bilde mir ein, sie wäre schön gewesen.

30. Spieltag: Comeback Kid

Werder Bremen – SC Freiburg 4:0

Vor einer Woche schrieb ich noch, Werders Bundesligasaison sei beendet. Einem erwarteten Sieg gegen Freiburg, einem vorhersehbaren Punktverlust Leverkusens und einer halbwegs überraschenden Dortmunder Niederlage sei dank, widerspricht mir die Tabelle seit gestern wieder. Werders Schlussprogramm hält meinen Optimismus nach wie vor in Grenzen, da ich mir nicht vorstellen kann, dass Werder sich keinen Punktverlust mehr erlaubt. Dazu sind die verbleibenden Gegner zu stark, dafür ist Werder zu unkonstant. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren!

Der Sieg gegen Freiburg war natürlich verdient. Was der SC in der zweiten Halbzeit ablieferte, lud Werder geradezu zum Toreschießen ein. Es hätte auch gut und gerne wieder ein 6:0 geben können. Werders Leistung fand ich über 90 Minuten gesehen gut, wenn auch nicht so überragend, wie es das Ergebnis vormacht. Man hatte Freiburg fast über die gesamte Spieldauer im Griff, war sehr ballsicher und kombinierte sich immer wieder flüssig und ansehnlich vors Tor. Was mich jedoch gestört hat, war die Fahrlässigkeit, mit der Werder (mal wieder) in der Anfangsphase vorging. Ein Fortschritt zwar, dass die Defensive nie ihre Ordnung verloren hat. In Einzelaktionen (Naldo!) kamen aber einige Male die Unzulänglichkeiten zum Vorschein. Normalerweise muss Freiburg nach 10 Minuten in Führung gehen. Bringt Makiadi den Abpraller aus 8 Metern aufs Tor, ist es zu 80% das 0:1. Danach lief es aber immer besser und ich bin mir nicht sicher, ob es nur an Werders geduldigem Spielaufbau lag, doch Freiburg rannte mit zunehmender Spieldauer nur noch hinterher und konnte überhaupt nicht mehr für Entlastung sorgen. Wichtig, dass in der ersten Halbzeit noch das Tor fällt und Werder nicht gezwungen wird, noch konsequenter nach vorne zu spielen. Pizarro unterstreicht dabei wieder mal seine Klasse. Beim 2:0 durch Hunt zeigt sich dann schon, dass Freiburg kapituliert hat, was angesichts ihrer Tabellensituation überrascht. Danach hatte Werder leichtes Spiel, konnte ungestört sein Programm runterspielen, wobei vor allem Özil glänzte.

Was ich bemerkenswert finde: Barcelona sei dank ist es inzwischen wieder schick, ein Spiel mit viel Ballbesitz und konsequentem Positionsspiel zu gestalten. Dazu braucht es natürlich ein hohes Maß an Ballsicherheit und Passgenauigkeit. Während bei Werder die Tendenz in den letzten Jahren in Richtung Free Form und ständigen Positionswechseln (Baumann ausgenommen) im Mittelfeld ging, entwickelte sich das Spiel bei einigen Mannschaften in die andere Richtung. Spätestens seit Barcelonas Champions Leauge Triumph nimmt die Zahl der Mourinho-Jünger augenscheinlich ab. Der Querpass, vor kurzem noch fast ein Schimpfwort, kommt wieder in Mode. Vor kurzem noch wurde jeder Ball, der nicht direkt vertikal nach vorne gespielt wurde, als Zeitverschwendung angesehen. Mir persönlich gefällt das ganz gut, ich mag Mannschaften, die aktiv (sprich: mit Ballbesitz) versuchen, das Spiel zu gestalten und nicht in erster Linie gegen den Ball arbeiten, um dann sporadisch, aber blitzartig zu kontern. Auch wenn es natürlich nur selten so elegant aussieht, wie bei Barca oder der spanischen Nationalmannschaft. Die Bayern unter van Gaal sind ein gutes Beispiel, wie so ein System aussehen kann. Dort ist längst noch nicht alles perfekt und die Mannschaft tut sich noch schwer, diese Spielweise in Tore umzuwandeln. Zum Glück haben sie Robben. Und Olic. Wie sie gegen Manchester zurückkamen war schon beeindruckend, nicht nur vom psychologischen Aspekt her. Nach dem Platzverweis haben sie konsequent ihren Stiefel runtergespielt, ohne Hektik, ohne Panik, den Ball von einer Seite zur anderen gespielt. Immer auf der Suche nach dem Fehler. Es war dann letztendlich eine Standardsituation, die das Spiel entschied, aber viel wichtiger war für die Bayern, dass sie sich Uniteds Stürmer vom Leib halten konnten. Mit Rooney hatte sich Sir Alex verzockt, Valencia war ins Mittelfeld eingebunden und Nani konnte alleine keine so große Gefahr mehr darstellen wie noch in Hälfte 1. Deshalb war es am Ende trotz der katastrophalen ersten Halbzeit nicht unverdient, dass Bayern weiterkam.

Barcelonas Spiel ist dann noch mal ein bis zwei Stufen ausgereifter. Die Spieler sind seit Jahren, zum Teil seit frühester Jugend, an das System gewöhnt. Die Mannschaft ist nicht nur was das Passspiel angeht eine Klasse für sich, sondern auch was die Balleroberung in der gegnerischen Hälfte angeht. Der Ball wird nicht nur lange gehalten, sondern das zum Großteil in der Zone, wo es für den Gegner gefährlich wird, wenn er nicht mit voller Konzentration gegen den Ball arbeitet. Und dann hat man natürlich auch die Spieler, die diese Gelegenheiten ausnutzen können. Barcas Gegner am Dienstag hat seine Stärken nicht im Spiel gegen den Ball. Es war klar, dass Arsenal das Spiel anders angehen musste als im Hinspiel. Dass man Barcelonas Mittelfeld früher unter Druck setzen und das Spiel weiter vom eigenen Tor entfernt halten musste. 20 Minuten lang klappte das auch sehr gut. Danach kam Messi und Arsenal glitt das Spiel aus den Händen. Eine Mannschaft, der fünf Spieler aus der Startelf fehlen, hat schon mit genügend Problemen zu kämpfen. Ein Messi, der das Repertoire der Sportjournalisten an Superlativen längst aufgebraucht hat, ist dann einfach zu viel. Die beiden Spiele legen aber nahe, dass Arsenal im Camp Nou auch in Bestbesetzung nicht allzu hoch gewonnen hätte. Was angesichts der tollen Offensive immer wieder übersehen wird: Barcelona hat in dieser Saison in 31 Spielen erst 19 Gegentore kassiert. Letzte Saison waren es bei 105 (!!!) geschossenen Toren insgesamt vergleichsweise geringe 35 Gegentore. Ein Beleg für die platte Aussage “Angriff ist die beste Verteidigung”? Eher dafür, dass kontrolliertes Spiel mit viel Ballbesitz dem Gegner wenige Tormöglichkeiten einräumt.

Um nochmal den Bogen zurück zu Werder hinzubekommen: Die Bayern zeigen momentan ganz gut, dass man mit konsquentem Positionsspiel Erfolg haben kann, auch wenn man nicht Barcelona ist. Bayerns Abwehr wirkt alles andere als gefestigt, dennoch hat man mit die wenigsten Gegentore der Liga gefangen. Vorne machen im Zweifel die Ausnahmespieler den Unterschied. Man muss nicht 90 Minute lang anrennen und dem Gegner die Konter auf dem Silbertablett servieren, um zum Torerfolg zu kommen. Mit Pizarro hat Werder einen der besten Stürmer der Liga, mit Marin und Özil zwei dribbelstarke Spieler, die auch über die Außenpositionen immer wieder für Gefahr sorgen. Mit der Kombination Bargfrede/Frings kann man gegen die meisten Gegner das zentrale Mittelfeld kontrollieren. Vielleicht kann die Mannschaft mit der zweitbesten Chancenverwertung der Liga wieder ein wenig Angriffswucht zugunsten von mehr Spielkontrolle aufgeben? Gegen Freiburg war das für mich das Erfolgsrezept. Wobei man nicht vergessen darf, dass Werder vor nicht langer Zeit noch das gegenteilige Problem hatte, wenn ich an die Jahre nach der Doublesaison denke, als man Gegner teilweise über 90 Minuten beherrschte und hinten rein drückte, ohne das entscheidene Tor zu erzielen. Irgendwas ist halt immer.