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Gedanken zu Werders System 2014/15

Wohin geht die Reise bei Werder in dieser Saison? Im Verein gibt man sich betont optimistischer als in der letzten Saison. Ein Mittelfeldplatz soll her, möglichst ein Einstelliger. Die Zeichen dafür sehen trotz des Abgangs von Aaron Hunt nicht schlecht aus. Mit Galvez und Hajrovic hat Eichin zwei starke Transfers zum Nulltarif eingetütet und dazu mit Bartels eine brauchbare Alternative verpflichtet. Das Gerüst des Kaders steht, auch wenn es noch Positionen gibt, auf denen Werder etwas dünn besetzt ist. In der zweiten Reihe wird es daher auch darauf ankommen, dass zwei bis drei Spieler aus dem Nachwuchs den Anschluss schaffen. Aussichtsreichste Kandidaten hierfür sind Zander und Aycicek, aber auch dem bei der U19-EM auftrumpfenden Selke kann man Chancen einräumen.

Eine sehr wichtige Frage ist auch, wie Robin Dutt in der kommenden Saison das Team taktisch weiterentwickeln möchte. In der letzten Saison war viel Basisarbeit gefragt, deren Erfolg erst gegen Ende der Saison sichtbar wurde. Darauf gilt es nun aufzubauen. Präferiertes System scheint dabei weiterhin die im letzten Saisondrittel gut funktionierende Raute zu sein. In der Vorbereitung wurde auch schon mit einer Dreierkette getestet, die spätestens seit der WM wieder im Mainstream angekommen ist. Möglich ist auch, dass Dutt ohne Hunt auch noch einmal sein früher präferiertes 4-3-3/4-3-2-1 auspackt. Ein 4-2-3-1 scheint hingegen eher unwahrscheinlich.

Dutts Raute

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Es ist noch nicht lange her, dass die Raute als Auslaufmodell galt, vor allem in Bremen. Das lag natürlich vor allem an Werders Defiziten in den letzten Jahren unter Schaaf, die allerdings nicht nur im Rautensystem, sondern auch im 4-2-3-1 und 4-1-4-1 zum Vorschein kamen. In der letzten Saison zeigte sich dann auch in Bremen, dass Raute nicht gleich Raute ist. Vor allem im Spiel gegen den Ball wurde dies deutlich, namentlich im Pressing und Gegenpressing. Die Raute wird nun ähnlich wie bei Tuchels Mainzern dazu verwendet, den Gegner früh auf eine Seite zu locken und dort anzupressen. Die Überzahl im Zentrum (bspw. gegen ein 4-2-3-1) wird für mehr Kompaktheit genutzt. Das von mir in der Vergangenheit gerne kritisierte Loch vor der Viererkette taucht nur noch selten auf.

Dennoch lässt die Raute der letzten Saison noch Wünsche offen. Das Flügelspiel war bestenfalls durchschnittlich, wobei die Stürmer gegen Ende der Saison hier klar aufsteigende Tendenz zeigten und häufiger im richtigen Moment den Weg auf die Flügel suchten. Hier steht Dutt nun vor der Frage, ob er die Außenverteidiger noch offensiver agieren lassen will (wie vor einem Jahr versucht) oder lieber auf eine konservativere Ausrichtung setzt. Letzte Saison spielte Garcia häufig offensiver als Fritz auf der anderen Seite, sodass eine Asymmetrie entstand, die sich mit Werders linkslastiger Ausrichtung deckte. Luca Zander böte auf der rechten Seite sicherlich andere Möglichkeiten, was das Offensivspiel angeht.

In Ballbesitz lässt sich der Sechser häufig zwischen die Innenverteidiger fallen, so dass im Aufbau ein 3-4-1-2 entsteht. Spielen beide Außenverteidiger offensiv, kommt es nicht nur auf die Abstimmung mit den außen absichernden Innenverteidigern an – die links mit Caldirola und Garcia schon sehr gut funktioniert – sondern auch auf die Rolle der beiden Achter. Ihnen kommt in dieser Auslegung der Raute die wohl wichtigste Funktion im Team zu. Sie müssen sowohl die Flügel als auch den Sechser absichern, situativ in die Spitze vorstoßen, die richtige Balance beim Pressing finden und zum Überladen die Seiten wechseln. Für Dutt besteht die Herausforderung darin, die richtige Mischung aus kreativen und destruktiven Spielern zu finden. Wohl auf keiner Position hat er soviel Auswahl: Mit Bargfrede, Makiadi, Selassie, Obraniak, Aycicek, Junuzovic und Bartels kommen gleich sieben Spieler für zwei Positionen in Frage.

Das Aufbauspiel, das letzte Saison zwar gute Ansätze zeigte, jedoch kaum weiterentwickelt wurde, ist eine weitere Baustelle. Spielerisch war das Mittelfeld zu schwach, um per Kombinationsspiel ins Angriffsdrittel zu gelangen. Die langen Bälle auf den linken Flügel erwiesen sich als probates Mittel, waren jedoch eher aus der Not geboren und machten Werder sehr ausrechenbar. Das soll in der neuen Saison anders werden. Der Schlüssel hierzu ist in der Raute der Sechser, der von ganz hinten die Bälle verteilt und somit das Aufbauspiel dirigiert. Hier steht mit Kroos ein talentierter, aber noch kein richtig guter Ballverteiler zur Verfügung. Bargfredes Passspiel ist besser als von vielen behauptet, aber er hat seine stärken eher im Kurzpassspiel als in der strategischen Spieleröffnung. Gut möglich daher, dass Dutt hier auf Neuzugang Galvez setzt, der von einem der passsichersten Vereine Europas kommt. Dies wird auch davon abhängen, ob Prödl noch verkauft wird und Glavez in der Innenverteidigung benötigt wird. Seine Ansätze im Testspiel gegen Bilbao waren jedenfalls vielversprechend.

Das Weltmeister-System

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Auch wenn es in nahezu allen deutschen Medien ab dem Viertelfinale falsch dargestellt wurde: Deutschland spielte bis zu Kramers Verletzung im Finale bei der WM durchgängig ein 4-3-3. Nun ist Werder in puncto Passspiel und Pressingresistenz nicht annähernd auf vergleichbarem Niveau wie die Nationalmannschaft und kann sich deren Spielweise nicht als Vorbild nehmen. Dutts 4-3-3/4-3-2-1 System, mit dem er bei Freiburg, Leverkusen und auch zu Beginn in Bremen agieren ließ, weist dennoch einige Parallelen zum deutschen WM-System auf. Hierzu zählen die Asymmetrie auf dem Flügel, die einrückenden Außenspieler und der Fokus auf die Kontrolle des Zentrums. In der letzten Saison konnte Dutt seinen wichtigsten Offensivspieler Aaron Hunt nicht sinnvoll in dieses System einbauen. Zudem verfügte er nicht über einen geeigneten Mittelstürmer für ein Ein-Stürmer-System. Nach Hunts Abgang und Di Santos Formanstieg scheint der Weg für das 4-3-3 in dieser Saison frei zu sein. Gegenüber der Raute hat das System den Vorteil, dass die Flügel in der Offensive besser genutzt sowie Elia und Hajrovic gemeinsam eingebaut werden können.

Das 4-3-3 dürfte wohl vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn in der Raute keiner der Kandidaten für die 10er-Position überzeugen kann und man ein direkteres Spiel über die Flügel bevorzugt. Defensiv ändert sich durch die 4-3-Stellung von Abwehr und Mittelfeld nicht viel, doch das System hat den Vorteil, dass aufrückende Außenverteidiger einen direkten Gegenspieler haben. Anders als in Schaafs 4-1-4-1 vor zwei Jahren gehen die Außenstürmer jedoch nicht mannorientiert jeden Weg mit, sondern es wird insgesamt schmaler gestanden und der Gegner erst dann gestellt, wenn der Ball bereits auf dem Flügel ist (vgl. Pressingfalle). Auch schalten sich die Achter nur selten ins Angriffspressing ein.

Schwachpunkt des Systems ist die Vernachlässigung des 10er-Raums. Hier muss es zwischen Außenstürmern und Achtern eine gute Abstimmung geben, da ansonsten eine Lücke im offensiven Zentrum klafft und der Mittelstürmer isoliert wird. Wie man es richtig macht, zeigte bspw. Atletico Madrid in der letzten Saison, die in einem flachen 4-4-2 trotzdem ständig Anspielstationen im Zehnerraum schufen. Defensiv kann die Formation dann problematisch werden, wenn sich die Außenstürmer unzureichend am Defensivspiel beteiligen und der Gegner das Dreiermittelfeld auseinander ziehen kann.

Experiment Dreierkette

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Der Taktiktrend der WM hinterlässt Spuren im Vereinsfußball: Louis Van Gaal versucht gerade sein 3-5-2-System zu Manchester United zu importieren und Pep Guardiola experimentiert wie vor drei Jahren in Barcelona mit einem 3-4-3. Nicht weiter verwunderlich also, dass auch bei Werder ein System mit Dreierkette diskutiert wird, zumal man mit Galvez einen passstarken Innenverteidiger verpflichtet hat, der eigentlich zu stark für die Ersatzbank ist. Neben der Option, Galvez im defensiven Mittelfeld einzusetzen, bleibt auch die Möglichkeit, ihn zwischen Prödl und Caldirola als dritten Innenverteidiger aufzubieten. Im Spielaufbau dürfte dies auch in den anderen Systemen häufig zu dieser Aufstellung kommen, warum also die Abwehr nicht gleich zu einer Dreierreihe umformieren?

Besonders wichtig ist in diesem System die Rolle der Außenspieler, Wingbacks genannt, die sowohl in der Offensive für die Breite sorgen als auch defensiv die Dreierkette unterstützen müssen. Ihre Rolle ist der in einer Raute nicht unähnlich, nur dass sie noch mehr offensive Verantwortung tragen und defensiv zumindest theoretisch besser durch die Innenverteidiger abgesichert werden können. Garcia liegt diese Spielweise sicherlich eher als Fritz, sodass neben Newcomer Zander auch Gebre Selassie eine Alternative als rechter Wingback wäre. Das Risiko eines solchen Systems besteht darin, dass man von passsicheren Gegnern mit starken Außenstürmern weit nach hinten gedrängt werden kann und dann Probleme bekommt, das 5-3-2 wieder aufzulösen. Im Extremfall werden auch noch die Sechser weit nach hinten gedrängt (wie es etwa den Niederlanden bei der WM gegen Mexiko passierte), sodass bis zu sieben Spieler auf einer Linie stehen.

Eine wichtige Frage wäre dann noch, ob Dutt im Mittelfeld die in Raute und 4-3-3 verwendete “1-2-Stellung” im Mittelfeld bevorzugt (also ein Sechser und zwei Achter) oder ob man lieber mit einer “2-1-Stellung” spielt. Letztere ist die gebräuchlichere Variante, die im Ballbesitz (auch hier eine Parallele zur Raute) zu einem 3-4-1-2 wird. Das 3-3-2-2, das im erstgenannten Fall entsteht, ist risikoreicher, bietet in der Offensive aber mehr Möglichkeiten. Konsequent wäre die 2-1-Variante, weil durch den dritten Innenverteidiger ein Einrücken eines Mittelfeldspielers in die Abwehrkette nicht mehr nötig ist – der Sechser des 1-2-Mittelfelds steht quasi schon eine Reihe weiter hinten. Für die beiden Sechserpositionen kommen dann auch Spieler wie Makiadi und Selassie in Frage, die eigentlich eher Box-to-Box Spieler sind als klassische Sechser. Eine Variante mit nur einem Stürmer (3-3-3-1 bzw. 3-3-1-3) halte ich für äußerst unwahrscheinlich.

Ohnehin dürfte das 3-5-2 zunächst nur eine taktische Alternative sein, nicht jedoch der Plan A des Trainers. Bei Werder hätte das System wohl vor allem den Zweck, die Defensive zu verstärken und nicht (wie etwa bei Bayern oder Chile) mehr Spieler im Mittelfeld zu haben. Man kann es sich nicht leisten, die Wingbacks im Stile von Außenstürmern agieren zu lassen und wäre so noch mehr von der individuellen Stärke der Offensivleute abhängig. Das kann angesichts des Substanzverlusts der letzten Jahre in diesem Bereich nicht das Ziel sein. Eine WM, die nur einen Monat lang andauert und bei der jedes Gegentor das Aus bedeuten kann, ist dann eben doch etwas anderes, als eine Bundesligasaison, in der die Gegner viel Zeit haben, sich auf ihre Gegner einzustellen und in der man ein Defensivsystem im Laufe der Spielrunde. Dennoch: Das 3-5-2 ist eine spannende Option, die Werder mit dem aktuellen Personal gut spielen kann.

Das 4-2-3-1 als Notlösung

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Vorbei die Zeiten, in denen das 4-2-3-1 die automatische Default-Taktik im Weltfußball war. Eine Entwicklung, die vor vier Jahren noch nicht ersichtlich war, die jedoch wieder einmal beweist, dass keine Formation der anderen per se überlegen ist, sondern immer in Abhängigkeit zum jeweiligen Entwicklungsstand des Fußballs steht. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass das 4-2-3-1 und seine nahen Verwandten, das 4-4-2 und das 4-4-1-1 gegen den Ball, ausgedient haben. Und auch wenn derzeit nichts daraufhin deutet, dass Dutt einer Rückkehr zum 4-2-3-1 plant, sollte man diese Variante nicht ausschließen. Ein paar Vorteile bietet dieses System nämlich schon noch. Es gehört inzwischen zur Grundausbildung des Fußballs und wird von allen Spielern verstanden, sodass es keiner großen Umstellung bedarf, auf ein 4-2-3-1 umzustellen. Daher kann es auch im Laufe der Saison oder auch im Laufe eines Spiels problemlos eingesetzt werden, wenn es die Umstände erfordern. Diese Umstände dürften dann eher im defensiven Bereich oder der Taktik des Gegners begründet sein, denn in der Offensive scheint dieses System auch weiterhin nicht optimal zu Werders Personal zu passen.

Wofür entscheidet sich Dutt?

Derzeit deutet alles darauf hin, dass Dutt sich zum Saisonbeginn für die Raute entscheidet. In den nächsten Wochen kann zwar noch viel passieren, doch es müsste wohl schon einiges schief laufen, damit Dutt von der Taktik abweicht. Weitere Abgänge und/oder Neuverpflichtungen könnten dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Das Gerüst des Teams steht jedoch und solange keine tragenden Säulen den Verein verlassen, wird Dutt daran festhalten. Offene Planstellen sind derzeit eigentlich nur im Mittelfeld zu finden, wo die Auswahl groß ist und kein Spieler als gesetzt gilt. Hier bleibt abzuwarten, ob sich bis zum Saisonauftakt eine klare Hackordnung herausbildet oder Dutt in den ersten Pflichtspielen noch puzzelt.

Dutt ist jedoch kein Trainer, der stur an einem System festhält. Es würde mich schon sehr überraschen, wenn die Raute die komplette Saison über verwendet würde. Werders taktische Flexibilität ist mit den Neuverpflichtungen gewachsen und abhängig von Gegner, Spielstand und aktueller Form wird Dutt sicherlich die Formation anpassen. Gut möglich also, dass wir alle vier hier vorgestellten Varianten früher oder später zu sehen bekommen. Wichtig bleibt vor allem, dass Dutt mit seinem System den geeigneten Rahmen schafft, in dem er die taktischen Feinheiten und das Passspiel seiner Mannschaft weiterentwickeln kann. Denn 2014/15 dürfte für Werder eine “Trainersaison” werden, eine Spielzeit, in der es sehr auf die Entwicklung der Mannschaft ankommt, wenn man sich tatsächlich von Anfang an aus dem Abstiegskampf heraushalten möchte.

Braucht Werder einen (neuen) Spielmacher?

Klaus Allofs hat letzte Woche in einem Interview angekündigt, einen Spielmacher verpflichten zu wollen, einen Nachfolger für Micoud, Diego und Özil. Mit Mehmet Ekici scheint ein geeigneter Kandidat bereits gefunden zu sein. Damit entspricht Werder dem Wunsch vieler Fans, die die Ursache für Werders miserable Saison vor allem im Fehlen eines Mittelfeldregisseurs sehen. Johan Petersen hat in seinem Blog geantwortet, Werder brauche keinen neuen Spielmacher, da dieser im modernen Fußball nicht mehr benötigt werde. Hat er Recht?

Der Niedergang des Spielmachers

Zunächst einmal gilt es zu definieren, was wir unter einem Spielmacher heutzutage überhaupt verstehen. Lange Zeit stellte sich diese Frage im Fußball nicht. Der Spielmacher, das war der 10er, der Mann hinter den Spitzen, der das Angriffsspiel auf sich zog und die entscheidenden Pässe spielte. Das Spiel hat sich jedoch nicht erst in den letzten Jahren radikal verändert. Es wird mehr gelaufen, das Tempo ist höher, Spieler haben weniger Zeit am Ball und können das Spiel nicht mehr gemächlich aufziehen. Viele Mannschaften gingen dazu über, auf einen Spielmacher zugunsten eines zweiten Sechsers zu verzichten. Das heute übliche 4-4-2 setzte sich durch, bei dem die Flügelspieler den offensiven Part übernahmen und die zentralen Mittelfeldspieler absicherten. Es ging um Risikominimierung und Verlagerung des Spielgeschehens – der Siegeszug der Doppelsechs. Der Raum zentral vor der Viererkette des Gegners wurde zum Niemandsland, zu einer Zone, in der kein Spieler mehr die Zeit fand, um in aller Ruhe das Spiel aufzuziehen. Werder bildete zu jener Zeit mit Johan Micoud und später Diego in der Mittelfeldraute eine seltene Ausnahme.

Die Entwicklung hielt an dieser Stelle jedoch nicht an. Sie setzte sich sogar so rasant fort, dass heute das 4-4-2 mit Doppelsechs schon wieder als veraltet und nicht mehr konkurrenzfähig gilt. Um der gegenseitigen Neutralisierung im starren 4-4-2-Duell zu entgehen, bildeten sich neue Spielsysteme heraus, die man verallgemeinernd als 4-5-1/4-3-3-Gemische bezeichnen kann. Diesen Systemen ist gemein, dass sie auf eine zweite Sturmspitze zugunsten eines weiteren Mittelfeldspielers verzichten und damit zumindest nominell wieder einen Zehner aufbieten. Das 4-2-3-1, die wohl bekannteste und verbreitetste Formation, lässt sich evolutionär aus zwei Richtungen erklären. Zum einen ausgehend vom 4-4-2 mit offensiven Außen. Einer der beiden Stürmer lässt sich weit zurückfallen, so dass sich zunächst ein 4-4-1-1 ergibt. Diese Einteilung wurde mit der Zeit immer rigider, so dass Flügelspieler und hängende Spitze zu einer gemeinsamen Reihe uminterpretiert wurden. Aktuelles Beispiel hierfür ist Manchester United, wo Wayne Rooney häufig die Rolle der hängenden Spitze ausübt und somit als 10er angesehen werden kann. Das System lässt sich jedoch auch ausgehend vom holländischen 4-3-3 erklären, das für die meisten Mannschaften im europäischen Spitzenbereich inzwischen zu offensiv ist. Die Außenstürmer mussten mit der Zeit immer mehr Defensivaufgaben übernehmen, so dass sie irgendwann auf einer Höhe mit dem Spielmacher agierten. Das Inter Mailand der letzten Saison lässt sich hier beispielhaft nennen, das mit Sneijder einen Spielgestalter im Dreiermittelfeld aufbot und ihm die Außenstürmer Eto‘o und Pandev an die Seite stellte, die ein ungeheures Defensivpensum abspulten.

Die Neuerfindung des Zehners

Was bedeutet dies nun für die Position des Zehners? Im 4-5-1/4-3-3 kann sie sowohl von einem spielstarken Stürmer als auch von einem Mittelfeldspielers gespielt werden. Je nach Ausrichtung der Mannschaft können unterschiedliche Spielertypen eingesetzt werden. Ein wirklicher Regisseur wird auf dieser Position nicht mehr unbedingt benötigt, weil der Zehner weniger Zeit am Ball und weniger Zeit zum reagieren hat. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, sich der Bewachung durch die gegnerischen Sechser zu entziehen und Lücken zu suchen – nicht am Ball, sondern schon bevor er ihn zugespielt bekommt. Sein Arbeitsgebiet befindet sich zwischen Viererkette und defensivem Mittelfeld des Gegners, genau in der Zone also, in der er dem größten Druck des Gegners ausgesetzt ist und in der ihm am wenigsten Zeit bleibt. Das Spiel ohne Ball ist im gesamten Fußball wichtiger geworden, doch auf keiner Position so sehr, wie auf der des Zehners. Wer sich nicht gut bewegt, ist nicht in der gefährlichen Zone anspielbar und muss sich erst mühsam mit dem Ball am Fuß in eine gute Ausgangslage bringen. Diese Aufgabe ist gegen gut organisierte Gegner selbst für technisch brillante Spieler häufig eine Nummer zu groß.

Einen Spielertyp wie Micoud wird es in naher Zukunft wohl nicht mehr geben. Allerdings sollte man hierbei nicht vergessen, wie schnelllebig der Fußball sein kann. Vor weniger als zehn Jahren wurde der Mittelfeldspieler vom Typ Xavi Hernandez totgesagt, der heute das pulsierende Herz der besten Vereins- und Nationalmannschaft der Welt ist. Mesut Özil ist dagegen einer der Prototypen des modernen 10ers, der die Räume zwischen den Linien fast optimal nutzt und seine Stärken im 4-2-3-1 voll einbringen kann. Seinen Abgang hat Werder in dieser Saison nicht kompensieren können. Eine Rückkehr von Diego (die ich für unwahrscheinlich halte) könnte für Werder Fluch und Segen zugleich sein. Seine überragenden Fähigkeiten am Ball in allen Ehren, hat sich Diego in den 4-2-3-1-Systemen seiner letzten beiden Arbeitgeber nicht wirklich gut eingefügt und neigt noch immer dazu, den eigenen Ballbesitz im Mittelfeld dem Schaffen von Räumen durch geschickte Laufwege vorzuziehen.

Der Aufstieg des spielmachenden Sechsers

Die Veränderungen auf der Zehnerposition bedeuten jedoch nicht, dass es im Fußball keine Spielmacher mehr gibt, wenn man Funktion und Position voneinander trennt. Vor allem Mannschaften, die auf viel eigenen Ballbesitz setzen, benötigen im Zentrum (mindestens) einen Spieler, der mit hoher Präzision und Übersicht die Bälle auf seine Mitspieler verteilt. In den meisten Mannschaften übernimmt diese Aufgabe heutzutage einer der beiden Sechser. Die Verbreitung der Doppelsechs hat dazu geführt, auf dieser Position nicht mehr nur reine Spielzerstörer einzusetzen. Das Anforderungsprofil des Sechsers hat sich verändert und oftmals setzen Trainer auf eine Arbeitsteilung, bei der die beiden Spieler unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Exemplarisch seien hier Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira in der Nationalmannschaft erwähnt. Ersterer zieht das Passspiel aus der Tiefe heraus auf, hält sich mit eigenen Vorstößen jedoch zurück. Letzterer spielt mit mehr Energie, betreibt aktives Pressing gegen das gegnerische Mittelfeld und rückt bei Ballbesitz seines Teams regelmäßig mit in die Spitze vor. Auch in ihren jeweiligen Vereinen übernehmen die beiden – mit anderen Nebenleuten – dieselben Aufgaben.

Der Sechser vom Typus Schweinsteiger hat also viele Aufgaben des traditionellen Spielmachers übernommen und führt sie in einer Zone aus, in der er etwas mehr Zeit und Platz am Ball hat, als auf der Zehnerposition. Neben einer guten Übersicht und strategischem Spielverständnis braucht es dafür auch ein hohes Maß an technischen Fähigkeiten sowie eine gute Ballverarbeitung, um sich auch unter gegnerischem Pressing mit dem Ball drehen zu können und das Spiel vor sich zu haben. In fast allen europäischen Spitzenclubs lässt sich zumindest ein spielmachender Sechser identifizieren (Barcelona bildet hier mit dem Dreigespann Busquets-Xavi-Iniesta einen Sonderfall): Xabi Alonso, Michael Carrick, David Pizarro, Nuri Sahin, Jack Wilshere.

Bei Werder fällt es hingegen schwer, an dieser Stelle fündig zu werden. Philipp Bargfrede ist eher ein Typ Khedira, ein möglicher kongenialer Partner für einen solchen Ballverteiler. Borowski hat seine großen Stärken als Verbindungsspieler und beim Vorstoß in die Spitze. Wesley hält den Ball noch immer viel zu lange, um das Spiel aus der Tiefe schnell zu machen. Und so bleibt der größte Teil der Verantwortung bei einem Mann hängen, der seine besten Jahre hinter sich hat: Torsten Frings. Jahrelang gab er die eierlegende Wollmilchsau, die in allen Bereichen des Mittelfelds mitgemischt hat. Inzwischen werden seine Defizite jedoch immer offensichtlicher, sei es Stellungsspiel, Ballverarbeitung oder Ballverteilung. Frings hat noch immer seine lichten Momente und mag für das Team mit seiner kämpferischen Einstellung wichtig sein. Aus spielerischer Sicht ist er für Werder jedoch zum Bremsklotz geworden und bei einer Verlängerung seines Vertrags droht sich diese Entwicklung fortzusetzen.

Spielmacher ja, Zehner vielleicht

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ja, Werder braucht aus meiner Sicht wieder einen Spielmacher, doch dieser muss und sollte nicht auf der Zehnerposition beheimatet sein, sondern auf der des Sechsers. Bei der Frage, ob Werder auch einen neuen 10er braucht, bin ich etwas unschlüssig, tendiere aber dazu, sie zu bejahen. Trotz seiner katastrophalen Saison traue ich Aaron Hunt diese Position nach wie vor zu, jedoch nicht mit der “Bürde” gepaart, die 1A-Lösung zu sein. Mental scheint mir Hunt viel zu fragil, um auf ihn als einzige Option zu setzen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Florian Trinks hierfür in Frage kommt oder ob er doch eine Reihe dahinter besser aufgehoben wäre. Einiges wird auch von der Systemfrage abhängen. Noch kann man nur Spekulieren, ob Werder in der kommenden Saison weiter mit Raute oder im 4-2-3-1 spielen wird.

Allerdings – und in diesem Punkt bin ich wieder ganz bei Johann – braucht Werder im Raum zwischen Sturmspitze und Mittelfeld vor allem Spieler, die sich gut ohne Ball bewegen und Räume schaffen, was in dieser Saison weder Marin noch Arnautovic zufriedenstellend gelungen ist. Eine Verpflichtung von Mehmet Ekici ginge in die richtige Richtung. An Gündogan, Götze, Kagawa, Holtby oder Schürrle wird man nicht herankommen. Es gilt, neue Spieler mit solchen Fähigkeiten ausfindig zu machen – vielleicht auch aus den eigenen Reihen. Keine einfache Aufgabe für Klaus Allofs, dessen gedanklichen Ausflug in die erfolgreichen Vergangenheit ich daher überaus verständlich finde.