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Tatort: Weserstadion

Champions League, Gruppe A, 4. Spieltag: Werder Bremen – FC Twente 0:2

Zweimal die Griechen, jetzt die Holländer. Bei den letzten drei Teilnahmen hat Werder das Achtelfinale jeweils im eigenen Stadion verpasst. Dem 1:3 gegen Olympiakos (2007) und dem 0:3 gegen Panathinaikos (2008)  folgte nun also ein 0:2 gegen Twente. Eine bittere Niederlage in einem packenden, chancenreichen, aber nicht hochklassigen Spiel, in dem Werder wieder einmal mit Chancenverwertung und Abwehrverhalten hadern muss.

Thomas Schaaf überraschte mit einer sehr ungewöhnlichen Aufstellung in der Defensive. Nachdem Silvestre beim Publikum nicht mehr untragbar wurde, stellte Schaaf die Viererkette komplett um. Allrounder Wesley wechselte von der rechten auf die linke Seite, Innenverteidiger Prödl gab den Rechtsverteidiger und Kapitän Frings rückte in die Innenverteidigung. Daniel Jensen kam dafür neu in die Mannschaft und spielte als einziger Sechser vor der Abwehr. Ansonsten gab es personell nur eine Umstellung im Vergleich zum Nürnberg-Spiel: Hunt spielte für Arnautovic. Was sich ebenfalls änderte, war die taktische Ausrichtung. Thomas Schaaf reaktivierte die Raute, in der Marin hinter den Spitzen spielte und Hunt / Bargfrede die Halbpositionen besetzte. Auch Twente hatte (teils aufgrund von Verletzungen) auf mehreren Positionen umgestellt, am auffälligsten im 3er-Mittelfeld. Neben Landzaat spielte Bengtsson und leicht davor versetzt de Jong.

Werder spielte von Beginn an engagiert nach vorne und versuchte, die Niederländer durch die Überzahl im Mittelfeld unter Druck zu setzen. Wesley und nach einiger Zeit auch Prödl gingen häufig mit nach vorne und sorgten für einige Flanken (Prödl) und Torschüsse (Wesley). Insgesamt stimmte jedoch die Abstimmung in den einzelnen Mannschaftsteilen nicht. Marin hielt seine Position im Zentrum zwar besser als in seinen letzten Spielen auf der Position, konnte aber nur selten gefährliche Situationen einleiten, weil er noch immer den Ball zu lange hält, statt das Spiel schnell zu machen. Hunt zog es häufig in die Mitte, doch die flüssigen Wechselspiele im Mittelfeld waren auch für die eigene Mannschaft ein Risiko. Obwohl Jensen vor der Abwehr ein gutes Spiel machte, kam Twente immer wieder in hohem Tempo auf die Innenverteidiger zu. Mit ein, zwei vertikalen Pässen ließ sich Werder komplett überspielen und bei besserer Chancenverwertung hätte Twente schon zur Halbzeit den einen oder anderen Konter nutzen können. Neben dem eigenen Unvermögen der Stürmer war es auch der (wieder einmal) bärenstarke Mielitz, der für Werder hinten die Null festhielt.

Auf der anderen Seite hatte auch Werder genügend Chancen, um das Spiel in die richtige Richtung zu lenken. Die größte davon vergaben kurz vor der Pause Pizarro, der mit seinem Schuss den Pfosten traf, und Almeida, der den Abpraller aus fünf Metern nicht verwerten konnte, weil er den Ball nicht unter Kontrolle bekam. Zur Pause war das Unentschieden für beide Mannschaften durchaus verdient, wobei das 0:0 als Ergebnis angesichts des Spielverlaufs etwas absurd erschien. Nach dem Wechsel ging es in hohem Tempo weiter und beide Teams taten viel dafür, die Eindrücke aus der ersten Hälfte zu bestätigen. In Person von Hugo Almeida vergab Werder auch die größten Chancen und brachte die Fans zum Verzweifeln. Erst köpfte der Portugiese nach dem einzigen gefährlichen Freistoß des Abends aus fünf Metern in die Arme des Twente-Keepers, dann vergab er eine Eins-gegen-Eins-Situation, in der er versuchte, den Schlussmann zu umspielen und dann den Ball nicht ins Tor schieben konnte. Auf der anderen Seite lenkte Mielitz einen Schuss des frei vor ihm auftauchenden Chadli gerade noch an den Pfosten.

Langsam machte sich Resignation breit bei Werder. Schaaf brachte Arnautovic für Bargfrede und somit noch mehr Offensivpower, doch Werders Aktionen wirkten zunehmend verzweifelt. Eine Viertelstunde vor Schluss kam Twente ein weiteres Mal mit einem Konter vors Bremer Tor und Frings musste sich als letzter Mann mit einem Foul kurz vor dem Strafraum behelfen. Die folgende rote Karte war für Werder zuviel an diesem Abend und Twente setzte in der Schlussphase den Todesstoß. Erst verpasste Wisgerhof auf freundliche Einladung von Jensen beim Freistoß nach Frings Herausstellung völlig frei aus 10 Metern die Führung. Doch dann fiel das Tor, wie es in diesem Spiel wohl nur fallen konnte: Ein Schuss von Chadli wurde von Jensen abgefälscht und trudelte vorbei an Mielitz ins Tor. Werder fand nicht mehr zurück ins Spiel und musste kurze Zeit später durch einen Kopfball von de Jong noch das 0:2 hinnehmen.

Warum hat Werder dieses Spiel verloren?

Grund 1: Chancenverwertung. In einem solch offenen Spiel muss man seine Chancen besser nutzen, als es Werder tat. Schon gegen die Bayern und gegen Nürnberg konnte man selbst beste Torgelegenheiten nicht nutzen. Gegen Twente erfuhr dies noch einmal eine Steigerung. Die beiden Torhüter waren herausragend, Mielitz gehört für mich jetzt schon zu den besten Werderspielern dieser Saison. Schaut man sich die Torschüsse an, sieht man jedoch einen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften*:

Torschüsse Werder Bremen

Werder Bremen: 22 Schüsse, 9 davon aufs Tor

Werder bekam kaum Schüsse innerhalb des Strafraums auf Twentes Tor. Die platzierten Schüsse kamen fast alle von außerhalb. Ausnahme: Die Kopfballchance von Almeida in die Arme des Torhüters. Vor dem Tor versagten Werder die Nerven.

Torschüsse FC Twente

FC Twente: 16 Schüsse, 7 davon aufs Tor

Twente war im Strafraum gefährlicher, zwang Mielitz zu mehr Paraden aus kurzer Distanz. Dem Torwart ist es zu verdanken, dass die Führung erst durch einen abgefälschten Schuss aus der Distanz zustande kam.

Grund 2: Starker Gegner. Twente ist international sicher nicht die ganz große Hausnummer, doch es gibt einen Grund dafür, dass das Team erst eine Pflichtspielniederlage in dieser Saison einstecken musste – und Werder derer schon acht. Die Mannschaft versteht sich blendend aufs Kontern. Im Gegensatz zum (enttäuschenden) Hinspiel zeigten sich die Holländer stark verbessert und hätten auch schon vor Frings Platzverweis das eine oder andere Tor machen können, wenn sie ihre Konter konsequenter zu Ende gespielt hätten. Der Unterschied zwischen dem Twente aus dem Hin- und aus dem Rückspiel wird am deutlichsten, wenn man sich die “Player Influence”, also den Einfluss der einzelnen Spieler auf das Spiel, anschaut:

Twente Spielereinfluss Hinspiel

FC Twente: Player Influence, Hinspiel

Im Hinspiel waren Spieler der Viererkette die einflussreichsten Spieler bei Twente (ohne Wisgerhofs Verletzung wäre vermutlich auch der rechte Innenverteidiger darunter). Es wurde auf Höhe der Mittellinie viel quer gespielt und kaum ein vernünftiger Angriff aufgebaut.

Twente Spielereinfluss Rückspiel

FC Twente: Player Influence, Rückspiel

Im Rückspiel war Ruiz die überragende Figur in Twentes Spiel. Nach Ballgewinn wurde schnell und vertikal nach vorne gespielt (daher die “kleinen” Innenverteidiger) und Werders Mittelfeld schnell überbrückt. Damit kam Werder über die vollen 90 Minuten nicht klar.

Grund 3: Torsten Frings. Man kann ihm gar nicht viel vorwerfen, dass er kein guter Innenverteidiger ist. Er begann seine Karriere als Stürmer, spielte dann im rechten Mittelfeld und als Rechtsverteidiger, bevor er zum zentralen Mittelfeldspieler umgeschult wurde. Frings ist nicht mehr der Schnellste, verfügt für einen Sechser auch nicht über ein außergewöhnlich gutes Stellungsspiel und ist dazu auch nicht wirklich groß oder kopfballstark. Als Innenverteidiger war er völlig überfordert, ließ sich häufig schon hoch an der Mittellinie überspielen und bekam Ruiz, der immer wieder von rechts in die Mitte zog, zu keiner Zeit in den Griff. Exemplarisch für seine Probleme hier alle seine Tacklings:

Torsten Frings Tackles

Torsten Frings Tacklings: 1 erfolgreich, 4 unerfolgreich

Am Ende opferte sich Frings mit der roten Karte, nachdem ihn Schaaf schon vor dem Spiel geopfert hatte. Wenn dies die Alternative zu Silvestre ist, sollte man ihn wohl trotz Pfeifkonzert wieder spielen lassen.

Werder ist innerhalb einer Woche aus DFB-Pokal und Europapokal (wenn auch nicht rechnerisch) ausgeschieden und verpasste es, in der Bundesliga in die Spitzengruppe vorzustoßen. Noch dazu in drei Spielen, die man bei besserer Chancenverwertung wohl allesamt gewonnen hätte. Das muss erstmal verdaut werden, von Mannschaft und Fans.

* Alle Grafiken: Total Football

Schuld sind Borowski und die WM

Bundesliga, 4. Spieltag: Werder Bremen – Mainz 05 0:2

Wo fangen wir an? Wo hören wir auf? Wenn man so will hat Werder alle im Spiel gegen Tottenham aufgezeigten Probleme mit in dieses Spiel genommen und dem noch eine gehörige Portion Lethargie und doppelte Linksfüßigkeit hinzugefügt. Es ist für einen Trainer nicht leicht, wenn seine Spieler sich als lernresistent erweisen. Leider erweist sich jedoch auch der Trainer als lernresistent und destabilisiert ohne Not die eigene Mannschaft.

One of these days…

War es einfach nur einer dieser Tage, an denen nichts läuft, egal was man auch versucht? Anzeichen dafür gab es einige. Auf dem nassen und vom Dienstag noch stark beschädigten Rasen ist das Kombinationsspiel schon schwierig genug. Wenn dann noch vornehmlich lange Bälle in den Lauf gespielt werden, wird die Erfolgsaussicht noch geringer. Trotzdem erklärt das nicht dieses grauenhafte Fehlpassfestival, das Werder über die gesamte Spieldauer ablieferte. Entweder der gewählte Pass war falsch oder der Pass wurde ungenau gespielt oder der Empfänger bewegte sich in eine andere Richtung oder er rutschte weg oder der Ball sprang ihm fünf Meter vom Fuß oder bei der Ballmitnahme ging etwas schief. Man kann schon fast froh sein, dass sich kein Spieler dabei ernsthaft verletzte.

In dieser Hinsicht war gestern jeder einzelne Werderspieler schlecht. Wenn man sich aber die spieltaktischen Aspekte der Partie anschaut, dann kann einem Angst und Bange werden. Das hat nichts mehr mit Tagesform oder haste Scheiße am Fuß… zu tun, das sind ganz grundlegende Defizite. Spielaufbau durch die Mitte, eigentlich eine der Bremer Stärken, fand kaum statt. Fast immer wurde der Ball über die Außenverteidiger und dann die Linie entlang in den Lauf gespielt. Die Erfolgsquote dabei war erschreckend gering. Bereits Mitte der ersten Halbzeit stellte Werder von 4-2-3-1 auf Raute um und holte sich dadurch die Probleme der ersten 30 Minuten gegen Tottenham selbst zurück ins Haus. Marko Marin wird in diesem Leben kein Spielmacher mehr und auf der Halbposition der Raute, die er im Wechsel mit Hunt gelegentlich einnahm, ist er erst Recht auf verlorenem Posten. So verkam Werders Raumaufteilung wieder einmal zu einem unfreiwilligen 4-3-3, in dem das Zentrum verwaiste und den Mainzern viel Platz für Spielaufbau und das Einleiten schneller Angriffe überließ.

Drei Angriffe entscheiden das Spiel

Fußball ist und bleibt ein eigenartiger Sport. Zehn Minuten nach dem Seitenwechsel hatte Werder in Gestalt von Tim Borowski die große Chance zur – völlig unverdienten – Führung, die jedoch relativ kläglich vergeben wurde. Das gellende Pfeifkonzert gegen Borowski bei seiner Auswechslung war dennoch unangebracht und wirkte angesichts der Leistungen der Teamkollegen ziemlich beliebig. Das Bremer Publikum sucht sich nun mal gerne einen Sündenbock aus der eigenen Mannschaft. Würden Marin oder Almeida jemals so ausgepfiffen, egal wie sie gespielt haben?

Im direkten Gegenzug nach der Großchance machten die Mainzer es besser und trafen zum 0:1. Ein wenig Aufbäumen war in der Folge schon zu spüren, doch um den vielgerühmten Schalter umlegen zu können, braucht es wenigstens kleine Erfolgserlebnisse. Die gab es auf Bremer Seite nicht. Stattdessen konterten die Mainzer und erhöhten durch den eingewechselten Schürrle auf 0:2. Das Tor kann sich Thomas Tuchel ans Revers heften, der den Spieler kurz nach der Führung für Szalai ins Spiel gebracht hatte. Am Ende der Fehlerkette standen Pasanen, der sich weit aus der Viererkette gelöst hatte, Silvestre, der auf Abseits spekulierte sowie Prödl und Fritz, die Abseits reklamierten und Schürrle nicht mehr beim Torschuss behindern konnten.

Spielerisch und taktisch zweitklassig

Schaaf reagierte mit einem etwas verzweifelt wirkenden Dreifachwechsel, brachte Wagner für den indisponierten Arnautovic, Wesley für Borowski und Bargfrede für Pasanen. Torsten Frings rückte in die Innenverteidigung. Am Spiel änderte dies wenig, denn die Mainzer blieben weiterhin die spielbestimmende Mannschaft. Lediglich ein Freistoß führte noch zu einem Lattentreffer von Wagner, doch insgesamt kam von Werder viel zu wenig, um noch ernsthaft an eine Aufholjagd glauben zu können. Mainz siegte verdient und Werder muss sich fragen, ob man den eigenen Ansprüchen derzeit gerecht werden kann. Spielerisch war das nicht bundesligatauglich und wann musste man dies dem Team von Thomas Schaaf schon einmal attestieren? Die Tabelle ist nach vier Spieltagen noch nicht wirklich aussagekräftig, aber vielleicht sollte man sich langsam damit auseinandersetzen, dass Werder ohne Özil, ohne Pizarro, ohne Naldo und ohne Mertesacker möglicherweise nur Bundesligadurchschnitt ist.

Solange Werder sich mannschaftlich so unausgegoren präsentiert, wird sich daran auch nichts ändern. Gestern spielte man weitgehend aneinander vorbei: Hunt und Borowski versuchten das Spiel mir Direktpässen schnell zu machen, Marin probierte es lieber mit Dribblings und hielt den Ball lange und Almeida legte hohe Bälle auf nicht vorhandene nachrückende Spieler ab. Anstatt die Stärken der Nebenleute auszunutzen summierten sich die Schwächen. Es ist bezeichnend, dass in Silvestre ausgerechnet der Spieler mit der höchsten Fehlpassquote (ganze 31 seiner 82 Pässe gingen ins Leere) die meisten Ballkontakte hatte.

Am Dienstag geht es bereits weiter und die Mannschaft kann beweisen, dass es sich doch um einen Ausrutscher handelte. Ausreden gibt es dann keine mehr, obwohl… machen wir es wie die Bayern: Schuld ist die WM! Bei der kurzen Vorbereitung kann man ja noch keiner Wunderdinge erwarten. Und wenn Pizarro erst wieder fit ist, kann uns sowieso niemand mehr aufhalten!

Optimist müsste man sein.

3 Fragen zu Werder Bremen

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison eigentlich ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Dieses Mal stelle ich die drei Fragen jedoch nicht zum FSV Mainz 05 sondern zu unserem eigenen Verein – ein Interview mit mir selbst. Zwei Gründe: 1.) Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der größte Gegner unserer Mannschaft sie selbst ist und 2.) mir ist ad hoc kein Mainz-Blog eingefallen und ich hatte zu wenig Zeit zu recherchieren und rechtzeitig Kontakt aufzunehmen (kennt jemand von euch ein Mainz05-Blog? Es gibt ja auch noch ein Rückspiel…). Die folgenden drei Fragen kann ich nur unvollständig beantworten. Ich habe es trotzdem versucht. Vielleicht fallen euch ja bessere Antworten oder Ergänzungen ein? Ich bin auf eure Meinung in den Kommentaren gespannt!

Werder gerät seit nun fast einem Jahr sehr häufig früh im Spiel in einen Rückstand, der dann mühsam aufgeholt werden muss. Dabei entsteht häufig der Eindruck, dass dies zu großen Teilen an fehlender Konzentration der Mannschaft liegt. Wie kommt es dazu und woran kann man ansetzen um dies zu ändern?

Wenn ich die Antwort auf die Frage hätte könnte ich irgendwann Thomas Schaaf beerben… Werders Spielweise, das Ideal unseres Trainers, ist ziemlich anspruchsvoll und basiert darauf, dass die gesamte Mannschaft voll konzentriert bei der Sache ist. Die offensive Spielweise, die hoch stehende Viererkette, die vielen Positionswechsel im Mittelfeld – das sind alles Risikofaktoren, die bei falscher Umsetzung katastrophale Folgen haben können. Je weniger eine Mannschaft absichert, desto schlimmer wirken sich individuelle Fehler aus. Es sind jedoch bei weitem nicht nur diese Fehler, die Werder anfällig machen. Defensiv arbeitet das Team häufig nicht geschlossen und diszipliniert genug nach hinten. Die Mannschaft lässt sich daher viel zu häufig mit einfachsten Mitteln auseinandernehmen. In dieser Saison kommen noch häufige (teils freiwillige, teils unfreiwillige) Wechsel am Personal hinzu. Das Team, das in den letzten beiden Spielen auf dem Platz stand, kann noch gar nicht richtig eingespielt sein.

Ansatzpunkte um etwas an den Probleme zu ändern gibt es einige: Tiefer stehende Viererkette, allgemein abwartendere Spielweise, weniger Positionswechsel, mehr taktische Disziplin. Wie man sieht gehen diese Ansatzpunkte alle auf Kosten der Offensivstärke und sind selbstverständlich keine Garantie für einen Erfolg. Außerdem gibt es ja durchaus Mannschaften, die sehr offensiv ausgerichtet sind und trotzdem wesentlich weniger Gegentore kassieren als Werder. Die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive ist irgendwann ums Jahr 2007 abhanden gekommen und wird seitdem händeringend gesucht. Vor einem Jahr sah es ganz gut aus, da war man schon mal weiter. Nun beginnt man die Suche wieder von vorne.

Andererseits ist Werder inzwischen auch sehr gut darin im Spiel die Leistung zu steigern, Rückstände aufzuholen und Spiele zu drehen. Woher nimmt das Team die mentale Kraft, sich immer wieder aus scheinbar aussichtslosen Situationen zurück zu kämpfen? Warum können diese Leistungen nicht von Anfang an gezeigt werden?

Woher die Mannschaft die Kraft nimmt weiß ich nicht, ich kann nur vermuten. Vielleicht liegt es an der unglaublichen Saison 08/09. Wer in Mailand ein 0:2 aufholt, wer in Unterzahl ein entfesselt aufspielendes Hoffenheim besiegt, wer sich innerhalb weniger Wochen in drei Wettbewerben gegen den Erzrivalen durchsetzt, der kann eben auch in Nürnberg oder zuhause gegen Stuttgart Rückstände aufholen. Jeder weitere Erfolg stärkt das Selbstvertrauen, bekräftigt den Glauben an die eigene Stärke. Inzwischen ist selbst ein 0:2 gegen Tottenham oder ein 0:3 gegen Sampdoria schon kein Grund mehr, die Hoffnung aufzugeben. Das Risiko besteht natürlich darin, dass die Mannschaft irgendwann so sehr von ihren Qualitäten überzeugt ist, dass die Konzentration verloren geht, nach dem Motto “0:1 ist ja nicht so schlimm”. Vielleicht ist das ein Grund für die teils unterirdischen Leistungen zu Beginn eines Spiels. Man fragt sich schon, wozu diese Mannschaft fähig sein könnte, wenn sie diese schlampigen Phasen nicht hätte. Ob sie dann trotzdem solch einen Kraftakt wie beispielsweise in Genua schaffen würde? Es wäre dann ja gar nicht mehr unbedingt notwendig.

Nicht nur einzelne Spiele gleichen bei Werder häufig einer Achterbahnfahrt, sondern meistens auch der Saisonverlauf. Auf tolle Siegesserien folgen wochenlange Krisen. Werder scheint immer unberechenbarer zu werden. Im Ergebnis war Werder in den letzten Jahren trotzdem konstant wie kaum eine andere Mannschaft (in sechs der letzten sieben Jahre in den Top 3). Woher kommen die großen Leistungsschwankungen und wo ist Werder leistungsmäßig wirklich anzusiedeln?

Die Platzierungen am Ende der Saison sind der beste Indikator für die tatsächliche Leistungsstärke: Werder ist fast immer eine der besten Mannschaften der Bundesliga, aber selten die allerbeste. Die Leistungsschwankungen, also die Abweichungen vom Durchschnitt, sind zumindest dem Empfinden vieler Fans nach größer als bei anderen Mannschaften. Statistisch kann man sagen: Die Standardabweichung ist höher. Meiner Meinung nach gibt es dafür zwei Gründe: Zum einen birgt Werders Spielweise größere Risiken als die vieler anderer Mannschaften, kann daher bei Nicht-Gelingen zu größeren Misserfolgen führen, auf der anderen Seite aber auch eine Leistung ermöglichen, die andere (im Schnitt gleichstarke) Mannschaften nicht erreichen. Zum anderen wirkt die offensive, spektakuläre Spielweise “besser” als eine nüchterne, ergebnisorientierte Spielweise. Man nimmt eine Leistung deshalb häufig stärker war, als sie eigentlich ist. Dadurch erhöht sich die Fallhöhe und Misserfolge werden als noch größere Enttäuschung wahrgenommen.

Dein Tipp?

Ich wünsche mir ein souveränes und etwas langweiliges 2:0, aber ich rechne mit einem hart umkämpften 3:2.

Europa League, 4. Spieltag: Dekadent

Werder Bremen – Austria Wien 2:0

Mit dem Taxi kurz vor dem Anpfiff in die VIP-Loge, kurz nach dem Abpfiff mit dem Taxi zurück nach Hause. So in etwa stellt man sich den Stadionbesuch eines begeisterten Fans vor. Nicht. Aber da sowohl meine Freundin als auch ich schon vor dem Spiel kränkelten, das Wetter in Bremen um diese Jahreszeit gegen die Genfer Konvention verstößt und eine Fahrt mit dem Auto zum Weserstadion unmöglich ist, blieb uns gestern keine andere Wahl. Außer natürlich zu Hause zu bleiben und die Karten verfallen zu lassen, aber das wäre noch eine Spur dekadenter gewesen.

Dekadent war auch das, was die Mannschaft gestern auf dem glitschigen Rasen ablieferten. Ich muss schon sagen: Ohne große Anstrengung ein 2:0 gegen eine bemitleidenswerte Wiener Austria zu holen – Respekt meine Herren! Wozu unnötige Kräfte vergeuden und ein Feuerwerk wie gegen Bilbao auf den Platz zaubern? Es geht doch auch so. Man nehme einen auswärtsschwachen Gegner, einen Torwart von internationaler Klasse, der die paar sehr guten Torchancen dieses Gegners entschärft, einen Linienrichter, der die Abseitsposition vor dem 1:0 übersieht, das alles gepaart mit dem Wissen um das eigene Können und einem nach drei Monaten ohne Niederlage aufgeblähten Sack, dessen Inhalt (frei nach Olli Kahn) zur Standardausstattung erfolgreicher Fußballmannschaften gehört, und – zack – steht man in der nächsten Runde.

Werder zeigte alle Symptome einer Diva, die sich zu fein ist, für den gewöhnlichen Pöbel zu spielen. Selten erreichte ein Spieler eine Laufgeschwindigkeit, die sich signifikant von meinem Joggingtempo im Bürgerpark unterscheidet, und wenn, dann war es nur der Ballführende Spieler, dessen Bewegungen auf erhöhten Pulsschlag hindeuteten. Böse Zungen behaupten Tim Borowskis einziger Sprint im Spiel sei der nach seinem Tor zur Eckfahne gewesen. Vielleicht waren es die Pfiffe der eigenen Fans, die das Team in der Ehre kränkten. In den letzten 10 Minuten zeigte es jedenfalls, wozu es fähig sein kann. Am Ende steht ein 2:0, über dessen Zustandekommen schon bald keiner mehr sprechen wird. Kann man so machen, gegen die kleinen Gegner, zu denen ich Austria bei allem Respekt zähle. Doch am Sonntag gegen Dortmund muss wieder mal ein Spiel über 90 Minuten mit voller Konzentration angegangen werden. Nicht, um die letztendlich bedeutungslose Serie zu retten, sondern um uns Fans ein paar Nerven und abgekaute Fingernägel zu sparen. Wir sind schließlich krank.

Nach Diktat mit heißem Tee zu Bett.

4. Spieltag: Die üblichen Verdächtigen

Hertha BSC – Werder Bremen 2:3

Werder gewinnt also wieder in Berlin. So langsam könnte man sich daran gewöhnen. Auch wenn an Werders Spiel noch vieles verbesserungswürdig ist, hat man sich im Vergleich zum holprigen Start gefangen und steht nun auf dem dritten Platz. Vor zwei Wochen noch fast sicherer Absteiger, nun schon wieder auf Champions League-Kurs?

Thomas Schaaf vertraut weiterhin nicht auf einen zweiten Stürmer neben Pizarro und ließ mit einer Art 4-1-3-2 spielen, bei dem Frings hinter einem Dreiermittelfeld den Abräumer machte und Marko Marin anstelle von Aaron Hunt als hängende Spitze agierte. Was mir sehr gut gefiel, war die Selbstverständlichkeit, mit der Özil oder auch Bargfrede und Borowski mit Marin die Positionen tauschten und so für die Hertha schwer ausrechenbar waren. Eine alte Stärke, die gegen Berlin zum Erfolg führte. Obwohl Werder nach der Pause stark unter Druck geriet und nur dank Tim Wiese und einer umstrittenen Entscheidung von Schiedsrichter Kinhöfer (bei der ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob Wichniarek abhob oder tatsächlich getroffen wurde) nicht in Rückstand geriet, war das 0:1 einfach toll heraus gespielt.

Ich weiß nicht, was mich mehr freut: Marins starke Leistung mit seinen beiden Torvorlagen oder Mesut Özils neue Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. So stelle ich mir einen Klassespieler vor: Selbst wenn es nicht so gut läuft aus dem Nichts auftauchen und die Chance nutzen. Pizarro machte als einzige richtige Spitze ein gutes Spiel. Man sieht, wie sehr Werder von seiner Ballsicherheit profitiert, auch wenn er selbst nicht trifft. Es erstaunt mich, dass Torsten Frings, der Diegos Spielweise häufig kritisiert hat, nun der Spieler ist, der den Ball zu lange hält, statt ihn direkt zum nächsten Mitspieler zu passen. So bringt er sich selbst in schwierige Situationen, denn ein Dribbelgott wird er in diesem Fußballerleben nicht mehr.

In der Defensive das alte Spiel: Kaum wird schnell gespielt, gerät die Viererkette ins Wanken. Meine Prognose von weniger als 40 Gegentoren war vielleicht optimistisch. Die momentane Quote würde am Ende 51 Gegentore bedeuten – eins mehr als in der letzten Saison. Bekommt man endlich etwas mehr Stabilität in diesen Mannschaftsteil, kann Werder in dieser Saison wieder vorne mitspielen.

Nicht mitspielen dürfen hingegen Torsten Frings und Tim Wiese. In der Nationalmannschaft. Während Wiese bis zum noch nicht fest angesetzten Spiel gegen Chile vertröstet wurde, scheint Frings in den Planungen keine Rolle mehr zu spielen. Ich kann beide Entscheidungen nachvollziehen, halte sie aber dennoch für falsch. Frings ist momentan nicht gut genug, einen Stammplatz in der Nationalelf einzufordern. Mit seinen lauten Rufen nach Berücksichtigung hat er sich ein wenig selbst ins Abseits manövriert. Dennoch war Frings viele Jahre lang ein wichtiger Spieler für Deutschland, hat eine starke (2002) und eine überragende (2006) WM gespielt. Es gehört zu den Aufgaben eines Trainers dazu, ältere Spieler auszusortieren. Die Kriterien, nach denen dies bei Joachim Löw geschieht, sind jedoch höchst undurchsichtig.

Statt einem Spieler klar zu sagen, dass er in der Nationalmannschaft keine Zukunft mehr hat, wird er monatelang hingehalten und erhält immer neue Nackenschläge. Es ist einerseits verständlich, dass sich Löw noch nicht endgültig um die Option Frings berauben will, falls dieser noch einmal zu seiner Topform zurück findet. Das vermeintliche Überangebot im zentralen/defensiven Mittelfeld ist spätestens seit Jones Absprung keines mehr. Andererseits wird der Spieler, wie Frings schon vor einem Jahr sagte, respektlos behandelt. Man kann nicht auf der einen Seite ein tadelloses Verhalten seitens der Spieler fordern und sich auf der anderen Seite so verhalten, wie Löw es in seinen Personalentscheidungen immer wieder tut: Hildebrandt, Kuranyi, Jones. Hier werden Spieler durch einen unaufrichtigen Umgang mit ihnen zu Reaktionen getrieben, die dann als Begründung für ihren Ausschluss herangezogen werden. Was ich bei Klinsmann (Wörns, Kahn, wiederum Kuranyi) noch in Ansätzen verstehen konnte, wirkt nun völlig deplatziert und muss dem Bundestrainer als Schwäche ausgelegt werden.

Das Leistungsprinzip wird nur dann als Begründung verwendet, wenn es gerade passt. Ein Lukas Podolski darf trotz fehlenden Einsätzen und dem taktischen Spielverständnis eines 10-Jährigen über Jahre hinweg ein Spiel nach dem anderen machen und wird selbst für einen tätlichen Angriff auf dem Spielfeld gegen den eigenen Mannschaftskapitän nur halbgar abgemahnt. Was wäre wohl mit Spielern wie Kuranyi, Jones oder Wiese in dieser Situation passiert?

Überhaupt Wiese. Nimmt man die grün-weiße Vereinsbrille mal ab, dann kann man die Entscheidung pro Enke (nichts anderes war es) durchaus verstehen. Robert Enke ist ein sehr guter Torhüter, strahlt Ruhe aus, macht wenig Fehler. Wiese hat sich ungemein verbessert, wächst immer häufiger über sich hinaus. Von der Klasse her nehmen sich beiden nicht mehr viel, doch Wiese ist – im Positiven wie im Negativen – der unberechenbarere von beiden. Mit Manuel Neuer und René Adler hat man zwei starke, junge Torhüter in der Hinterhand, die bei der WM Turniererfahrung sammeln können. So weit, so gut, doch warum sagt man das Tim Wiese nicht? Warum macht man ihm über ein Jahr lang vor, er habe eine reelle Chance auf einen Platz im WM-Kader? Wiese hat sich seit seiner ersten Nominierung nichts zu Schulden kommen lassen, gut trainiert und bei Werder konstante Leistungen auf sehr hohem Niveau abgeliefert. Dazu hat er sich in seinen früheren Schwachpunkten (Herauslaufen, 1-gegen-1, Strafraumbeherrschung) klar verbessert und verfügt über die größte internationale Erfahrung.

Trotzdem erhielt er nie die Chance, sich in der Nationalmannschaft zu beweisen. Ihn nun ohne ersichtlichen Grund zurück zu stufen gleicht einer Ohrfeige, wie sie schallender nicht sein könnte. Ein weiterer Spieler, der durch den Trainer Löw verbrannt wird. Die Personalpolitik der Nationalmannschaft erscheint so in einem immer schlechteren Bild. Ein Trainer muss sich eben nicht nur an seinen Trainingsmethoden und taktischen Kenntnissen messen lassen, sondern auch an seiner Menschenführung. In letzterem Bereich könnten ein paar Lehrstunden für den Bundestrainer nicht schaden. Ich wüsste da auch einen Trainer, der sie ihm geben könnte…