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5. Spieltag: Square One

Werder Bremen – Eintracht Frankfurt 0:3 (0:2)

In einem in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Spiel verliert Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt deutlich mit 0:3. Vor allem in der ersten halben Stunde enttäuschte Werder in allen Belangen. Die Eintracht war hingegen spielerisch deutlich verbessert im Vergleich zum Saisonauftakt.

Frankfurt dominiert das Mittelfeld

Werder begann taktisch ähnlich, wie in den letzten Spielen und stand defensiv in einem 4-4-2 System, mit Hunt und Neuzugang Di Santo an vorderster Front sowie Ekici im linken Mittelfeld. Mit einem Wechsel aus Angriffspressing und tiefem Verteidigen wollte man den Gästen den Zahn ziehen. Frankfurt zeigte sich im 4-3-3/4-1-4-1 hingegen relativ pressingresistent und nutzte die 3-gegen-2 Überzahl im Mittelfeld geschickt aus. Vor allem Russ hatte als zentraler Sechser viel Zeit am Ball und konnte das Frankfurter Aufbauspiel leiten. Mit starkem Kombinationsspiel und überraschend vielen Automatismen in der Offensive nahmen die Gäste von der ersten Minute an das Spiel in die eigene Hand und kamen dabei zu guten Torchancen.

Werder hatte sichtlich Probleme und es sah so aus, als könne sich die Mannschaft nicht so recht entscheiden, ob sie lieber spielerisch dagegen halten oder die gegnerische Überlegenheit anerkennen und alle Kraft in die Defensive stecken sollte. So nahm Frankfurt ihr die Entscheidung durch ein frühes Führungstor ab, das in seiner Entstehung zu den schönsten zählt, die ich in dieser Saison bislang gesehen habe, weil es fast alle Elemente schnellen Angriffsfußballs enthielt: One-Touch-Kombinationen, Ablage mit dem Rücken zum Tor, flache Spielverlagerung, Kreuzen, Hinterlaufen und eine harte, flache Hereingabe von der Grundlinie – alles perfekt aufeinander abgestimmt. Zu diesem Zeitpunkt war die Führung bereits absolut verdient.

Neue Waffe? Gefahr durch Standards

Aus dem Spiel heraus blieb Werders Offensivspiel in der Folge harmlos. Lauf- und Passwege sind noch nicht aufeinander abgestimmt, das Spiel ist wenig strukturiert und so war es für die Frankfurter Defensive keine schwere Aufgabe, den Gegner vom eigenen Strafraum fern zu halten. Dennoch kam Werder schon in der ersten Halbzeit zu einigen Torchancen, die dem Spiel eine Wende hätten geben können. Die Bremer Ecken und Freistöße sorgten nämlich für kaum mehr gekannte Torgefahr: Zunächst segelte eine Hereingabe von Ekici knapp am Tor vorbei, dann köpfte Di Santo nach einer Ecke an den Innenpfosten und schließlich rutschte Elia alleine im Fünfmeterraum so in eine Freistoßflanke herein, dass der Ball in Richtung Eckfahne geklärt wurde. Zusammen mit der ersten aus dem Spiel heraus entstandenen Torchance durch Hunt kurz vor der Pause waren dies genügend Gelegenheiten für Werder, die Unterlegenheit im Spiel auszugleichen.

Es kam anders, Di Santo fing sich eine rote Karte und Frankfurt nutzte die Überzahl schnell zum zweiten Tor aus. Auch dieses Tor war clever herausgespielt: Linke Seite überladen und den Gegner auf diese Seite ziehen, schnelle Verlagerung auf den aufgerückten Rechtsverteidiger, dieser nutzt die Zeit, in der Werder verschieben muss und keinen Druck auf den Ball bekommt für eine überlegte Flanke zwischen die Innenverteidiger, die sich nicht einig sind, wer von ihnen in den Zweikampf mit Kadlec gehen soll. In Unterzahl musste Werder den Frankfurtern das Zentrum noch mehr überlassen, wurde jedoch langsam kämpferischer.

Nach der Pause wechselte Dutt Ignjovski und Gebre Selassie für Kroos und Ekici ein; Elia wechselte auf die linke Seite. Das Signal war deutlich: Strukturiertes Aufbauspiel ist nicht mehr das Mittel der Wahl, jetzt geht es um Kampf- und Laufstärke. Tatsächlich kam Werder in der zweiten Hälfte etwas besser ins Spiel und hielt so leidenschaftlich dagegen, wie man es sich von Anfang an gewünscht hätte. Um dem Spiel noch eine Wende zu geben, hätte es aber eine perfekte Chancenverwertung gebraucht. Werder vergab jedoch auch die größte Chance des Spiels, als Trapp einen schwach geschossenen Elfmeter von Hunt hielt. Das Eigentor von Prödl zum 0:3 machte das in jeglicher Hinsicht misslungene Spiel schließlich perfekt.

Noch keine Fortschritte sichtbar

Frankfurt war die in allen Belangen bessere Mannschaft und hat deshalb auch in der Höhe verdient gewonnen. Dennoch war der Sieg nicht so deutlich, wie es das Ergebnis ausdrückt, denn Werder kam trotz spielerischer und bald auch numerischer Unterlegenheit zu sechs guten Torchancen, die mit etwas mehr Glück durchaus zu einem Punkt hätten reichen können. Alle spielentscheidenden Situationen verliefen jedoch zugunsten der Frankfurter.

Werder zeigte wie schon nach dem Rückstand gegen Gladbach, dass es gegen gut organisierte Gegner noch nicht reicht, um selbst das Spiel zu machen ohne dabei die Defensive zu entblößen. In der Offensive sind noch keine Automatismen zu erkennen, Torgefahr entsteht fast ausschließlich durch Einzelaktionen und Standards. Letztere waren gegen Frankfurt deutlich verbessert, was vielleicht die einzige positive Erkenntnis aus dem Spiel ist.

In Hamburg muss sich Werder auf die defensive Ausrichtung der ersten dreieinhalb Spieltage besinnen. Elf Gegentore in den letzten drei Spielen (inkl. Testspiel gegen St. Pauli) sprechen eine deutliche Sprache. Der HSV steht selbst mit dem Rücken zur Wand und wird vor eigenem Publikum mehr unter Zugzwang stehen, als Werder. Diesen Umstand sollte man ausnutzen und nicht – wie so oft in der Vergangenheit – dem Gegner mit einfachen Gegentoren beim Wiederaufbau helfen. Noch ist in dieser Bundesligasaison nichts wirklich schlimmes passiert, doch vielleicht war es genau dieses Bewusstsein, das nach den ersten vier Spieltagen dazu geführt hat, dass man gegen die Eintracht gewisse Dinge wieder schleifen ließ. Es sollte nun jedem Beteiligten klar sein, dass in dieser Phase der Saison jeder Punkt für Werder ein sehr hartes Stück Arbeit ist.

Derbyzeit!

Da ich diese Woche leider keine Zeit hatte, selbst eine Vorschau aufs Nordderby zu schreiben (jedenfalls nicht hier), hat @Estadox diesen Job für mich übernommen. Hier ist sein Vorbericht:

Es ist wieder soweit, das Nordderby steht an. Der SV Werder Bremen gegen den Hamburger SV. Die Nummer 2 der ewigen Tabelle gegen die Nummer 3. Die Nummer 1 im Norden gegen die Nummer 2, oder auch: der Tabellendritte gegen den Tabellenletzten. Eigentlich eine klare Sache. Eigentlich.

Dass das Derby seine eigenen Gesetze hat, muss wohl nicht weiter erwähnt werden.
Dass der Klub mit der falschen Raute sich nicht kampflos ergeben wird, wie zuvor gegen Dortmund oder auch Bayern, dürfte ebenfalls selbstverständlich sein.
Die Vorzeichen vor diesem Derby mögen eine deutliche Sprache sprechen, die Aussagekraft dieser bleibt jedoch äußerst gering.

Die Vorgeschichte

Beide Vereine erlebten zuletzt eine Saison zum vergessen, wobei es für Werder sogar noch eine Spur schlimmer kam.

Der beste Nordklub kam nicht aus Hamburg oder aus Bremen, sondern aus Hannover, die im Jahr davor nur ganz knapp dem Abstieg entkommen konnten. Damit hatte niemand gerechnet. Beide Vereine, sowohl der HSV, als auch der SVW, mussten daraufhin etwas ändern. Infolgedessen kam es auf beiden Seiten zu erheblichen Einschnitten, personeller wie auch finanzieller Art.

Bei Werder gingen Topverdiener und Leistungsträger wie Frings und Mertesacker, beim HSV verließen unter anderem Ze Roberto, Van Nistelrooy und Elia den Klub; Ein neuer Sportdirektor kam in Person von Frank Arnesen natürlich auch hinzu. Ersetzt wurden die abwandernden Spieler nicht durch Hochkaräter, sondern in erster Linie durch Talente, die zum Teil schon etwas Erfahrung aufweisen konnten.

Der Saisonstart

Die eine Seite, Werder, ist mit dieser Transferpolitik ausgesprochen gut in die Saison gestartet, was so niemand erwartet hätte. Das lag weniger an herausragender individueller Klasse, als viel mehr an mannschaftlicher Geschlossenheit und einer in taktischer Hinsicht offenbar sehr fruchtsamen Vorbereitung: Das Passspiel ist wesentlich direkter und flüssiger, die Angriffe wirken überlegter und es ist endlich wieder ein Konzept zu erkennen.

Die andere Seite, Hamburg, war damit, sagen wir, eher weniger erfolgreich. Nach 4 Spieltagen steht bislang nur ein einziger Punkt zu Buche, der darüber hinaus noch äußerst schmeichelhaft zustande kam. Bei den Niederlagen machte Hamburg bislang stets eine unglückliche Figur: Gegen Dortmund und Bayern waren sie hoffnungslos unterlegen, gegen Köln immerhin dominanter und mutiger, letztlich aber defensiv zu anfällig, um etwas Zählbares mitzunehmen.

Die Personalsituation vor dem Spiel

Petric und Son waren bislang die Spieler, die auf Seiten der Hamburger wenigstens etwas Gefahr ausgestrahlt haben. Der eine davon, Son, fällt – ebenso wie ein gewisser Dennis Diekmeier – aus. Der Ersatz für den zu Juve abgewanderten Elia, Ivo Ilicevic, ist nach seiner Tätlichkeit gegen Tymoshchuk ebenfalls noch gesperrt. Dafür kehrt Paolo Guerrero, seines Zeichens aufstrebender Baseballstar und Vielflieger, nach einer starken Copa America ins Team zurück.

Bei Werder hingegen müssen „nur“ der verletzte Schmitz, der bislang durchweg ordentliche Vorstellungen als Linksverteidiger ablieferte, sowie der nach London abgewanderte Mertesacker ersetzt werden. Diese beiden Änderungen betreffen jedoch beide die Viererkette, die zuvor einen insgesamt relativ soliden Eindruck erwecken konnte. Um möglichst wenige Veränderungen vornehmen zu müssen, dürfte Schaaf wohl weiterhin auf Sokratis als Rechtsverteidiger setzen, Prödl als direkten Mertesacker-Ersatz in die Innenverteidigung stellen, sowie den jungen Serben und „quasi-Publikumsliebling“ Ignjovski als Linksverteidiger aufbieten. Was für Auswirkungen das auf die Defensive hat, bleibt abzuwarten.

Das Mittelfeld und der Sturm hingegen dürften unverändert bleiben: Arnautovic hat seinen Stammplatz durch das Tor gegen Hoffenheim sowie die guten Partien bei der Nationalmannschaft wohl verteidigt, Marin wird durch Ekici und Wesley noch nicht ernsthaft bedrängt und die bisher stark spielenden Hunt, Bargfrede und neu-Kapitän Fritz sind gesetzt, Pizarro sowieso.

Auf dem Papier dürfte sich damit insgesamt ein Vorteil für Werder ergeben, zumal auch Geburtstagskind Naldo in den Kader zurückkehrt, was dem Spiel eine weitere interessante Komponente hinzufügen könnten. Doch wir wissen natürlich alle: Was wirklich zählt, ist auf dem Platz (3 Euro ins Phrasenschwein)!

Fazit

Für mich steht fest: Es wird ein umkämpftes Spiel. So sehr ich mir auch einen Kantersieg und die damit verbundene Revanche für das Spiel, das niemals stattfand, wünsche, so wenig glaube ich daran. Die gesamte Mannschaft muss von Anfang bis Ende kämpfen, laufen und vor allem konzentriert spielen, damit der HSV niemals den Eindruck bekommt, sie könnten hier gewinnen, ansonsten wird es richtig schwer. Ich bin dennoch von einem Sieg überzeugt, denn alles Andere wäre eine herbe Enttäuschung.

Zum Abschluss wünsche ich mir noch, dass die Rivalitäten sich heute auf Fangesänge und das Geschehen auf dem Platz beschränken, Gewalt hilft niemandem weiter. In diesem Sinne: Frohes Derby!

PS: Vielen Dank an Tobias dafür, dass er mir die Möglichkeit gibt, meine Meinungen hier niederzuschreiben.

Im Land des Nordrivalen

Zu einer eigenen Vorschau auf das Nordderby hier im Blog hat es nicht gereicht. Dafür habe ich in zwei anderen Blogs ein wenig zur Vorberichterstattung beigetragen:

Zum einen bat mich @nedfuller, der in seinem HSV-Blog seine Sicht der Dinge wiedergibt, ein paar Fragen zum Spiel zu beantworten, was ich natürlich gerne getan habe. Das Interview könnt ihr hier nachlesen: Nordderby, eine Rück/Vorschau.

Zum anderen habe ich für den HSV-Fanblock einen Gastbeitrag verfasst, der sich mit der Rivalität zwischen den Fans und der aktuellen Situation beider Vereine befasst: Die Nordderbys sind eine absolute Bereicherung jeder Bundesligasaison.

Tottenham Hotspur – Werder Bremen (live)

Struktur und Sicherheit

Bundesliga, 5. Spieltag: Hannover 96 – Werder Bremen 4:1

Was soll ich schreiben? Meinen Post von Sonntag wiederholen? So wird man auch mit Laufbereitschaft, Einsatz und Zweikampfstärke kein Spiel gewinnen. Entweder man versucht es konsequent wie eine Durchschnittsmannschaft, spielt diszipliniert und strukturiert und hofft dann auf schnelle Konter und Einzelaktionen. Oder man macht weiter auf Spitzenmannschaft, lässt den Ball laufen, spielt offensiv und kombiniert sich in den Strafraum (wie das momentan gehen soll, muss mir aber noch jemand erklären). Was man aber auf gar keinen Fall machen darf, führte Werder gegen Hannover gestern vor: Ohne Struktur und ohne vernünftige Raumaufteilung zu versuchen, einen Ein-Tore-Rückstand aufzuholen. Da helfen auch sieben Stürmer nicht weiter.

Die Umstellung nach 70 Minuten entzog der ohnehin unsicher wirkenden Mannschaft völlig die Substanz. Almeida, Wagner und Arnautovic rannten sich fast gegenseitig über den Haufen und bildeten für Marin bloß zusätzliche Slalomstangen. Hunt und Frings hatten das Vergnügen, alleine das Mittelfeld schmeißen zu dürfen. Wen wundert es, dass Werder in dieser Phase keine gefährlichen Angriffe zustande brachte und auch beim Ballbesitz bis zum Ende des Spiels unter 50% blieb? Bis dahin sahen zumindest die statistischen Werte gut aus: Mehr Ballbesitz, mehr Zweikämpfe gewonnen (in der Luft wie am Boden), mehr Pässe gespielt, höhere Passgenauigkeit, mehr angekommene Flanken und bis zur Schlussphase sogar mehr Torschüsse. Was wieder einmal zeigt, dass diese Werte allein überhaupt gar nichts aussagen. Genauso wenig wie gelaufene Kilometer, durchschnittliche Schuhgröße oder kumulierte Haarfarbe der Viererkette.

Ohne Struktur keine Sicherheit, ohne Sicherheit kein Kombinationsspiel und ohne Kombinationsspiel keine Offensivstärke. Man muss nach diesem Spiel einsehen, dass man 70 Minuten lang ein ebenbürtiger Gegner für Hannover 96 war, nicht mehr und nicht weniger. Das ist eine bittere Wahrheit verglichen mit den eigenen Ambitionen, aber sie lässt sich momentan nicht so einfach aus der Welt schaffen. Sie lässt sich vor allem nicht aus der Welt schaffen, indem man munter weiter wie eine verhinderte Spitzenmannschaft auftritt und meint, den Gegner in der Schlussphase überrollen zu können. Die Konter zum 3:1 und 4:1 kamen fast schon zwangsläufig. Die Mannschaft braucht in der jetzigen Phase vor allem Sicherheit und Struktur. Wenn man das erreicht, kann es langsam wieder aufwärts gehen, wie nach der letzten Niederlagenserie im Winter. Entzieht man ihr die Struktur, wird wild umher gelaufen und die individuelle Klasse reicht momentan nicht, um gegen Hannover trotzdem einen Sieg herauszuholen. Ständige taktische Experimente, Dreifachwechsel oder Vierersturm verunsichern das Team noch weiter.

Früher hat Schaaf lange mit personellen Änderungen gewartet, jetzt wechselt er seine Startelf munter durch: Hunt raus, Almeida rein, Bargfrede raus, Hunt rein, Wesley raus, Borowski rein, Borowski raus, Bargfrede rein, Almeida raus, Wagner rein, Arnautovic raus, Wesley rein, Mittelfeld raus, alle Stürmer rein. Leider gibt es zu wenig Konstanten, denen der Trainer wirklich vertraut. Gerade deshalb braucht es nun einfache Lösungen, ein stabiles 4-2-3-1 auch bei Rückschlägen, auswärts auf Konter spielen und zur Not mit einem 0:0 leben. Angriffsfußball, viele Tore, Spektakel – das kann alles warten. Bei aller Kritik wäre es falsch, zu diesem Zeitpunkt den Trainer grundsätzlich in Frage zu stellen. Einen Vertrauensvorschuss hat Thomas Schaaf sich allemal verdient und ich denke, dass er mit seinem Team auch diesmal den richtigen Weg zurück in die Spur finden wird.

Und jetzt bitte umschalten auf Derbymodus.

Hannover 96 – Werder Bremen (live)

3 Fragen zu Hannover 96

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 5. Spieltag hat mir Felix von Medien-Sport-Politik, der sowohl Werder- als auch 96-Fan ist, drei Fragen zu Hannover 96 beantwortet:

In den letzten Jahren war Hannover einer der Lieblingsgegner von Werder: 96 hat nur eins der letzten 14 Spiele gewonnen und bezog regelmäßig Prügel beim “kleinen” Nordderby. Wie wird Werder im Umfeld von Hannover wahrgenommen? Es gibt ja durchaus eine Rivalität, die bei den meisten Bremer Fans aber nicht sonderlich ausgeprägt ist. Ist das in Hannover ähnlich oder gibt es dort größere Antipathien?

Stimmt, die letzten Spiele gegen Werder waren aus Sicht von Hannover 96 wenig erfolgreich, aber für den neutralen Beobachter stets unterhaltsam. Ich habe eigentlich nie eine große Rivalität zwischen beiden Vereinen feststellen können. Die ist bei Werder in Bezug auf den Hamburger SV sicherlich viel größer und bei uns Niedersachsen immer noch ein wenig mit Eintracht Braunschweig verbunden, aber nur sehr wenig mit Werder. Und größere Antipathien sehe ich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich kenne viele 96-Fans, die sich auch mit Werder Bremen über Siege freuen und den Verein äußerst sympathisch finden (aber wer findet das nicht?). Insbesondere bei der sportlichen Leitung und im Management blickt man in Hannover sehr neidisch an die Weser. Präsident Martin Kind träumt in Hannover immer ein wenig von „Bremer Verhältnissen“, mit einem Duo nach Vorbild Schaaf/Allofs, das einen Verein über Jahre hinweg erfolgreich führt. Da ist man hier in Hannover mit den vielen Trainerwechseln in den letzten Jahren aber ein ganz großes Stück von entfernt. Und ich würde aus dem Bauch heraus dem Gespann Schmadtke/Slomka nicht unbedingt drei Jahre Tätigkeit bei 96 prognostizieren. Kontinuität war in Hannover zuletzt immer ein Fremdwort. Auch auf dem Platz, selten gab es mal eine Mannschaft, die fast unverändert in eine neue Saison ging. Viele Akteure gingen, neue kamen – und waren häufig schnell wieder verletzt. Bleibt zu hoffen, dass mit den vielen jungen Spielern endlich bei Hannover 96 etwas Langfristiges aufgebaut werden kann und man damit ein ganz klein wenig dem Vorbild Werder Bremen nacheifert.

Vor der Saison sah es für Hannover 96 nicht gerade gut aus. Der Saisonstart verlief dann jedoch für viele überraschend sehr positiv, mit Siegen über Frankfurt und Schalke sowie einem Unentschieden gegen Leverkusen. Wie stark ist 96 momentan? Ist es nach Werders Fehlstart ein Duell auf Augenhöhe?

Schaut man auf die Tabelle, die bekanntlich nie lügt, ist es gar kein Duell auf Augenhöhe, sondern sogar mit leichten Vorteilen für Hannover 96. Werder wirkt mir noch zu unkonstant in den ersten Spielen, 96 hatte eigentlich nur das schlechte Spiel in Wolfsburg. Insbesondere die zweite Halbzeit im Heimspiel zum Saisonauftakt gegen Frankfurt und die Spiele gegen Schalke und Leverkusen waren mit die besten Leistungen, die ich von 96 in den letzten Jahren gesehen habe. Nicht nur, weil am Ende auch das Ergebnis gestimmt hat, sondern weil man versucht hat spielerisch mit dem „Favoriten“ mitzuhalten und auch eine glänzende Einstellung, Kampfgeist und Leidenschaft an den Tag legte. Etwas, das in der vergangenen Saison im Abstiegskampf häufig vermisst wurde.

Hannover 96 macht schon einen guten und gefestigten Eindruck, wobei man die bisherigen vier Saisonspiele für jede Mannschaft nicht überbewerten sollte. Eine Entwicklung, wo es in dieser Saison hingehen könnte, sollte man erst nach dem 10. Spieltag erkennen und bewerten können. Macht man die Momentaufnahme, ist Hannover sehr gut in die Saison gestartet. Vier Spiele, sieben Punkte, darunter ein Sieg auf Schalke und Unentschieden gegen Leverkusen ist mehr als ordentlich. Die Innenverteidigung mit Haggui und Pogatetz wirkte bis jetzt außerordentlich sicher, mit der Institution Cherundolo (seit 1999 im Verein) auf rechts und dem Ex-Bremer Christian Schulz auf links gelingt es bisher auch die Außenpositionen dicht zu machen. Und das bisher wohl größte Plus von 96 ist die Chancenauswertung. Man braucht wenige Gelegenheiten um einen Treffer zu erzielen, beispielhaft sei Ya Konan erwähnt, der letzte Saison zahlreiche Fans mit seinen vielen vergebenen Torchancen noch zur Verzweifelung brachte. Bisher alles anders in dieser Saison. Schmiedebach und Pinto spielen im defensiven Mittelfeld einen guten Part. Der Neuzugang aus Oberhausen, Moritz Stoppelkamp, wirkt manchmal noch ein wenig hektisch und verliert dann den Blick auf den besser positionierten Spieler. Aber auch hier klare Tendenz nach oben, was die Leistung angeht. Auch wenn der Auftritt in Wolfsburg schwach war, hat sich sonst bisher eine erstaunlich geschlossene und entschlossene Mannschaft präsentiert. Hätte ich nicht gedacht und kommt für viele sehr überraschend.

Hannover hat sich meiner Meinung nach gut verstärkt im Sommer. Carlitos hat sich leider gleich im ersten Spiel verletzt, aber mit Pogatetz und Beasely hat man erfahrene Spieler von der Insel verpflichtet und in Abdellaoue einen überraschend guten Torschützen. Gute Voraussetzungen für eine bessere Saison nach dem “Seuchenjahr”? Was kann 96 in dieser Spielzeit erreichen?

Ich bin froh, wenn 96 so schnell wie möglich 40 Punkte erreicht. Ziel muss trotz des guten Saisonstarts weiterhin der Klassenerhalt bleiben. Und dann kann der Verein, wenn die erste Etappe erreicht ist, immer noch neue Vorgaben aussprechen. Insofern war die Niederlage in Wolfsburg und der bisher schwächste Auftritt in dieser Saison vielleicht gar nicht so unpassend, um die Mannschaft und auch die Fans daran zu erinnern, dass nicht jedes Spiel gewonnen werden kann und dass 96 nicht immer so gute und spielerisch attraktive Leistungen wie gegen Leverkusen und auf Schalke zeigen kann. Dafür ist die Mannschaft einfach nicht gut genug. In den hannoverschen Tageszeitungen begann nach dem Sieg auf Schalke und dem guten Spiel gegen Leverkusen die Rechnerei, wie viele Tore 96 denn schießen müsste, damit sie die Tabellenführung übernehmen würden. Das sollte meiner Meinung nach die geringste Sorge sein. Oberste Priorität sollte der Klassenerhalt sein, dann schauen wir mal.

Ich war ehrlich gesagt sehr skeptisch über diese Saison. Das von dir angesprochene „Seuchenjahr“ hat hier in Hannover noch keiner vergessen und viele gute Spieler und Leistungsträger, wie Balitsch, Bruggink, Elson, Arouna Kone oder auch Jan Rosenthal haben den Verein im Sommer verlassen. Bisher konnten diese Lücken hervorragend kompensiert werden, weil Ya Konan im Sturm noch laufschneller und sicherer am Ball scheint als vergangene Spielzeit. Und – wohl am wichtigsten – braucht er deutlich weniger Chancen für den Torerfolg. Mit Abdellaoue hat 96 einen Spieler verpflichtet, der Tore schießen kann, aber sich auch hervorragend für die Mannschaft engagiert, vielen Bällen hinterher geht, viel Laufarbeit verrichtet. Etwas, das man von Mike Hanke zum Beispiel überhaupt nicht gewohnt war. Schade, dass Carlitos sein Potential noch nicht zeigen konnte. Ich halte sehr viel von DeMarcus Beasley und würde mir wünschen, dass er mal von Beginn an seine Chance bekommt.

Hannover 96 war nie bekannt für eine stringente Transferpolitik. Zu viele Spieler wurden schon verpflichtet, welche bei anderen Teams auf dem Abstellgleis standen oder lange mit Verletzungen zu kämpfen hatten. Nun probiert man es seit letzter Saison, auch durch das zeitweilige Engagement von Andreas Bergmann, der vorher die U23 von Hannover 96 trainierte und gleichzeitig Leiter des Nachwuchszentrums war, mit jungen Spielern aus der eigenen Jugend, unter anderem Konstantin Rausch, Manuel Schmiedebach und jetzt am Wochenende in Wolfsburg erstmals mit Christopher Avevor, der in der U19 bei Hannover 96 gespielt hat. Das freut mich am meisten, dass 96 endlich wieder junge, gute Spieler mit Perspektive an die Bundesligaelf heranführt und nicht länger irgendwo die Ersatzbänke von Zweitligisten abklappern muss.

Kurzum: Bisher viele gute Zeichen in den ersten Spielen, aber das heißt leider noch gar nichts. Aber ich glaube, dass der Klassenerhalt für Hannover 96 absolut zu schaffen ist. Und damit würde man etwas erreichen, was 95% der Fußballexperten Anfang August in diesem Land für ausgeschlossen hielten.

Dein Tipp?

Angesichts der Tatsache, dass bei Werder mit Pizarro, Mertesacker und Naldo drei Stammspieler fehlen und 96 eigentlich mit der Rückkehr von Haggui und Pogatetz die Erfolgself der letzten Wochen aufbieten kann, glaube ich, dass die Partie vom Spielverlauf und vom Ergebnis deutlich ausgeglichener wird, als man es von den letzten Jahren gewohnt ist. Wenn Bremen sein volles Leistungspotential abruft, sollte es für Werder zu drei Punkten reichen. Interessant wird es aber, wenn 96 in Führung geht. Hannover fehlt noch ein wenig die Fähigkeit selbst das Spiel zu machen, von daher wäre ein Rückstand aus Sicht von 96 blöd, weil Werder dann auch viel Platz zum Kontern bekäme. Ich denke, dass Hannover wieder zuallererst die Defensive stärken wird. Knappes Spiel, 2:1 für Werder nach 90 Minuten.

Europa League, 5. Spieltag: B-Beitrag

Werder Bremen – Nacional Funchal 4:1

So stellt man sich das als Stadionbesucher vor. Mit einer B-Elf auflaufen, zur Halbzeit eine 2:0-Führung herausspielen, nach dem Wechsel die Konzentration verlieren und es nochmal spannend machen, damit man auch was zu meckern hat und am Ende dann doch ein lockeres 4:1 mitnehmen. Besonders freue ich mich für alle, die nach dem 3:1 den Heimweg antraten und so das Zuckertor von Marin verpassten. Ansonsten gibt es nicht viel zu schreiben über das Spiel, was sich gut trifft, da ich keine Zeit habe, viel zu schreiben. Für Funchal hatte die Partie ohnehin keine hohe Bedeutung, da ihr Trainer Manuel Machado nach einer OP im künstlichen Koma liegt und die Spieler das sicherlich nicht vollständig ausblenden konnten. Da kann man nur Daumen drücken, dass er es übersteht. Gute Besserung!

5. Spieltag: Wir lassen den Dom in Köln und die Kirche im Dorf

Werder Bremen – Hannover 96 0:0

Am Wochenende stand für mich ein Ausflug nach Köln auf dem Programm. Dank mehrerer Staus auf der Hinfahrt und Razorlight-Konzert am Abend blieb leider nicht viel Zeit für einen Stadtbummel. Nicht einmal der Kölner Dom, der in unmittelbarer Nähe des Hotels steht, konnte besichtigt werden. Was das nun mit Werder zu tun hat? Nun, da das kleine Nordderby gegen Hannover 96 dank neuer Anstoßzeiten schon um 15:30 angepfiffen wurde, blieb der Dom auch am Sonntag unbesichtigt. Stattdessen ging es nach dem Abgrasen des üppigen Frühstücksbuffets schnell wieder auf die Autobahn, um pünktlich zum Anpfiff zurück zu sein. Leider klappte das nicht ganz und ich konnte erst zur 10. Minute einschalten. Viel verpasst habe ich dabei nicht. Hätte ich vermutlich auch nicht, wenn ich dem Dom doch den Vorzug gegeben hätte.

Nachdem man am letzten Spieltag mit einem gewaltigen Satz auf Platz 3 gesprungen war, waren die Stimmen schon wieder lauter geworden, die Werder zum sicheren Kandidaten für die Champions League Plätze herreden wollten (wovon ich mich selbst nicht vollständig frei sprechen kann/will). Wie so häufig wurde man nach einer längeren (in diesem Fall: Länderspiel-)Pause wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Ein 0:0 gegen Hannover im eigenen Stadion ist eine Enttäuschung, wie man es auch dreht und wendet. Man sollte sich davor hüten, dieses Resultat nur auf das fehlende Glück im Torabschluss oder die gute Leistung von Gästekeeper Fromlowitz zu schieben. Mit der Effizienz, die man beispielsweise gegen Hertha BSC an den Tag legte, hätte man das Spiel zwar höchstwahrscheinlich gewonnen. Die Anzahl der wirklich guten Torchancen hielt sich aber in Grenzen und Werder schaffte es nicht, den Druck gegen Ende des Spiels, als die Zeit knapp wurde, noch zu erhöhen. Man braucht sich keine Illusionen zu machen. Momentan ist Weder ein gutes Stück davon entfernt, eine der dominierenden Kräfte in der Bundesliga zu sein.

Das soll nun aber nicht heißen, dass plötzlich wieder alles schlecht ist. Denn schlecht hat Werder – mit Ausnahme der Schlussphase der ersten Halbzeit – nun wirklich nicht gespielt. Man war Feldüberlegen, hatte gegen defensiv recht stabile Hannoveraner fast immer die Spielkontrolle und ließ hinten nicht viel zu. Positiv herauszuheben ist die positive Entwicklung bei Philipp Bargfrede, der immer mehr zur festen Größe im Bremer Kader heranwächst und gegenüber Tim Borowski gestern den deutlich engagierteren Eindruck machte. Ebenfall gefreut hat mich die Tatsache, dass sich der von mir zuletzt kritisierte Torsten Frings wieder schneller vom Ball getrennt hat und unnötige Dribblings vermied. Lassen wir also die Kirche im Dorf. Von fünf Heimspielen mit einer Leistung wie gegen Hannover gewinnt man vielleicht drei. Damit wird man wahrscheinlich nicht Deutscher Meister, kann sich aber Hoffnungen auf das internationale Geschäft machen. Das kommende Auswärtsspiel gegen Leverkusen wird mehr Aufschluss über die wirkliche Leistungsfähigkeit der Mannschaft geben.

Die Kirche nicht im Dorf ließ wie gewohnt Uli Hoeneß, der vor dem Spiel seiner Bayern in Dortmund gegen die hohe Anzahl an Länderspielen wetterte, von welchen die Spieler dann auch noch verletzt zurückkämen:

“Wir müssen uns alle miteinander dagegen wehren, dass die Bundesliga jetzt zum 98. Mal unterbrochen wird wegen dieser Länderspiele. Da muss sich etwas ändern, sonst geht die Bundesliga kaputt.”

Man sollte sich nicht vom typisch Hoeneß’schen Fatalismus blenden lassen. Die Grundaussage dieses Satzes könnte auch Klaus Allofs über die Lippen kommen. Mal ganz davon abgesehen, dass Verletzungen von Spielern in der Nationalmannschaft für die betroffenen Vereine ärgerlich sind, zweifle ich doch sehr stark an dem Schaden, der ihnen durch die Länderspiele entsteht. Es ist für einen Verein ein Aushängeschild, viele Nationalspieler in den eigenen Reihen zu haben. Sie sorgen im In- und Ausland für zusätzliche Aufmerksamkeit für einen Verein, aus der dieser wiederum neue Vermarktungsmöglichkeiten erschließen kann. Gerade Uli Hoeneß sollte sich dem bewusst sein. Könnte sich jemand einen FC Bayern ohne Nationalspieler vorstellen?

Die Auffassung, dass die insgesamt hohe Anzahl an Spielen schlecht für den Fußball sei, setzt sich anscheinend immer mehr durch. Das Hauptargument dafür ist eine angebliche Überlastung der Spieler. Es leuchtet mir nicht ein, dass zwei Spiele pro Woche über 90 Minuten aus physischer Sicht ein Problem darstellen sollen. Problematisch wird es erst dann, wenn Spieler trotz körperlicher Blessuren unter Anwendung von Schmerzmitteln Woche für Woche auf dem Feld stehen. Es ist kein Geheimnis, dass dies die Merhzahl der Spieler im Profibereich betrifft. Allerdings wird häufig übersehen, dass eine hohe Anzahl an Spielen auch hohe Einnahmen mit sich bringt, die wiederum in neue Spieler investiert werden können. Ein großer, qualitativ ausgeglichener Kader bietet vor allem den Spitzenvereinen die Möglichkeit, ihre Stars in unwichtigen Spielen häufiger zu schonen, wie es z.B. in Spanien und England nicht unüblich ist und bei den Bayern unter Hitzfeld auch praktiziert wurde. Hier zeigen sich dann auch Hoeneß’ wahre Beweggründe: Statt Länderspielpause könnte man die Zeit besser mit lukrativen Freundschaftsspielen der eigenen Mannschaft auffüllen. Die bergen zwar ebenfalls ein Verletzungsrisiko für die Spieler – sorgen aber für volle Vereinskassen.