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6. Spieltag: Es bröckelt

Darmstadt 98 – Werder Bremen 2:1 (1:1)

Mit der völlig verdienten Niederlage in Darmstadt ist Werder nach der von Pizarros Rückkehr ausgelösten Euphorie wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. In einer fußballerisch grauenhaften Partie enttäuschten Mannschaft und Trainer auf ganzer Linie.

Skripnik verzichtet aufs Mittelfeld

Viktor Skripnik reagierte auf die Ausfälle von Bargfrede und Ulisses Garcia nicht wie erwartet und ließ Ersatzsechser Kroos wie auch Nachwuchssechser Fröde auf der Bank. Stattdessen durfte Galvez auf der ungeliebten Position vor der Abwehr ran und Sternberg rutschte für Garcia links ins Mittelfeld. Der fast vollständige Verzicht auf (gelernte) Mittelfeldspieler in der Startelf machte sich auch in Werders Spiel bemerkbar, wobei dies keine neue Entwicklung ist. Gegen die spielerisch ganz sicher schwächste Mannschaft der Bundesliga überspielte Werder das Mittelfeld noch rigoroser als zuletzt und suchte in der ersten Halbzeit sein Heil in langen Bällen auf Ujah und Johannsson.

In der ersten halben Stunde musste man froh sein, die Teams durch ihre Trikotfarben eindeutig identifizieren zu können, denn sonst hätte man Werder sicherlich für Darmstadt gehalten. Die Taktik, nach Ballgewinn direkt den Konter mit einem langen Ball in die Spitze zu suchen, kannte man sonst eher von den Gastgebern, die jedoch selten so hoch standen, dass ihnen dies Probleme bereiten konnte. Der Aufsteiger zeigte in der ersten Halbzeit fußballerisch die vielleicht beste Leistung der Saison, ohne jedoch wirklich zu überzeugen. Werder bekam im Pressing keinen Zugriff, lief viel hinterher und brachte den Ball kaum einmal kontrolliert aus dem ersten Drittel heraus. Dadurch ergaben sich auch kaum Möglichkeiten zum Aufrücken. Die Bälle kamen postwendend zurück in Werders Hälfte und das Spiel begann von neuem.

Verbesserte Spielkontrolle, fehlende Kreativität

Die zweite Halbzeit war in einigen Belangen besser. Werder hatte mehr Ballbesitz und konnte etwas Sicherheit gewinnen, ohne jedoch offensiv Gefahr zu erzeugen. Die Stürmer blieben häufig vom Mittelfeld isoliert und konnten so – abgesehen von den langen Bällen – kaum ins Spiel eingebunden werden. Ujah scheint für diese Art Fußball weitaus besser gemacht zu sein als Johannsson, der jedoch bei jeder Gelegenheit den Torabschluss suchte und somit trotzdem Werders gefährlichster Spieler war. Die Einwechslung des angeschlagenen Junuzovic und die Umstellung auf die Raute verpufften weitgehend und Pizarro kam in zehn Minuten Spielzeit je nach Datenquelle auf ein oder zwei Ballkontakte.

Wie schon gegen Ingolstadt waren es am Ende individuelle Fehler, die die Niederlage herbeiführten. Felix Wiedwald hatte einen schlimmen Abend und machte auch abgesehen von den beiden Gegentoren ein schwaches Spiel. Für Werder war die entscheidende Phase jedoch eher zwischen der 45. und der 70. Minute, als man aus der eigenen Feldüberlegenheit viel zu wenig Offensivgefahr entfachte. Eine Schlussoffensive fand nach dem 1:2 und dem Platzverweis gegen Bartels nicht mehr statt, dafür fehlten Werder einerseits die spielerischen Mittel und andererseits am Ende auch die Kraft für die Brechstange.

Viele Fragen an den Trainer

Nach einem solchen Spiel muss sich nicht nur die Mannschaft hinterfragen. Die Leistung erinnerte doch in weiten Teilen an das, was Werder vor gut einem Jahr unter Robin Dutt auf den Rasen brachte – ohne die Gesamtsituation mit damals vergleichen zu wollen. Viktor Skripnik war sein Amt auch mit der Absicht angetreten, sein Team fußballerisch zu verbessern. Davon ist in dieser Saison bislang nicht viel zu sehen, auch wenn die Punkteausbeute nach sechs Spielen durchaus im Rahmen ist. Werder spielt größtenteils reinen Ergebnisfußball mit viel Kampf und Krampf. Stimmen die Ergebnisse nicht, bleibt auf der Habenseite nicht viel übrig. Derzeit entscheidet sich Skripnik in Personalfragen meist gegen die spielerisch bessere Lösung (Lukimya statt Galvez, Galvez statt Kroos, Bartels statt Eggestein). Das ist natürlich legitim und er wird seine Gründe haben. Es spricht aber gerade in einem Spiel gegen ein Team wie Darmstadt nicht unbedingt für großes Vertrauen in die fußballerische Qualität seiner Mannschaft.

Über den richtigen Wechselzeitpunkt und die Tauglichkeit der Optionen auf der Bank kann man streiten. Wenn jedoch schon in den ersten 10 Minuten eines Spiels deutlich wird, dass die eigene Taktik nicht aufgeht, wäre eine Anpassung wünschenswert. Das flache 4-4-2 funktionierte gegen Darmstadt überhaupt nicht, daran änderte auch ein glücklicher Führungstreffer nichts. In der zweiten Halbzeit, als Werder das Spiel besser kontrollierte und mehr Ballbesitz hatte, wären ein bis zwei Umstellungen im Mittelfeld hin zu mehr Kreativität angebracht gewesen. Es verwundert doch sehr, dass Skripnik sich dieses Spiel stoisch mit ansah, bis die verbleibende Zeit kurz genug war, um die nicht vollständig fitten Edeljoker Pizarro und Junuzovic zu bringen.

Auch vom einstigen Mut, junge Spieler nicht nur kurz anzutesten, sondern wirklich einzubinden, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Im Sommer sah es so aus, als wären Eggestein und Grillitsch auf dem Sprung in die erste Elf und Zander nicht weit davon entfernt. Nun kommen die drei zusammen auf zwei Einsätze und weniger als 90 Minuten Einsatzzeit in der Bundesliga. In allen drei Fällen gibt es Gründe, die gegen einen sofortigen Einbau in der ersten Elf sprechen, doch die gibt es bei Nachwuchsspielern fast immer. Es erstaunt mich sehr, dass Werder mit einem (wenn man nur die gestandenen Bundesligaspieler zählt) Rumpfkader in die Saison geht, mit der Prämisse, voll und ganz auf die Jugend setzen zu müssen (Stichwort „alternativlos“), das Trainerteam sich nun aber augenscheinlich nicht traut, dies auch in die Tat umzusetzen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn mit Bargfrede und Junuzovic zwei Drittel der gewünschten Achse im Mittelfeld ausfallen. Gerade bei Bargfrede musste man jedoch damit rechnen (wenn auch nicht durch eine Rotsperre). Dass Galvez im Mittelfeld nicht die Antwort ist, hat die letzte Saison gezeigt und war einer der ersten Missstände, die Skripnik damals behoben hat. Wenn Kroos und Fröde nicht gut genug sind, um Bargfrede in solchen Spielen zu ersetzen, warum hat man dann im Sommer nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um einen Sechser zu verpflichten?

Ein Fehler namens Pizarro?

Stattdessen holte man Pizarro zurück. Ich mache mich damit wahrscheinlich bei einem Großteil der Werderfans unbeliebt, aber ich halte das für einen Fehler. Natürlich kann ich verstehen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Allein die Begeisterung, die seine Rückkehr ausgelöst hat, war für den Verein viel wert. Zusätzlich verkaufte Trikots, Zuschüsse von Sponsoren, mediale Aufmerksamkeit – alles gut für den Verein. Ich glaube auch, dass Pizarro selbst mit seinen 36 Jahren noch ab und zu den Unterschied machen kann und für Werder sportlich zumindest teilweise wertvoll ist, von seiner positiven Ausstrahlung aufs Team ganz abgesehen. Dennoch ist die Verpflichtung in erster Linie Balsam für die geschundene Werderseele und fällt für mich in eine Kategorie mit den Abschiedsspielen für Frings und Ailton: Man kann noch mal schön in Erinnerungen schwelgen an Zeiten, in denen Werder noch ein großer Name war. Nüchtern betrachtet hat man sich einen sehr alten und sehr teuren Ergänzungsspieler geholt, der eine Saison lang eventuell noch ab und an mannschaftliche Mängel mit individueller Klasse überdecken kann.

Für sich gesehen könnte ich durchaus damit leben, doch bindet Pizarro trotz Zuschuss von Wiesenhof Gehaltsbudget, das an anderer Stelle meiner Meinung nach sinnvoller und zukunftsorientierter hätte eingesetzt werden können. Werders Mittelfeld ist sträflich unterbesetzt, die Ausfälle bei Bargfrede werden leider auch nach Ende seiner Rotsperre kommen und bei Clemens Fritz würde ich auch nicht davon ausgehen, dass es für 30-34 Spiele reicht. Die Risiken lagen und liegen auf der Hand. Werder ist sie eingegangen und muss nun mit den Konsequenzen leben.

Back to square one: Mut zum Fußball

Umso wichtiger, dass Skripnik und sein Team sich jetzt auf ihre Stärken besinnen, die Werder in der letzten Saison vor dem Abstieg gerettet haben. Ich bin weit davon entfernt, Skripniks Ablösung zu fordern. Seine Bilanz ist insgesamt immer noch sehr gut und Werder steht sportlich nicht dort, wo man in der Endphase unter Dutt stand. Was die fußballerische Entwicklung angeht, habe ich jedoch große Zweifel, dass Werder derzeit auf dem richtigen Weg ist. Ich wünsche mir mehr Mut und mehr Konsequenz auf dem Weg, der Werder auch spielerisch voran bringen soll.

Ich könnte weitaus besser mit Niederlagen gegen Teams wie Ingolstadt und Darmstadt leben, wenn sie Konsequenz einer noch nicht ausgereiften fußballerischen Entwicklung wären. Diese muss nicht unbedingt auf ausgeprägtem Ballbesitzfußball beruhen, eine Weiterentwicklung der Pressing- und Konterstrategie der letzten Rückrunde würde mir auch genügen. Stattdessen wirkt diese Saison auf mich bislang so, als wäre alles, was man sich in der Sommerpause vorgenommen hatte, mit Di Santos Abgang hinfällig gewesen und nun wurschtelt man ohne richtigen Plan vor sich hin. Selbst nach der Partie gegen Darmstadt scheint man sich nicht einig zu sein, ob das jetzt zu viel oder zu wenig Fußball war. Derzeit ist Werder nur eines der Teams, die auf eigenes Spiel weitgehend verzichten und mit Physis, langen Bällen und Standards ihr Glück versuchen. Das kann für den Klassenerhalt reichen, macht aber wenig Hoffnung auf mehr.

Dezimiert, konzentriert, engagiert

1. FC Nürnberg – Werder Bremen 1:1

Ein Punktgewinn nach langer Unterzahl in Nürnberg bringt Werder vorübergehend an die Tabellenspitze. Die schwache spielerische Leistung sollte man im Kontext des frühen Platzverweises bewerten. Kämpferisch bot Werder eine sehr starke Leistung und verdiente sich einen Punkt gegen überlegene, jedoch selten zwingende Nürnberger.

Verschlafener Beginn, Wieses Weckruf

Die Anfangsphase verschlief Werder völlig. Nürnberg setzte das Bremer Mittelfeld ständig unter Druck und ließ kein geordnetes Aufbauspiel zu. Werder schaffte es kaum einmal, kontrolliert ins letzte Drittel zu spielen. Das Kombinationsspiel lag brach. Mit dem Ball blieb Nürnberg jedoch ebenfalls ungefährlich. Fast alle Angriffe liefen über die rechte Seite. Lediglich ein guter Freistoß von Mendler, den Wiese mit einer tollen Parade entschärfte, sorgte für Torgefahr.

In der 17. Minute kam es dann zur spielentscheidenden Szene, der roten Karte gegen Tim Wiese. In Unterzahl erhöhte Werder den Einsatz und zeigte mehr Leidenschaft. Die restliche erste Halbzeit über schaffte es das Team sehr gut, Nürnberg vom eigenen Tor fernzuhalten. Die einzige eigene Torchance nutzte dann Ex-Nürnberger Mehmet Ekici zur Bremer Führung. Nach Stephans schwachem Pass reagierte Hunt gut und Pizarro zeigte beim Zuspiel auf Ekici seine ganze Klasse. Die Halbzeitführung war auch deshalb nicht ganz unverdient, weil Nürnberg es nicht verstand, in Überzahl Torchancen zu herauszuspielen. Die letzten 15 Minuten hatten wegen des starken Regens kaum noch etwas mit einem normalen Fußballspiel gemein.

Von der Wasser- zur Abwehrschlacht

Nach der Pause wurde Nürnberg aggressiver und drückte Werder hinten rein. Entlastungsangriffe gab es kaum noch. Pizarro arbeitete viel und ließ sich häufig ins Mittelfeld fallen. Werders Formation glich dadurch einem 4-5-0 (bzw. nach Naldos Einwechslung einem 5-4-0). Aus dem Spiel heraus schaffte es Nürnberg dennoch nur selten, in gute Abschlusspositionen zu kommen. Das Torschussverhältnis von 25:2 täuscht daher ein wenig über die Tatsache hinweg, dass der Club zu wenig aus seiner Überzahl machte und trotz nachlassender Kräfte beim Gegner kaum echte Torchancen herausspielte. 14 davon waren Fernschüsse, 20 gingen am Tor vorbei. Sebastian Mielitz konnte sich eher durch viele angefangene Flanken und aufmerksames Rauslaufen auszeichnen, als durch gehaltene Bälle.

Umso ärgerlicher war es für Werder, dass man nach einer Ecke den Ausgleich kassierte. Schaaf reagierte durch die Einwechslung Naldos. Als dritter Innenverteidiger stellte er die Lufthoheit im Bremer Strafraum wieder her und nahm den hohen Hereingaben der Nürnberger damit den Wind aus den Segeln. Andererseits wurde es für Werder danach noch schwieriger, den Ball kontrolliert bis zur Mittellinie zu bekommen. Nach vorne ging nichts mehr, zumal Schaaf durch die beiden frühen Auswechslungen die Hände gebunden waren (Wesley und Rosenberg hätten Werders Spiel gut tun können, da vor allem Pizarro und Hunt in der Schlussviertelstunde die Luft ausging).

Umso bemerkenswerter war die Leidenschaft und Überzeugung, mit der Werder das Unentschieden verteidigte. Es wurde um jeden Zentimeter gekämpft, kein Spieler ließ sich hängen oder war sich zu schade, gegen den Ball zu arbeiten. Diese Einstellung hat man sich offenbar aus dem Abstiegskampf bewahrt.

Mission: Heimsiege fürs internationale Geschäft

Es war kein schönes Spiel von Werder. Die Passquote war schlecht und die Anfangsphase wurde (wie schon in Hoffenheim) verpennt. Angesichts des Spielverlaufs ist es für Werder ein gewonnener Punkt und nicht zwei verlorene. Die spielerische Leistung stand in diesem Spiel allerdings nicht im Mittelpunkt. Kämpferisch kann man der Mannschaft nichts vorwerfen. In puncto Kombinationsfußball und Ballsicherheit muss am nächsten Wochenende gegen Hertha wieder mehr kommen, doch das dürfte allen Beteiligten klar sein. Wiese hat sich durch seinen dummen Fehler wieder einiges kaputt gemacht, was er mit seinen starken Leistungen in dieser Saison aufgebaut hat. Mielitz hat dagegen erneut gezeigt, dass er reif genug für die Bundesliga ist. Viele Fehler von diesem Kaliber darf sich Wiese wohl nicht erlauben.

Das Ergebnis zeigt einmal mehr, wie wichtig die Heimspiele für Werder derzeit sind. Gewinnt man diese, sind vier Punkte aus drei Auswärtsspielen eine gute Bilanz. Wenn Werder weiterhin die Pflichtaufgaben so souverän erledigt, braucht es diese Saison keine Wunder von der Weser, um an den Champions-League-Plätzen dranzubleiben. Ein Heimsieg gegen Aufsteiger Hertha zählt zweifellos zur ersten Kategorie.

Über Nürnberg an die Spitze?

Wie weit ist Werder nach dem guten Bundesligaauftakt schon? Wird das Spiel in Nürnberg schon zu einem Wegweiser in Richtung Champions League? Ein Versuch einer Standortbestimmung.

Umbruch im Schnelldurchgang

Nach dem Sieg im Nordderby hätte die Stimmung bei Werder besser nicht sein können. Das Spiel hatte so viele Feel-Good-Momente zu bieten, dass die letzte Saison aus heutiger Sicht fast wie ein schlechter Traum erscheint. Ist das der gleiche Verein, der vor kaum mehr als vier Monaten noch kurz vor dem Abstieg stand? Der noch zu Beginn des letzten Monats angeblich von der Pleite bedroht war? Dessen Aufsichtsrat und Geschäftsführung sich auf öffentlicher Bühne zerstritten hatten? Dessen Trainer nach der Pokalniederlage in Heidenheim die Mannschaft nicht mehr erreichte? Verschwommene Erinnerungen aus längst vergessenen Zeiten.

Denn nun, Anfang September, müssen Spieler und Verein zurückrudern, um nicht als Titelaspirant und Bayernjäger durch die Medien zu geistern. Lediglich Claudio Pizarro sprach nach dem Sieg gegen den HSV offen von seinen Meisterschaftsambitionen, was von der sportlichen Führung nicht gerne gehört wurde. Die Aussage wurde ohnehin in den Schatten gestellt von Naldos Comeback, einem Ereignis, das sinnbildlich für das alte und neue Selbstverständnis im Hause Werder steht: Wir sind wieder da, mit uns ist zu rechnen! Geldsorgen? Dann verkaufen wir eben Mertesacker und spielen zu Null. Trainersorgen? Einfach an Thomas Schaaf festhalten, der macht das schon. Spielersorgen? Dann spielen eben alle ein bis zwei Klassen besser als letzte Saison und wir kaufen ein paar junge, erfolgshungrige Talente dazu.

Neue Stärke oder leichter Auftakt?

Wer – außer Thomas Schaaf – hätte denn vor zwei Monaten gedacht, dass man mit einem Mittelfeld Bargfrede-Fritz-Hunt-Marin wettbewerbsfähig ist? Wer hätte gedacht, dass man durch die Verpflichtungen von Innenverteidiger Sokratis, Mittelfeldmann Ignjovski und dem angeblich weit überschätzten Schmitz die ständig präsenten Probleme auf den Außenpositionen der Viererkette zunächst einmal beheben kann? Wer hätte gedacht, dass man bei all den Baustellen und dem begrenzten Transferbudget in eine Situation kommen könnte, in der man in allen Mannschaftsteilen fast gleichwertige Alternativen auf der Bank sitzen hat? Der Optimismus über den starken Kader, den leistungsfördernden Konkurrenzkampf und die Rückkehr in die Spitzengruppe der Bundesliga keimt dieser Tage nicht nur, er wuchert.

Doch wie sicher steht das Fundament, auf dem der vorhergesehene Erfolg aufgebaut ist? Wie hoch sind die bisherigen Leistungen einzuschätzen? Hatte Werder diese Saison einfach nur Glück mit dem Spielplan? Wenn bei den Bayern die Frage nach dem leichten Auftaktprogramm erlaubt ist, muss sie das auch in Bremen sein. Um Kaiserslautern, Freiburg und diesen HSV zuhause zu schlagen, muss man keine Spitzenmannschaft sein. Der Sieg in Hoffenheim war hart erkämpft und auch etwas glücklich. Beim einzigen Gegner, den man in die Kategorie “Topmannschaft” einordnen kann, verlor Werder mit 0:1. Das schmälert den Erfolg nicht, denn Werder wurde vor der Saison bestenfalls als Durchschnittsteam gehandelt. Ob die gezeigten Leistungen Aufschluss darüber geben, ob Werder in dieser Saison schon wieder gut genug für die Spitzengruppe der Liga ist, steht auf einem anderen Blatt.

Gestärkt aus der Heilungsphase

Letztlich wird diese Frage nicht im ersten Saisondrittel beantwortet. Nach dem labilen Zustand, in dem sich die Mannschaft noch im Sommer befand, sollte man dankbar für das verhältnismäßig leichte Auftaktprogramm sein. Jedes Erfolgserlebnis trägt ein Stück zur Heilung bei – und Werder befindet sich noch in der Heilungsphase. Wenn man dann gestärkt und mit großem Selbstbewusstsein in die schwierigen Spiele gehen kann, ist es umso besser.

Ich habe in den ersten Saisonspielen viele Dinge gesehen, über die ich mich freue: Den Formanstieg bei Hunt, Marin und Arnautovic. Die ansprechenden Leistungen unserer Neuzugänge, das Aufblühen von Fritz im Mittelfeld, die spürbare Erleichterung bei Thomas Schaaf, die Fortschritte bei Naldo. Ein Sieg in Nürnberg wäre ein weiteres Ausrufezeichen. Als Fan ist es schön, nach der schlimmen letzten Saison überhaupt wieder träumen zu können. Für eine ernsthafte Prognose, ob Werder schon wieder reif für die Champions League ist, reicht es jedoch noch nicht.

Interview bei den Clubfans United

Da ich diese Woche leider (mal wieder) nicht zum Bloggen gekommen bin, bin ich froh, wenigstens auf ein Interview zum Spiel 1. FC Nürnberg – Werder Bremen verweisen zu können, das die Clubfans United mit mir geführt haben. Neben der Rückkehr von Andreas Wolf und Mehmet Ekici zu ihrem ehemaligen Verein wird dort auch der Tod des Weser-Bloggers Ronny Schmelzer thematisiert. Hier könnt ihr das Interview nachlesen:

Der Wolf im Schaafspelz

Wenn ich noch etwas Zeit und Lust finde, gibt es morgen noch eine kurze Vorschau aufs Spiel. Ein Live-Blog wird es morgen eher nicht geben.

One for the money, two for the show

Champions League, Gruppe A, 6. Spieltag: Werder Bremen – Inter Mailand 3:0

Sacchis Milan hat es nicht geschafft, Capellos Milan hat es nicht geschafft, Ancelottis Milan hat es nicht geschafft, Maradonas Neapel hat es nicht geschafft, Mancinis Inter hat es nicht geschafft, Mourinhos Inter hat es nicht geschafft und nun hat es auch Benitez Inter nicht geschafft. Werder bleibt im Weserstadion gegen italienische Mannschaften ungeschlagen.

Gegen diesen leblosen Gegner wäre eine Niederlage auch schwer zu verdauen gewesen, selbst wenn es in dem Spiel für Werder rein sportlich um nichts mehr ging. Die 800.000 Euro, die als Siegprämie für den Verein im Raum standen, nehmen die Verantwortlichen sicher gerne mit. Die Spieler werden sich mehr über den netten Aufbaugegner freuen, gegen den sie nach einer halben Stunde zähen Bemühens endlich wieder einmal spielerisch überzeugen konnten. Natürlich darf man nicht den Fehler machen, dieses Spiel für voll zu nehmen, aber wie sagte Allofs nach dem Spiel so schön: Wir können nichts für das, was der Gegner macht.

Inter hatte sichtlich wenig Lust, sich am letzten Gruppenspiel zu beteiligen. In der Liga abgeschlagen und die Club-WM vor der Nase war das Spiel im eisigen Bremen nur ein lästiger Zwischenschritt. Trainer Benitez verzichtete auf viele seiner Stammspieler und schickte eine B-Elf auf den Rasen. Ein Schachzug, der ihn teuer zu stehen kommen könnte, denn Inter-Boss Moratti war not amused über die 0:3-Pleite und hat Benitez umgehend öffentlich Druck gemacht. Dabei hätte man von den auf dem Feld befindlichen Spielern (immerhin Eto’o, Pandev, Cambiasso und Zanetti in der Startaufstellung) schon etwas mehr erwarten können. Nach dem ersten Gegentor unternahm Inter jedoch keinerlei ernsthaften Versuch, wieder zurück ins Spiel zu kommen.

Für Werder war es dagegen ein rundum schönes Spiel. Zum einen hat man sich ordentlich aus der Champions League verabschiedet und zum anderen ein wenig Selbstvertrauen getankt. Wehmut sollte nach diesem Spiel nicht aufkommen. Selbst mit Topleistungen wäre es für Werder schwierig geworden, in dieser Gruppe weiterzukommen und davon war man in den meisten Gruppenspielen doch weit entfernt. Die Leistung gegen Inter war vor allem deshalb möglich, weil der Gegner so schwach war. Genau so eine Partie brauchte Werder, um sich auch spielerisch wieder etwas besser zu finden. In der zweiten Halbzeit klappten viele Dinge schon wieder, die in den letzten Wochen in dieser Form nicht zu beobachten waren.

Ich habe mich lange nicht mehr so über Werders Tore gefreut, wie am Dienstag Abend. Alle drei waren klare Statements, auf die wir lange genug gewartet haben. Das 1:0 durch Prödl per Kopf nach einer Ecke. Endlich ein Tor nach einer Ecke! Endlich trifft Prödl! Wie oft sind wir an diesen beiden Dingen in dieser Saison schon verzweifelt? Das 2:0 durch Arnautovic. Endlich ein Tor von Arnautovic, nach gefühlt 100 vergebenen Großchancen zuvor! Das 3:0 durch Pizarro. Endlich ist Pizza wieder da! Und dann trifft er auch gleich wieder. Das Spiel war auch eine Botschaft an die Fans: Ja, wir haben es dieses Jahr verkackt, aber wir wollen uns wenigstens anständig verabschieden.

Ein 3:0 gegen dieses Inter ist kein Grund abzuheben oder auch nur zu meinen, man habe jetzt was erreicht. Ein 3:0 gegen Inter ist aber immer ein Grund, ein wenig Selbstvertrauen daraus zu ziehen und mit erhobenem Haupt in die nächsten Spiele zu gehen. Die Zyniker werden sich über dieses Ergebnis ärgern, macht es doch den für die Winterpause geforderten radikalen Umbruch ein Stück unwahrscheinlicher. Alle anderen hoffen nun darauf, dass man am Samstag in Dortmund zumindest eine vernünftige Leistung abruft und dem Herbstmeister sein ganzes Können abverlangt.

Darf ich vorstellen: F.C. Internazionale Milano

Werders zweiter Gegner in der Gruppenphase der Champions League ist Inter Mailand. Es ist bereits das dritte Aufeinandertreffen in der Champions League seit 2004. Der Verein dürfte daher den meisten Werderfans ganz gut bekannt sein. Ich habe mich trotzdem an einer Vorstellung versucht:

Der Verein

Der vollständige Name des Vereins ist Football Club Internazionale Milano, doch meistens wird er kurz Inter genannt, wobei in Deutschland der obligatorische Städtename nicht fehlen darf. In diesem Fall ist es sogar richtig. Einigen wir uns also auf Inter Mailand. Gegründet im Jahr 1908 gehört Inter heute zu den erfolgreichsten Fußballvereinen der Welt. Der Spitzname Nerazzurri (die Schwarz-Blauen) ist vermutlich jedem Fußballinteressierten schon einmal unter die Ohren gekommen. Ebenfalls bekannt ist die Rivalität zum Stadtrivalen AC Milan. Weniger bekannt ist hingegen die Entstehung des Vereins, der einer klassischen Abspaltung entstammt (vgl. Judean People’s Front vs. People’s Front of Judea). Unzufriedene Spieler des AC Milan gründeten den Verein Internazionale, weil ihnen die Dominanz italienischer Spieler in ihrem Ex-Verein auf die Nerven ging. Es ist also keineswegs nur dem modernen Fußball zuzuschreiben, dass der Anteil italienischer Spieler bei Inter Mailand gering ist.

Eigentümer des Clubs ist Massimo Moratti. Seit 1995 lenkt der italienische Öl-Tycoon die Geschicke des Vereins und blieb dabei lange hinter den Erwartungen zurück. Trotz irrwitziger Ausgaben für Neuzugänge brauchte es den italienischen Fußballskandal 2006, um Inter zur führenden Kraft des italienischen Fußballs zu machen.

Das 1926 erbaute Stadio Giuseppe Meazza, in dem Inter und Lokalrivale Milan ihre Heimspiele austragen, ist eines der bekanntesten Fußballstadien Europas. Es ist auch unter dem ursprünglichen Namen San Siro bekannt – benannt nach dem Stadtteil in dem es liegt. Für deutsche Mannschaften ist es ein gutes Pflaster: Hier hat Deutschland bei der WM 1990 die Niederlande und die Tschechoslowakei geschlagen und der FC Bayern 2001 die Champions League gewonnen. Auch Werder hatte hier zuletzt Erfolge vorzuweisen: Vor zwei Jahren holte man ein 1:1 Unentschieden gegen Inter und im Februar 2009 setzte sich Werder im UEFA-Cup gegen den AC Milan durch. Das Stadion ist mit einer Kapazität von 80.000 Plätzen das größte Italiens, wird am Mittwoch aber nicht annähernd ausverkauft sein.

Historie

Bereits zwei Jahre nach der Gründung gewann Inter zum ersten Mal den Scudetto. Die große Zeit des Vereins begann jedoch erst Mitte der 50er Jahre. Die Meisterschaften 1953 und 1954 waren der Beginn einer Ära, in der das Team unter dem Namen La Grande Inter bekannt wurde. Unter Trainer Helenio Herrera entwickelte die Mannschaft eine Taktik, die bis heute wie keine andere für den italienischen Fußball steht: Catenaccio. Während der Begriff heute etwas verächtlich für jegliche Defensivtaktik verwendet wird, beschrieb er ursprünglich ein konkretes Spielsystem, das von österreichischen Trainer Karl Rappan erfunden wurde: Eine Formation bestehend aus vier Manndeckern, vor denen ein Dreiermittelfeld für weitere Stabilität sorgte. Herrera erweiterte die Abwehr noch um einen zusätzlichen Spieler: Einen Libero, der hinter den Manndeckern die Löcher stopfte. Kurz gefasst war es eine Variation des damals nicht unüblichen 5-3-2 Systems (auch als Verrou bekannt). Mit dieser defensiven Taktik brachte Inter die Gegner erst in Italien und bald auch in ganz Europa zur Verzweiflung. Die Phase gipfelte in den beiden Siegen im Europapokal der Landesmeister 1964 und 1965.

Die zweite Hochphase des Vereins kam mit deutscher Beteiligung zustande: Mit Spielern wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann sowie Trainer Giovanni Trapattoni gewann Inter 1989 die Meisterschaft und 1991 den UEFA-Cup. Danach folgte eine Phase der relativen Erfolgslosigkeit, die international jedoch durch zwei weitere UEFA-Cup-Siege versüßt wurde. Hierzu ist allerdings anzumerken, dass die italienischen Mannschaften den Wettbewerb in den 90er Jahren absolut dominierten (8 von 11 Titeln gingen zwischen 1989 und 1999 an Teams aus der Serie A). In der heimischen Liga musste sich Inter hingegen hinter Juventus und Milan als dritte Kraft einreihen und gewann erst im Jahre 2006 wieder die Meisterschaft. Dabei profitierte man von der Aufdeckung des Calciopoli-Skandals und dem folgenden Zwangsabstieg von Juventus sowie dem Punktabzug beim AC Milan. Inter hatte das Glück, dass eine Beteiligung am Skandal nicht nachgewiesen werden konnte und bekam nachträglich den Titel zugesprochen, obwohl man eigentlich mit 15 Punkten Rückstand nur Dritter geworden war. Im folgenden Jahr konnte man die Abwesenheit von Juve (Zwangsabstieg in Serie B) und Milan (8 Punkte abgezogen) nutzen, um sich an der Spitze festzusetzen.

Es folgte die national erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte mit inzwischen fünf Scudettos in Folge. Trotz des nationalen Erfolges war man in der Chefetage jedoch nicht ganz zufrieden. Es fehlte der internationale Erfolg. In der Champions League schied das Team in den vergangenen Jahren meistens früh aus. Ein Trainerwechsel sollte Abhilfe schaffen. Erfolgstrainer Roberto Mancini wurde durch den Portugiesen José Mourinho ersetzt, mit dem Auftrag die Königsklasse zu gewinnen. In seiner ersten Saison bei Inter verteidigte Mourinho zwar die italienische Meisterschaft, scheiterte jedoch im Achtelfinale der Champions League. Im zweiten Jahr wurde es dann besser: 2010 holte das Team das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Kurz nach dem 2:0-Finalsieg gegen die Bayern gab Mourinho seinen Abschied bekannt. Er wird in dieser Saison ersetzt durch Ex-Liverpool- und Valencia-Coach Rafael Benitez.

Mit 18 Meisterschaften ist Inter hinter Juventus der Vize-Rekordmeister. Hinzu kommen sechs Pokalsiege, 3 UEFA-Cup-Siege und 3 Siege in der Champions League (bzw. des Europapokals der Landesmeister). Zudem ist Inter der einzige Club, der seit bestehen der Serie A ausnahmslos mit dabei ist.

Die Mannschaft

Die größte Veränderung fand zweifellos auf der Trainerbank statt. Mourinho hat sein Team aus hochtalentierten Einzelkönnern zu einer taktisch disziplinierten und schwer zu schlagenden Einheit geformt. Benitez kann auf fast den gesamten Kader der letzten Saison zurückgreifen. Die Problemfälle Balotelli und Arnautovic wurden abgegeben, ebenso Ricardo Quaresma – ansonsten blieb das Team beisammen. Namhafte Neuzugänge sucht man ebenso vergeblich. Inter war für die eigenen Verhältnisse extrem zurückhaltend auf dem Transfermarkt. Der Grund dafür ist jedoch weniger Bescheidenheit als die vielen wichtigen Verpflichtungen der letzten Transferperiode (namentlich Eto’o, Sneijder, Milito, Pandev und Lucio).

Tor

Die Nummer Eins bei Inter ist ein ganz großer des internationalen Fußballs. Julio Cesar ist brasilianischer Nationaltorwart und gilt als einer der besten Torhüter der Welt. Er bildet den sicheren Rückhalt hinter einer ohnehin sehr sicheren Abwehr. Als Ersatzmann wurde Luca Castellazzi, langjährige Nummer Eins bei Werders Quali-Gegner Sampdoria, verpflichtet. Mit 35 Jahren liegt er knapp über Inters gefühltem Durchschnittsalter.

Abwehr

Spätestens nach dem Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona in der Champions League hat Inters Defensive Legendenstatus erreicht. Die Mannschaft arbeitet enorm gut gegen den Ball und kann damit selbst die beste Offensive der Welt zermürben. Kernstück dieser Defensive ist eine Viererkette mit einer Menge Qualität und Erfahrung.

Die A-Besetzung der Innenverteidigung besteht aus den beiden 32-Jährigen Lucio und Walter Samuel. Ersterer ist aus Bundesligazeiten bestens bekannt. Letzterer ist ein Verteidiger alter Schule, der keine Gefangenen macht. Fehlende Größe macht der Argentinier mit extremer Robustheit weg. Die beiden ergänzten sich letzte Saison hervorragend und geben in dieser Form eines der besten Innenverteidigerpärchen im Weltfußball ab. Hinter den Beiden stehen die noch erfahreneren Ivan Cordoba (33) und Marco Materazzi (36) als Ersatzkräfte zur Verfügung. Cordoba ist nur unwesentlich größer als Marko Marin, jedoch eine sprungkräftige Urgewalt und daher fast so kopfballstark wie Sebastian Prödl. Dazu ist er auch vielseitig wie Petri Pasanen und kann im Notfall auf beiden Außenverteidigerpositionen aushelfen. Materazzi ist vor allem durch sein Tête-à-tête mit Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 in Erinnerung geblieben. Er ist ein beinharter Spieler, der nicht selten den Bogen überspannt, aber dazu ist er eben auch ein richtig guter Verteidiger, der in den letzten beiden Jahren Platz gemacht hat für den “Nachwuchs”.

Physis ist in Inters Viererkette Trumph, das gilt auch für die Außenverteidiger. Kapitän Javier Zanetti darf man mit Fug und Recht als einen der vielseitigsten Fußballer unserer Zeit bezeichnen (übertroffen nur vom einzigartigen Paul Stalteri). Er kann auf beiden Außenbahnen spielen, ist dabei defensiv wie offensiv zu gebrauchen und gibt darüber hinaus auch einen hervorragenden defensiven Mittelfeldspieler ab (wie die Bayern im Champions League Finale erfahren durften). Sein Alter merkt man dem 37-Jährigen kaum an, dafür kann der argentinische Rekordnationalspieler auf die Erfahrung aus 15 Jahren bei Inter und 137 Länderspielen zurückgreifen. Sein 700. Spiel für die Nerazzurri wurde mit dem Gewinn der Champions League gekrönt. Cristian Chivu ist die zweite Option auf der linken Seite der Viererkette. Letzte Saison wurde er meistens dort eingesetzt. Zuvor spielte er auch häufig in der Innenverteidigung. Der Rumäne geht neben den vielen bekannten Namen fast ein wenig unter, dabei ist er Kapitän der Nationalmannschaft und hat bei Ajax, Roma und nun Inter viele Jahre auf höchstem Niveau gespielt. Auf der rechten Seite ist Inters Viererkette noch besser besetzt: Der Brasilianer Maicon gilt zu recht als bester Rechtsverteidiger der Welt und lässt in seinem Spiel wenig Raum für Verbesserungen. Defensiv zuverlässig, zweikampf- wie laufstark, unbändige Energie, sicheres Kombinationsspiel, gute Flanken, unberechenbare Dribblings und dazu noch Torgefahr (beim letzten Aufeinandertreffen mit Werder schoss er das 1:0 im Hinspiel). Er ist der Prototyp des modernen Außenverteidigers und dazu mit gerade mal 29 Jahren der Jungspund in Inters Abwehr.

Mittelfeld

Der Abräumer vor Inters Abwehr heißt Esteban Cambiasso. Der Argentinier – von Diego Maradona unverständlicherweise nicht für den WM-Kader nominiert – ist ein ungemein intelligenter Spieler, der mit seinem überragenden Stellungsspiel Löcher stopft und für die Balleroberung sorgt. Er ist jedoch nicht auf diese Aufgaben beschränkt sondern hat auch offensiv seine Qualitäten. Sein Passspiel ist selten spektakulär, doch für Inters Spiel äußerst wichtig. Er ist der Taktgeber und Motor des Mittelfelds. Für den Platz neben ihm kommen gleich vier Spieler in Frage. Zum einen der oben genannte Zanetti, wenn dieser nicht hinten links benötigt wird. Die zweite Option ist der Serbe Dejan Stankovic. Dies stellt eine etwas offensivere Variante dar. Der Serbe hat seine Qualitäten eher in der Spielgestaltung, doch er gibt auch einen passablen defensiven Mittelfeldspieler ab. Als dritte Option steht der Brasilianer Thiago Motta zur Verfügung, der vor einem Jahr gemeinsam mit Diego Milito aus Genua (nicht Sampdoria) zu Inter kam. Option Nummer 4 ist Sulley Muntari, ein Lauf und kampfstarker Ghanaer, der auch auf der linken Außenbahn eingesetzt werden kann. Mourinho wechselte die Saison über immer wieder zwischen diesen Varianten, abhängig von Gegner und der jeweiligen Form.

Der wichtigste Neuzugang im Mittelfeld war im Sommer 2009 Wesley Sneijder. Der von Real Madrid ausgemusterte Niederländer schlug in seiner ersten Saison in Mailand gleich voll ein und gab der Mannschaft das gewisse Etwas in der Offensive. Sneijder gibt den offensiven Part vor Cambiasso und seinem Nebenmann. Er ist kein Spielmacher im klassischen Sinne, doch vereint viele Eigenschaften, die ihn für den Gegner gefährlich machen. Neben einer guten Übersicht und starker Technik hat er das Auge für den entscheidenden Pass sowie eine gewisse Torgefährlichkeit (wenngleich er für Inter letzte Saison weit weniger torgefährlich war als für Holland bei der WM). Zu seinen größten Stärken gehört die Fähigkeit, aus dem Nichts spielentscheidende Situationen zu kreieren. Sneijder taucht ab und zu unter, um dann plötzlich und unerwartet zuzuschlagen. Mit Werder hat er Anfang 2007 schon Erfahrungen gemacht, als er Ajax fast zu einer unglaublichen Aufholjagd geführt hätte. Als Werderfan erinnert man sich lieber an das Hinspiel.

Angriff

Es wäre völlig falsch, Inter auf eine gute Defensive zu reduzieren. In der K.O.-Phase der Champions League spielte Inter sehr defensiv und destruktiv, doch konnte bei den wenigen Angriffen immer große Torgefahr versprühen. In der heimischen Liga spielt Inter deutlich offensiver, vor allem gegen die kleineren Teams. Die Mannschaft kann sehr wohl Fußball spielen und ist weit davon entfernt Catenaccio zu fabrizieren. In Diego Milito hat Inter einen echten Goalgetter fürs Sturmzentrum gefunden. Der inzwischen 31-Jährige hat im vergangenen Jahr endlich den Sprung zu einem Topteam gewagt, nachdem er zuvor in Zaragoza und Genua seine Torgefährlichkeit unter Beweis gestellt hatte. Als Spätstarter kämpfte er sich über die Serie B und die Niederungen der Primera Division zu Inter, wo er nicht nur den Weggang von Zlatan Ibrahimovic auffing, sondern auch das Champions League Finale, das Pokalfinale sowie das letztlich entscheidende Ligaspiel mit seinen Toren entschied. Seinen Legendenstatus hat er damit sicher. Bei ihm weiß man oft nicht so genau, warum er so torgefährlich ist, denn er wirkt häufig schlecht ins Spiel eingebunden. Vor dem gegnerischen Kasten ist er jedoch eiskalt und nutzt die sich ihm bietenden Chancen auf beeindruckende Weise. Für das Heimspiel gegen Werder ist sein Einsatz wegen muskulärer Probleme fraglich.

In der Spitze gibt Milito seit der letzten Rückrunde meistens den Alleinunterhalter – obwohl zeitgleich mit Samuel Eto’o einer der besten Mittelstürmer der Welt verpflichtet wurde. Mourinho hatte mit dem Kameruner andere Pläne und schulte ihn im Schnelldurchlauf zu einem defensiv ausgerichteten Rechtsaußen um. Eto’o, der in den vergangenen fünf Jahren dreimal die Champions League gewann und für Barcelona in 145 Spielen 108 Tore schoss, zahlte es seinem Coach mit Topleistungen auf der Außenbahn zurück. Dabei büßte er etwas an Torgefährlichkeit ein. In seinem Fall bedeutet das: 17 Tore in 36 Spielen. Auf der anderen Seite setzte Mourinho ab der Rückrunde auf Goran Pandev, der in der Winterpause von Lazio verpflichtet wurde. Pandevs Rolle in Inters System wird gerne übersehen, da er für einen Stürmer sehr wenige Tore schießt. Doch seine unermüdliche Arbeit auf dem linken Flügel erwies sich defensiv wie offensiv als wertvoll. Unter Benitez haben die beiden bislang die Seiten getauscht und werden wohl auch gegen Werder so auflaufen.

Die Taktik

Inters System ist auch nach Mourinhos Abgang weiterhin geprägt von der Arbeit des Portugiesen. Sein Nachfolger Rafael Benitez hat das Erfolgssystem der Rückrunde erstmal übernommen. Das Offensivquartett aus Sneijder, Eto’o, Pandev und Milito stellt sich dabei fast von selbst auf. In der Regel spielt Inter ein 4-2-3-1 System, das formell wie ein 4-3-3 aussieht. Mit drei echten Stürmen auf dem Platz könnte man eine offensive Ausrichtung erwarten. Die Außenstürmer agieren jedoch wie Mittelfeldspieler, übernehmen viele Defensivaufgaben und sollen vor allem die Vorstöße der gegnerischen Außenverteidiger stoppen. Im Gegensatz dazu genießt der offensive Mittelfeldspieler eine Menge Freiheiten und muss weniger für die Defensive arbeiten. Das Ziel ist es, ihn bei Ballbesitz schnell auf Höhe der Mittellinie anzuspielen und dann den entscheidenden Pass auf Milito oder die nachrückenden Außenstürmer zu suchen. Dies macht Inter zu einer hervorragenden Kontermannschaft.

Vor allem in der Hinrunde (vor der Verpflichtung von Pandev) spielte Inter auch häufig ein 4-3-1-2, in Bremen besser bekannt als 4-4-2 mit Raute. Dabei erhält Milito im Sturmzentrum Unterstützung von Eto’o. In Stankovic, Motta und Muntari hat Inter genügend Spieler im Kader, die gut für die Halbpositionen der Raute geeignet sind. Inter interpretiert die Raute jedoch nicht so beweglich wie Werder, legt den Fokus weiterhin auf Raumkontrolle und die Absicherung vor der Abwehr. Dennoch ist die Ausrichtung mit dieser Formation meist offensiver. Unter Benitez dürfte dieses System allerdings nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen.

Die Ausfälle von Naldo, Fritz, Frings und Pizarro sprechen dafür, Inter im eigenen Stadion zunächst das Spiel machen zu lassen. Das Ziel sollte es sein, Inters Viererkette so weit wie möglich nach vorne zu locken und dann über schnelle Konter und Vertikalpässe zu überwinden. Inter wird kaum mit einem Sturmlauf beginnen, so dass man sie ruhig etwas kommen lassen darf, wenn man die Konzentration aufrecht erhält. Sobald Inter die Sicherheitsstufen erhöht, wird es für Werder sehr schwierig werden sich Torchancen zu erspielen. Deshalb wäre ein frühes Gegentor, für das Werder wie wir alle wissen immer gut ist, in diesem Spiel besonders schlimm. So offensiv aufgestellt wie gegen den HSV sollte man auf keinen Fall beginnen. Bislang hat Schaaf in dieser Saison auswärts auf einen zweiten Stürmer verzichtet und wird dies beim Champions League Sieger sicher nicht ändern. Ich gehe von einem 4-2-3-1 aus, um Inters System möglichst gut zu neutralisieren. Spannender ist da schon die Frage nach dem Personal. Wesley muss nach Fritz Verletzung wohl wieder auf der rechen Seite ran, so dass im Mittelfeld ein Platz vakant ist. Neben Bargfrede könnte daher Borowski zurück in die Startelf rücken, vielleicht auch Daniel Jensen. Vorne rechts hofft Arnautovic auf einen Einsatz gegen sein Ex-Team, doch er scheint bei Schaaf momentan einen schweren Stand zu haben. Viele Alternativen gibt es auf der Position jedoch nicht.

Der Ausblick

Inters stärkste Elf besteht fast ausnahmslos aus Weltklassespielern und verfügt über immense Erfahrung. Hinter der Stammformation sieht man jedoch schon ein gewisses Leistungsgefälle. Bis zur Nummer 15 oder 16 sieht es noch sehr gut aus, doch danach kommen einige Namenlose und alte Recken, die nicht mehr erste Wahl sind (Cordoba, Materazzi). Inter hat es bislang verpasst, talentierte Nachwuchsleute wie Balottelli und Arnautovic ins Team zu integrieren und könnte in absehbarer Zeit ein Problem mit einer überalterten Mannschaft bekommen. Momentan muss man jedoch anerkennen, dass Inter ein hervorragendes Team hat, das mit zum Besten im Vereinsfußball zählt. Der Saisonstart ist geglückt: Inter ist Tabellenführer, auch wenn es am Wochenende die erste Niederlage gab. Beim AS Rom verlor Inter durch ein Last-Minute-Tor mit 0:1, wobei sich beide Teams über 90 Minuten neutralisierten.

Inter hat noch nicht wieder die Form der letzten Rückrunde erreicht und ist aktuell sicher nicht unschlagbar. Dennoch geht Werder als klarer Außenseiter in die Spiele gegen den Champions League Sieger. Besonders im Auswärtsspiel wird es für Werder mit den aktuellen Personalsorgen sehr schwer. Ein Unentschieden in San Siro wäre schon ein Achtungserfolg. Die (erfolgreichen) Spiele gegen Inter vor zwei Jahren sollte man nicht überbewerten, denn seitdem hat Inter die halbe Mannschaft (darunter die komplette Offensivabteilung) ausgetauscht. Am letzten Spieltag der Gruppenphase geht es zuhause gegen Inter hoffentlich noch ums Weiterkommen, deshalb hoffe ich auf ein überragendes Spiel von Werder und einen knappen Heimsieg.

So erwarte ich Inter:

Meine Tipps: Auswärtsspiel 1:1, Heimspiel 1:0.

Asymmetrie vs. Stabilität

Bundesliga, 6. Spieltag: Werder Bremen – Hamburger SV 3:2

Auf Struktur und Sicherheit hatte ich vor dem Spiel gehofft. Eine statischere Formation zugunsten mehr Stabilität. Bekommen haben wir von Thomas Schaaf das exakte Gegenteil. Ein etwas krummes 4-4-2, das irgendwo zwischen flacher Vier und Raute im Mittelfeld schwankte, gegen das Hamburger 4-2-3-1. Zum Glück hatte HSV-Trainer Armin Veh ein unglückliches Händchen bei der Zusammenstellung seiner Startelf. Das Offensivtrio Choupo-Moting – Elia – Jansen hat überhaupt nicht funktioniert und somit alle Stärken des Systems negiert. In der ersten Halbzeit war der HSV eigentlich nur dann gefährlich, wenn sich Linksverteidiger Ze Roberto mit ins Mittelfeld einschaltete.

Bei Werder kam eine wichtige Konstante zurück ins Spiel, nämlich ein starker Torsten Frings als Abräumer vor der Abwehr. Vielleicht brauchte es ein solches Spiel, um eine Topleistung aus ihm herauszuholen. Sehr wichtig, dass er bei der beweglichen, aber eben auch instabilen Mittelfeldformation den Abstand zur Viererkette gering hielt und sich auf seine eigentliche Rolle beschränkte. Wesley gab einen verkappten Nebenmann für Frings, der aber eigentlich überall anzutreffen war und die rechte Mittelfeldseite dabei gelegentlich vernachlässigte (was Ze Roberto gut ausnutzte). Marin wurde von Schaaf endlich nicht mehr mit der Spielgestaltung in der Mitte beauftrag, sondern konnte sein Spiel über den Flügel aufziehen, während Hunt das Zentrum übernahm. Ich konnte das gesamte Spiel über kein “klassisches” System dabei erkennen. Ich würde die Formation in etwa so darstellen:

Flaches 4-4-2 oder Raute? Nur Frings hat eine feste Position: Wesley pendelt zwischen der rechten Seite und der zweiten Sechserposition, Marin gibt einen linken Flügelspieler, Hunt ist als Spielmacher nur selten wirklich im Zentrum.

Schlüssel zum Erfolg dieses Systems war (neben Vehs Aufstellungsfehlern) die unglaubliche Laufstärke von Wesley. In der zweiten Hälfte half ihm dies auf der Rechtsverteidigerposition, wo er vor allem im Spiel nach vorne einen starken Eindruck hinterließ. Defensiv wurde er wenig geprüft, da der HSV zunehmend die linke Bremer Seite als Schwachstelle ausmachte. Der eingewechselte Pitroipa konnte sich dort einige Male gefährlich durchsetzen und wenn van Nistelrooy etwas kaltschnäuziger gewesen wäre, hätte Werder vermutlich nicht alle drei Punkte aus dem Spiel mitgenommen.

Auch wenn die Hamburger mich insgesamt enttäuschten, sollte man nach den schwachen letzten Spielen die positiven Aspekte in Werders Spiel hervorheben. Die Rückkehr von Pizarro war immens wichtig. Auch wenn er noch nicht wieder vollständig fit ist, reicht allein seine Präsenz, um seine Mitspieler aufzuwerten. Auch Mertesacker konnte bei seiner Rückkehr überzeugen und sorgte für eine Verbesserung in der Spieleröffnung. Endlich wieder vertikales Spiel hinten heraus, statt jeden Ball auf die Außenverteidiger abzuladen! Die starke kämpferische Leistung der Mannschaft war wohl vor allem dem Nordderby geschuldet, doch sie macht Mut für das Auswärtsspiel bei Inter Mailand.

Der erste Schritt aus der Krise ist getan. Das Wie ist dabei weniger wichtig. Gestern zumindest zogen alle an einem Strang und das allein ist schon viel wert. Mich würde allerdings interessieren, ob die asymmetrische Formation den Vorgaben von Schaaf entsprach, oder ob sie ein Zufallsprodukt der eigenwilligen Raumaufteilung von Marin und Wesley war. Die nächsten Spiele werden darüber Aufschluss geben.

Werder Bremen – Hamburger SV (live)

3 Fragen zum Hamburger SV

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 5. Spieltag hat mir HSV-Fan Florian alias nedfuller drei Fragen zu seinem Verein und dem Nordderby beantwortet:

Ende letzten Jahres haben wir vor dem Nordderby gesprochen und als ich dich nach deinem Tipp gefragt habe, hast du gesagt: “Bei dem Spiel geht es um nichts, also haben wir eine ganz gute Chance.” Du hast auf ein 2:1 getippt, das dann auch eingetreten ist. Unter diesem Aspekt sieht es auch am Samstag ganz gut für euch aus, oder?

Klar, ich bin der Tippkönig und habe immer recht ;-)

Bei meinen Tipps muß man wissen: Ich tippe nie gegen den HSV. Das kann ich nicht. Man stelle sich vor, wir verlieren und mein Tipp ist dann richtig. Dann wäre ich ja quasi Schuld daran. Nein, das kann ich nicht.

Am Samstag geht es wieder um was, es muß nämlich nach drei sieglosen Spielen unbedingt ein Dreier her. Also bin ich schon wieder etwas skeptisch, weil wenn wir gegen euch was reißen mußten, hat es selten geklappt. Andererseits ist bei euch auch nicht alles ok, man könnte gar sagen, ihr seid verunsichert. Das ist eine Chance, die wir nutzen können. Eure Abwehr ist nicht sattelfest und wenn unsere Offensive so spielt wie am Mittwoch, könnten wir euch überrennen. Mir macht es auch keine Angst, daß Per Mertesacker wieder zurück ist, den halte ich ja schon lange für einen schlechten Innenverteidiger (habe diese Meinung aber wohl exklusiv), also kann es uns nur helfen.

Ich weiß bislang weder bei uns noch bei euch wie ich die Mannschaften einschätzen soll. Das heißt bei uns kristallisiert sich langsam etwas heraus, das ich noch nicht so ganz wahrhaben will. Aber bei euch hatte ich eigentlich den Eindruck, dass ihr sehr gut in die Saison gekommen seid. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Wie siehst du eure bisherigen Leistungen?

Schon gegen Frankfurt und Schalke war ich skeptisch, was unser Spielsystem angeht. In diesen beiden Spielen hat es funktioniert, weil auch der Gegner nicht gerade stark war. In den nächsten drei Spielen hat man dann gesehen, woran unser System krankt: Wir haben keinen Spieler für die mittlere Position im Mittelfeld. Gegen Schalke fand ich allerdings gut, daß wir endlich mal wieder einen Rückstand aufgeholt haben. Das gab es in der letzten Saison sehr selten.

Unsere bisherige Leistung ärgert mich sehr, weil wir gegen die Kleinen (ja Herr Völler, ich meine es gibt sie immer noch!) nur 2 Punkte gemacht haben. Gegen Wolfsburg kann man verlieren, aber zu Hause gegen Nürnberg muß man aus 75% Ballbesitz einfach mehr Tore machen! Gegen den Stadtteilverein aus Hamburg haben wir nicht mal richtig Fußball gespielt! Da haben wir unnötig Punkte liegen lassen.

Der Start ist gut gewesen, meine Skepsis gegenüber Taktik und Trainer waren aber nie weg und haben sich dann in den nächsten drei Spielen verstärkt.

Ansonsten same procedure as every year? Neuer Trainer, gute Saison und am Ende wird doch wieder alles verspielt und der Trainer entlassen? Oder wird dieses Mal alles anders? Immerhin könnt ihr euch dieses Mal voll auf die Bundesliga konzentrieren. Was erwartest du vom HSV in dieser Saison?

Ich erwarte einen Platz unter den ersten 5. Das muß unser Ziel sein, bei der Qualität im Kader!

Das Problem mit einer Trainerentlassung wäre, daß ich glaube das Schicksal von Bernd Hoffmann wäre dann besiegelt. Was soll er sonst noch tun, den Neuanfänger Reinhardt entlassen? Das klingt dramatisch, aber so sehe ich das. Die Öffentlichkeit und auch der Aufsichtsrat wird ein nochmaliges Scheitern eines Trainers nicht ohne generelle Konsequenzen hinnehmen. Die Stimmung kocht seit der Posse um den Sportchef und die unglückliche Kommunikationsstrategie rund um das Investorenmodell mit Herrn Kühne. Ein Scheitern von Armin Veh würde vor allem dem Vorstand angelastet werden.

Ein wenig beruhigt bin ich, daß mit Michael Oenning ein Ersatz ja quasi schon Gewehr bei Fuß steht ;-) Der könnte dann ja…

Ach was, ich male zu schwarz: Wir rocken die Rückrunde und holen uns den zweiten Platz! Armin Veh verlängert für 15 Jahre und wird nach Ernst Happel der erfolgreichste Trainer beim HSV!

Und der Seitenhieb mit dem “Auf die Bundesliga konzentrieren” stecke ich mal weg, leider kann ich bei euch ja nicht das gleiche sagen…

Dein Tipp?

2:1 für den HSV. Was soll ich sonst tippen *G*

Wie ich morgen spielen würde

Ich will ja nicht nur meckern. Die letzten Spiele waren fürchterlich, aber es muss ja weitergehen. Nordderby also. Heimspiel gegen den HSV. So würde ich die Mannschaft spielen lassen:

Formation

Wir spielen gegen eine Mannschaft, die ein 4-2-3-1 spielt, ohne bislang die mittlere Position der offensiven Dreierreihe überzeugend zu besetzen. Dennoch stellt diese Position eine potentielle Gefahr dar. Eine Raute funktioniert gegen solch ein System nur, wenn sich das Mittelfeld geschlossen verschiebt und aufeinander eingestellt ist. Ist im Moment nicht gegeben. Also spielen wir ebenfalls ein 4-2-3-1, nehmen eine vergleichsweise statischere Ausrichtung der Mannschaft in Kauf, um im Gegenzug mehr Stabilität ins Spiel zu bekommen.

Aufstellung

Der Torwart steht fest und in der Abwehr gibt es mangels Alternativen auch nur eine mögliche Aufstellung. Davor spielen trotz zuletzt schwacher Leistungen Frings und Bargfrede. Bei Wesley hätte ich in einem vermutlich körperbetonten Spiel noch Bedenken auf dieser Position. Borowski wäre eine Alternative, aber er ist auf dieser Position ebenfalls nicht wirklich zuhause und würde außerdem nach spätestens fünf Minuten das eigene Publikum gegen sich aufbringen. Jensen war so lange von der Stammelf weg, dass ich mir von ihm momentan nicht viel erhoffe. Schaaf hat offenbar große Vorbehalte gegen ihn und ich glaube nicht, dass die im menschlichen Bereich liegen. Drängt sich wohl im Training nicht wirklich auf. Also die zwei Platzhirsche der letzten Saison spielen lassen, auf dass sie sich fangen und zu alter Stärke finden. Beide mit der Anweisung, sich für das Aufbauspiel als Anspielstationen für die Innenverteidiger freizulaufen, sich ansonsten aber voll auf die Arbeit gegen den Ball zu konzentrieren und auch bei Ballbesitz Werder den Kontakt zur Viererkette beizubehalten (I’m looking at you, Lutscher!). Letztere stand in den letzten Spielen schon recht tief und sollte dies auch gegen den HSV tun.

Die offensive Dreierreihe besteht bei mir aus Marin, Hunt und Arnautovic. Marin und Arnautovic halten dabei ganz Werder untypisch ihre Positionen auf der linken, bzw. rechten Seite und versuchen mit Ball am Fuß in Richtung Strafraum zu ziehen. Rotiert wird erst – und ausschließlich dann! – wenn das Kombinationsspiel funktioniert und Werder ein Übergewicht hat. Aaron Hunt hat in der Mitte hingegen wesentlich mehr Freiheiten, darf auf die Außen ausweichen und sein gutes Spiel ohne Ball ausnutzen. Die einzige Spitze Pizarro muss daher wie gewohnt variabel agieren und sich gelegentlich ins Mittelfeld fallen lassen, um a) dafür zu sorgen, dass das Zentrum besetzt ist und b) Verteidiger aus der Kette zu locken und so Platz für die anderen Drei zu schaffen.

Taktik

Ich würde mit einer defensiven Grundausrichtung beginnen. Die Abwehr und die beiden defensiven Mittelfeldspieler sollen sich in erster Linie auf die Defensive konzentrieren. Marin und Arnautovic müssen keine defensiv keine Wunderdinge vollbringen, aber ihre Position auf den Flügeln halten und bei Ballverlusten auf Vorstöße der Hamburger Außenverteidiger achten. Hunt hat ein wenig Narrenfreiheit. Pizarro arbeitet sowieso immer gut mit nach hinten. Das Spiel gegen den Ball würde ich wie im Spiel gegen die Bayern variieren. Mal intensiv Pressing spielen, dann wieder weit zurückziehen. Bei einer Führung würde ich diese Taktik so beibehalten und irgendwann Wesley für einen der drei offensiven bringen. Bei Unentschieden das Risiko nur dann erhöhen, wenn man den Gegner wider erwarten im Griff haben sollte. Bei einem Rückstand würde ich in den letzten 30 Minuten auf Raute umstellen, d.h. entweder Marin oder Arnautovic raus, dafür Wesley oder Borowski rein. Nach einiger Zeit dann Almeida bringen (Pizarro wird kaum durchspielen können) und in den letzten 10 Minuten dann auch Wagner für Bargfrede und es mit hohen Bällen in den Strafraum versuchen.

So sieht es dann aus:

Weder meine Taktik noch meine Aufstellung sind sonderlich ausgefallen oder gar innovativ. Sollen sie auch gar nicht. Momentan geht es in erster Linie um Stabilität und nicht darum, den HSV aus dem Stadion zu schießen (auch wenn ich natürlich nichts dagegen hätte). Eine Siegesgarantie ist das natürlich noch lange nicht und sicher auch nicht die einzige richtige Lösung (sofern es überhaupt eine richtige Lösung ist). Thomas Schaaf wird schon wissen, wie er das Team einstellen muss. Zumindest hoffe ich das nach den letzten beiden Spielen sehr. Damit beenden wir dann auch den Klugscheißermodus, denn mit dem Trainer tauschen möchte ich in diesen Tagen nun wirklich nicht.