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25. Spieltag: Unentschieden mit Fragezeichen

Werder Bremen – VfB Stuttgart 1:1 (0:0)

Mit einem glücklichen Punkt gegen Stuttgart setzt Werder die positive Serie im Abstiegskampf fort und hält sich einen weiteren Konkurrenten vom Leib. Stuttgart dominierte die zweite Halbzeit, aber Werder hatte mit Hunts Freistoß die passende Antwort parat.

Mittelfeldvermeidung

Robin Dutt ließ sein Team im Vergleich zum Auswärtssieg in Nürnberg unverändert und vertraute erneut auf eine Mittelfeldraute. Huub Stevens stellte sein Team wie erwartet etwas defensiver auf als zuletzt und ließ sein Team recht tief verteidigen. Wer den VfB unter dem neuen, für Defensivkünste bekannten Trainer jedoch mit einer abwartenden Herangehensweise in der Anfangsphase erwartet hatte, wurde überrascht. Stuttgart übernahm wenn möglich selbst das Kommando und versuchte den ebenfalls tief stehenden Gegner über lange Pässe auf die Flügel unter Druck zu setzen. Werder blieb nicht ganz so passiv wie in den letzten Spielen und wurde durch Stuttgarts weitgehenden Verzicht auf Angriffspressing zu einem langsamen Spielaufbau gezwungen. Wie gehabt resultierte dies in Querpässen und langen Bällen, die meistens auf die Flügel gespielt wurden, um Kopfballduellen mit Niedermeier und Rüdiger zu entgehen. Auch Stuttgart war darauf bedacht, das Mittelfeld schnell zu um- bzw. überspielen, um die eigenen Schwächen im Spielaufbau nicht zum Tragen kommen zu lassen.

Insgesamt spielten beide Mannschaften viel über die Flügel (auf beiden Seiten kamen nur je 19% aller Angriffe durchs Zentrum) und tendierten dabei jeweils zu ihrer linken Angriffsseite. Dadurch, dass Werder öfter und weiter aufrückte als zuletzt, ergaben sich oft Räume zwischen Mittelfeld und Abwehrkette, in denen besonders Traoré häufig anspielbar war. Auch deshalb hatte Werders Raute in diesem Spiel früher Probleme mit dem breit angelegten Stuttgarter Spiel. Bargfrede musste in der Defensive häufig auf die Außenbahn hinausschieben (vor allem nach rechts). Da Obraniak erneut etwas höher und flügellastiger agierte, als Junuzovic auf der anderen Seite, taten sich Lücken im Zentrum auf, die der VfB jedoch nur unzureichend nutzte.

Dutt wartet, Niedermeier trifft

Zur Pause hatte ich fest mit einer Umstellung bei Werder gerechnet, doch Dutt behielt die Raute zunächst bei, was vielleicht auch an der relativen Ungefährlichkeit der Stuttgarter beim Abschluss lag. Trotz Elfmeters hatte der VfB bis zur Pause keinen einzigen Schuss aufs Tor. Nach dem Wechsel war Stuttgart jedoch präsenter und bespielte noch gezielter die Lücken in Werders Formation. Es ist erstaunlich wie ballsicher die Gäste dabei phasenweise agierten, während sie ansonsten doch massive Probleme im Passspiel offenbarten. Werder gelang es in dieser Phase nicht mehr, den Stuttgarter Druck vom Strafraum fernzuhalten. Das Führungstor fiel dennoch nach einer Standardsituation, als sich Prödl bei einer Flanke verschätzte und Niedermeier so frei vor Wolf an den Ball kam. Gibt es in der Situation eine Möglichkeit für den Torwart den Ball zu antizipieren und wegzufausten?

Dutt reagierte auf den Rückstand mit der Einwechslung Kobylanskis für den erneut schwachen Petersen. Es blieb zunächst bei der Raute, doch schon nach kurzer Zeit wechselte Kobylanski auf die rechte Außenbahn und Werder verteidigte fortan im flachen 4-4-2. Mit der Einwechslung von Elia für den ebenfalls schwachen Obraniak sollte der Druck über die Außenbahnen erhöht werden. Zwischen der 60. und 75. Minute hätte Stuttgart das Spiel entscheiden müssen, vergab aber die beste Chance durch Sakai. Für Werder ergaben sich auf der anderen Seite nur wenige gute Gelegenheiten. Somit war es wenig überraschend eine weitere Standardsituation, die das Spiel ausglich. Das Tor war wohl in erster Linie Lukimyas Verdienst.  Hunt gab nach dem Spiel zu, den Ball eigentlich über die Mauer zu spielen versucht zu haben.

Hunts Ausgleich kaschiert die Defizite

Nach dem Ausgleich schien das Momentum in Werder Richtung zu kippen, doch letztlich blieben die Angriffe zu ungefährlich, um den Sieg noch zu erzwingen. Unterm Strich bleibt ein etwas glücklicher Punkt in einem schwachen Spiel gegen einen VfB Stuttgart, der nicht wirklich überzeugte, jedoch die gegnerischen Schwächen besser auszunutzen wusste. Mit dem Punkt kann Werder gut leben, mit dem Spielverlauf weniger. Zwei Erkenntnisse sollten Dutt zu denken geben: Verteidigt der Gegner seinerseits tief, hat Werder nur wenige Mittel, um offensiv Druck zu machen. Hohe Bälle an die Seitenlinie sind als prägnantester Spielzug im Aufbau nicht überzeugend. Auf der anderen Seite zeigte Stuttgart immer wieder auf, wie Werders Raute verwundbar ist: Mit schnellem Spiel über die Flügel, sobald Werder etwas aufgerückt ist. Geht die Kompaktheit der Raute verloren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die individuellen Schwächen in Werders Abwehr wieder aufgedeckt werden. Gegen die spielstarken Gegner, die in der Schlussphase der Saison warten, wird sich Dutt wohl etwas anderes einfallen lassen müssen.

Spielerisch gab es leichte Fortschritte zu sehen, wie sich auch an Ballbesitz und Passquote erkennen lässt. Das Angriffsspiel bleibt jedoch sehr von Aaron Hunt abhängig. Auch mit einer Doppelspitze gelingt es nur selten, die Bälle in der Angriffsreihe zu kontrollieren und zu halten, bis das Mittelfeld nachrückt. Kobylanski überzeugte nicht vollständig, wäre jedoch eine Option, wenn Petersen weiterhin so wenig zu Werders Spiel beiträgt. Mit acht Punkten aus den ersten vier Spielen gegen die direkten Konkurrenten liegt Werder weiterhin im Soll. In Freiburg sollte tunlichst gewonnen werden, will man bei einem eventuellen Lauf des HSV oder Stuttgart (im schlimmsten Fall von Beiden) nicht mehr zurück in den Abstiegskampf gezogen werden.

Wie viel Veränderung vor dem Nordderby?

Wer dachte, dass man bei Werder nach dem 0:5 gegen Borussia Dortmund wie sonst üblich zur Tagesordnung übergehen würde, sieht sich dieser Tage getäuscht. Vor dem Nordderby am Sonntag in Hamburg steht noch so manches Fragezeichen über Werders Aufstellung wie taktischer Ausrichtung.

Drohende Ausfälle und Wackelkandidaten

Mit Aaron Hunt und Marko Arnautovic drohten zwei gesetzte Spieler für die Partie gegen den HSV auszufallen. Zwar stehen beide letztlich im Kader, aber ob es für die Startelf reicht bleibt abzuwarten. Eine Wiederholung des 4-2-4-0-Experiments ist dennoch sehr unwahrscheinlich, wurde es doch nach dem Spiel in den Medien für die Niederlage gegen den BVB verantwortlich gemacht. Im Training wurden unter der Woche verschiedene Formationen mit unterschiedlichen Aufstellungen getestet, darunter auch ein 4-4-2 mit einer Doppelspitze Akpala/Petersen. Eine Rückkehr zum 4-1-4-1 halte ich dennoch für wahrscheinlich. Veränderungen sind eher in personeller Hinsicht zu erwarten.

Neben dem oben erwähnten angeschlagenen Duo gibt es noch einige weitere Wackelkandidaten. Da wäre zum einen Sebastian Prödl, im Dortmund-Spiel nach dem 0:3 ausgewechselt und schon in der Hinrunde keineswegs unumstritten. Lukimya war bereits einige Mal dicht dran, ihn aus der Startelf zu verdrängen. In Hamburg könnte er eine Chance von Anfang an erhalten. Ebenfalls auf der Kippe steht Eljero Elia, mit dem Schaaf langsam die Geduld verliert. Zumindest wurde dies durch die Blume so an die Öffentlichkeit kommuniziert (“Er bringt auf dem Platz nicht zu Ende, was er vorbereitet” = fehlende Effektivität). Es ist allerdings kaum denkbar, dass drei der fünf etatmäßigen Offensivkräfte am Sonntag nicht in der Startelf stehen. Somit dürfte Elias Aufstellung auch von Hunt und Arnautovic abhängen. Zu den heißesten Ersatzkandidaten zählt (neben Özkan Yildirim) plötzlich auch wieder Mehmet Ekici, der in der Hinrunde kaum eine Rolle spielte, im Training aber zuletzt in der A-Mannschaft stand.

Ein dritter Wackelkandidat ist etwas überraschend Theodor Gebre Selassie, der gegen Dortmund nicht gut aussah, jedoch in der Sollbruchstelle des asymmetrischen 4-2-4-0-Systems agierte, wo er wenig Unterstützung bekam. Da es auf seiner Position keinen direkten Ersatz gibt, könnte Allrounder Aleksandar Ignjovski für ihn auflaufen. Nicht zur Diskussion steht offenbar Kapitän Clemens Fritz, obwohl er bislang eine enttäuschende Saison spielt. Er könnte gegen den HSV auf seine vor der Saison vorgesehene Position im defensiven Mittelfeld zurückkehren, falls Junuzovic weiter vorne benötigt wird.

Got a little Captain in you?

Es ist interessant zu sehen, dass Schaaf bereits nach einem absolvierten Rückrundenspiel personelle Konsequenzen zieht. Er will offenbar nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, als er allzu oft so lange wie möglich an formschwachen Spielern festhielt, in der Hoffnung sie mögen sein Vertrauen später belohnen. Die alte Rehhagel-Schule. Seinen Kapitän lässt er dabei jedoch noch außen vor, was einerseits verständlich ist, zumal die Alternativen im Mittelfeld durch die möglichen Ausfälle rar sind. Andererseits wiederholt er damit vielleicht einen anderen Fehler, der ihm in der Vergangenheit vorgeworfen wurde, nämlich zu lange an seinen Führungsspielern festzuhalten, wenn sie ihren Zenit überschritten haben.

Nun ist Fritz weder uralt, noch sollte man seine wichtige integrative Rolle in der jungen Mannschaft herunterspielen. Doch er zeigte sich auf dem Platz in dieser Saison bislang nur selten als ein Spieler, an dem sich die Mitspieler aufrichten können. Zu wenige Impulse konnte er Werders Spiel geben, zu viele Probleme hatte er in seinem eigenen Spiel. Auch wenn seine Qualitäten als Mittelfeldspieler häufig unterschätzt wurden, steht Fritz derzeit an einem Punkt, an dem man darüber diskutieren muss, ob seine Präsenz auf dem Platz der Mannschaft mehr schadet als hilft. Er scheint mir nicht der Spielertyp zu sein, der bei einem Verlust seines Stammplatzes die Stimmung in der Mannschaft runterziehen würde. Hoffentlich zahlt sich Schaafs Vertrauen aus und er steigert sich in der Rückrunde noch einmal zu der Form, die er in der Hinrunde der vergangenen Saison hatte.

Der HSV – vom Abstiegskandidaten zur Mittelklassemannschaft

Mit dem HSV trifft Werder auf einen Gegner, der eigentlich mit genügend eigenen Problemen zu kämpfen hat. Vor der Saison musste man sich in Hamburg ernsthafte Sorgen darum machen, in diesem Jahr die Klasse halten zu können. Der Kader wirkte unausgeglichen, der Saisonauftakt ging daneben und auch der Trainer strahlte eine gewisse Ratlosigkeit aus. Mit ein paar Last-Minute-Einkäufen verstärkte man sich kurz vor Ende der Transferperiode noch einmal und was zunächst wie ein Panikkauf wirkte, hat dem HSV wohl die Saison gerettet. Besonders der Kauf von Milan Badelj ist hier hervorzuheben. Der Kroate spielt einen mehr als soliden Part im defensiven Mittelfeld und sorgt für die nötige Balance im Team. Somit konnte man sich früh aller Abstiegssorgen entledigen und darf mit einem Auge vorsichtig in Richtung internationalem Wettbewerb schauen.

Eigentlich wäre der HSV damit genau das, was man Werder gerne vorwirft: Eine graue Maus. Oder etwas positiver formuliert: Eine Mittelklassemannschaft mit Luft nach oben, die sich gerade in der Phase eines Umbruchs befindet. Eigentlich. Wäre da nicht Rafael van der Vaart, der außerhalb des Spielfelds wie gewohnt für Schlagzeilen in der Hamburger Medienlandschaft sorgt und auf dem Platz für gelegentliche Geniestreiche verantwortlich ist. Ich glaube nicht, dass van der Vaart dem HSV langfristig weiterhelfen wird, seine Verpflichtung war mindestens ebenso PR-Gag eines Hamburger Unternehmers wie eine sportlich sinnvolle Entscheidung. Seine Qualitäten will ich dem Holländer nicht absprechen, er machte in der Hinrunde in einigen Spielen den Unterschied, aber er passt meiner Ansicht nach nicht mehr so richtig in das Gesamtgefüge.

Trainer Thorsten Fink hat in dieser Saison hingegen eine Entwicklung genommen, die ihm viele nicht mehr zugetraut hätten. Lange Zeit sah es so aus, als wolle er sein präferiertes System bis zum Ende durchziehen, auch wenn es immer weniger Ertrag brachte und seiner Mannschaft nicht ganz zu behagen schien. Inzwischen hat er sein System den vorhandenen Spielern angepasst. Das Spiel des HSV wirkt seitdem viel harmonischer vom Aufbau bis zum Abschluss. Ich würde die Hamburger derzeit genau in die Kategorie der Mannschaften einordnen, die auf Werders Augenhöhe sind und an denen man sich messen sollte. Von daher ist das Ergebnis heute – Derby hin oder her – für mich wichtiger, als das gegen Dortmund.

Nachtrag zum “spanischen System”

Was mich in der Nachbetrachtung immer noch ärgert, ist dieser ständige Vergleich von Werders Taktik mit der Spaniens bei der Europameisterschaft. Nicht nur weil sie ziemlich sinnlos ist (es gibt kaum Parallelen zwischen den Teams und ihrer Ausrichtung), sondern weil sie den Eindruck erweckt, als müsse eine Mannschaft zwingend spielerisch überlegen sein, um ein System ohne Mittelstürmer spielen zu können. Dabei war der Gedanke hinter der stürmerlosen Spielweise zunächst ein anderer und das spanische System 2012 keineswegs dessen Erfindung.

Interessanterweise wurde das System beim AS Rom eher aus der Not heraus geboren, weil alle Mittelstürmer ausgefallen sind. Die Vorteile des Systems in der sich ändernden Fußballwelt führten aber schnell dazu, dass andere Trainer das System übernahmen oder in Erwägung zogen. Der Grund ohne Mittelstürmer zu spielen, lag in erster Linie darin, aus dem Mittelfeld überfallartig angreifen zu können und den Innenverteidigern dabei den Zugriff zu nehmen. Bei Manchester Uniteds Champions League Sieg 2008 standen mit Ronaldo, Rooney und Teves zwar drei Spieler auf dem Platz, die als Spitze agieren können, von denen sich jedoch keiner konstant im Sturmzentrum aufhielt. Daher ist es vielleicht – wie bei Werder am letzten Samstag – falsch, von einem “stürmerlosen System” zu sprechen. Mit Petersen stand ein Stürmer auf dem Platz, wenn auch in einer ungewöhnlichen Rolle. Bei den Spaniern hingegen war bei der EM oftmals kein echter Stürmer auf dem Feld, obwohl es in der Formation eine Mittelstürmerposition gab. Das beste Spiel machte Spanien im Finale, als Fabregas (siehe Zitat unten) mehr wie ein klassischer Mittelstürmer agierte.

Ein paar Lesetipps zum Thema:

AS Roms 4-6-0-System von 2007, vorgestellt bei Zonal Marking

Blick in die Zukunft des 4-6-0 von Jonathan Wilson (2008)

Daran angelehnt: Ein Text von Christoph Biermann zur EM 2008 im Spiegel

Spielbericht zum EM-Finale 2012 bei Zonal Marking, Money Quote: “[Fabregas is] clearly not a natural forward, but it might actually be inappropriate to label him a false nine here – his positioning was that of a classic centre-forward, his runs were that of a classic centre-forward, and he rarely dropped deep into the midfield zone.”

Fünf Fragen zwischen den Nordderbys

Wie schwach war der HSV?

Im Überschwang eines siegreichen Nordderbys kann man die Realität schon mal etwas verzerrt wahrnehmen. So wie die Kreiszeitung, die einen „chancenlosen HSV“ gesehen haben will. Dabei waren die Hamburger über weite Strecken ein ebenbürtiger Gegner, kamen nach Werders starker Anfangsphase gut in die Partie und fielen auch nach den Gegentoren nicht in sich zusammen. Im Vergleich zum Spiel gegen Nürnberg war das eine deutliche Leistungssteigerung.

Dennoch sollte man den HSV nicht als Maßstab für die nächsten Spiele sehen. Bei Werders Toren sah man sehr gut, dass alle guten Ansätze wenig nützen, wenn man solche einfachen Fehler macht. Auf der anderen Seite wusste der HSV mit den immer wieder vorhandenen Lücken zwischen Werders Linien nicht allzu viel anzufangen und schenkte viele Kontergelegenheiten leichtfertig her. Daher war Werders Sieg absolut verdient.

Gegen die meisten Bundesligisten ist es inzwischen jedoch sehr gefährlich, vor der eigenen Viererkette so offen zu spielen. Gegen den HSV konnte man dieses Risiko in Kauf nehmen.

Wer zweifelt noch an Aaron Hunt?

Hunts Standing bei den Werderfans ist seit vielen Jahren eher schlecht. Negativer Höhepunkt waren dabei die ständigen Pfiffe in der vorletzten Saison, als Hunt erschreckend schwache Leistungen zeigte. Seit der letzten Saison ist eine Verbesserung des Verhältnisses zu beobachten, zu der vielleicht auch die Aktion „Mit Herz und Hunt“ etwas beigetragen hat. Trotz der deutlichen Leistungssteigerung in der letzten Spielzeit ist die Zahl der Hunt-Kritiker auf der Tribüne noch immer groß.

Nun soll Hunt das tun, was er in den Augen seiner Kritiker niemals können wird: Verantwortung übernehmen. Vor einem Jahr verwandelte er in der Schlussphase der Partie gegen den SC Freiburg beim Stand von 3:3 einen Elfmeter vor der Ostkurve. Gegen den HSV trat er nach seinem ersten verschossenen Elfmeter erneut an den Punkt und versenkte den Ball. Man kann es durchaus eine Demonstration mentaler Stärke nennen. Rein spielerisch sollte es ohnehin keine Zweifel mehr an seiner Wichtigkeit für die Mannschaft geben.

Doch auch das wird die besonders Hartnäckigen unter seinen Kritikern nicht überzeugen. Da wird selbst noch bei einer Passquote von 93% (wie gegen Dortmund) behauptet, Hunt würde zu viele Fehlpässe spielen. Man merkt jedoch, dass bei vielen langsam ein Umdenken stattfindet. In seiner neunten Saison als Fußballprofi könnte sich Hunt endlich zu dem Spieler entwickeln, den viele Experten und nicht zuletzt auch Thomas Schaaf schon seit langem in ihm sehen.

Was ist mit Werders Linksverteidigern los?

Vor der Saison lautete die große Frage: Hartherz oder Schmitz? Für viele – mich eingeschlossen – galt der junge Hartherz dabei als leichter Favorit. In den ersten beiden Saisonspielen durfte dann aber Aleksandar Ignjovski ran. Der in der Vorbereitung überzeugende Schmitz musste auf der Bank Platz nehmen, während Hartherz erst gar nicht im Kader stand. Nach Ignjovskis Blackout in Dortmund spielte gegen den HSV Clemens Fritz als Linksverteidiger. Dabei konnte man trotz einer ordentlichen Leistung sehen, dass sich der Kapitän auf der Position nicht sonderlich wohlfühlt.

Nach einer Saison, in der die ewige Baustelle hinten links endlich geschlossen schien, steht man nun wieder an dem Punkt, dass man solide Allrounder den Spezialisten für die Position vorzieht. Was macht eigentlich Petri Pasanen? Schaaf hat Schmitz zuletzt ungewohnt deutlich kritisiert und klar gesagt, dass er mit der Leistung der letzten Wochen nicht zufrieden war. Nun darf man gespannt abwarten, ob sich Schmitz in den nächsten Wochen zurück ins Team kämpft. Hartherz muss sich hingegen über gute Leistungen in der U23 anbieten, um überhaupt in den Kader zurückzukehren.

Oder kommt Schaaf die Situation sogar ganz gelegen, kann er so doch alle drei kreativen Mittelfeldspieler aufbieten, ohne dabei seinen Kapitän mit einem Platz auf der Bank brüskieren zu müssen? Eine reine Bewegungstherapie ist es für Fritz jedenfalls nicht: Den – rein nach statistischen Daten ermittelten – Noten von whoscored.com zufolge, war Fritz am Samstag der zweitbeste Spieler auf dem Platz.  Den Sinn oder Unsinn dieser Noten möchte ich an dieser Stelle nicht ausdiskutieren.

Lässt Schaaf gegen Hannover vorsichtiger agieren?

Hannover war jahrelang ein gutes Pflaster für Thomas Schaafs Werder. In den letzten beiden Jahren gab es jedoch zwei herbe Niederlagen für Werder. Herb vor allem deshalb, weil man sich an der Weser beide Male vor dem Spiel im Aufschwung wähnte und dann jeweils vom schlau konternden Gegner auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Vor zwei Jahren fing man sich, übrigens direkt nach einem Heimsieg gegen den HSV, eine 1:4-Packung ein (bevor jemand auf die Idee kommt, dies auf die Raute zu schieben: Werder begann damals im 4-2-3-1). Letztes Jahr reiste man als Tabellenzweiter an die Leine und fuhr mit einem schmerzhaften 2:3 im Gepäck zurück nach Hause.

Beide Male hatte Werder großen Aufwand betrieben und zahlte gegen clevere 96er Lehrgeld. Auch wenn Werder seitdem das System und Teile des Personals ausgetauscht hat, wäre es leichtsinnig, diese beiden Spiele nicht als Warnsignale zu interpretieren. Auch wenn es schwer fällt, muss man akzeptieren, dass Hannover inzwischen die reifere und gefestigtere Mannschaft hat. Der offene Schlagabtausch ist daher nicht unbedingt die beste Option. Durch das verbesserte Umschaltspiel und die doppelt besetzten Außenbahnen sollte man auch bei einer vorsichtigen und defensiven Herangehensweise eine Chance auf Tore haben.

Fehlende Kompaktheit wird von Slomkas Hannover hingegen meistens bestraft. Anstatt das Spiel in die Länge zu ziehen, wie gegen den HSV, sollte man darauf achten, den Raum im Zentrum zu verengen. Beim Pressing müsste man sich dann an vorderster Front auf zwei Spieler beschränken (der Stürmer und einer der Achter) und nicht wie gegen Hamburg beide Achter vorschieben. Sonst ergibt sich jedes Mal, wenn 96 die Pressinglinie überspielt eine Unterzahlsituation für den jeweiligen Sechser. Und im Gegensatz zum HSV weiß Hannover damit auch etwas anzufangen.

Was ist in dieser Saison drin für Werder?

Die bisher gezeigten Leistungen entsprechen in etwa dem, was man zu diesem Zeitpunkt von Werder erwarten konnte. Spielerisch ist sehr großes Potenzial im Kader vorhanden. Das Team ist im Offensivspiel sogar schon etwas weiter, als ich gedacht hätte. Defensiv ist man aber auch anfälliger, als ich gehofft hätte. Alles in allem könnte man also sagen: Typisch Werder, typisch Thomas Schaaf.

Durch die vielen Optionen in der Offensive sollte man eine etwas bessere Saison spielen, als in den letzten beiden Jahren. Wenn man wieder in die erweiterte Spitze möchte (was ja offenkundig zumindest mittelfristig der Anspruch des Vereins ist), wird man sich vor allem auf der Sechserposition verbessern müssen (vor allem taktisch, nicht unbedingt personell). Es ist bei aller Freude über die positive Stimmung im Verein bitter, dass man eines der größten Probleme der letzten Jahre nicht gelöst bekommt.

Derzeit geht man hohes Risiko, um das eigene Offensivspiel durchzusetzen. Mit etwas Glück kann man damit in die Europa League kommen. Man kann damit aber auch gegen Hannover oder Mainz 0:4 verlieren. Für die junge Mannschaft wird es wichtig sein, die Spielfreude und gute Stimmung beizubehalten und sich nach und nach eine bessere Balance zwischen Offensive und Defensive anzueignen. Dazu muss man hoffen, dass der Konkurrenzkampf hoch bleibt und die Verletzungsmisere nicht wieder zuschlägt. Auch am Anfang der letzten Saison lief es gut, als die Ersatzbank noch gut besetzt war.

Wenn ich heute eine Prognose abgeben müsste, würde ich sagen: Platz 7 bis 9.

Werder-News 11/09/23

Zunächst ein paar Blog-Updates: Während Deutschland mit der Trennung von Kirche und Staat so seine Probleme hat, habe ich hier eine Trennung von Blog und News-Bereich vollzogen. Die News werden jetzt nicht mehr im eigentlichen Blog angezeigt, sondern sind über den Tab “Werder-News” oben in der Menüleiste abrufbar. Der RSS-Feed ist nun in drei unterschiedlichen Versionen abonnierbar: Nur Blog, nur News oder das volle Packet. Rechts in der Seitenleiste sind die Feeds aufgeführt. Standardmäßig bekommen alle bisherigen Abonnenten sowohl Blog als auch News. Könnt ihr dann ja selber ändern, wenn ihr möchtet.

Außerdem gibt es seit gestern Abend eine Facebook-Page zum Blog, die ich wohl in erster Linie für kürzere Einträge nutzen werde (alles, was fürs Blog zu wenig und für Twitter zu viel ist). Ihr dürft gerne auf Gefällt mir klicken!

So, nun aber zu den eigentlichen Werder-News des Tages:

The Knights Who Say Ni (zweite Liga)

Bundesliga, 31. Spieltag: FC St. Pauli – Werder Bremen 1:3

Am Ende dieser Saison zählt nur der Klassenerhalt. Dieser ist mit dem 3:1-Sieg bei St. Pauli nun endgültig gesichert, auch wenn es rein rechnerisch noch nicht soweit ist. Nach einer in allen Belangen enttäuschenden ersten Halbzeit drehte Werder zum ersten Mal in dieser Saison ein Spiel und ist nun seit über zwei Monaten ungeschlagen.

Verlust der Spielkultur

Es wäre sicherlich falsch, Werders schwache spielerische Leistung nur auf den Ausfall von Tim Borowski zu schieben, doch Samstag wurde wieder einmal deutlich, wie wichtig er für Werder geworden ist. Werders Mittelfeld fehlte es in der ersten Halbzeit völlig an Struktur und Bindung. Marin und Wesley hatten zwar ein großes Laufpensum, blieben aber weitgehend ineffektiv. Frings bekam das Spiel im defensiven Mittelfeld nicht in den Griff. Insgesamt spielte Werder sehr linkslastig. Kaum ein Angriff lief in den ersten 45 Minuten über die rechte Seite.

St. Pauli - Werder 1. Halbzeit

Werders Offensivaktionen in der 1. Halbzeit (Quelle: bundesliga.de)

Die Raute hatte eine deutliche Schlagseite, was nicht per se schlecht sein muss. Werder verfing sich jedoch zu häufig auf der Außenbahn und kam dann nur umständlich wieder zurück in eine aussichtsreichere Position. Bargfrede hielt auf der linken Seite seine Position, während Wesley von rechts viel rochierte. Marin tendiert ohnehin zur linken Seite und Silvestre schaltete sich häufiger mit in die Offensive ein als auf der anderen Seite Fritz. Somit war Werders Spiel für St. Pauli leicht ausrechenbar und mit einfachen Mitteln zu stoppen. Das Gegentor erinnerte an schlimme Zeiten und kam durch einen Fehlpass Pizarros beim Rausrücken und einen katastrophalen Abstimmungsfehler in der Viererkette zustande. Mertesacker stand fast 10 Meter hinter seinen Nebenleuten und hob beim Pass auf Bartels das Abseits auf.

Pizarro dreht das Spiel

Auch in der zweiten Halbzeit lief die Mehrzahl der Bremer Angriffe über links, doch Clemens Fritz wagte sich häufiger in St. Paulis Hälfte und sorgte für etwas mehr Balance in Werders Spiel. Alle drei Werdertore fielen über die rechte Seite. Die verloren gegangene Spielkultur glich Werder nun durch großen Einsatz und Pizarros Klasse aus. Es war der Mannschaft nun anzumerken, dass sie sich nicht in ihr Schicksal fügen wollte, wie schon zu oft in dieser Saison. Nach Pizarros Doppelschlag, der das Spiel zu Werders Gunsten drehte, kam auch die Sicherheit im Passspiel zurück. Die Gastgeber erholten sich von diesem Schock nicht mehr und konnten Werder in der Schlussphase kaum noch in Bedrängnis bringen. In dieser Form wird es für die Hamburger nicht zum Klassenerhalt reichen.

Ein Silberstreif für Hunt

Die letzten Monate waren für Aaron Hunt ein einziger Spießrutenlauf. Zuerst verlor er seinen Stammplatz, dann wurden auch seine Einwechslungen weniger. Von den eigenen Fans ausgepfiffen war er am Ende so verunsichert, dass ihm nicht mal einfache Pässe über fünf Meter gelangen. Dabei konnte man jedoch immer noch sehen, dass er ein Spieler mit den richtigen Ideen ist. Laufwege und Timing stimmten, doch am Ball ging fast alles schief, was schief gehen kann. Dazu kam eine lustlos wirkende Körpersprache. Am Samstag gab es endlich auch für ihn eine Art Mini-Befreiungsschlag. Nach seiner Einwechslung spielte er befreit auf und sorgte für mehr Spielfluss bei Werder. In immerhin 23 Minuten spielte er keinen einzigen Fehlpass, hatte nur einen Ballverlust und einige gute Ideen. Sicher kein Zufall, dass diese Steigerung in einem Auswärtsspiel kommt. Hätte er solche Leistungen regelmäßig in dieser Saison gezeigt, wäre Özils Weggang weitaus weniger ins Gewicht gefallen.

Aaron Hunt Passverteilung

Alle 15 Pässe von Aaron Hunt kamen an (Quelle: bundesliga.de)

Gegen Wolfsburg: Der letzte Punkt zum Klassenerhalt

Am Freitag kann Werder mit einem Sieg gegen den VfL Wolfsburg den Klassenerhalt endgültig sicherstellen. Wahrscheinlich reichen die 38 Punkte schon, um nicht abzusteigen. Mit einem Unentschieden gegen den VfL wäre man ebenfalls zu 99% durch. Allerdings könnte dieses Spiel nach Wolfsburgs Mini-Auferstehung am Sonntag noch einmal eine echte Herausforderung werden. Felix Magath ist sowieso alles zuzutrauen. Das Spiel gegen St. Pauli hat gezeigt, dass Werder im Endspurt kein bisschen nachlassen darf, sonst geht das zarte Pflänzchen, das man sich in den letzten Wochen mühevoll gezüchtet hat, direkt wieder kaputt.

Bei aller Frustration über diese enttäuschende Saison bin ich immer noch froh, dass mit Werder im Saisonendspurt immer zu rechnen ist – im Gegensatz zu manch anderer Mannschaft, die sich ihre Saison im April regelmäßig selbst vermasselt.