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Let’s talk business…

Betrachtet man den Fußball und insbesondere die Vertragsverhandlungen zwischen Spielern (bzw. deren Beratern) und Vereinen von einer rein geschäftlichen Seite, dann erhält man ein ziemlich unromantisches Bild. Dann geht es eben um Angebot (an spielerischen Fähigkeiten, Entwicklungs- und Vermarktungspotenzial) und Nachfrage (seitens der Vereine). Dann gibt es eben einen Markt für Fußballspieler, auf dem alle Akteure nach dem für sie größten Nutzen suchen. Dann unterscheidet sich der individuelle Nutzen eines Spielers eben häufig von dem seines Arbeitgebers und erst recht von dem eines Fans.

Das Verhältnis zwischen Spieler und Verein manifestiert sich dann eben in einem befristeten Arbeitsvertrag, an dessen Ende es keinerlei Verpflichtungen beider Seiten mehr gibt. Seit dem Bosman-Urteil wurde die Position der Spieler deutlich gestärkt, da nun das Prinzip der freien Arbeitsplatzwahl gilt und abgebende Vereine nach Vertragsende keine Ablöseforderungen mehr stellen dürfen. In Hinblick auf die Liberalisierung der europäischen Arbeitsmärkte eine folgerichtige Entscheidung, die auf den Profifußball jedoch weitreichende Auswirkungen hatte, die längst nicht von allen als positiv angesehen werden. Doch das ist ein Thema für sich.

Die Verpflichtung eines Spielers ist für einen Verein als Wirtschaftsunternehmen deshalb mehr denn je zu einem Investment geworden. Nehmen wir hier ruhig einmal Werders Verpflichtung von Mesut Özil zur Verdeutlichung: Werder hat ihn im Winter Januar 2008 für 4,25 Millionen Euro von Schalke gekauft und mit ihm einen 3 1/2 Jahresvertrag abgeschlossen. Zu den 4,25 Millionen kommen noch Handgelder, Gehälter und Prämien, die zusammen die Gesamtkosten der Investition bilden. Diesen Kosten stehen die Erlöse gegenüber, die sich für Werder mit Özil in diesen 3 1/2 Jahren erwirtschaften lassen. Neben den Einnahmen aus der Vermarktung des Spielers (z.B. Merchandising und Ticketverkäufe) sind das vor allem die Einnahmen, die Werder durch sportliche Erfolge erzielt. Diese lassen sich im Mannschaftssport Fußball wiederum nur schwer einem einzelnen Spieler zurechnen. Die Berechnungen basieren deshalb immer auf einer gewissen Unsicherheit. Hier wird mit Wahrscheinlichkeiten kalkuliert. Ein vielleicht etwas übertriebenes Beispiel: Wie wahrscheinlich ist eine Champions League Teilnahme mit Özil und wie wahrscheinlich ohne (wohl gemerkt im Januar 2008, nicht im August 2010)? Bleibt nach Berücksichtigung aller Kosten und Erträge unter dem Strich etwas übrig, amortisieren sich die Anschaffungskosten über die Laufzeit, dann ist das Investment für den Verein lohnenswert. Im Fall Özil hat es Werder also als lohnenswert erachtet.

Im Unterschied zur Investition in bspw. eine Maschine gibt es bei Profifußballern einen großen Unterschied: Der Fußballer kann zum Ende der Laufzeit nicht mehr verkauft werden. Bei einer Maschine gibt es in der Regel einen Restwert, der sich schon Jahre vorher einigermaßen gut abschätzen lässt. Der Anschaffungswert Mesut Özils (4,25 Millionen) muss also über die Vertragsdauer komplett abgeschrieben werden. Im Sommer 2011 beträgt der Restwert des Spielers 0. Bei linearer Abschreibung beträgt er in diesem Sommer somit noch rund 1,2 Millionen Euro – zumindest in Werders Büchern. Dies entspricht aber natürlich nicht dem tatsächlichen Marktwert des Spielers, der bei Mesut Özil (laut transfermarkt.de) derzeit 27 Millionen Euro beträgt. Müsste Werder den Spieler nun in einem Jahr kostenlos abgeben, dann hätte man doch Verlust gemacht, oder?

Zumindest auf dem Papier stimmt das nicht, denn in Werders Büchern ist Özil in einem Jahr tatsächlich nichts mehr wert. Dies wird schon bei Abschluss des Vertrags berücksichtigt und entsprechend kalkuliert. Eine etwaige Wertsteigerung des Spielers als zukünftige Einnahme mit in die Kalkulation aufzunehmen ist sehr risikoreich, wenn auch sicher nicht ganz ungewöhnlich im Fußballgeschäft. In diesem Fall ist man unbedingt auf einen Wiederverkauf (bzw. eine vorzeitige Vertragsverlängerung) angewiesen, um keinen Verlust zu erleiden. Erfüllt der Spieler nicht die sportlichen Erwartungen, verliert der Verein dann sogar doppelt: Zunächst zieht er weniger sportlichen (und damit finanziellen) Nutzen aus dem Spieler selbst und dann entwickelt sich der Marktwert auch noch schlechter als angenommen, sprich: Die Transfereinnahmen sind geringer, bzw. fallen unter Umständen ganz weg, wenn der Spieler bis zum Ende der Vertragslaufzeit bleibt.

Deshalb tun seriös wirtschaftende Vereine gut daran, solche spekulativen Kalkulationen zu unterlassen und tatsächlich vom Restwert 0 auszugehen. Werder ist zwar immer wieder auf Transfererlöse angewiesen, um finanziell mit den deutschen Topvereinen mithalten zu können, gilt aber als vorsichtig, wenn es um die Schätzung zukünftiger Einnahmen geht. Gehen wir also davon aus, das Werder dies im Fall Özil so gemacht hat, dann haben wir nun die folgende Situation: Verkauft Werder Özil in diesem Sommer für mehr als 1,2 Millionen Euro, dann haben sie auf dem Papier Gewinn gemacht. Allerdings hat Özil für Werder in der kommenden Saison einen Wert, der weit darüber hinaus geht. Diesen (geschätzten) Wert, abzüglich der Gehälter und Prämien, müsste Werder für Özil in diesem Sommer bekommen, um ihn tatsächlich gewinnbringend verkaufen zu können. In dieser Kalkulation spielt auch der Wiederbeschaffungswert eine Rolle: Wie schwierig und teuer ist es, einen Ersatz auf dem Transfermarkt zu beschaffen? Sportliche Überlegungen fließen ebenfalls mit ein, etwa die Frage, ob der Spieler durch einen anderen, bereits unter Vertrag stehenden Spieler ersetzt werden kann.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ein akzeptabler Preis für Werder weit oberhalb der 1,2 Millionen Euro liegt, aber auch unterhalb der (geschätzten) 27 Millionen Euro Marktwert. Dies ist auch den interessierten Vereinen klar, weshalb es schwierig werden könnte, eine Ablösesumme zu erreichen, die von den Fans als angemessen erachtet wird. Ein Manager muss mit diesem Spannungsfeld umgehen können, einerseits wirtschaftlich sinnvolle Entscheidungen zu treffen und andererseits die Erwartungen der Fans nicht zu enttäuschen. Nicht zuletzt haben seine Entscheidungen auch Einfluss auf die Reputation bei zukünftigen Verhandlungspartnern. So kann es in manchen Fällen durchaus sinnvoll sein, selbst bei finanziell lohnenswerten Angeboten mit der Faust auf den Tisch zu hauen und einen Transfer zu verweigern. Allerdings läuft man dabei auch Gefahr, dass der Bluff auffliegt und man am Ende mit leeren Händen dasteht.

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

  1. Bei Spielertransfers ist die Formel Verkaufspreis – Einkaufspreis = Erlös viel zu kurz gedacht. Auch meine Beispiele sind schon stark vereinfacht und berücksichtigen viele zusätzliche Einflussfaktoren nicht (vertragliche Sondervereinbarungen, komplizierte Verteilung der Transferrechte, unterschiedliche Finanzierungsformen etc.).
  2. Im Fall Özil ist Werders Situation längst nicht so schlecht, wie sie von vielen dargestellt wird. Auch ohne Verkauf in diesem Sommer wird man an der Personalie Özil ganz sicher keinen Verlust gemacht haben. Ein Verkauf ist daher nicht zwingend notwendig. Interessant wird es jedoch, wenn man die Opportunitätskosten in die Rechnung mit einbezieht, also die entgangenen möglichen Einnahmen, wenn man Özil nächstes Jahr ablösefrei gehen lassen muss.
  3. Spieler und Vereine verfolgen egoistische Motive, die in manchen Fällen nicht kompatibel sind. Die Beziehung untereinander ist eine Zweckgemeinschaft, die solange aufrecht erhalten wird, wie beiden davon ausreichend profitieren. Für den Spieler ist sein Verein nur einer von vielen möglichen Arbeitgebern. Für den Verein sind seine Spieler Humankapital, das gekauft, gehalten, abgestoßen oder verkauft werden kann.

Das klingt alles nicht wirklich nach dem Fußball, den sich die meisten Fans vorstellen oder zumindest wünschen. Diese nüchterne Betrachtungsweise hat auch wenig mit dem Erleben eines Fans zu tun. Was jedoch auffällt ist die Art und Weise, wie selektiv Kritik an bestimmten Ausprägungen dieser Entwicklung genommen wird, während andere als völlig normal akzeptiert werden. Kein Fan beschwert sich über die Einnahmen seines eigenen Vereins aus Spielerverkäufen, denn dieser darf ganz selbstverständlich seine wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund stellen. Tut dies jedoch ein Spieler, sei es durch hohe Gehaltsforderungen oder einen Wechsel aus finanziellen Gründen, wird das Verhalten nicht nur nicht akzeptiert, sondern sogar als moralisch verwerflich angesehen. Diese Sichtweise ist nicht wirklich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Interessen des Vereins sich (im Gegensatz zu den Interessen einzelner Spieler) weitgehend mit den Interessen der Fans dieses Vereins decken.

Ein erhobener Zeigefinger ist deshalb wenig hilfreich, schließlich sind auch die Fans in ihrer Liebe und Hingabe zu ihrem Verein Teil des Fußballgeschäfts und ermöglichen dieses als solches erst. Trotzdem kann es sicher nicht schaden, sich seinen eigenen (egoistischen) Motiven bewusst zu werden, bevor mit der Moralkeule auf gewisse Spieler eingedroschen wird – nicht nur im Interesse dieser Spieler, sondern vor allem auch des eigenen Vereins.

Auf eine erfolgreiche grün-weiße Saison ohne Buhrufe gegen eigene Spieler!