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Meine EM: 1. Spieltag, Gruppe A

Ein interessanter Auftakt der Europameisterschaft. Das erste Spiel wurde geprägt von stürmischen, später nervösen Polen und tapfer kämpfenden Griechen, vor allem aber von einem Schiedsrichter, der seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Im zweiten Spiel zeigten die Russen eine starke Leistung gegen die unbedarften Tschechen.

Polen – Griechenland 1:1

Die polnische Anfangsoffensive war beeindruckend und zeigte direkt Wirkung bei den abwartenden Griechen. Vor allem über die rechte Seite fand man immer wieder den Weg an den Strafraum. So fiel das 1:0 konsequenter Weise über diese Seite nach einer Flanke auf den starken Lewandowski. Das griechische Dreiermittelfeld kontrollierte zwar das Zentrum, doch Samaras und Ninis auf den Flügeln ließen die Außenverteidiger zu häufig aus den Augen. Es dauerte eine Weile, bis Griechenland Mittel und Wege fand, das polnische Angriffsspiel etwas zu stoppen. Gerade als es gelungen war, das hohe Tempo aus den Aktionen der Polen zu nehmen, wurde das Spiel durch die gelb-rote Karte gegen Sokratis durcheinander gewirbelt. Man kann schon fast dankbar sein, dass Schiedsrichter Carballo später den Elfmeter für Griechenland gab, sonst hätte es bereits am ersten Tag der EM eine Heimschiedsrichter-Diskussion losgetreten. Es war jedoch schnell offensichtlich, dass Carballo mit der Leitung dieses Spiels überfordert war und keine klare Linie in seinen Entscheidungen hatte.

Im Nachhinein war der Platzverweis für Griechenland zumindest in diesem Spiel ein Glücksfall. Durch den Ausfall beider etatmäßiger Innenverteidiger (Avraam musste mit einer Verletzung runter) und die Unterzahl stellte Trainer Santos auf ein 4-4-1 um, zog Katsouranis zurück in die Innenverteidigung und brachte zur Halbzeit Salpingidis für den ineffektiven Ninis ins Spiel. Durch die Systemänderung zogen sich die Außenstürmer nun weiter mit zurück und ließen den Polen weniger Platz auf den Flügeln. Durch die Mitte tat sich Smudas Team schwer, vor das gegnerische Tor zu kommen und so ergab sich eine Pattsituation. Karagounis, der vermutlich nicht richtig fit ist und mit seiner Langsamkeit in der ersten Halbzeit ein Problem für sein Team darstellte, konnte sich nun gut in das Spiel hineinkämpfen, aber es war sein Nebenmann Maniatis, der für Schwung im griechischen Angriffsspiel sorgte. Der Pass auf Torosidis vor dem Ausgleichstor war stark und Polen wirkte nach dem Treffer geschockt. Mit zunehmender Dauer wurde die Nervosität und auch die Ideenlosigkeit immer deutlicher. Polen wollte den Sieg erzwingen, doch es war nun das Spiel der Griechen, die tapfer dagegen hielten und sich einen Punkt erkämpften.

Polen kompensierte die mangelnde Klasse auf manchen Positionen mit großer Einsatzfreude. Man sah in der zweiten Halbzeit jedoch auch, wie der Heimvorteil zum Ballast werden kann, wenn der Gegner das Tempo aus dem Spiel nimmt und die Räume eng macht. Griechenland steht nun gegen Tschechien vor dem Problem, beide Innenverteidiger ersetzen zu müssen. Zudem muss man sich fragen, ob sie Karagounis durchs Turnier schleppen können oder ob er nicht eher zum Ballast wird.

Russland – Tschechien 4:1

Die spielstarke russische Mannschaft hat zwei Schwächen: Die Innenverteidigung und das Erarbeiten und Verwerten von Torchancen gegen tief stehende Gegner. Tschechien attackierte früh und wollte so wohl die erste Schwäche ausnutzen. Das Pressing funktionierte gut und man erspielte sich schnell ein Übergewicht im Mittelfeld. Nach spätestens einer halben Stunde war jedoch klar, dass man voll ins offene Messer der Russen gelaufen war und das Spiel trotz des späteren Anschlusstreffers entschieden ist.

Russlands Konter waren erstklassig, die Pass- und Laufwege wirkten gut aufeinander abgestimmt. Kerzhakov ist trotz der vergebenen Chancen die richtige Wahl als Mittelstürmer und Dzagoev nutzte mit seiner Technik und seinen überraschenden Läufen die Schwächen der bräsigen tschechischen Hintermannschaft aus. Vor allem die Vorstöße von Shirokov machten jedoch den Unterschied aus, weil Tschechien hierauf über 90 Minuten keine Antwort fand. Hier war der deutlichste Unterschied zwischen den beiden Mannschaften auszumachen, deren 4-3-3-Systeme sich ansonsten hätten neutralisieren können. Beide Seiten ließen immer wieder Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld entstehen. Während die Tschechen in Rosicky eher einen klassischen Ballverteiler im offensiven Mittelfeld hatten und so besonders auf die Läufe der Flügelstürmer angewiesen war, nutzte Russland mit Shirokovs Vorstößen diesen Raum wesentlich besser.

Spätestens jetzt hat Russland die Favoritenrolle in Gruppe A inne. Man sollte jedoch nicht übersehen, dass Tschechien viel zu unbedarft nach vorne spielte, zumal die eigene Abwehr nicht gerade das Prunkstück der Mannschaft ist. Nach dem Rückstand agierte man zudem vorne viel zu hektisch, um die russischen Abwehrschwächen offenzulegen und die vorhandenen Räume zu nutzen. Russland wird mit viel Selbstvertrauen in die verbleibenden Spiele gehen, aber so leicht wie gegen Tschechien werden sie es in diesem Turnier wohl nicht noch einmal haben.

 

Meine EM: Russland und das vermauerte Tor

Russland ist für mich das vielleicht am schwierigsten einzuschätzende Team. Wann immer ich sie in den letzten vier Jahren spielen gesehen habe, waren sie gut. Sie spielen technisch hochwertigen, schnellen Fußball. Allerdings fehlt ihnen der letzte Punch, der sie bei der letzten Europameisterschaft bis ins Halbfinale führte. Vor dem gegnerischen Tor verbreiten sie trotz guter Spielanlage und technisch beschlagenen Spielern kaum ernsthafte Gefahr. Woran das liegt ist ein Rätsel, an dem sich auch Trainer Dick Advocaat die Zähne ausbeißt.

Der Ball will nicht ins Tor – vorne wie hinten

Trotz Offensivfußball tut Russland sich schwer mit dem Toreschießen, kassiert jedoch auch nicht viele Gegentore. Die Ergebnisse entsprechen häufig eher denen einer reinen Kontermannschaft, doch das sind die Russen nicht. Seit dem Coup vor vier Jahren, als man bei der Europameisterschaft die Niederlande – bis dahin bestes Team des Turniers – ausschaltete und überraschend bis ins Halbfinale kam, haben sich die Gegner auf Russland eingestellt. Der Überraschungseffekt war jedoch ein wichtiger Bestandteil der russischen Erfolgstaktik. Bei der Qualifikation zur WM in Südafrika scheiterte man trotz ansehnlicher Leistung in der Gruppe an Deutschland und schließlich auch im Play-Off an Slowenien. Trotz Platz 1 vor Irland in der Gruppe und der direkten Qualifikation für die Europameisterschaft umweht das Team weiterhin ein Hauch von Phlegma. Daran ändert auch das beachtliche 3:0 gegen Italien am Wochenende nichts.

In gewisser Weise ist Russland in den letzten Jahren ein Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Neben den gewachsenen Ansprüchen haben auch die Wechsel einiger namhafter Spieler ins Ausland die Ausgangslage verändert. Viele von ihnen konnten außerhalb Russlands nicht nachhaltig überzeugen: Ob Zhirkov bei Chelsea (21 Mio. € Ablöse), Pavlyuchenko bei Tottenham (17 Mio. €) oder Pogrebnyak in Stuttgart (5 Mio. €) – keiner erfüllte die hohen Erwartungen seines neuen Arbeitgebers. Am härtesten traf es den Star der Russen, Adrey Arshavin, der sich bei Arsenal vom Top-Transfer langsam zum kompletten Pflegefall entwickelte, keinerlei Engagement mehr zeigte und im Winter zurück zu Zenit St. Petersburg verliehen wurde. Dort zeigte er eine deutliche Steigerung, wurde russischer Meister, ist jedoch noch ein gutes Stück von der Form entfernt, die ihn einst zu seinem Status eines europäischen Top-Spielers verhalf.

Schlüsselfrage: Wird Dzagoev rechtzeitig fit?

Hoffnung machen die Leistungen von Roman Shirokov, der mit Zenit in der Champions League für Aufsehen sorgte, und Alan Dzagoev, der mit seinen 21 Jahren schon über fast vier Jahre Erfahrung in der Nationalmannschaft verfügt. Letzterer hat seine Verletzung noch rechtzeitig vor Beginn des Turniers überwunden und ist auf gutem Wege seine Topform wiederzufinden. Die wird es auch brauchen, denn der wendige und beidfüßige Spielmacher von ZSKA Moskau ist inzwischen das Herzstück im Offensivspiel seiner Mannschaft. Ohne seine Torgefährlichkeit wiegen die oben genannten Probleme noch einmal schwerer.

Wenn die Russen ihr System konsequent umsetzen, ihre spielerische Klasse ausspielen und dazu noch ihr Phlegma in der Chancenverwertung überwinden, sind sie der Favorit in ihrer Gruppe. Nur scheint dies derzeit wenig wahrscheinlich. Ich glaube daher nicht an ein souveränes Weiterkommen, könnte mir bei einem ungünstigen Start ins Turnier sogar vorstellen, dass sie Gruppenletzter werden. Keiner der Gegner wird übermäßig offensiv gegen sie vorgehen und die Abwehr entblößen, wie es Italien unlängst im Testspiel machte. So paradox es klingen mag, könnte Russland gerade auch daran scheitern, dass die Gegner zu schwach sind. Favorisierte Teams auskontern können sie frühestens im Viertelfinale. Ich tippe darauf, dass sie bis dahin schon wieder zuhause sind.

Mein Tipp: Russland scheitert an sich selbst und scheidet in der Vorrunde aus.

Russlands Gruppengegner:

Polen
Griechenland
Tschechien