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Der erhobene Zeigefinger

Gejubelt wird über Klassenerhalt oder Meisterschaft, nicht über den Tod eines Menschen. So oder so ähnlich steht es in der aktuellen Auflage des Knigge. Wenn nun im Fernsehen hunderte Amerikaner ihre Flagge schwenkend im Autokorso durch New York cruisen, dann kann einem als pazifistischem Wehrdienstverweigerer schon mal vor Schreck die Kinnlade runterfallen. America, fuck yeah!

Ich behaupte einfach mal, dass ich ein wenig mehr Bezug zu Amerika und Einblick in die amerikanische Volksseele habe, als der Durchschnittsdeutsche. Ich war drei Jahre lang mit einer Amerikanerin zusammen. Man nimmt den in Deutschland vorhandenen Anti-Amerikanismus anders war, bekommt aber auch ein tieferes Verständnis davon, wie “die Amerikaner” so ticken. Ganz abgesehen von dem Paradoxon, dass gerade über das Land mit der wohl heterogensten Bevölkerung der Welt die eindeutigsten und verallgemeinerndsten Vorurteile verbreitet sind, erstaunt es mich immer wieder, wie sehr “wir Deutschen” uns den Amerikanern moralisch und intellektuell überlegen sehen.

Der durchschnittliche Amerikaner ist fett, ungebildet und findet sein eigenes Land nicht auf der Landkarte. Er ist streng religiös, prüde und bigott. Er ist ein Waffennarr, liebt die Todesstrafe und ist übertrieben patriotisch. Er sieht sein Land als Mittelpunkt der Welt, seine Armee als Weltpolizei. Auch wenn die meisten Deutschen diese Plattitüden nicht völlig unreflektiert als ihre Meinung übernommen haben, ist dies doch das zugrunde liegende Bild, das gerne hervorschimmert, wenn gerade ein passendes Beispiel – ein Zeitungsartikel, ein Fernsehbericht – auftaucht.

Meine Ex-Freundin hat in Deutschland irgendwann damit begonnen, sich vorsorglich schon bei der Begrüßung Unbekannter für George W. Bush zu entschuldigen, obwohl sie ihn niemals gewählt hat und obendrein aus einem Bundesstaat kommt, der seit 1972 nicht mehr für einen republikanischen Präsidenten gestimmt hat. Eine der ersten Fragen war immer “Did you vote for Bush?”, eine (nicht nur) nach amerikanischen Gepflogenheiten äußerst unhöfliche Frage. Ich kann mich nicht erinnern, jemals von einem Fremden danach gefragt worden zu sein, ob mein Opa Mitglied in der Waffen-SS war.

Nach der Wahl Obamas haben sich die Wogen zunächst einmal ein bisschen geglättet (“Gibt es also doch noch ein paar Vernünftige dort!”). Die Vorurteile bleiben unter der Oberfläche jedoch bestehen und warten darauf, wieder hervorgeholt zu werden, wenn die Situation dazu einlädt. Mit der Tötung Osama Bin Ladens und den übermittelten Jubelbildern der Amerikaner ist nun genau so eine Situation eingetreten. Diese leichtgläubigen Hinterwäldler können halt noch eine Menge von uns aufgeklärten, kritischen, pazifistischen Deutschen lernen. Woher dieses Überlegenheitsgefühl gerade gegenüber den USA kommt, ist mir völlig schleierhaft. Vielleicht ist es die Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes gegenüber einem wirtschaftlich erfolgreicheren Land, was übrigens auch die ebenso von halbgaren Vorurteilen durchsetzte Berichterstattung zum Thema Japan in den letzten Wochen erklären würde.

Hinter allem steht ein tiefgreifendes Unverständnis darüber, warum die Amerikaner den Krieg mit all seinen Facetten nicht so grundsätzlich ablehnen, wie wir Deutschen. Dabei wird vergessen, dass die USA historisch einen ganz anderen Bezug zum Thema Krieg haben. Den Amerikanern wurden ihre Freiheit und ihre Demokratie nicht geschenkt. Erst recht wurden sie ihnen nicht nach einem verlorenen Krieg von außen verordnet. Sie haben sie sich in Kriegen erkämpft und verteidigt. Im Unhabhängigkeitskrieg. Im Bürgerkrieg. Danach sollten sie zweimal bitte schön die Welt retten, die von Europa aus in Schutt und Asche gelegt wurde. Während bei uns nach dem totalen Krieg der totale Frieden angebrochen ist, hatten die Amerikaner alle Hände voll zu tun, den kalten Krieg mit der Sowjetunion auszufechten. Und auch wenn es falsch wäre, die USA grundsätzlich immer als “die Guten” anzusehen, schockiert es mich, wie bereitwillig faschistischen, kommunistischen und totalitären Regimes ihre Sünden verziehen werden, während man Amerika gerne zum Schurkenstaat Nummer 1 ernennen würde.

Ich kann nicht sagen, dass mich der erhobene Zeigefinger wundert, mit dem nun eine Mäßigung der Freude über den Tod Osama Bin Ladens angemahnt wird. Ich habe ihn in dieser Form sogar erwartet. Er ist Ausdruck einer anerzogenen moralischen Korrektheit, die bei uns weit verbreitet ist. Das Mitleid mit dem armen, alten, unbewaffneten Mann, das an verschiedenen Stellen geäußert wurde, geht mir jedoch entschieden zu weit. Sicher muss man den Tod eines Menschen nicht unbedingt als Anlass für ausgelassene Feierlichkeiten ansehen (bei uns ist das wie gesagt für Fußballereignisse vorbehalten). Man kann und sollte jedoch durchaus Verständnis dafür haben, dass der Tod eines Terroristen, der sich mit tausendfachem Mord gebrüstet und zum Krieg gegen die westliche Welt aufgerufen hat, ein sehr befreiender Moment sein kann. Gerade für die Einwohner New Yorks, für die der 11. September noch immer ein kollektives Trauma ist (und zwar ganz gleich welcher politischen Richtung sie angehören), war es ein Moment der Genugtuung und Erleichterung.

Vor diesem Hintergrund kann man darüber diskutieren, ob Bin Laden besser lebend hätte gefasst werden sollen und können und ob seine Seebestattung angemessen war. Dies sollten im Gesamtkontext jedoch Nebensächlichkeiten bleiben. Es ist schon erstaunlich, dass manche Leute gerade an Osama Bin Laden ihr Mitleidempfinden über Gebühr ausschöpfen, während man toten amerikanischen Soldaten im Irak (“selbst Schuld, wenn sie einfach in das Land einmarschieren”) keine Träne nachweint. Wir können wohl froh sein, dass Hitler sich 1945 selbst das Leben nahm und nicht von den Alliierten getötet wurde, sonst würden wir womöglich heute dem Mord an einem tierlieben und unverstandenen Künstler gedenken und nicht der Befreiung von der Naziherrschaft.

Wir werfen den Amerikanern gerne eine plumpe Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge vor, doch selbst legen wir bei ihnen völlig andere Maßstäbe an, als bei anderen Staaten und Völkern. Es mag befremdlich sein, dass tausende Menschen auf der Straße den Tod bin Ladens Feiern, doch das erklärt nicht, warum es viele Deutsche nun als oberste Bürgerpflicht ansehen, den Amerikanern dieses Befremden möglichst deutlich mitzuteilen. Dabei sollte doch zumindest in sofern ein Konsens bestehen, dass es richtig war, den Terroristen Bin Laden auszuschalten und dass die USA nach vielen Jahren erfolgloser Suche nun genau dies getan haben. Vor lauter Empörung über die Details verlieren wir jedoch gerne mal das große Ganze aus den Augen, nicht nur in diesem Fall. In Japan interessiert uns die Frage, ob die Japaner denn nun endlich aus der Atomenergie aussteigen schließlich auch mehr, als die 20.000 Toten durch den Tsunami.

Auf fruchtbaren Boden stößt die deutsche Kritik jedenfalls nicht. Die wenigsten Amerikaner, deren Väter, Großväter und Ur-Großväter in Kriegen gegen Deutschland gekämpft haben, möchten sich nun von den Nachkommen der Väter, Großväter und Ur-Großväter, die diese Kriege angezettelt haben, über Pazifismus und Rechtsstaat belehren lassen. Vielleicht verstehen wir das irgendwann, wenn uns die Griechen Tipps für einen ausgeglichenen Staatshaushalt geben möchten.