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11. Spieltag: Details

Werder Bremen – VfB Stuttgart 2:0 (1:0)

Werder bezwingt Stuttgart mit einer engagierten und gut organisierten Leistung. Skripniks taktische Ideen neutralisieren das Stuttgarter Offensivspiel über weite Strecken. Zwei Ecken sorgen für die Entscheidung zugunsten Werders.

Die Rautenevolution geht weiter

Es hatte sich an den Tagen vor dem Spiel bereits angedeutet, dass Skripnik in seiner Heimpremiere ohne Obraniak und Aycicek beginnen würde. Stattdessen kehrte der zuvor aussortierte Elia zurück ins Team (was heißt eigentlich “Fingerspitzengefühl” auf Ukrainisch?). Was so manchem Fan Schweißperlen auf die Stirn trieb, stellte sich als cleverer Schachzug heraus, denn Skripnik setzte taktisch dort an, wo er in der zweiten Halbzeit gegen Mainz aufgehört hatte. Er hob die “Pseudo-Raute”, die Spielverlagerung letzte Woche erkannte, sozusagen auf die nächste Stufe.

Werder Bremen defensiv

Werder im 4-4-1-1 / 4-3-2-1 Zwitter gegen den Stuttgarter Spielaufbau

Gegen den Ball spielte Werder meist ein 4-4-1-1, mit Elia in einer passiven Rolle zwischen Stoßstürmer Di Santo und einer Viererkette aus Bartels, Fritz, Kroos und Junuzovic. Auf Angriffspressing verzichtete Werder über weite Strecken des Spiels, lediglich Di Santo lief ab und zu die gegnerischen Innenverteidiger an. Elia hingegen begnügte sich damit, die Passwege halblinks vor den beiden Viererketten zuzustellen und rückte manchmal sogar weit mit ein. Auf der rechten Seite gab es ein sehr interessantes Wechselspiel zwischen Fritz und Bartels, die häufiger die Positionen tauschten (was unter anderem mit Bartels Offensivrolle zusammenhing, doch dazu später mehr) und abwechselnd aus der Kette herausrückten. So ergaben sich immer wieder 4-3-2-1 Formationen, die schon gegen Mainz zu erkennen waren. Alles in allem war das Defensivspiel darauf ausgelegt, das Zentrum dicht zu machen und den Stuttgarter Aufbau auf den Flügel zu lenken.

Werder offensiv: Die Formation kippt zur Raute

Werder offensiv: Die Formation kippt mit vielen Diagonalbewegungen zur Raute

Bei eigenem Ballbesitz formierte sich Werders Mittelfeld auf recht interessante Weise um. Bartels übernahm die Rolle des Zehners, der in dieser Variante der Raute jedoch keinen Spielgestalter gab, sondern sich als Durchlaufstation hinter den beiden Spitzen postierte, teilweise sogar zu ihnen aufschloss. Elia spielte wie erwartet sehr linkslastig und ging auch offensiv häufig auf den linken Flügel. Junuzovic rückte als linker Rautenspieler ebenfalls weit mit auf. Die unter Dutt zu beobachtenden Linkslastigkeit war also immer noch präsent, wenn auch in etwas anderer Form. Allein durch diese unterschiedliche Positions- und Rollenverteilung in Defensive und Offensive ergaben sich einige interessante Rochaden im Mittelfeld, auf die sich der VfB einstellen musste. Werder bespielte nach Balleroberung im Mittelfeld die Lücken in der Stuttgarter Defensive mit direkten Vertikalpässen und kam einige Male gut durch die Halbräume an den Strafraum (so etwa bei den beiden Chancen durch Junuzovic).

Zwei Ecken entscheiden unterdurchschnittliches Spiel

Insgesamt war Werders Offensivspiel jedoch weiterhin geprägt von vielen Ungenauigkeiten im Passspiel, teils schwacher Ballverarbeitung und individuellen Fehlern bei der Entscheidungsfindung (Elia!). Letztlich war man daher aus dem Spiel heraus kaum gefährlich. Gerade das eigene Aufbauspiel weist noch viele Schwächen auf. Zum Glück für Werder hat der VfB ein massives Problem beim Verteidigen von Freistößen und Eckbällen, das im Duell zweier unterdurchschnittlicher Teams letztlich entscheidend war. Prödls Kopfballtor ist schwer zu verteidigen und fällt für mich in die Kategorie “kann mal passieren” (ein halber Scorerpunkt geht an Di Santo für sein Blockieren). Das Tor von Bartels darf hingegen aus Stuttgarter Sicht niemals fallen, so schön es auch in der Umsetzung war. Wie man als raumdeckendes Team eine flache Ecke an den Elfmeterpunkt zulassen kann, wird wohl ein Geheimnis des VfB bleiben – Armin Veh war jedenfalls sehr verärgert nach dem Spiel.

Der Bremer Sieg ist aufgrund dieser Schwäche des Gegners verdient, wenngleich Werder in der ersten Halbzeit auch etwas Glück hatte, als zunächst Gentner frei vor dem Tor eine Hereingabe mit dem Kopf nicht richtig erwischte und kurz darauf Wolf mit starker Parade gegen Harnik rettete. Nach dem 2:0 schien der Widerstand des VfB jedoch gebrochen. Wie schon in Mainz gelang es Werder mit zunehmendem Selbstvertrauen immer besser, die eigene Ordnung und den Gegner fern vom Tor zu halten. So hatte Stuttgart zwar über die kompletten 90 Minuten mehr vom Ball, verbrachte aber erhebliche Zeit damit, denselbigen durch die Abwehrreihe laufen zu lassen. Gefährliche Zuspiele an den Strafraum waren nur selten zu sehen, auch wenn in der ersten Halbzeit einige gute Diagonalbälle von links in den Strafraum gespielt wurden.

Nordderby und ein Nordlicht

Es lässt sich darüber streiten, ob die Länderspielpause für Werder zur Unzeit oder genau rechtzeitig kommt. Für die erstgenannte Theorie spricht das Momentum, jenes wunderbare Phänomen, das sich seit dem Trainerwechsel zu Werders Gunsten gedreht zu haben scheint. Dagegen sprechen die zahlreichen spielerischen Mängel in Werders Spiel, an denen in den zwei Wochen vor dem Nordderby gearbeitet werden kann. Während sich Skripniks Handschrift bislang nur auf einige wenige, aber durchaus wichtige, Umstellungen sowie eine stark veränderte Ansprache beschränkt, könnte beim Spiel in Hamburg bereits ein größerer Fortschritt im spielerischen Bereich erkennbar sein.

Nachdem Elia erneut nicht überzeugt hat, könnte Dutt Skripnik wieder auf einen seiner beiden Spielmacher in der Startelf setzen. Fin Bartels – dessen Rolle gegen Stuttgart zum Interessantesten gehörte, was Werder in dieser Saison taktisch zu bieten hatte – dürfte dann wieder neben (bzw. hinter) Di Santo rücken. Als intelligenter und konterstarker Spieler ist Bartels für Werder derzeit viel wichtiger, als ihm viele vor der Saison zugetraut hätten. In einer Zeit, in der Werder häufig im Zusammenhang mit verbranntem Kapital und Transferflops genannt wird, ist das eine willkommene Abwechslung.

Gesuchte Entscheidung

Hannover 96 – Werder Bremen 3:2

Thomas Schaafs Weg wird immer ein etwas anderer sein. Das kann man gut oder schlecht finden. Eines seiner Prinzipien lautet, dass Unentschieden unerwünscht sind. Eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung ist ihm lieber. Von daher kann er mit dem Spiel in Hannover sehr zufrieden sein.

Andere Trainer hätten sich mit einem Unentschieden zufrieden gegeben – auswärts, nach einem 0:2 Rückstand, gegen einen Gegner, der in dieser Saison zu den Champions League Aspiranten gezählt wird. Sie hätten die beiden Konter von 96 in der Schlussphase als Warnung verstanden. Sie hätten versucht, beruhigend in das Spiel einzugreifen, vielleicht einen zweiten Sechser (Ignjovski?) eingewechselt. Zumindest hätten sie an die Achter Hunt und de Bruyne die Devise ausgegeben, dass sie in der Schlussphase nicht beide nach vorne stürmen sollen.

Alles oder nichts

Werders Plan war ein anderer. Bis zur letzten Sekunde wurde die Entscheidung gesucht. Ein letzter Angriff sollte den Siegtreffer bringen, den Schiedsrichter Aytekin zuvor noch mit einem umstrittenen Pfiff gegen Sokratis verhindert hatte. Ein Ballgewinn im Mittelfeld, ein letzter Konter. Hunt lässt einen Hannoveraner aussteigen, verzögert geschickt, bis de Bruyne in Position gelaufen ist. Dabei übersieht er jedoch, dass Huszti mit zurückgesprintet ist und den Ball für Hannover abfängt. Hunt und de Bruyne bleiben stehen, können nicht mehr auf Defensive umschalten. Hannover hingegen kann auch in letzter Minute noch in hohem Tempo auf Offensive umschalten und startet einen letzten Angriff.

Zunächst ist Hannover in Unterzahl (vier gegen fünf), doch in Ballnähe sind zwei Hannoveraner in Überzahl gegen den Einsamen Sechser Junuzovic. Die beiden Stürmer binden die Viererkette. Hannover wartet, bis Außenverteidiger Rausch aufgerückt ist und spielt dann den Ball auf den Flügel. Huszti kommt im Rücken der Verteidiger an den Ball und trifft zum 3:2. Eine sinnbildliche Situation: Huszti, der in der letzten Minute den Konter des Gegners verhindert, wird belohnt. Werder, das die letzte Kraft in eine Offensivaktion steckt, wird bestraft.

Es wäre jedoch unfair, die Schaaf’sche Taktik nur anhand dieser Szene zu bewerten. Wenn die Chancen wirklich 50:50 stehen, fährt man – dank der 3-Punkte-Regel  – damit besser, als Unentschieden zu sammeln. Und in der Tat lässt sich dies auch statistisch belegen, wenn man sich die 10-Jahres-Tabelle der Bundesliga anschaut. Werder spielte seltener Unentschieden als Schalke, Dortmund und Stuttgart, verlor häufiger, gewann aber auch häufiger und holte damit insgesamt mehr Punkte. Dennoch muss man festhalten, dass Werder in den letzten beiden Jahren nicht mehr zur Bundesligaspitze zählte und die Wirksamkeit der Alles-oder-Nichts-Taktik zumindest in der derzeitigen Situation hinterfragt werden sollte.

Das Bremer Loch

Dass es überhaupt zu dieser dramatischen Schlussphase kam, hatte Werder einer bemerkenswerten Leistung in der zweiten Halbzeit zu verdanken. Nach 10 Minuten hatte man bereits mit 0:2 zurückgelegen und tat sich sehr schwer überhaupt ins Spiel zu kommen. Hannover kontrollierte die Anfangsphase ohne viel Druck zu machen. Dabei bestätigten die Roten wieder einmal, dass sie sich nicht viele Chancen herausspielen müssen, um Tore zu schießen. Huszti nutzte gleich die erste Gelegenheit mit einem direkt verwandelten Freistoß, bevor Andreasen seine Serie mit einem Kopfballtor nach einer Flanke des Ungarn fortsetzte. Das Spiel schien bereits entschieden zu sein.

Beim zweiten Tor wurde wieder einmal eines der größten Probleme in Werders Spiel ersichtlich. Der Ball befindet sich zunächst auf dem rechten Flügel und mit ihm das Bremer Mittelfeld. Bargfrede steht als alleiniger Sechser fast an der Außenlinie. Vor der Viererkette ist einen Raum von ca. 20 x 30 Metern völlig verwaist und ermöglicht so einen Pass vom rechten Außenverteidiger auf Sobiech, der sich fünf Meter zurückfallen lässt und den Ball in aller Ruhe auf den linken Flügel bringen kann. Danach ist der Angriff für Werder schwer zu verteidigen, da Hannover keinen Fehler macht. Leider gehört dieses Loch inzwischen zu Bremen, wie der Roland und die Stadtmusikanten.

Das Bremer Loch im Mittelfeld vor dem 0:2

Der Ball ist auf Werders linker Seite, Bargfrede steht weit auf dem Flügel, Hunt und de Bruyne sind in Hannovers Hälfte, vor der Abwehr klafft ein Loch, in das der Ball gespielt wird

Angriff im Rücken des Mittelfelds

Sobiech treibt den Ball vor der Viererkette in Richtung rechte Bremer Abwehrseite, Huszti läuft sich auf dem Flügel frei, Selassie muss einrücken, um den Pass durch die Schnittstelle zu verhindern

Huszti flankt auf Andreasen

Der Rest ist für Werder kaum zu verhindern: Selassie stellt Huszti, kann aber dessen präzise Flanke nicht unterbinden, im Strafraum zieht Andreasen zum kurzen Pfosten und kommt vor Sokratis an den Ball

Viele positive Ansätze

Zwischen der 10. und der 92. Minute gab es allerdings auch viele gute Spielzüge von Werder zu sehen. Vor allem in der Offensive agiert die Mannschaft sehr variabel und nutzt die Vorteile der doppelt besetzten Flügel gut aus. Ein Standard-Spielzug dieser Saison ist ein Rückpass vom Außenstürmer oder Achter auf den Außenverteidger, gefolgt von einem langen Pass die Linie entlang, den der Außenstürmer (oft nach einer Finte) erläuft. Mit ihrer Schnelligkeit können Elia und Arnautovic so häufig hinter de Außenverteidiger kommen und gefährliche Angriffe einleiten. Auch Diagonalpässe auf den Flügel sind inzwischen fester Bestandteil des Bremer Spiels. Das Kombinationsspiel im Zentrum war auf gutem Niveau und stellte Hannover vor allem nach der Einwechslung Junuzovics vor Probleme. Im Spielaufbau ließen sich Hunt und de Bruyne häufig (insbesondere für Bremer Verhältnisse) weit nach hinten fallen und entlasteten so die Innenverteidigung. Durch die größere Variabilität im Spiel fällt es dem Gegner schwerer, sich auf das Bremer Spiel einzustellen.

Auch gegen den Ball arbeitete Werder gut. Beim Pressing fand man eine gute Mischung aus Abwarten und Draufgehen. Wann immer Hannovers Aufbauspieler eine Schwäche zeigten, wurden sie von Werders Offensivabteilung unter Druck gesetzt. In der zweiten Halbzeit konnte man den gegnerischen Aufbau so weitgehend kalt stellen und das Spiel phasenweise komplett in Hannovers Hälfte verlagern. Die Raumaufteilung zwischen de Bruyne und Hunt stimmte meistens, so dass Hannover den Ball nur selten durch die Mitte in das oben beschriebene Loch spielen konnte. Insgesamt zeigte Hannover nach der Führung eine enttäuschende Leistung. Das Passspiel – von mir vor dem Spiel noch gelobt - war auf schwachem Niveau. Beeindruckend bleibt aber die derzeitige Effizienz in der Offensive. Allein darauf sollten sie sich im weiteren Saisonverlauf nicht verlassen und die Entwicklung des Passspiels vorantreiben, dann ist vieles drin für 96.

Im Hinblick auf den im Sommer begonnenen Umbruch zeigt Werder eine insgesamt gute Entwicklung. Zwar fehlt es dem Spiel noch in einigen Bereichen an Präzision und das System wirkt noch nicht an allen Stellen ausgereift. Dennoch scheint Thomas Schaaf die Mannschaft auf einen guten Weg gebracht zu haben. Es sind viele Zutaten vorhanden, die eine (zukünftige) Spitzenmannschaft braucht. Entscheidend für den Weg dahin wird es meiner Meinung nach sein, dass man das Loch im defensiven Mittelfeld schließt. Diese Baustelle hat Schaaf jahrelang nicht beachtet und ich bin sehr gespannt, ob sich das in dieser Saison ändert. Solche Spielsituationen wie vor dem 0:2 machen es dem Gegner einfach zu leicht, Werder vor Probleme zu stellen.

Unter Wert

Bayern München – Werder Bremen 4:1

Zum fünften Mal aus den letzten sechs Spielen verliert Werder gegen Bayern München und verliert dadurch den Anschluss an die Spitzengruppe. Unterm Strich steht eine verdiente Niederlage, die jedoch längst nicht so deutlich zustande kam, wie es das Endergebnis suggeriert. Die Bayern wären an diesem Tag wieder schlagbar gewesen, auch für Werder.

1. Halbzeit: Mit Mann und Maus

Das Spiel begann intensiv und schnell wurde die erwartete Ausrichtung erkennbar. Die Bayern hielten den Ball in den eigenen Reihen und versuchten, ihre starken Flügelspieler in Szene zu setzen. Werder stand ähnlich kompakt, wie gegen Stuttgart, verzichtete auf Pressing in der gegnerischen Hälfte und verteidigte ab der Mittellinie konsequent nach außen, um Ribery und Müller möglichst weit entfernt vom Strafraum an den Ball kommen zu lassen. Die Gegenstöße der Bremer machten in den ersten 20 Minuten einen durchaus gefährlichen Eindruck, doch zu Torabschlüssen kam man nicht.

Eine Standardsituation brachte dann das 1:0 für die Bayern. Hunts Freistoß wurde geklärt und im Anschluss kassiert Werder mal wieder ein prototypisches Gegentor. Ich verstehe einfach nicht, warum man Jahr um Jahr dieses gewaltige Risiko bei eigenen Standards eingeht. Bargfrede als einzige Absicherung im Mittelfeld bedeutet, dass ein verlorener Zweikampf reicht, um die Bayern in Überzahl aufs Tor stürmen zu lassen. Der Konter war dann ein Musterbeispiel für durchdachtes Überzahlspiel. Die Stürmer kreuzen und machen es so für die beiden Bremer ungemein schwer, sich für den Schritt in die Mitte zu entscheiden, der einen Gegenspieler völlig frei werden ließe. So hatte Ribery die Lücke vor sich und konnte problemlos – mit einem sehr schönen Schuss – die Chance verwandeln.

Danach änderte sich kaum etwas am Spiel. Bayern drückte, Werder stand gut und hielt dem Druck insgesamt stand. Die wenigen Gegenangriffe wurden jedoch immer ungenauer und so stand unterm Strich zur Pause nur ein einziger (abgeblockter) Torschuss für Werder. Doch auch die Bayern hatten nur 5 mal aufs Tor geschossen und aus dem Spiel heraus keine einzige klare Torchance herausgespielt. Deshalb war die Partie trotz aller optischen Überlegenheit zur Pause nicht entschieden.

2. Halbzeit: Die Wechsel entscheiden das Spiel

In der Halbzeitpause brachte Schaaf Rosenberg für Arnautovic und wenige Minuten später stand es plötzlich 1:1. Es war genau die Art Spielzug, mit dem man einem überlegenen Gegner gefährlich werden kann. Ein vertikaler Pass auf Pizarro, eine gute Ballbehauptung, eine clevere Ablage, ein starkes Dribbling und ein eiskalter Torabschluss. War das wirklich der Markus Rosenberg, der vor einer Woche aus fünf Metern keinen Möbelwagen getroffen hätte?

In der Folge änderte sich das Spiel gewaltig. Werder agierte wesentlich mutiger, hatte mehr Spielanteile und schien dem zweiten Tor eine Zeit lang näher, als die Bayern. In dieser Phase zeigte sich, wie zerbrechlich die Bayern derzeit sind, wenn man selbstbewusst und mit intensivem Laufpensum dagegenhält. Leider fiel genau in diese Phase der vielleicht beste Angriff der Bayern. Kroos hervorragender Steilpass wurde von Gomez gut auf Müller weitergeleitet, der das ausgestreckte Bein von Wolf gerne annahm. Den Elfmeter verwandelte der eingewechselte Robben sicher.

Die folgenden Minuten wurden für Werder dann richtig bitter. Es war, als hätte man kollektiv den Selbstzerstörungsknopf gedrückt. Schaaf brachte Wagner für Marin und von dem Moment an schlug das Übergewicht der Bayern im Mittelfeld voll durch. Die Verunsicherung wuchs von Minute zu Minute und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Bayern einen der Ballverluste (in diesem Fall von Ignjovski) in ein Tor verwandeln würden. Bei Aaron Hunt entlud sich der Frust in einem schlimmen Foul, das Toni Kroos zum Glück unbeschadet überstand. Das war genau diese Art Foul, die häufig zu schlimmen Verletzungen führt und bei allem Verständnis für die Frustration gibt es keinerlei Rechtfertigung dafür, zumal er auch dem Team durch seine Sperre schadet. Gerade Hunt ist in dieser Saison für Werder schwer zu ersetzen (bis auf die Schlussphase in Gladbach stand er in jedem Spiel 90 Minuten auf dem Platz).

Der ewige Opportunist am Mikrofon

Ich frage mich wirklich, warum ich mich nach all den Jahren immer noch über Marcel Reifs Opportunismus ärgere. Vielleicht liegt es daran, dass er das Spiel eigentlich so gut lesen kann, wie kein anderer deutscher Fußballkommentator. Im Kleinen liegt Reif nur selten daneben, aber im Großen macht er sich komplett abhängig vom Ergebnis. Die Interpretation des Geschehens erfolgt einzig und allein bezogen auf den Spielstand. Was beim Stand von 0:0 ideenlos ist, ist bei 1:0 absolute Dominanz. Sicherlich muss man eine sehr defensiv ausgerichtete Taktik bei einem Rückstand anders bewerten, als bei einem 0:0, aber Reif tut es zu einem so frühen Zeitpunkt und mit solcher Inbrunst, dass man seine späteren Meinungsänderungen nicht mehr ernst nehmen kann.

Nach der Führung waren die Bayern nach Reif’scher Ansicht haushoch überlegen und Werder zur Pause nur mit Glück noch nicht hoffnungslos im Rückstand. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff erkannte Reif jedoch plötzlich einen verdienten Ausgleich und viele gute Bremer Szenen, bis zum Elfmeter für die Bayern, den Robben zum natürlich ebenfalls hochverdienten 2:1 einschoss. Es scheint für ihn einfach nicht möglich zu sein, ein Spiel in seiner Gesamtheit ebenso differenziert zu bewerten, wie er es häufig bei einzelnen Spielszenen tut. Es gibt immer einen Sieger, der alles richtig gemacht hat und einen Verlierer, der so hart wie möglich zu kritisieren ist. Fußball als Tautologie. Man hat fast den Eindruck, dass Reif sich von Verlierern persönlich beleidigt fühlt. Das ist wirklich schade um einen so fähigen Kommentator.

Fazit: Nicht reif genug

Unterm Strich steht eine deutliche Niederlage, die fünfte in dieser Saison und die fünfte gegen einen direkten Konkurrenten (auch wenn Bayern nicht Werders Kragenweite ist). Aus taktischer Sicht hat Schaaf vieles richtig gemacht, zumindest was die Grundausrichtung und die Justierung in der Halbzeit angeht. Obwohl Robben und Ribery jeweils einen Doppelpack erzielten, wurde das Spiel nicht durch die Flügelzange entschieden. Letztlich hat es Werder dem FCB – vor allem gemessen am Aufwand im Spiel gegen den Ball – zu einfach gemacht und das Spiel nach dem erneuten Rückstand völlig aus der Hand gegeben.

Dass Werder keine Spitzenmannschaft ist, war schon vor dem Spiel klar. Das sollte gerade in dieser Hinrunde auch nicht der Anspruch sein. Wen man weiter so arbeitet wie bisher, könnte es aber reichen, um Best of the Rest zu werden.

Quo Vadis Werder Bremen? Eine Analyse nach dem Trainingslager in Belek

Der Beginn der Rückrunde steht vor der Tür und es gab hier im Blog noch keine wirkliche Analyse der Situation bei Werder am Ende der Winterpause. Meine begrenzte Zeit ließ es leider nicht zu. Daher trifft es sich gut, dass Sebastian Cario (@elcario bei Twitter) einen Gastbeitrag geschrieben hat. Sebastian war beim Trainingslager in Belek vor Ort und hier ist seine – wie ich finde – sehr aufschlussreiche und fundierte Analyse:

Vom 03. Bis 11. Januar 2011 hatte ich die einmalige Möglichkeit mit Werder Bremen ins Trainingslager zu reisen und so hautnah an der Mannschaft zu sein. Insgesamt war das für mich persönlich eine großartige Erfahrung. Mehr als mein persönliches Befinden und den Spaß den ich dort hatte interessiert den geneigten Leser aber der Zustand des Teams und die Dinge, die man als daheimgebliebener und medial abhängiger Fan nicht zu sehen bekommt. In der guten Tradition dieses Blogs werde ich in den nun folgenden Zeilen eine Analyse wagen, die aus den Eindrücken des Trainingslagers (ich habe kein Training verpasst), kombiniert mit den Erkenntnissen aus Diskussionen mit Fans, Betreuern, Offiziellen und auch Spielern, ergeben hat.

An erster Stelle steht dabei die Suche nach den Ursachen der Krise.

Die Verletzten

Wir blicken heute auf die schlechteste Hinrunde einer Werdermannschaft unter Trainer Schaaf zurück und über die Umstände ist bereits viel geschrieben worden. Sicher ist, dass wir großes Verletzungspech hatten und wichtige Stützen des Teams häufig fehlten. Dabei schmerzt besonders der Verlust von Naldo, der ein viel wichtigerer Spieler ist, als es ich je vermutet hatte. Zum Einen weil er immer Torgefahr ausstrahlt, bei Freistößen, nach Eckbällen und aus dem Spiel (Sololäufe) heraus. Zum Anderen da er sein gutes Stellungsspiel hat, eine hohe Geschwindigkeit an den Tag legt und ein großartiges Spielverständnis aufweist. Er ist schlicht ein sehr guter Innenverteidiger. Zwar hatte Vertreter Prödl auch mal ein Klops in seinem Spiel, aber insgesamt machte er die Sache als Innenverteidiger meines Erachtens nach gut. Eines aber kann er noch nicht leisten, denn mehr als der Innenverteidiger Naldo, fehlte uns aber der Spielgestalter Naldo. Der strukturierte Spielaufbau aus dem Abwehrzentrum ist eine zentrale Aufgabe Naldos gewesen, die er gut meisterte, wie man heute erkennen muss. Auch durch seine gefürchteten Alleingänge musste er immer direkt gestellt werden und konnte so eine menge Räume im Mittelfeld schaffen. Merte mag ein zwar ebenfalls ein guter IV sein, aber sein Spielaufbau ist durchsichtig und fad. Frings kann dieser Aufgabe auch nicht gerecht werden, dafür scheint er in seinen Bewegungen mittlerweile einfach zu langsam.

Auch Pizarro fehlte an allen Ecken und Ende. Im Trainingslager wurde einmal mehr deutlich, das dieser Spieler für uns einfach unersetzlich. Trotz fortgeschrittenem Alter [sic] war er einer der wenigen, der sich in jedem Training und in jedem Testspiel voll reingehangen hat. Beim Torabschluss schaffte es nur Pizarro auf eine annehmbare Erfolgsquote zu erzielen. Alle Anderen erwiesen sich häufig genug als Chancentod. Marin lupfte mehr als dass er schoss, Arnautovic prügelte die Bälle zumeist einfach drüber, Hunt schoss auf den Mann und Wagner traf nur den Pfosten oder die Latte. Um es mit den Worten von Mitreisefan Frank zu sagen: „Ich könnte jedes Jahr kotzen, dass Pizarro schon wieder älter wird.“ Aber: Verletzungspech hatten auch andere. Der HSV beispielsweise steht trotzdem (für seine Verhältnisse) noch ganz passabel da, obwohl reihenweise Stammkräfte fehlen. Es zeigt sich also einmal mehr, dass Werder Ausfälle von Schlüsselspielern einfach nicht kompensieren kann. Als zum Ende der Hinrunde auch noch „Pferdelunge“ Almeida und der aufstrebende Wesley fehlten war das Team völlig aufgeschmissen. Es aber allein an Personalproblemen festzumachen, wäre zu einfach.

Das System

Erschwerend kommt auch hinzu, dass Schaaf in den letzten Jahren vom 4-4-2 mit Raute zu einem 4-2-1-3 System gewechselt ist, welches er sehr variabel während des Spiels mal als echtes 4-3-3, mal als 4-5-1 spielen lassen will. Das Problem, dass auch dieses System von einem starken Spielaufbau abhängig ist, zeigte sich besonders in den Partien, in denen Werder gefordert war die selbst Initiative zu übernehmen. Hier fehlte ein Spielmacher, der die Bälle verteilt und sich als Anspielstation permanent anbietet. Zu oft verkrochen sich die Außenstürmer auf den Flügeln. Erhielten sie dann doch mal den Ball, waren die Innenverteidiger und die Mittelfeldspieler nur selten bereit zu helfen und sich anzubieten. Besonders in den Testspielen fiel wiederholt auf, dass die Bälle einfach steckenblieben, weil ein konsequentes Nachrücken nicht stattfand. Manchmal hatte es den Anschein die Spieler würden sogar Angst davor haben durch zu das Aufrücken in einen Konter zu laufen. Hinzu kommt der – durch den Ausfall Naldos bedingte -mangelhafte Spielaufbau aus der Verteidigung und das Durcheinander auf der zentralen Position.

Gegen Eskisehirspor gab es einige Szenen, in denen das taktische Konzept völlig fehlschlug und sich bei Angriffen gleich 5 Spieler auf wenigen Metern vor dem Strafraum tummelten. Das Spiel wurde dadurch so eng, dass an eine Torchance nicht zu denken war. Man muss festhalten, dass es auch häufig an der taktischen Disziplin liegt, die bei Misserfolg von den Spielern selbst über den Haufen geworfen wird. Deshalb lässt sich hinterfragen, ob ein „einfacheres“ System nicht vielleicht die bessere Option wäre. Zwar waren wir im 4-4-2 mit Raute häufig leicht ausrechenbar, aber die Erfolge könnten wir uns bedingt durch die taktische Disziplin und Einzelaktionen oft genug trotzdem holen. Nicht, dass das 4-3-3 grundsätzlich schlecht wäre, es erscheint mir momentan einfach nicht als tragbar und zu komplex. Erst recht bedingt durch das Spielermaterial das derzeit zur Verfügung steht.

Die Problemkinder

Was auch als Fan außerhalb des Platzes deutlich zu sehen war: Werder hat einige Problemkinder, die sich nicht gerade als Motivationsbombe für die Mannschaft erweisen. Aaron Hunt beispielsweise, wirkte auf mich in diesen Tagen völlig abwesend. Klar, er war noch nie ein Sonnenschein, aber ich habe selten einen Menschen so wenig (gar nicht) lachen sehen. Ich weiß selbstverständlich nicht was in ihm vorgeht und eine Ferndiagnose ist sehr gewagt. Dennoch hat sein Verhalten auf und neben dem Platz für mich depressive Züge. Dies wird vor allem deutlich, dass er während des Spiels nur selten mit seinen Mitspielern kommuniziert, bei gelungenen und misslungenen Aktionen keine Reaktion zeigt. Seine Körperhaltung und sein Ausdruck sind so emotionslos, dass man das Gefühl haben muss, eine leere Hülle ohne Seele steht dort auf dem Platz.

Ein weiteres Problemkind ist für mich Sandro Wagner. Er scheint mir wenig in das Team integriert zu sein, redet außerhalb des Platzes kaum mit seinen Mitspielern und hat anscheinend kein Standing in der Mannschaft. Dazu kommt dann auch noch das viele Pech im Torabschluss, dass ihm in den vergangenen Monaten hold war. Nach so einer Verletzung ist es eh schon besonders wieder Anschluss zu finden. Und dies für ihn noch in einer völlig fremden Mannschaft. Auch im Training fehlten ihm im Torabschluss häufig nur wenige Zentimeter, dass er mir fast schon ernsthaft leid tat. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass irgendwann der Knoten platzt und er dann nach Belieben trifft. Hoffen wir, es passiert bald. Immerhin hinterließ er auf mich einen besseren Eindruck, als Marko Arnautovic, der ebenfalls unter latenter Abschlussschwäche leidet. Aber nicht nur darunter. Arnautovic verhält sich auf dem Platz zumeist wie eine stolze Koryphäe. Aber neben dem Platz leidet er meiner Ansicht nach unter einem gewaltigen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, was ihn zu einer großen Belastung für die ganze Mannschaft machen kann. Dies merkt man auch als Außenstehender auch an seinem Verhalten neben dem Platz. Wenn keiner der anderen Spieler mit ihm spricht, beginnt er häufig damit andere anzustoßen, ihnen an das Ohr zu schnippen oder lauthals zu pfeifen. Das kann schon dazu führen, dass das Nervenkostüm der Mitspieler häufiger arg strapaziert wird und somit nicht zur Teamstimmung beiträgt.

Die Kaderplanung

Auch in Belek wurde viel zu Neuverpflichtungen spekuliert und täglich neue Namen gehandelt. Zu der Baumjohann-Geschichte habe ich ja getwittert,  auch die Reaktionen darauf im Worum sind mit nicht verborgen geblieben. Was durch diese Geschichte wieder einmal deutlich wurde ist, dass unser Gehaltsbudget ziemlich aufgebraucht ist. Das ist ein Problem, dass mit guten und teuren Spielern keines wäre, uns bei knappen Kassen aber besonders hart trifft. Wir haben beispielsweise in Jensen einen Spieler, der nach seiner Vetragsverlängerung sehr viel Geld verdient, aber derzeit keine Leistung bringt. Noch krasser ist dies im Fall von Vranjes, der noch immer auf unserem Gehaltszettel steht. Auch Silvestre wird nicht für einen warmen Händedruck spielen. Borowski möchte ich aus dieser Liste etwas heraushalten, denn sein Wert ist nicht nur auf das Spiel zu reduzieren. Er ist einer, der sich außerhalb des Platzes sehr einbringt und innerhalb der Mannschaft sehr wichtig ist, auch wenn er nicht in der Startelf steht. Das jedenfalls hört man aus dem Mannschaftsumfeld und ist auch beim Training zu beobachten. Das man aber auch auf dem Feld mehr von ihm erwartet sollte klar sein.

In einem optimalen Zukunftsszenario in Sachen Kaderplanung werden wir Jensen, Silvestre und Vranjes im Sommer los. Dazu triff Frings aus dem aktiven Geschäft zurück. Somit sollten uns dann brach liegende Gehaltsbudgets von 6 bis 8 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Man kann sicher Allofs den Vorwurf machen nicht weit genug gedacht zu haben, auf der anderen Seite würde uns ein Jensen in Topform schon ordentlich helfen und das Geschrei bei einem ablösefreien Weggang wäre groß gewesen. Auch die Abgabe von talentierten Jungspielern in der Vergangenheit tut in dieser Saison besonders weh, wie hilfreich hätte ein Dennis Diekmeier für uns heute sein können? Meiner Ansicht nach hat der Kader zu wenig „frisches Blut“ erhalten und benötigt dringend eine Selbstreinigung. Immerhin gibt es aber auch ein paar hoffnungsvolle Talente aus der Jugend.

Die Hoffnungsträger

In den Einheiten habe ich oft die mitgereisten Amateure und Jungspieler genauer beobachtet. Besonders gefallen hat mir vom Einsatz, Willen und Leistungsvermögen Clemens „Schoppe“ Schoppenhauer. Der achtzehnjährige Defensivspieler ging mit ordentlich Biss zur Sache und zeigte mit einigen starken Schüssen auch im Torabschluss sein Talent. Auch Lennart Thy zeigte sich mutig, versuchte auch in den Testspielen viel, auch wenn nicht alles gelang. Völlig klar ist aber auch, dass uns die beiden in der aktuellen Situation nicht helfen können und man bei jungen Spielern noch abwarten muss, ob der Sprung zu den Profis irgendwann gelingt. Von den Trainings- und Spieleindrücken der Spieler Testroet, Düke, Wiedwald und Balogun war ich nicht besonders angetan.

Die beiden besten Spieler des Trainingslagers waren für mich eindeutig Dominik Schmidt und Sebastian Mielitz. Der Vander-Ersatz zeigte einige überragende Paraden und war meiner Meinung nach auch deutlich stärker als Wiese. Hier ist es fast schade, dass Tim über eine absolute Stammplatzgarantie verfügt. Besonders aufgefallen ist mir die Spielkompetenz und die Beidfüssigkeit von Mielitz, der in Drucksituation oft eine fußballerische Lösung fand, wohingegen Wiese einfach nur den Ball wegdrosch. Auch die Abschläge und Abwürfe schienen mir wesentlich besser als die der Nummer Eins. Was ihm bisher fehlt ist die Erfahrung, generell sollten wir uns aber um unseren Ersatztorwart keine Sorgen machen. Bleibt zu hoffen, dass Sebastian uns noch länger erhalten bleibt.

Dominik Schmidt war für mich auf dem Feld klar der beste Mann, deshalb ist es umso bedauerlicher, dass er gegen Hoffenheim ausfällt. Hinten stand er bis auf wenige Ausnahmen sehr sicher und auch nach vorn schaltete er sich häufig mit ein. An seinen Flanken kann er zwar noch arbeiten, aber wenigstens sucht er die Möglichkeit. Etwas, was von den anderen Außenverteidigern nicht gerade zu behaupten ist. Ich persönlich bin sehr auf die Rückkehr von Boenisch gespannt, der in Schmidt einen ernstzunehmenden Konkurrenten gefunden hat. Wenn sich Dominik in seinen Leistungen stabilisieren kann und auch das Team insgesamt wieder besser zueinander findet, kann ich mir sogar vorstellen, dass er auch zukünftig der gesetzte LV sein wird und damit eine Baustelle stopft, die seit dem Weggang von Paul Stalteri besteht. Dann sollte aber auch die Vertragsverlängerung Schmidts in trockenen Tüchern sein.

Teamstimmung

In der Presse wurde häufig von „sehr guter“ Stimmung im Team berichtet, etwas, was ich nur teilweise nachvollziehen kann. Den Spielern war der Druck auch im Training stetig anzumerken, oft wurde gemeckert und moniert, sich verbal mit den Trainern und untereinander auseinandergesetzt. Im Kopf behalten haben ich zwei Szenen: Nach einem leichten Nachhaken von Thy an Kroos ging dieser auf den U-17 Europameister los und setzte sogar zu einem Kopfstoß an, der zum Glück nicht zum Ziel führte. In einer anderen Szene meckerte Jensen permanent über die Schiedsrichterentscheidungen von Wolfgang Rolff, was der mehrfach mit erbosten Worten konterte. Von „sehr guter“ oder „gelöster“ Stimmung kann auf dem Platz jedenfalls keine Rede sein. Wie es im Mannschaftshotel zugeht kann ich zwar nicht genau sagen, aber auch abseits des Platzes wirkte die Mannschaft nie wie ein echtes Team. So musste beispielsweise Neuzugang Danni Avdic immer alleine den Fußmarsch ins Hotel antreten, ohne dass sich ein anderer Spieler zu ihm gesellte oder sich mit ihm unterhielt. Integration sieht meiner Meinung nach anders aus, hier sind die Führungsspieler gefragt, die ihren Aufgaben anscheinend nicht nachkommen. Gleiches galt auch für Sandro Wagner, der ebenfalls völlig unintegriert erschien.

Die Führungsspieler

Werders Führungsspieler sind meiner Meinung nach nicht nur neben dem Platz, sondern auch auf dem Platz eine weitere Ursache für Werders Krise. Hier macht sich das Fehlen von Frank Baumann absolut bemerkbar, auch wenn ich bis vor kurzem nie geglaubt hätte so etwas einmal zu schreiben. Frings ist als Führungsspieler zwar ohne Frage wichtig, aber in entscheidenden Situationen oft überfordert (man denke an die WM2006 nach dem Spiel gegen Argentinien) und einfach nicht ruhig genug. Frings ist schnell mit sich selbst unzufrieden und wirkt statt beruhigend nur aggressiv auf seine Mitspieler ein. Baumann konnte auch bei einem Gegentor motivieren, die Lage beruhigen und das Spiel neu sortieren. Zusätzlich war er außerhalb des Platzes stets bemüht die Mannschaft zu einer Einheit zu formen. Auch an diesen Punkten sehe ich großes Verbesserungspotenzial. Spieler wie Mertesacker, Fritz und Wiese sind gefordert mehr Verantwortung zu übernehmen und das Team auf und neben dem Platz zu führen. Ohne eine echte Einheit werden wir keinen Erfolg haben (können).

Fazit

Insgesamt wurde für mich deutlich, dass die schlechte Hinrunde nicht auf einige wenige Ursachen zurückzuführen ist. Wir haben es hier eindeutig mit der Verkappung von etlichen Umständen zu tun, die allesamt auf unsere missliche Lage einzahlen. Deshalb wird es auch keine Patentlösung geben. Ich selbst habe die Hoffnung, dass wir die Saison auf Grund unserer individuellen Klasse noch halbwegs über die Runden (Platz 8 bis 12) bringen und dann im Sommer ein großer Schnitt gemacht wird. Im Idealfall können wir durch Abgänge unser Gehaltsgefüge wieder in die richtige Bahn bringen und einige junge, motivierte Spieler verpflichten, um dann zur Saison 2011/12 wieder voll anzugreifen. Ich hoffe, dass dieser Schnitt nicht ausbleibt, denn mit der aktuellen Personalsituation und Mannschaftsatmosphäre halte ich langfristigen Erfolg nicht für möglich.