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Werder Bremen – Bayern München 4:1

Die Meisterschaft ist wieder spannend. Am 28. Spieltag fügte Werder dem Tabellenführer eine herbe Niederlage zu und ist nun punktgleich mit den Bayern.

Umstellungen und starke Bayern

Beide Trainer mussten vor der Partie umstellen. Bei den Bayern fehlte Jan Wouters, für den der wiedergenesene Lothar Matthäus zurück in die Startaufstellung rückte. Matthäus hatte sich unter der Woche auch im vereinsinternen Machtkampf mit Mehmet Scholl um die Rückennummer 10 durchgesetzt. Scholl lief mit Wouters etatmäßiger Nummer 7 auf. Auch Werder hatte einen Ausfall zu beklagen. Libero Rune Bratseth fehlte (wie auch Wouters) aufgrund eines Länderspiels seiner Nationalmannschaft und wurde von Frank Neubarth ersetzt. Spielmacher Andreas Herzog war rechtzeitig zum Spiel fit geworden und konnte – dank Schmerzmitteln – die Partie bestreiten.

Werder begann das Spiel mit viel Biss und setzte Bayern in der Anfangsphase gehörig unter Druck. Die Manndeckung wurde konsequent eingehalten, sodass den bayerischen Mittelfeldspielern kaum Platz zur Entfaltung gelassen wurde. Doch es war die Mannschaft von Erich Ribbeck, die die erste Halbzeit dominierte. Während Werders Angriffe sehr schematisch vorgetragen wurden und meistens in einfach zu verteidigenden Flanken endeten, setzten sich die Flügelspieler der Bayern häufig in Szene und stellten Werder vor Probleme. Vor allem Chrisitan Ziege auf der linken Seite entwischte seinem Gegenspieler Thomas Wolter immer wieder im Rücken. Folgerichtig war es auch Ziege, der die Führung für den Rekordmeister erzielte.

Herzog fällt, Rufer eiskalt

Werder konnte sich bei Oliver Reck bedanken, dass es zur Pause keinen höheren Rückstand zu beklagen gab. Der Bremer Keeper rettete mehrfach in 1-gegen-1-Situationen. Doch nicht nur das, kurz vor dem Pausenpfiff fiel tatsächlich noch das schmeichelhafte 1:1. Andreas Herzog setzte sich mit einer Einzelaktion gegen drei Bayern durch und kam im Strafraum zu Fall. Die Zeitlupe zeigte, dass eine Berührung vorlag, aber Herzogs theatralischer Fall gab der Szene einen faden Beigeschmack. Schiedsrichter Aust gab den Elfmeter, den Wynton Rufer auf seine unnachahmliche Art verwandelte: Er wartete, bis sich der junge Ersatztorwart Uwe Gospodarek für eine Ecke entschied und schob den Ball dann lässig in die andere Ecke.

Nach dem Seitenwechsel brachte eine ähnliche Szene dann die endgültige Wende des Spiels. Werder kam hellwach aus der Pause und nach einem langen Ball von Legat auf Herzog zeigte Aust erneut auf den Punkt. Gospodarek hatte Herzog an der Strafraumgrenze berührt, doch auch hier zeigte die Zeitlupe, dass es Herzog war, der den Kontakt suchte und sich dann fallenließ. Rufer war dies egal und er verwandelte auch seinen zweiten Elfmeter des Spiels zu seinem 14. Saisontor. Es war in der gesamten Saison der erste Bremer Treffer in der Phase zwischen der 45. und 60. Minute.

Rehhagels clevere Umstellung, Wohlfahrt macht den Mill

Nach Werders Führungstreffer erlebten die Fans im Weserstadion eine offene Partie mit vielen Torchancen auf beiden Seiten. Es ging in hohem Tempo hin und her, das Mittelfeld wurde  von beiden Teams schnell überbrückt. Die größte Chance in dieser Phase vergab der für den verletzten Bruno Labbadia eingewechselte Roland Wohlfahrt, der einen Abpraller vom Pfosten aus zwei Metern am leeren Tor vorbeischob. Vielleicht hatte ihn Oliver Recks Torwarttrikot im Patchwork-Look irritiert. Mit zunehmender Spieldauer erhöhten die Bayern das Risiko und ermöglichten Werder somit die Chance auf Konter.

Es war jedoch eine Umstellung Otto Rehhagels, die das Spiel zugunsten der Bremer kippte. Er wies Spielmacher Herzog an, ein Stück weiter vorne zu agieren, während sich Rufer und Hobsch nach hinten fallenließen und so die Manndecker aus ihren Positionen zogen. Bayern brauchte zu lange, um sich darauf einzustellen. Schon bei der Elfmetersituation war Herzog in der Sturmspitze aufgetaucht und auch bei vorentscheidenden 3:1 nahm wieder diese Position ein. Einen Konter mit 2-gegen-1-Überzahl schloss der Österreicher nach Vorarbeit von Marco Bode sehenswert ab.

Werder kontert und lauert auf die Meisterschaft

In der Folge warf Bayern alles nach vorne, doch es war bereits zu spüren, dass die letzte Überzeugung verloren gegangen war. Zehn Minuten vor dem Ende traf Bernd Hobsch nach einem weiteren schnellen Konter zum 4:1 für die Gastgeber. Danach war die Luft aus dem Spiel. Werder kontrollierte die Schlussphase während das Spiel dem Ende entgegen plätscherte. Rehhagel nutzte die Gelegenheit und brachte für Doppeltorschütze Wynton Rufer Routinier Thomas Schaaf in die Partie, der sein 250. Bundesligaspiel feiern durfte. Kurz darauf feierte das ganze Weserstadion den Sieg, der letztlich etwas zu hoch ausfiel, aufgrund der Leistungssteigerung in Halbzeit 2 und Herzogs furiosem Auftritt in der Sturmspitze jedoch verdient war.

Die Schlussphase der Saison verspricht nun spannend zu werden, denn Werder trennen nur noch zwei Tore von der Tabellenspitze. Auch Dortmund und Frankfurt können sich mit zwei bzw. drei Punkten Rückstand noch Hoffnungen auf den Titel machen. Der Sieg sollte Werder in jedem Fall Schwung für die verbleibenden sechs Spiele geben. Als nächstes geht es auswärts gegen Wattenscheid 09, während die Bayern mit Stuttgart den weitaus stärkeren Gegner haben. Wer weiß, vielleicht gelingt es den Grünweißen ja sogar, sich für den verspielten Titel 1986 zu revanchieren und den Bayern kurz vor Schluss noch die Tabellenführung, die sie seit dem 1. Spieltag innehaben, zu entreißen. Wer hätte davon nach dem verkorksten Saisonstart schon zu träumen gewagt?