Schlagwort-Archiv: Andrey Arshavin

Meine EM: Russland und das vermauerte Tor

Russland ist für mich das vielleicht am schwierigsten einzuschätzende Team. Wann immer ich sie in den letzten vier Jahren spielen gesehen habe, waren sie gut. Sie spielen technisch hochwertigen, schnellen Fußball. Allerdings fehlt ihnen der letzte Punch, der sie bei der letzten Europameisterschaft bis ins Halbfinale führte. Vor dem gegnerischen Tor verbreiten sie trotz guter Spielanlage und technisch beschlagenen Spielern kaum ernsthafte Gefahr. Woran das liegt ist ein Rätsel, an dem sich auch Trainer Dick Advocaat die Zähne ausbeißt.

Der Ball will nicht ins Tor – vorne wie hinten

Trotz Offensivfußball tut Russland sich schwer mit dem Toreschießen, kassiert jedoch auch nicht viele Gegentore. Die Ergebnisse entsprechen häufig eher denen einer reinen Kontermannschaft, doch das sind die Russen nicht. Seit dem Coup vor vier Jahren, als man bei der Europameisterschaft die Niederlande – bis dahin bestes Team des Turniers – ausschaltete und überraschend bis ins Halbfinale kam, haben sich die Gegner auf Russland eingestellt. Der Überraschungseffekt war jedoch ein wichtiger Bestandteil der russischen Erfolgstaktik. Bei der Qualifikation zur WM in Südafrika scheiterte man trotz ansehnlicher Leistung in der Gruppe an Deutschland und schließlich auch im Play-Off an Slowenien. Trotz Platz 1 vor Irland in der Gruppe und der direkten Qualifikation für die Europameisterschaft umweht das Team weiterhin ein Hauch von Phlegma. Daran ändert auch das beachtliche 3:0 gegen Italien am Wochenende nichts.

In gewisser Weise ist Russland in den letzten Jahren ein Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Neben den gewachsenen Ansprüchen haben auch die Wechsel einiger namhafter Spieler ins Ausland die Ausgangslage verändert. Viele von ihnen konnten außerhalb Russlands nicht nachhaltig überzeugen: Ob Zhirkov bei Chelsea (21 Mio. € Ablöse), Pavlyuchenko bei Tottenham (17 Mio. €) oder Pogrebnyak in Stuttgart (5 Mio. €) – keiner erfüllte die hohen Erwartungen seines neuen Arbeitgebers. Am härtesten traf es den Star der Russen, Adrey Arshavin, der sich bei Arsenal vom Top-Transfer langsam zum kompletten Pflegefall entwickelte, keinerlei Engagement mehr zeigte und im Winter zurück zu Zenit St. Petersburg verliehen wurde. Dort zeigte er eine deutliche Steigerung, wurde russischer Meister, ist jedoch noch ein gutes Stück von der Form entfernt, die ihn einst zu seinem Status eines europäischen Top-Spielers verhalf.

Schlüsselfrage: Wird Dzagoev rechtzeitig fit?

Hoffnung machen die Leistungen von Roman Shirokov, der mit Zenit in der Champions League für Aufsehen sorgte, und Alan Dzagoev, der mit seinen 21 Jahren schon über fast vier Jahre Erfahrung in der Nationalmannschaft verfügt. Letzterer hat seine Verletzung noch rechtzeitig vor Beginn des Turniers überwunden und ist auf gutem Wege seine Topform wiederzufinden. Die wird es auch brauchen, denn der wendige und beidfüßige Spielmacher von ZSKA Moskau ist inzwischen das Herzstück im Offensivspiel seiner Mannschaft. Ohne seine Torgefährlichkeit wiegen die oben genannten Probleme noch einmal schwerer.

Wenn die Russen ihr System konsequent umsetzen, ihre spielerische Klasse ausspielen und dazu noch ihr Phlegma in der Chancenverwertung überwinden, sind sie der Favorit in ihrer Gruppe. Nur scheint dies derzeit wenig wahrscheinlich. Ich glaube daher nicht an ein souveränes Weiterkommen, könnte mir bei einem ungünstigen Start ins Turnier sogar vorstellen, dass sie Gruppenletzter werden. Keiner der Gegner wird übermäßig offensiv gegen sie vorgehen und die Abwehr entblößen, wie es Italien unlängst im Testspiel machte. So paradox es klingen mag, könnte Russland gerade auch daran scheitern, dass die Gegner zu schwach sind. Favorisierte Teams auskontern können sie frühestens im Viertelfinale. Ich tippe darauf, dass sie bis dahin schon wieder zuhause sind.

Mein Tipp: Russland scheitert an sich selbst und scheidet in der Vorrunde aus.

Russlands Gruppengegner:

Polen
Griechenland
Tschechien