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WM 2010: Nach Ghana und vor England

Ghana – Deutschland 0:1

Zittersieg, sagen viele. Gezittert wurde nur bis zum 1:0, danach war das Spiel gelaufen. Ghana tat wenig, um das Spiel noch zu drehen. Der Rückstand der Serben brachte dann die Gewissheit, dass es reichen würde. Es war nicht die Art Spiel, bei der es um Eleganz und spielerische Finessen geht, sondern um Effizienz. Es gibt nicht viele Spieler, die es sich erlauben können, eine solche Torchance zu vergeben, wie Mesut Özil in der ersten Hälfte. Beim Führungstor zeigte er seine ganze Klasse. Lässt man ihm in Strafraumnähe Raum (und damit Zeit), wird man bestraft. Der Schuss war großartig, einer der besten im Turnier bislang. Er ist Beleg der Entwicklung, die Özil in den letzten zwei Jahren durchgemacht hat.

Zwar ist seine Körpersprache noch immer die eines Schönwetterfußballers, doch man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Wie im Mai auf Schalke war Özil eigentlich lange nicht wirklich präsent im Spiel. Scheinbar entnervt schlägt er dann eiskalt zu, wenn sich die Gelegenheit bietet. Capello wird wissen, dass seine Engländer ihm diese Gelegenheit nicht geben dürfen. Ghana hat mit Annan einen der besten defensiven Mittelfeldspieler des Turniers in seinen Reihen, doch stellte ihn Özil nicht als direkten Gegenspieler auf die Füße, sondern presste auf das defensive Mittelfeld um Bastian Schweinsteiger, den (mittlerweile) stillen Lenker. Während Özil schon jetzt eine Ausnahme in der deutschen WM-Geschichte ist, hat sich Schweinsteiger genau zu dem Typ Spieler entwickelt, der deutsche Teams schon immer ausgezeichnet hat: Der ballsichere Taktgeber vor der Abwehr. Früher in Gestalt des Libero (Beckenbauer, Matthäus, Sammer), später als defensive Mittelfeldspieler (Hamann, Ballack). Diese Tradition führt Schweinsteiger nun fort. Er spielt unauffällig, ruhig, mit Übersicht. Von seiner Position aus gewinnt man keine Spiele, aber man formt das Gesicht einer Mannschaft.

Die Gegner in der Vorrunde schienen sich nicht ganz sicher zu sein, welchen der beiden Regisseure man stoppen muss. Australien und Ghana probierten es mit Pressing auf die defensiven Mittelfeldspieler. Mesut Özil hatte dadurch den Platz zwischen Mittelfeld und Abwehrkette, den er braucht. Australien bestrafte er mit einer Galavorstellung. Gegen Ghana kam er weniger gut ins Spiel, doch letztlich gab auch hier der ihm gebotene Platz den Ausschlag für den Sieg. Serbien versuchte es eine Nummer defensiver, stellte Özil mit Stankovic einen direkten Bewacher auf die Füße und verlagerte die Verantwortung so auf die Außenpositionen der deutschen Mannschaft. Dies scheint mir momentan die effektivere Taktik gegen Deutschland zu sein. England spielt jedoch bevorzugt im 4-4-2 mit Barry und Lampard in der Zentrale. Bei dieser Ausrichtung wird Barry Schwerstarbeit verrichten müssen, um Özil im Griff zu behalten.

Das deutsche Flügelspiel bleibt mir ein Rätsel. Alles was im ersten Spiel so gut geklappt hat, ist Schritt für Schritt zur Problemzone geworden. Während Müller, der seine Stärken eher in der Mitte hat, an der rechten Außenlinie klebt, zieht Podolski bei jeder Gelegenheit in die Mitte. Hier frage ich mich, ob das Anweisung ist oder taktische Naivität. Im ersten Fall verstehe ich nicht, warum Podolski nicht auf der rechten Seite spielt, von wo aus er seinen guten Linksschuss besser einsetzen kann (zumal mit Lahm ein Außenverteidiger auf der Seite spielt, der ständig hinterläuft und so die Außenposition besetzt). Ist letzteres der Fall, hätte Löw Podolski längst aus der Mannschaft nehmen müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Löw die offensiven Außen im Spiel gegen England neu besetzt, daher wird es nun verstärkt darauf ankommen, dass es auf Podolskis Position nicht zu großen Lücken kommt (um Müller mache ich mir keine Sorgen), erst recht wenn Schweinsteiger ausfallen sollte, der dort bislang viele Löcher gestopft hat.

Eine weiteres Problem ist in der deutschen Hintermannschaft zu finden und es gefällt mir überhaupt nicht. Per Mertesacker war gegen Ghana der Schwachpunkt. Dass er auf dem Boden gegen kleine, quirlige Stürmer Probleme hat ist nichts Neues, aber die Wackler im Stellungsspiel und auch in der Luft ist man so nicht von ihm gewohnt. Bislang konnte das Team im Verbund die individuellen Fehler noch ganz gut kompensieren, vor allem dank Arne Friedrich. Gegen stärkere Gegner, die vor dem Tor kaltblütiger agieren als die Ghanaer, könnte das schwer werden. Fragt sich bloß, ob England in der momentanen Verfassung ein solcher Gegner ist.