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Europa League Finale: Sehnsucht nach Diego?

Vor drei Jahren wurde Diego sein UEFA-Cup Finale verweigert. Eine umstrittene gelbe Karte brachte ihn um die Teilnahme am Spiel gegen Schachtar Donezk. Der Ausgang ist bekannt. Am Mittwoch nun bekam der kleine Brasilianer seine Chance im “kleinen” europäischen Endspiel und gewann mit Atletico Madrid die Europa League.

In Deutschland unter Wert verkauft

Das Finale des angeblich so unbedeutenden Wettbewerbs hatte trotz des deutlichen Ergebnisses einiges an Dramatik und Klasse zu bieten. Schon die Ausgangsposition sprach für eine überaus interessante Partie: Auf der einen Seite Trainerlegende Marcelo Bielsa, der Athletic Bibao innerhalb kürzester Zeit intensives Pressing und Kurzpassspiel beigebracht hat. Als Lohn durfte man lange in der erweiterten Spitze der Liga mitmischen und erreichte neben dem Europa League Finale auch das des Copa del Rey. Auf der anderen Seite Bielsas Schüler und ehemaliger Mannschaftskapitän Diego Simeone, der das bis dahin enttäuschende Starensemble von Atletico Madrid seit dem Winter in die richtige Spur geführt hat. Die Liste der Gegensätze ist lang: Hauptstädter gegen baskische Separatisten, zusammengekaufte Stars gegen Eigengewächse, individuelle Klasse gegen Kollektiv.

Über so viele potenzielle Aufhänger sollte sich jeder Sportjournalist freuen. Daher erstaunt es, wie wenig die deutschen Sportberichterstatter mit diesem Spiel anzufangen wussten. Ohne deutsche Beteiligung ist die Europa League nichts wert, egal, wie sportlich gehaltvoll ein Spiel ist. Besonders Sky fiel hier negativ auf. Mit 15 Minuten uninspirierterVorberichterstattung und einem Einspieler, der eher Klischees pflegte, statt den interessierten Zuschauer zu informieren. Athletic und Atletico – so der Aufhänger des Berichts – seien quasi kaum auseinander zu halten, da sie beide aus Spanien kommen und rot-weiße Trikots tragen. Wir kennen das Problem ja aus Deutschland, wo Bayern München und Fortuna Düsseldorf seit je her verwechselt werden… Eine wirklich enttäuschende Leistung von Sky. Gerade angesichts der guten Vor- und Nachberichterstattung, die der Sender in den letzten Monaten bei als wichtig erachteten Spielen abgeliefert hat. Die Kommentierung von Marco Hagemann war jedoch gut, wie auch Mirko Slomka und Holger Pfandt bei Kabel 1 ein wirklich gutes Gespann abgaben.

Schüler Simeone coacht Lehrmeister Bielsa aus

Das Spiel hielt nicht alle Versprechungen, war aber insgesamt auf hohem Niveau und bot deutlich mehr Unterhaltung als das enttäuschende Finale des Vorjahres. Bilbao hatte große Probleme das eigene Spiel aufzuziehen. Vor allem in der Anfangsphase zeigte man sich überrascht vom hohen Anfangsdruck und aggressiven Forechecking des Gegners. Zwar hatte man nach dem frühen Gegentor mehr vom Spiel, doch bis zur Halbzeit blieb Atletico das gefährlichere Team. Falcao war mit seiner Torgefahr und seiner exzellenten Ballbehauptung nie in den Griff zu bekommen und schoss Atletico konsequenter Weise bis zur Halbzeit mit 2:0 in Front.

Marcelo Bielsa wirkte ratlos, denn er war von Diego Simeone ausgecoacht worden, was ihm nicht oft passiert. Atletico fand die richtige Mischung aus Pressing gegen Bilbaos Spielaufbau und dem Verschließen des Zentrums durch kompaktes, tiefes Verteidigen. Durch die weit aufrückenden Außenverteidiger hatte Bilbao zwar nominell genug Breite im Spiel, doch schaffte man kaum Überzahlsituationen am Flügel, da die Außenstürmer sehr eng agierten. Im zentralen Mittelfeld schaffte es Atletico dazu hervorrangend, den tiefen Spielmacher Iturraspe aus dem Spiel zu nehmen. Er wurde nach Ballgewinn seiner Mannschaft sofort attackiert, so dass er kaum Zeit am Ball bekam. Zur Halbzeit wechselte Bielsa ihn aus.

Nicht nur die individuelle Klasse siegt

Auch die Umstellung zur Pause brachte nicht den gewünschten Effekt. Zwar erhöhte Athletic Bilbao den Druck und erspielte sich die eine oder andere Chance, doch insgesamt wirkte die Mannschaft nicht so frisch und energetisch wie gewohnt. Vielleicht war auch “Finalangst” ein Faktor. Bielsa holte schon nach gut einer Stunde die Brechstange heraus und brachte mit Toquero einen zweiten Mittelstürmer. Gefährlichster Mann auf dem Platz blieb allerdings Falcao, der alleine immer wieder 2-3 Spieler binden konnte und kurz vor Schluss das 3:0 knapp verpasste. Für die endgültige Entscheidung sorgte am Ende dann Diego mit einer tollen Einzelaktion. Diesen Aspekt seines Spiels kannte man bereits aus der Bundesliga. Interessant war aber vor allem, wie gut Diego gegen den Ball gearbeitet hat. Beim Pressing gegen Iturraspe war er der Schlüsselspieler.

Am Ende triumphierte das Team mit den besseren Einzelspielern. Falcao und Diego machten den Unterschied aus. Vor allem der Kolumbianer Falcao steht mit “seinem” verteidigten Titel im Mittelpunkt der Berichterstattung. Zum zweiten Mal hintereinander holte er Pokal und Torjägerkanone in der Europa League. Doch mit einer starken Teamleistung und einer bestens auf den Gegner eingestimmten Taktik schaffte Atletico in diesem Finale erst die Grundlage dafür. Das ist vor allem ein Verdienst des Trainers Simeone, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit beachtliches geleistet hat.

Diego mit dem Pokal zu sehen weckt Erinnerungen an eine Werder-Vergangenheit, die noch nicht so lange zurück liegt und derzeit doch so fern erscheint. Es weckt auch Sehnsüchte nach seinen Geniestreichen. Was Werder derzeit vor allem fehlt, ist jedoch weniger die individuelle Klasse eines Diegos, als ein funktionierendes Konzept, das aus einem jungen Team eine starke Mannschaft formt. Wie man das mit bescheidenen finanziellen Mitteln schaffen kann, durfte man in dieser Saison bei Athletic Bilbao anschauen.

Europa League, 2. Spieltag: Kein Fußball den Faschisten

Werder Bremen – Athletic Bilbao 3:1

Ein minutenlanges Pfeifkonzert hallte durch die Ostkurve des Weserstadions. Dabei war Werder wenige Minuten zuvor nach einem wunderschönen Tor von Aaron Hunt in Führung gegangen. Was war passiert? Die Ordner im Oberrang der Ostkurve entfernten ein Banner mit der Aufschrift “Kein Fußball den Faschisten”, weil es eine Werbebande verdeckte. Die Fans im Unterrang drehten daraufhin dem Spielfeld ihren Rücken zu und pfiffen und buhten die Ordner aus. Mehr als nur eine Randnotiz in einem unterhaltsamen und qualitativ teils hochwertigen Spiel.

Langsam bekommt man eine genauere Vorstellung davon, wie Schaaf sich Werders Spiel diese Saison vorstellt und fühlt sich gleichzeitig zwei Jahrzehnte zurückversetzt, in eine Zeit in der Otto Rehagel in Bremen den Begriff “kontrollierte Offensive” prägte. Während in der Liga die Offensive noch häufig unter den Sicherheitsbestrebungen leidet, verstand es Werder gestern blendend, blitzschnell auf Angriff umzuschalten. Die Genauigkeit im Passspiel zwischen Özil, Hunt, Marin und Pizarro nimmt immer mehr zu. So gelang es in der ersten Halbzeit immer wieder, Lücken in den baskischen Abwehrverbund zu reißen. Das 2:0 entsprang einer brillianten Kombination zwischen Marin, Pizarro und Naldo. Insbesondere Pizarros Vorarbeit war große Klasse: Bereits vor der Ballannahme schaut er in die Mitte, zieht dann Richtung Tor, sieht, dass die Schussbahn blockiert ist und legt ohne nochmal zu gucken quer auf Naldo. Diese Übersicht zeichnet einen Klassestürmer aus.

In der zweiten Halbzeit ließ Werder es dann etwas ruhiger angehen und gewährte Athletic viel Raum. Positiv anzumerken ist, dass die Mannschaft trotzdem die Spielkontrolle behielt. Eine Fähigkeit, die Werder lange Zeit überhaupt nicht beherrschte. Atheltic musste lange Zeit auf ernsthafte Torchancen warten. Leider machte sich Werder in Gestalt von Peter Niemeyer selbst einen Strich durch die Rechnung. Innerhalb weniger Minuten sammelte Niemeyer zwei gelbe Karten und durfte vorzeitig duschen gehen. Interessant waren die Umstellungen, die Werder in der Folge vornahm: Zunächst rückte Marin für Niemeyer rechts ins Mittelfeld. Als Rosenberg für ihn eingewechselt wurde, rückte Hunt von der Mitte nach rechts, Pizarro auf die 10er-Position und der Schwede gab den Alleinunterhalter in der Spitze. Überhaupt war es für mich etwas überraschend, dass Özil links spielte und Hunt in der Mitte. Sicher keine schlechte Maßnahme, wenn man Hunts starke Form und Özils Verletzung bedenkt.

Es war eine Mischung aus guter Defensive, Unvermögen der Spanier und Glück, die Werder die Null festhielt. Bis in die 90. Minute, als Llorente den ersten richtig gefährlichen Torabschluss gleich im Tor unterbrachte. Das große Zittern blieb jedoch aus, weil Özil bei einem Konter im Strafraum gelegt wurde und Frings den fälligen Elfmeter (mal wieder) mit sehr viel Glück zum 3:1-Endstand verwandelte. Ein verdienter Sieg, der belegt, dass Werder in dieser Saison kein Feuerwerk abbrennen muss, um ein Spiel souverän zu gewinnen. Ich traue dem Braten jedoch noch nicht ganz, dafür habe ich mit Werders Defensive in den letzten Jahren zu viele traumatische Erfahrungen gemacht.

Die Stimmung im Stadion war – trotz des Zwischenfalls in der Ostkurve – gut. In der VIP-Loge fühle ich mich zwar immer noch etwas deplatziert, doch die Sicht ist hervorragend. Man sieht wesentlich mehr vom Spiel als im Fernsehen. Wenn neben mir nur nicht die beiden Yuppies gesessen hätten, die sich allen Ernstes über den Fanblock lustig machten (“In anderen Stadien steht da eine Wand und bei uns ist es nur so ein kleiner Haufen. Traurig!”), nachdem sie sich in beiden Halbzeiten je 5 Minuten nach Anpfiff auf ihre Plätze bequemt hatten. Kein Fußball den (hier bitte Schmähwort einfügen, das mit “…isten” endet)!

Darf ich vorstellen: Athletic Club Bilbao

Heute steht das erste Heimspiel in der Gruppenphase der Europa League an. Gegner ist Athletic Bilbao, das im ersten Spiel Austria Wien souverän mit 3:0 aus dem Weg räumte und damit die Gruppe L vor Werder anführt (was nach nur einem Spieltag natürlich nichts zu sagen hat). Grund genug, den Gegner ein wenig unter die Lupe zu nehmen.

Der Verein Athletic Club wurde 1898 – ein Jahr vor Werder – gegründet* und kann auf eine überaus erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Hinter den Platzhirschen Real Madrid und FC Barcelona gehört Bilbao zu den erfolgreichsten spanischen Fußballvereinen. Für einen Satz wie diesen würde man in Bilbao jedoch ziemlich schief angeschaut, denn Athletic ist kein spanischer Verein, sondern ein baskischer. Diese Unterscheidung ist im um Autonomie bemühten** Baskenland überaus wichtig. Der Verein verpflichtet seit Jahr und Tag nur einheimische, sprich baskische, Spieler und hat daher durchaus den Charakter einer inoffiziellen Nationalmannschaft.

Trotz der Beschränkung auf ein relativ kleines Einzugsgebiet (ca. 2,7 Mio. Einwohner) hat Bilbao eine beeindruckende Trophäensammlung vorzuweisen: 8 Meistertitel und 23 (nach manchen Quellen auch 24) Pokalsiege hat der Club eingefahren. Der international größte Erfolg war die Finalteilnahme im UEFA-Cup 1977, wo man allerdings knapp an Juventus Turin scheiterte. Diese Erfolge liegen jedoch schon eine Weile zurück. In der jüngeren Vergangenheit musste man andere Vereine an sich vorbei ziehen lassen und mitunter sogar gegen den Abstieg kämpfen. In der letzten Saison lief es in der Liga auch eher durchwachsen, doch – Parallele zu Werder – im Pokal konnte man sich bis ins Finale durchkämpfen. Dort traf man dann auf die Übermannschaft aus Barcelona und hatte beim 1:4 erwartungsgemäß keine Chance. Als Belohnung winkte die Europa League-Teilnahme, die der Verein sicher nutzen will, um auch international mal wieder auf sich aufmerksam zu machen.

Im ersten Gruppenspiel ist dies bereits gelungen. In der heimischen Liga steht Bilbao auf Platz 6. Nach einem furiosen Saisonstart mit drei Siegen (unter anderem gegen Atletico Madrid und Villareal) ist man zuletzt etwas gebremst worden. Am Wochenende setzte es eine deftige 0:4-Heimpleite gegen den FC Sevilla. Auch wenn die Formkurve nach unten zeigt, ist Athletic Bilbao ein sehr ernst zu nehmender Gegner, vielleicht der einzige in der Gruppe, der Werder auf Augenhöhe begegnet. Mit Nationalspieler Llorente und dem erst 16-jährigen Supertalent Muniain verfügt Bilbao über großes Offensivpotential. Die Mannschaft ist nicht dafür bekannt auswärts ein Feuerwerk abzubrennen, aber wenn es nach vorne geht, dann meistens schnell und mit hoher Präzision. Viele Fehler wird sich die – trotz weniger Gegentore nicht als Bollwerk bekannte – Bremer Abwehr nicht erlauben dürfen.

Ich erwarte heute Abend einen zunächst abwartenden Gegner, der versuchen wird, Werders Spiel im Mittelfeld langsam zu machen und dann mit längerer Spieldauer etwas mutiger nach vorne spielen wird. Die technischen Mittel um gegen Werder auch spielerisch mitzuhalten hat die Mannschaft allemal, deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass man 90 Minuten nur auf Konter setzt. Etwas stutzig gemacht hat mich ein Interview mit Per Mertesacker, das ich heute morgen im Radio gehört habe. Er gab unumwunden zu, nicht viele Spieler des Gegners zu kennen und sagte, dass er “gespannt” sei, wie Bilbao denn nun spiele. Ich weiß nicht, wann das Interview aufgezeichnet wurde, aber nach akribischer Vorbereitung klingt das nicht gerade. Hoffentlich erleben Per und wir heute Abend nicht unser rot-weißes Wunder…

* zunächst unter dem Namen Bilbao Football Club

** Das Baskenland ist eine autonome Provinz, die sich über Teile Spaniens und Frankreichs erstreckt. In den Medien taucht sie meist in Zusammenhang mit der ETA (Euskadi Ta Askatasuna) und deren Terroranschlägen auf.